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Hoeness, der Gutmensch und Verbrecher

Fabian Ruch am Mittwoch den 19. März 2014
Vorerst weg vom Fenster: Uli Hoeness akzeptiert die Gefängnisstrafe. (Foto: AFP)

Vorerst weg vom Fenster: Uli Hoeness akzeptiert die Gefängnisstrafe. (Foto: AFP)

Bald wird Uli Hoeness also tatsächlich im Gefängnis sitzen. Offenbar sieht sein Zeitplan so aus, dass er vielleicht bereits ab Weihnachten gelockerte Haftbedingungen haben wird. Der Hoeness-Fall ist eine Jahrzehntgeschichte, welche uns noch lange beschäftigen wird, zumal immer wieder neue Details zum grössenwahnsinnigen Börsenzocken des Deutschen herauskommen. Hoeness hatte völlig den Bezug zur Realität verloren.

Sein Sturz als Macher des FC Bayern München ist tief und spektakulär. Und er passiert – Ironie des Schicksals – ausgerechnet jetzt, wo der Fussballverein gross, stark, mächtig und dominant wie noch nie ist. Sportlich und wirtschaftlich sind die Bayern die Nummer 1. In Deutschland. In Europa. Weltweit.

Die Geschichte von Uli Hoeness elektrisiert die Menschen, und man kann stundenlang darüber debattieren, ob eine Gefängnisstrafe von dreieinhalb Jahren ein gerechtes Urteil ist. Hoeness hat massiv Steuern hinterzogen, man weiss von über 30 Millionen Franken, wahrscheinlich sind es noch mehr. Er hat damit die Gesellschaft hintergangen, ausgerechnet er, der Gutmensch, von dessen Grosszügigkeit und Barmherzigkeit es so viele Beispiele gibt. Ich finde es allerdings nicht korrekt, dass ein Steuersünder ins Gefängnis muss. Sinnvoller wäre es, wenn Hoeness nicht nur seine Schulden mit hohem Zins zurückzahlen müsste, sondern zusätzlich mit einer massiven Geldstrafe belegt würde.

Uli Hoeness muss völlig abgehoben gewesen sein. Er stellte sich gewissermassen übers Gesetz, wenn er einerseits Steuern im ganz grossen Stil hinterzog, andererseits aber nach eigenen Angaben Millionen von Euros spendete. Sein Ruf als sozialer Mensch ist im Eimer. Für mich hat Hoeness sehr viel an Ansehen verloren. Ich bin enttäuscht von ihm, und zwar nicht, weil er Steuern hinterzogen hat, sondern wie er das gemacht hat. Und wie er versuchte, die Angelegenheit zu vertuschen. Bis zuletzt, dem Tag des Urteils am letzten Donnerstag, dachte Hoeness wohl, ihm passiere nichts. Seine arrogante Haltung ist es, die viele Leute verstört.

Ein Geschäft mit windigen Gestalten

Erstaunlicherweise wird Uli Hoeness jetzt von allen Seiten gelobt, weil er nicht in Revision geht und das Urteil akzeptiert. Selbstverständlich beweist er damit Grösse. Aber Hoeness ist es damit auch gelungen, dass vor Gericht nicht noch mehr unschöne Dinge verhandelt werden. Die Medien werden jedoch im Leben von Hoeness wühlen. Gründlich und unerbittlich. Das können die Deutschen. Und nach allem, was man so gelesen und gehört hat, dürften in dieser Skandalstory noch einige Kapitel geschrieben werden.

Üble Gerüchte verweisen gar auf schwarze Kassen, mit denen die Bayern ihre vielen kostspieligen Transfers finanziert haben sollen. Überraschen würde in Bezug auf Uli Hoeness fast nichts mehr. Er war ein smarter Manager in einem Geschäft mit vielen windigen Gestalten. Man hörte regelmässig von umstrittenen Aktionen der Bayern, wenn es um Spielerwechsel oder TV-Einnahmen ging.

Uli Hoeness formte den FC Bayern München zu jener Weltmacht, die der Club heute darstellt. Es ist seine Lebensleistung. Aber ich schrieb an dieser Stelle bereits im letzten Frühling, dass er eigentlich nicht mehr tragbar sei als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins. Hoeness hielt sich für meinen Geschmack zu lange in seinen Ämtern, niemand wagte es, seine Rolle infrage zu stellen. Nicht einmal im engsten Umfeld. Dabei war es ja völlig logisch, dass es sich die ehrbaren Wirtschaftskapitäne im Aufsichtsrat des Clubs nicht leisten können, mit einem Steuerbetrüger in Verbindung zu stehen.

Brutaler Fall

Und so ist dieser Uli Hoeness brutal gefallen. Noch an Weihnachten 2012 wurden salbungsvolle Porträts über ihn geschrieben, in denen er als leuchtendes Beispiel für Deutschland und die Welt präsentiert wurde. Er stand über allen, war beinahe einflussreicher als die Kanzlerin und es hätte damals nicht einmal überrascht, wenn man ihn aus dem Nichts heraus als Kanzlerkandidaten portiert hätte. Die Geschichte nahm eine andere Wendung, die gleichen Medien, die ihn noch vor 15 Monaten in den Himmel lobten, hauen Hoeness nun seine Fehlleistung um die Ohren.

Auch damit muss Uli Hoeness umgehen können. Er weiss, wie das Spiel läuft. Man stelle sich vor, wie er mit einer Figur wie ihm umgegangen wäre. Hoeness gab sich ja oft als moralische Oberinstanz, die alles besser weiss. Jetzt ist er weg, und auch ich werde ihn und seine Wortmeldungen schmerzlich vermissen. Seit ich mich für Fussball interessiere, und das sind bald 30 Jahre, ist Hoeness dabei. Wortgewaltig und witzig, aggressiv und aufbrausend. Seine Interviews waren beste Unterhaltung.

Das ist leider vorbei. Wegen der Masslosigkeit von Uli Hoeness. Doch Zeit heilt Wunden. Deshalb bin ich ziemlich sicher, dass er in einigen Jahren wieder eine Funktion bei Bayern München bekleiden wird. Auch wenn das heute noch schwer vorstellbar scheint.

Wie stehen Sie zu Uli Hoeness? Ändert sein Steuerbetrug für Sie etwas an seiner Lebensleistung mit dem FC Bayern München? Ist es richtig, dass er hinter Gitter muss? Und glauben Sie, dass er nach seiner Gefängnisstrafe wieder im Fussballgeschäft tätig sein wird?

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