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Fussball ist immer 2:1

Mämä Sykora am Donnerstag den 5. Juli 2012
Nicht nur hat Italien gerade 2:1 gegen Deutschland gewonnen, vermutlich haben diese Fans auch noch das richtige Resultat getippt: Italien-Anhängerinnen feiern in Zürich das Weiterkommen der Squadra Azzurra, 28. Juni 2012. (Foto: Walter Bieri/Keystone)

Nicht nur hat Italien gerade 2:1 gegen Deutschland gewonnen, vermutlich haben diese Fans auch noch das richtige Resultat getippt: Italien-Anhängerinnen feiern in Zürich das Weiterkommen der Squadra Azzurra, 28. Juni 2012. (Foto: Walter Bieri/Keystone)

Es war an jedem Spieltag der EM 2012 dasselbe: Jeweils vor Spielbeginn machte ich mich mit einem Kübel und einigen Blatt Papier auf den Weg durch die Reihen der Besucher unserer EM-Bar, damit diese ihren Tipp für die anstehende Partie abgeben konnten. 5 Franken pro Tipp, den Pott teilten sich jeweils diejenigen, die das richtige Resultat vorausgesagt haben. Mit der Zeit entwickelte ich ein Gespür dafür, wer sich eher zu einer Wette hinreissen lässt. Während bei erklärten Fussball-Sachverständigen kaum etwas zu holen war – wohl weil sie einfach in Ruhe den Match verfolgen wollten und vielleicht auch nicht ihren Ruf als Kenner mit einer komplett falschen Prophezeiung aufs Spiel setzten wollten –, schmissen viele Gelegenheits-Fussballgucker – mit einem sehr hohen Frauenanteil – ohne zu zögern und mit Begeisterung ihren 5-Liiber in den Kübel.

Gerade bei der zweiten Gruppe war eine erstaunliche Konzentration auf ein Ergebnis festzustellen, ungeachtet der Spielpaarung und der Voraussetzungen. Die Blätter mit den Tipps waren geradezu übersät mit dem Resultat 2:1. Die genaue Auswertung habe ich mir erspart, aber schätzungsweise machte es gegen 70 Prozent der abgegebenen Tipps aus. 2:1 ist ganz einfach das typische Fussballresultat. Die einen sind sehr gut aber die anderen sind sicher auch nicht so schlecht, ein Tor kriegen die schon hin: 2:1, ganz klar. Bei der Tippabgabe werden anscheinend logische und statistische Grundsätze gerne über Bord geworfen. Denn schliesslich ist man mit einem 2:1 auch meistens noch lange im Rennen, während man beim viel häufiger auftretenden 1:0 – das am meisten verbreitete Resultat in Länderspielen – schon ausgeschieden ist, wenn beide Mannschaften geskort haben.

5 der 31 Partien der EM 2012 endeten 2:1, 4 waren es 2008. Dem gegenüber stehen an diesen beiden Endrunden 13 1:0 und 11 2:0. Dessen bewusst schreiben Tipper mit dem entsprechenden Vorwissen ihr Resultat hin. Und sie erklären es nicht selten auch gleich noch: Mannschaft A dominiert, schiesst ein Tor, drückt dann aber nicht energisch auf das zweite, und so endet die Partie entweder 1:0 oder – falls Mannschaft B gegen Schluss alles nach vorne wirft und in einen Konter läuft – eben 2:0. Statistisch vernünftig und auch sonst durchaus nachzuvollziehen.

Doch Fussball folgt keinen Prophezeiungen. Und so trifft dann halt Özil im Halbfinale gegen Italien in der Nachspielzeit per Elfmeter noch zum 2:1, Van Persie schiesst doch noch irgendwie sein obligates Tor und das Spiel endet so, wie es die «Banausen» getippt haben, die dies nach Empfang des Gewinns genüsslich den «Experten» unter die Nase reiben. Mit dem Effekt, dass sich letztere bei der nächsten Anfrage zum Mitmachen bei der 5-Liiber-Wette angeekelt abwenden. Dies wiederum sorgt dafür, dass der Anteil an getippten 2:1 geradezu absurde Ausmasse annimmt. Für die «Bank» ist dies erfreulich, denn damit sinkt die Chance, dass das richtige Resultat getippt wird. Und wenn dann doch einmal dieses unsägliche 2:1 gespielt wird, müssen sich die Gewinner den Jackpot mit einer ganzen Armee von Mittippern teilen. Geschieht ihnen ganz recht. 2:1 – das tippt man einfach nicht.

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19 Kommentare zu “Fussball ist immer 2:1”

  1. Hans Füglistaller sagt:

    Genialer Beitrag, Mämä. Ist mir auch schon aufgefallen. Die meistgehörte Begrèndung: “Ja, weisst du, dann bin ich immer noch im Rennen, wenn beide Mannschaften ein Tor schiessen. Bei einem zu-Null-Tipp ist dies nicht der Fall.” Aha…. Banausen halt 🙂

    • Dustin Peters sagt:

      Allerdings sind es gerade oft die Banausen, die in so Tippspielen absahnen. Drum sehe ich dort nie Land…;-)

  2. Auguste sagt:

    hmm…, das “2:1” ist das perfekte resultat. aus sicht der sieger sagt es: der gegner war fast ebenbürtig, aber wir haben ihn dennoch bezwungen. jeder kann ein tor schiessen, aber zwei sind gleich eine ganz andere kiste. aus verlierers warte sagt es: die hatten einfach etwas mehr glück am heutigen tag. die niederlage ist vielleicht etwas unglücklich. wir waren nahe dran, und wer weiss…

    mit einem “2:1” können alle irgendwie leben, ausser die, die was anderes auf dem zettel hatten.

