Logo

Deutschlands Angst vor dem Abwehrpudding

Simon Zimmerli am Freitag den 18. Oktober 2013
Warum so sorgenvoll? Deutschlands Trainer Joachim Löw während des Schweden-Spiels.

Warum so sorgenvoll? Deutschlands Trainer Joachim Löw während des Schweden-Spiels. Foto: Keystone.

Es gab Zeiten, da taten einem die Schienbeine schon weh, wenn man nur die Namen der deutschen Abwehrspieler hörte. Es war die Epoche der Terrier und Treter, die eine Verwarnung noch als Auszeichnung sahen. Berti Vogts, Ditmar Jakobs, die Gebrüder Förster und Manni Kaltz. Inzwischen hat sich die Lage aber drastisch verändert. Deutschland steht für attraktiven Angriffsfussball mit vielen Toren – und eben auch vielen Gegentreffern. Alleine in den beiden WM-Qualifikationsspielen gegen Schweden (4:4, 5:3) klingelte es siebenmal im deutschen Tor.

«Wie sollen wir mit so einer Abwehr Weltmeister werden?», fragte die «Rheinische Post» bereits beunruhigt, nachdem die DFB-Elf am Dienstag in Stockholm einem 0:2-Rückstand nachjagen musste. Ein Votum, das durchaus repräsentativ ist für die Stimmungslage im Land von Franz Beckenbauer, der sich in den Reihen der DFB-Elf mehr «harte Hunde» wünscht und einen Mangel an Männlichkeit ortet. Die deutsche Fussballgemeinde befürchtet etwas mehr als 200 Tage vor der WM-Endrunde, dass sich Joachim Löws Mannschaft bei der Titeljagd in Brasilien am Abwehrpudding verschluckt, der aus Fehlern von Mats Hummels oder Jérôme Boateng zubereitet ist.

Natürlich, Boateng ist bisweilen etwas gar sorglos, und Hummels scheint seine Priorität vor allem darauf zu legen, als deutscher Verteidiger mit den wenigsten gelben Karten in die Geschichte einzugehen, vielleicht weil er sich einen sportlichen Friedensnobelpreis erhofft. Die Panik der Deutschen ist dennoch Unsinn. Sie sind vorne und in der Mitte so gut, dass sie auch mit einer Wackelpuddingabwehr noch sehr schwierig zu bezwingen sind.

Deutschlands Problem ist nicht die Abwehr, sondern die Angst vor dem Versagen. Denn diese ist das Gegenteil von Siegermentalität und ein Garant dafür, bei der nächsten Gelegenheit ähnlich jämmerlich auszuscheiden wie im EM-Halbfinal 2012 gegen Italien und im WM-Halbfinal 2010 gegen Spanien, als der Mut jeweils in der Garderobe geblieben war.

Wer etwas gewinnen will, darf das Risiko nicht scheuen, und er darf sich schon gar nicht durch böse Überraschungen aus dem Konzept bringen lassen. Die Schweizer sind – endlich einmal – ein gutes Vorbild für den grossen Nachbarn. Sie haben nach dem kuriosen 4:4 gegen Island in den entschiedenden WM-Qualifikationsspielen in Norwegen (2:0) und Albanien (2:1) mit Offensivgeist die Zweifel vertrieben. Und mit einer Portion Goodwill betrachtet, war dann auch das Island-Spiel gar nicht mehr so schlimm. Immerhin hatten sich die Schweizer nach dem 4:1 nicht als Verwalter versucht, sondern auf den fünften Treffer gedrängt.

Ich freue mich, wenn ich höre, dass der leider scheidende Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld im deutschen Fernsehen selbstbewusst verkündet, dass er mit der Schweizer Mannschaft an der WM-Endrunde im kommenden Sommer für Furore sorgen will und die Viertelfinalqualifikation als durchaus realistisches Etappenziel ansieht. Und ich finde es grossartig, dass Granit Xhaka ausspricht, was unverkennbar ist: Wir gehören längst nicht mehr zu den kleinen Nationen. Platz 7 im ansonsten wenig aussagekräftigen Ranking von Sepp Blatters Fussballförderanstalt (Fifa), die WM-Qualifikation ohne Niederlage und der Testspielsieg über Brasilien kommen nicht von ungefähr. Hoffentlich merken die Deutschen nicht, dass sie mit dem neuen Schweizer Selbstbewusstsein Weltmeister würden.

« Zur Übersicht