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Die schreckliche Beliebtheit der Deutschen

Alexander Kühn am Donnerstag den 21. Juni 2012
So sieht es bei Spielen der Deutschen heute auch hierzulande aus: Begeisterung mit Plastikblumen und Hasenohren – ein Graus für jeden Trotz-Traditionalisten.

Ein Graus für jeden Trotz-Traditionalisten: So sieht es bei Spielen der Deutschen heute auch hierzulande aus. (Bild: Keystone)

Früher hat Public Viewing bei Deutschland-Spielen noch Spass gemacht. Ich stand im Trikot mit dem Adler in der nörgelnden Menge und sprang bei jedem Treffer besonders eifrig auf, weil ich wusste, dass sich all die Missgünstigen, die lieber Bundesliga als hiesige Fussball-Kost konsumieren, aber gegen den deutschen Fussball schimpfen, dann noch mehr aufregen würden. Je rumpliger das Tor war, je später es fiel, desto besser. Es war meine ganz persönliche kleine Revolte gegen den Meinungs-Mainstream, gegen die dumpfe Aversion, gegen die bei jedem grossen Turnier zuverlässig wiederkehrende Deutschland-Allergie. Siege der deutschen Nationalmannschaft, allen voran die unverdienten, waren damals ein Geschenk des Himmels für mich. Besonders schön war es, als Oliver Bierhoff im EM-Final von 1996 den Ball mit einem erbärmlichen Schüsschen zum ersten Golden Goal der Turniergeschichte im tschechischen Tor versorgte. All diese betretenen Gesichter, all diese jäh in den falschen Hals geratene Schadenfreude. Herrlich!

Heute bleibe ich bei Deutschland-Spielen lieber daheim, lege mich aufs Sofa und sehe mir die inzwischen fast schon besorgniserregend gepflegten Angriffe meiner Lieblings-Nationalmannschaft mit einem Glas Himbeersirup in aller Ruhe an. Zum Public Viewing will ich längst nicht mehr. Dort ist alles voll mit Deutschen, die patriotisch aus der Wäsche schauen – Sonnenbrand am Kopf und Plastikblumenkränze in Schwarz-Rot-Gold um den Hals inklusive. Die Exklusivität meiner fussballerischen Vorliebe ist durch die Zuwanderung der letzten Jahre dahin. Ich bin nun das, was ich früher nie sein wollte – ein Teil des Meinungs-Mainstream.

Kaum eine Bar, in der nicht Schwarz-Rot-Gold Trumpf ist, kaum eine Spelunke, in der man noch schief angeschaut wird, wenn man sich über einen Offsidetreffer aus deutscher Produktion freut. Statt giftige Blicke hat man heute in Zürich bei deutschen Erfolgen viel Schlimmeres zu befürchten: Bierseligkeit, im Freudentaumel ausgeschüttete Red-Bull-Brause (lauwarm) und womöglich sogar DJ Ötzis Gebrüll aus dem Riesenlautsprecher. Der ist zwar Österreicher, aber inzwischen sicher auch Fan der deutschen Nationalmannschaft.

Die aufrechten Deutschland-Hasser – wie ein Freund, der mir immer wieder mit Schumachers Foul von 1982 an Battiston kommt – sind mir inzwischen viel lieber als jene, die aus dem anderen Lager übergelaufen sind und des gepflegten Passspiels wegen den Deutschen applaudieren und sie sympathisch finden, weil anstelle von Matthäus oder Kahn nun Boateng und Neuer auf dem Rasen stehen. Lasst euch eines gesagt sein, ihr Modefans: Ihr gehört nicht dazu, diese Mannschaft gehört euch nicht! Ihr habt euch gefälligst zu ärgern, wenn Deutschland gewinnt. Ihr dürft mir beim Public Viewing gegen das Schienbein treten, aber mich umarmen, das dürft ihr nicht. Ob ihr mir mehr auf die Nerven geht oder das Partyvolk made in Germany mit den Plastikblumen und den Red-Bull-Dosen, das kann ich beim besten Willen nicht sagen.

Darum eine Bitte, lieber Joachim Löw: Selektionieren Sie doch wieder Spieler, die keiner leiden kann. Wenn nötig, reaktivieren Sie Lothar Matthäus, dann lässt er wenigstens die Welt der nicht einmal halb so alten Damen in Ruhe. Und sagen Sie doch mal etwas gegen das Schweizer Bankgeheimnis oder gegen Anflüge auf Zürich-Kloten, die über deutsches Gebiet führen. Man findet Sie hier für einen deutschen Bundestrainer schlicht und einfach zu sympathisch.

Alexander Kühn (33) ist Steilpass-Blogger, Sportredaktor bei Newsnet und leidgeprüfter Fan des deutschen Zweitligisten Dynamo Dresden. Mangels fussballerischen Talents beschränkt er sich auf kritische Einwürfe von Tribüne und Schreibtisch aus.

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