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Was Zuschauer dem Fussball nehmen

Mämä Sykora am Donnerstag den 22. März 2012
Unsichtbare Qualitätsarbeit: Der FC Zürich bedankt sich nach einem Geisterspiel gegen Luzern im gespenstisch leeren Letzigrund. (Bild: Keystone, 23. Juli 2008)

Unsichtbare Qualitätsarbeit: Der FC Zürich bedankt sich nach einem Geisterspiel gegen Luzern im gespenstisch leeren Letzigrund. (Bild: Keystone, 23. Juli 2008)

Fussball ohne Zuschauer wäre besser. Nein, nicht wegen der damit wegfallenden Ausschreitungen, die es dann und wann leider gibt. Auch nicht wegen der unqualifizierten Zwischenrufe oder der Rauchschwaden. Sondern einzig und allein der Qualität der Partie wegen. Dahinter steckt das Phänomen «Social Facilitation» (Soziale Erleichterung), dass der Psychologe Robert Zajonc schon in den 1960er Jahren entdeckt hatte.

Vielleicht mangels Interesse am Fussball, vielleicht aber auch nur, weil sich keine Mannschaften zur Verfügung stellten, führte er seine Experimente mit Kakerlaken durch. Für die lichtscheuen Schädlinge baute er ein durchsichtiges Mini-Stadion mit einer Kantenlänge von 50 Zentimetern, mit einer Startbox am einen und einem verdunkelten Zielraum am anderen Ende. Auf beiden Seiten dieser Strecke installierte er Plastikboxen als Zuschauerränge für die Schaben.

Wie Sprint und Fussball: Versuchsanordnung mit einfachem (o.) und komplexem Labyrinth, mit Zuschauern. (Quelle: ageofmarketing.com)

Wie Sprint und Fussball: Versuchsanordnung mit einfachem (o.) und komplexem Labyrinth, mit Zuschauern. (Quelle: ageofmarketing.com)

Nun platzierte er die Rennschabe in der Startbox, schaltete einen Strahler ein und liess das Tier ins schützende Dunkel sprinten. Er verglich die Laufzeiten mit und ohne Kakerlaken-Publikum in den Boxen und kam zum Ergebnis, dass vor Zuschauern beträchtlich schneller gerannt wurde. Die blosse Anwesenheit von Artgenossen spornte die Insekten zu Höchstleistungen an. Auch wir Menschen laufen sicherlich schneller mit Publikum als ohne.

Zajonc war dies nicht genug. Er baute in seine Arena eine kleine Schikane ein, ein sehr einfaches Labyrinth mit einer Verzweigung. Und tatsächlich brauchten nun die Kakerlaken länger, wenn ihre Kollegen zuschauten. Nach dieser Erkenntnis experimentierte Zajonc mit einer Vielzahl anderer Tiere, später auch mit Menschen, und er kam zum Schluss, dass die Anwesenheit von Artgenossen zu einer Beschleunigung bei der Verrichtung simpler Aufgaben, allerdings zu einer Verlangsamung bei komplexeren Aufgaben führt.

Dies hätte man sicher auch ohne die für jahrelange Kakerlakenrennen eingesetzten Forschungsgelder vermuten können, doch immerhin ist dadurch wissenschaftlich erwiesen wurden, was Fussballtrainer seit Ewigkeiten versichern: «Im Training können sie es immer, nur leider klappt die Umsetzung im Spiel nicht.» Weil das Fussballspiel eben deutlich komplexer ist als ein Rennen geradeaus, sehen wir in vollen Stadien zwar schnell sprintende Akteure, aber sobald dieser vermaledeite Ball ins Spiel kommt, sorgt die «Social Facilitation» dafür, dass der Pass ungenau kommt/der Schuss auf der Tribüne landet/das Dribbling misslingt. Und Schuld daran trägt das Publikum.

Wir wissen nun, dass der Fussball im Stadion zwar langsamer, dafür viel besser wäre, wenn wir nicht immer zuschauen würden. Das hilft uns zwar nicht gross weiter, weil wir die gesteigerte Qualität nie mitbekommen würden. Immerhin bleibt die Genugtuung, zu wissen, dass die Spieler es eigentlich schon besser könnten. So wie es aussieht, versuchen zumindest die Grasshoppers aus diesem Wissen Kapital zu schlagen. Mit einer immer kleiner werdenden Zuschauerzahl wollen sie die Negativeffekte der «Social Facilitation» ausmerzen. Herr Zajonc wäre sehr gespannt drauf, ob es funktioniert.

PS: Mehr solche skurrilen Experimente finden sich im Buch «Elefanten auf LSD» von Alex Boese, erschienen 2007.

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25 Kommentare zu “Was Zuschauer dem Fussball nehmen”

  1. off.side sagt:

    der geisteichste blog seit langer, langer zeit. «you made my day!» mämä ist könig!

  2. Marc Deposé sagt:

    Kakerlaken und Heugümper – the beautiful Geisterspiel.

