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Unverständliches Urteil nach Bundesliga-Phantom-Tor

Simon Zimmerli am Donnerstag den 31. Oktober 2013

Das Sportgericht des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) ging mit dem Urteil über Kiesslings Phantom-Tor (Video oben) zum zwischenzeitlichen 0:2 im Spiel der TSG Hoffenheim gegen Bayer Leverkusen (1:2) den Weg des geringsten Widerstandes und vermied so die Konfrontation mit dem Weltverband FIFA.

Ich bin ein Gegner von neuen Fussball-Technologien. Fussball beruht auf Tatsachenentscheidungen. Leider auch auf falschen Tatsachenentscheidungen. Das Tor von Stefan Kiessling am 18. Oktober 2013 wurde aber nicht durch einen ungerechtfertigten Penalty oder aus einer Offside-Position erzielt, der  Bundesliga-Torschützenkönig aus der letzten Saison erzielte das 2:0 für Leverkusen mit einem Kopfball durch das Aussennetz. Dies hat für mich weniger mit einem Tatsachenentscheid des Schiedsrichters, als viel mehr mit einer nicht intakten Spielanlage zu tun. Es ist die Aufgabe der beiden Linienrichter, die Tornetze vor Spielbeginn zu prüfen.

Vor knapp 20 Jahren hat das Sportgericht des DFB in einem ähnlichen Fall noch anders entschieden (siehe Video unten). Wenn aber die FIFA bereits im Vorfeld der Verhandlung darauf aufmerksam macht, dass die Tatsachenentscheidung nach wie vor eines der höchsten Güter ist, hat  man auch als DFB-Sportgericht schlechte Karten. Kommt erschwerend hinzu, dass es  in der Spielordnung der Deutschen Fussball Liga unter Paragraf 14 heisst, dass rechtskräftige Entscheidungen zu Spielwiederholungen zur abschliessenden Beurteilung der FIFA vorgelegt werden müssen. Hätten die Hoffenheimer vor dem DFB-Sportgericht ein Wiederholungsspiel erwirkt, hätte dies nicht zwingend stattfinden müssen. Deshalb verzichten die Verantwortlichen der TSG 1899 Hoffenheim wohl auch darauf, Berufung einzulegen.

Verlierer sind in diesem Fall eigentlich fast alle. Die Hoffenheimer, die betrogen worden sind, Schiedsrichter Felix Brych und  seine Assistenten, die das Phantom-Tor nicht als solches erkannt haben und das Sportgericht des DFB, das in seinem Urteil von der FIFA massgeblich beeinflusst wurde. Leidtragender ist auch Kiessling, der das Kunststück vollbrachte, das Leder durch eine einzelne gerissene Masche zu bugsieren und nun die neue Unsportlichkeit in der Bundesliga verkörpert. Der 29-jährige, der trotz seiner vielen – regulären – Tore von Bundestrainer Löw, nie mehr berücksichtigt wurde,  musste seine Facebook-Seite vom Netz nehmen, nachdem ein Shit-Storm über ihn hereinbrach. Selbst öffentliche Personen wie der rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Andreas Biebricher liess sich in einem Forum zu folgendem Kommentar hinreissen: «Ich war immer dafür, dass er eine Chance in der Nationalelf bekommt. Aber jetzt soll sich der charakterlose Typ beide Beine brechen», wie der «Express» weiss.

Diese Loch zu treffen, war ein extremer Zufall: Geflicktes Netz in Hoffenheim. (Keystone/Uwe Anspach)

Dieses Loch zu treffen, war nicht einfach: Geflicktes Netz in Hoffenheim. (Keystone/Uwe Anspach)

Ich mache Stefan Kiessling keinen grossen Vorwurf (es ist für einen Spieler auch kaum fassbar, wie ein vermeintlich daneben geköpfelter Ball plötzlich im Netz zappelt) aber er sowie alle anderen Beteiligten von Leverkusen, die gesehen haben, dass der Ball ausserhalb des Tores eingeschlagen hat, haben es verpasst, ihrem farblosen Pillenclub durch eine grosszügige Fairness-Geste etwas Glanz zu verleihen und die Bundesliga in Fussballromantik zu hüllen.

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