  3. Eigentor sagt:

    Bei meinem Internet-Tippspiel (boleando) habe ich auch häufig 2:1 getippt, aber aus anderen Gründen: Erstens hat man da auch für den richtigen Sieger und die richtige Tordifferenz (und nicht nur fürs richtige Resultat) Punkte gekriegt, und zweitens wurden auch richtig getippte Torschützen gewertet (auch bei sonst falschem Tipp). Beim 2:1 für die falsche Mannschaft hat man vielleicht zumindest noch den richtigen Torschützen getippt, wenn die andere Mannschaft 1:0 gewinnt…

  4. Luca Zuppinger sagt:

    Offenbar sollte auch ich als Kommentator ein bisschen länger recherchieren:

    Längerer Zeitraum, mehr Spiele: Bundesliga seit 1963 (Mir ist klar, dass sich der Fussball gewandelt hat und somit auch meine Zahlen nicht als Gegenbeweis verwendet werden können):
    1. Platz: Resultat 2:1 (1978 mal)
    2. Platz: Resultat 1:0 (1863 mal)
    3. Platz: Resultat 1:1 (1739 mal)
    4. Platz: Resultat 2:0 (1694 mal)

  5. Odermatt sagt:

    Tippen ist sowieso Einstiegshooliganismus. Es baut auf die Sehnsucht selbst auch noch irgendwie mitzumachen, genauso wie das Gezeusle in der Südkurve. Dabei sollte man sich einfach hinsetzen und zuschauen, so wie man es in der zweiten Primar gelernt hat wenn die Grossen spielten. Wenn man dann nicht am gummitwisten war.

    • Thomas Luchs sagt:

      Sehr richtig! Ich habe mich heuer komplett von allen Tippspielen ferngehalten, um der Abgrenzung zur erlebnisorientierten Trittbrett-Szene Nachdruck zu verleihen. Die gewonnene Freizeit habe ich genutzt, um beim Gummitwist ein paar Stufen weiter zu kommen.

    • Bartoli sagt:

      Sauguter Beiitrag. Wo schreibst du sonst noch, Odermatt? Ich möchte mehr von dir lesen!

  6. Wesley37 sagt:

    Du sagst es, Fussball und übrigens alles andere auch folgt keinen Prophezeiungen. Tipps und auch Einschätzungen von sogenannten oder selbsternannten Experten (im TV oder unter Kolleginnen/Kollegen) erweisen sich mit einer Wahrscheinlichkeit von gegen 100% als immer falsch. Lustig sind dann jeweils die Erklärungen nach dem Spiel, warum es denn genau so gelaufen ist und nicht anders. Auch da werden Annahmen und Hypothesen aufgestellt, die meistens wenn nicht gar immer jeglicher Grundlage entbehren. Da fallen mir Begriffe ein wie ‘Tagesform’, ‘Spielsystem z.b. 4-4-2, ‘Tikki-Takka’, ‘Standard-Situationen/stehende Bälle’, ‘Einzelaktion’, ‘Momentum’. Verwende diese Begriffe obwohl du wieder kreuzfalsch getippt hast und die bist ein ernstzunehmender Tipper beim nächsten Spiel.

    • Franz sagt:

      Der unsäglichste Begriff, der in den letzten Jahren von unseren deutschen Freunden geprägt wurde: “Standards”. Gebetsmühlenartig repetiert von Trainern (auch von unserem eingewanderten Übungsleiter), bereitwillig aufgenommen von Experten und Medienschaffenden. Zum Glück bei dieser Euro komischerweise bereits kein Thema mehr. Man ist endlich draufgekommen, dass es mit der Bedeutung dieser “St…” eben doch nicht so weit her ist … Naja, es blieb nicht der einzige Irrtum. 🙂

  7. Dominik Leuenberger sagt:

    He he Mämä!

    Das war mein einziger 2:1 Tipp! Halt im richtigen Spiel 😉

    Aber ja, der Gewinn hätte höher liegen können…. somit stimmt deine Aussage.

    Aber wahrscheinlich hat die Bank im Final profitiert oder?

  8. Hyks sagt:

    A Ha aber ein 4:0 hat keiner getipt war das nicht ein Final Spiel

  9. Hansueli Lötscher sagt:

    Man merkt, dass der Verfasser dieses Artikels selber wenig Ahnung hat. Die letzten vier EMs hat es am meisten 2:1 resp. 1:2 gegeben. Beim Tippspiel in meinem Geschäft habe ich so zum zweiten Mal den Pott geholt (gesamthaft CHF 1’500)… Blödsinn also… 🙂

  10. Reinhardinho sagt:

    Ist schon klar, dass 2:1 ein langweiliger Resultat-Tipp ist. Aber in unserem internen EM-Toto bin ich mit minimalem Aufwand von etwa 5 Minuten immerhin in die Top 5 bei etwa 50 Tippern gekommen. Alle Spiele vor Beginn der EM 2:1 oder 1:2 getippt, bis in den Final, ohne die Spielpaarungen ab dem Achtelfinale zu kennen… Wäre interessant zu wissen, wo ein 1:0 / 0:1-Tipper gelandet wäre…

  11. DAM sagt:

    In Zukunft wird ja nun die Technik über die Anzahl Tore mitentscheiden. Ein trauriger Tag für den Fussball.

  12. zlatan91 sagt:

    Dass sind aber Meisterschaftspiele, wo der vom Mämä im 3. Paragraph erlklärte “alles oder nichts Effekt” meistens nicht vorkommt. In den Meisterschaften ist glaub ich noch Heute das 2:1 (1:2) sehr häufig.