  3. Bernd S. sagt:

    dann wäre messi demzufolge nicht “erst” bei 234 toren für barca angelangt, sondern müsste etwa bei 768 sein. oder gibt es dafür sogar einen torkakerlakenkoeffizient?… 😉

  4. Wishaw Thomas sagt:

    Hat es tatsächlich immer weniger Zuschauer bei den Grasshoppers?
    Schön zu sehen, dass die Schädlingsbekämpfung wirkt! 😉

  5. Fritz sagt:

    Das war mal ein echt witziger Blog – Danke Mämä. Wäre ich gleichzeitig Wissenschaftler und Fussballer wäre dies ein wunderbarer Start in meinen Tag – Danke!

    Wer weiss vielleicht wiederholt ja Robert Zajonc sein Experiment, zwecks Reproduzierbarkeit, derzeit in der ASL mit Gomphocerinae anstatt Blatta orientalis… ich kriege mich immer noch nicht ein vor Lachen 😀

  6. shaqatack sagt:

    Lustiger Ansatz und irgendwie ziemlich logisch. Interessant zu wissen wäre nun, ob auch das blose Wissen, dass Leute zuschauen (TV-Übertragung) zu einer Verschlechterung der komplexen Leistung führt…
    Mäme zieht auf jeden Fall die richtigen Schlussfolgerungen mit dem Seitenhieb auf GC. Haha. Habe mich köstlich amüsiert ob des Artikels.

  7. Hans-Ueli Jucker sagt:

    Zweifel sind angebracht, denn die meisten Zuschauer gucken den Match nicht, sondern essen Wurst, trinken Bier, plaudern mit dem Sitz- oder Stehnachbar, feiern sich selber in der Kurve, sind grad auf Toilette, beten zu Gott, dass ein Tor komme, regen sich über den Schiri auf, sehen das Spiel wegen Stützpfeilern nicht, holen Bier, essen noch eine Wurst, beobachten die Securitas, inspzieren die sich warmlaufenden Ersatzspieler, ziehen das Visier hoch, zünden Pyro oder schwingen Fahnen, singen, fluchen, schreien, alles Dinge, die mit Fussball zu tun haben, den Besuch im Stadion versüssen, aber vom Spiel ablenken…..

    • Wishaw Thomas sagt:

      Herr Jucker, was ist los? Haben sie einmal gelesen, was sie geschrieben haben?
      Freundlicher Gruss

    • Wishaw Thomas sagt:

      Zweifel sind angebracht, denn die meisten Forumsteilnehmer lesen den Bericht nicht, sondern essen Wurst, trinken Wasser, plaudern mit dem Arbeitskollegen, feiern sich selber am Arbeitsplatz, sind grad auf Toilette, beten zu Gott, dass der Chef nicht kommt, regen sich über den Chef auf, sehen den Computer wegen Papierstapeln nicht, holen Wasser, essen noch eine Wurst, beobachten die Sekretärin, inspzieren die Neuen im Betrieb, ziehen das Visier hoch (was auch immer das soll), zünden Zigaretten an oder schwingen mit den Handy, singen, fluchen, schreien, alles Dinge, die nichts mit dem Forum zu tun haben, dieses aber versüsst, obwohl es vom Blog ablenkt….
      Gruss

    • Ian sagt:

      haha, köstlich! ich könnte einen wochendlichen besuch im stadion nicht besser beschreiben. dazu kommt das der alcohol die wahrnehmung zusätzlich venebelt 🙂

  8. manu sagt:

    Einfach nur grandios! Danke, Mämä 😀

  9. Auguste sagt:

    hmm…, schade hat zajonc das experiment nicht weitergeführt, und das schaben-stadion abgebrochen und auf der andern seite der märklin-anlage ein neues stadion mit prekären klimatischen verhältnissen für die schaben-rennen angeboten. das wäre auch eine interessante simulation für insekten-affine club-verantwortliche gewesen.

  10. Auguste sagt:

    hmm…, hätten die zuschauer-schaben wohl auch darauf bestanden, dass die sitze in der kurve weg müssen?

  11. kurt abächerli sagt:

    ich warte nur noch, bis einer das wort zecken in den mund nimmt. sind bei “euren” kollegen in deutschen stadien recht beliebt…

  12. Philipp Rittermann sagt:

    stellt euch mal vor – es gibt strip-tease und niemand schaut hin. dann gibt’s keine nötli in den slip, die damen sind frustriert, der nachtklubbesitzer hat keine zuschauer mehr und geht pleite. nein, das wär’ doch wirklich schade; auch im fussball – trotz all den haaren in der suppe.

  13. Gerhard Tubandt sagt:

    Na, jetzt wissen wir doch, wie GC wieder ein Spitzenklub wird. Nur noch Geisterspiele! 🙂

  14. josé bütler sagt:

    so, fertig mit kakkerlakken und anderem getier, jetzt gehts wieder ums thema fussball, einen vogel nämlich ;o)

  15. josé bütler sagt:

    hmmm … eben abgeschickt und nochmals korrektur gelesen und schluck … es müsste doch einem vogel heissen oder doch nicht? akkusativ oder dativ? sforza, vogel oder doch sutter? gc kann einen/einem in der aktuellen verfassung “grad ordeli durenand bringe”, hehe. gruss und ein schönes weekend, hopp lozärn!