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Liebeserklärung an Typen wie Zlatan

Fabian Ruch am Mittwoch den 30. Oktober 2013
PSG-Spieler Zlatan Ibrahimovic feiert einen Sieg gegen Olympique Lyon, 12. Mai 2013.

Spieler mit Kanten und Ecken faszinieren immer: PSG-Spieler Zlatan Ibrahimović feiert einen Sieg gegen Olympique Lyon, 12. Mai 2013. (Keystone/Guillaume Horcajuelo)

Zuerst Zico, bald Walter Zenga (obwohl Goalie), Careca, Beat Sutter, später Romário, Pep Guardiola, Fernando Redondo (sogar, obwohl Argentinier), Eric Cantona und David Ginola, der unverwüstliche Javier Zanetti (ja, ja, ein Gaucho), dann vor allem Ronaldo, der mit den Zähnen, und bald Ronaldo, der mit dem Haargel, aktuell Mario Götze (obwohl Bayern) und natürlich Neymar, der Brasilien nächstes Jahr bitteschön zum Weltmeister schiessen soll: Meine Liste der Lieblingsfussballer ist lang und vielfältig, jeder hat halt Helden der Jugend und Kicker des Vertrauens. Idole, Vorbilder, Ikonen.

In meiner kunterbunten Liste, in der selbstredend absolut keine Gewähr auf Vollständigkeit herrscht, sind auch Franzosen und Argentinier sowie Akteure von Bayern und Barcelona dabei, obwohl mir diese Teams nicht ans Herz gewachsen sind. Es geht um Sympathie, und die kann bei einem Fussballer nicht verloren gehen, bloss weil er den Verein wechselt oder eine unpassende Nationalität besitzt. Es sind stilprägende Sechser dabei, wie es Guardiola und Redondo waren, weil ich auch so stark und passsicher und smart hätte spielen wollen (und es in meiner Vorstellung auf 100-mal tieferem Niveau natürlich auch tat …).

Mit der Zeit gefielen mir Fussballer immer wie mehr, die nicht geformt sind; die nicht auf die erste Frage mit «wie gesagt» antworten; die nicht als Traumschwiegersöhne gelten; die eigene Meinungen vertreten, auch mal für Unruhe sorgen, zuweilen einen Skandal verursachen. Ich mag spannende, interessante, vielleicht manchmal verrückte, wilde Spieler. Spinner und Exzentriker, wie es Paul Gascoigne, Stefan Effenberg, Mario Basler und Marcelinho waren. Leider sterben sie in dieser glattgebügelten Fussballwelt der Phrasen und Managerkontrolle und Bussenkataloge langsam aus.

Ich finde es toll, wenn einer wie Kevin-Prince Boateng keine Angst hat, sich mit aller Macht gegen den Rassismus zu stellen – und die unverständlichen, dummen Pfiffe und Affenlaute in italienischen Stadien eben nicht wie 99,9 Prozent der Spieler, Schiedsrichter, Trainer, Journalisten und Fans still akzeptiert. Das ist Charakterstärke.

Ich gebe es zu: Ich mag Bad Boys wie Trainer José Mourinho, selbst wenn sie möglicherweise für die meisten Menschen als Ekel gelten. Stefan Effenberg und sogar Lothar Matthäus (das bleibt unter uns) waren und sind mir lieber als Jürgen Klinsmann und Philipp Lahm. Zlatan Ibrahimović spricht mich deutlich stärker an als Lionel Messi. Selbst wenn Lahm wie Messi absolute Weltklasse verkörpern. Ich finde es sogar faszinierend, den mit immer gröberen Eskapaden gepflasterten Weg eines ziemlich freakigen Typen wie Mario Balotelli zu verfolgen. Mein Toleranzpegel ist da sehr hoch, ich mag es jedem gönnen, wenn er das Gefühl hat, er müsse seine Garage mit 14 Ferrari füllen und oben in der 23-Zimmer-Villa 200 Geliebte haben.

Zlatan Ibrahimović hätte in meinen Augen sogar 100 Ferrari und 1000 Frauen verdient. Es ist ein Riesenglück für uns, diesem sensationellen Fussballer und Typen zusehen und zuhören zu dürfen. Zur Lektüre sei das «Spiegel»-Interview vor ein paar Wochen empfohlen. Der bosnische Schwede schiesst ja mittlerweile alle drei Tage ein Tor des Jahres. Mal mit der Hacke, mal aus 30 Metern in den Winkel, mal mit einem Fallrückzieher. Ibrahimović schert sich einen Dreck um Konventionen, spricht und spielt, wie er will und was er will. Er attackiert selbst seinen früheren Trainer Guardiola, der (eigentlich) einen Heiligenschein besitzt. Er ist ein Anti-Konzeptfussballer und damit ein Graus für die Matchplan-Fanatiker unter den Coaches, die gerne jede Sekunde der Partie kontrollieren und jeden Laufweg ihrer Akteure wie Schachfiguren bestimmen möchten.

Ibrahimović ist anders, er ist einmalig und in keine Schablone zu pressen und dermassen stark, dass er jede Mannschaft automatisch besser macht. Er wurde fast immer Meister in den letzten Jahren, egal wo er auch spielte – und er wechselte oft den Club. Es ist wirklich jammerschade, ist der Stürmer bereits 32 Jahre alt. Andererseits: Er wird irgendwie immer besser.

Zlatan, der ehemalige Fahrraddieb aus dem Ghetto von Malmö, wäre heute vielleicht im Gefängnis, wie er selber einräumt, wenn er nicht mit derart viel fussballerischem Sondertalent ausgestattet worden wäre. Seine spektakuläre, attraktive, mitreissende Spielweise ist einzigartig, und vielleicht besitzt er im Jahr 2013 sogar die Chance, Weltfussballer zu werden. Verdient hätte er es. Sonst gucken Sie im Internet mal ein Best-of seiner schönsten Tore der letzten Monate an (unten ist ein Beispiel zu sehen). Und: Ibra hat seine Wurzeln nie verleugnet, er ist immer noch derb, direkt, dominant.

Zu Ibrahimovićs Ehren wurde in Schweden ja das Verb «zlatanera», auf Deutsch am ehesten «zlatanieren», ins Wörterbuch aufgenommen. Es stehe für «etwas mit Kraft dominieren», teilte die schwedische Sprachakademie mit. Wir schlagen gleich noch das Wort «Ibrakadabra» als Synonym für Fussballzauber vor.

Zlatan zlataniert also die Fussballwelt. Wir verneigen uns vor ihm und seiner Kunst und sind traurig, verpasst er die WM 2014, weil Schweden und Portugal in der Barrage aufeinandertreffen. Haargel-Ronaldo, der andere Liebling, muss ja zwingend dabei sein im nächsten Sommer in Brasilien.

Kann die Fifa, falls Schweden scheitert, Ibrahimovićs Team nicht mit einer Wildcard ausstatten?

Wer waren Ihre Lieblinge in der Jugend? Welche Fussballer schätzen Sie heute? Und wie stehen Sie zu Exzentrikern wie Zlatan Ibrahimović?

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