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Königliche Träume und Prinzenrollen

Thomas Kobler am Montag den 9. September 2013


Stemmen sie das Ding oder nicht in Madrid, rätselte man lange. Dann war es raus. 100 Millionen Euro ist die neuste Masseinheit im Fussballtransfergeschäft: ein Bale. Alle andern nur noch ein Bruchteil oder eine Dezimalzahl davon. Wie es einem leichter geht zum Rechnen. Selbst für Fussballfreunde sprengten die Rekordsummen von letzter Woche beinahe die Vorstellungskraft, so absurd hoch erschienen sie für sich betrachtet. Aber damit kratzt man eben nur an der numerischen Oberfläche. Die wahren Gründe lagen tiefer.

Unter José Mourinho hat Real in der vergangenen Spielzeit schlicht und einfach versagt. In der spanischen Meisterschaft weit abgeschlagen hinter dem Erzrivalen FC Barcelona zurück, die Copa del Rey an Stadtrivale Atlético verloren und in der Champions League von Borussia Dortmund zuerst in der Gruppenphase und dann besonders schmerzvoll im Halbfinale bezwungen – trotz aller Stars auf dem Feld und der Bank. Das Real-Team 2012/2013 war eine Loser-Truppe ohne Zukunft.

Mit der ihm eigenen Konsequenz und in bester, absoluter Tradition entschied der Präsident der Königlichen, Florentino Pérez, dass ein Neuer auf die Bank muss, und die Mannschaft zerschlagen und neu aufgebaut werden soll. So renovieren spanische Baulöwen – wenn möglich auf Pump. Weil Real und Barça aber keine gewöhnlichen grossen Fussball-Clubs, sondern Spaniens bekannteste Markenartikel sind, und die Primera División sowie die Furia Roja, abgesehen von Sex und Wetter, bald noch die einzigen Freuden im krisengeschüttelten Land bleiben, drückte das offizielle Spanien bei diesem aufsehenerregenden Vorhaben beide Augen zu. Der öffentliche Protest erscholl zwar kurz, ebbte aber sogleich wieder ab. Damit und mit Bales glanzvoller Präsentation vor dreissigtausend Fans im Bernabéu: «Ein Traum wird für mich wahr, Spieler von Real Madrid zu sein. Vielen Dank! Auf gehts, Madrid!», war die Sache fast gegessen und etwas überzahlt.

Fast – denn so viel Geld hatte es real nicht einmal in der königlichen Schatulle in Madrid. Dafür in der Kabine begehrte Handelsware. Manchester United wollte Khedira, Arsenal hatte schon länger ein Auge auf Mesut Özil geworfen und Higuaín, Albiol und Callejón hatte man schon für ca. 60 Millionen Euro im Trio-Pack nach Napoli vertickt. Weil sich Manchester aber zu spät entschied, und das Verletzungspech Khedira plötzlich unabkömmlich machte, musste man nicht ganz freiwillig – aber auch nicht gegen spürbaren Widerstand von Trainer Carlo Ancelotti – Özil verkaufen, damit die Kasse netto einigermassen stimmte.

50 Millionen-Mann Özil zeigte sich überrascht, aber dann auch wieder nicht: «Ich habe in den letzten Tagen gemerkt, dass ich das Vertrauen des Trainers nicht habe.» Ronaldo war nach traurig im letzten September diesmal wütend darüber, seinen besten Passgeber zu verlieren, und Ramos beklagte: «Wenn ich in dieser Angelegenheit etwas zu sagen gehabt hätte, wäre Özil einer der letzten gewesen, die Real verlassen müssten.»

Da war Bale schon breit grinsend aus dem vergleichbar bescheidenen Nord-London im Fussball-Wunderland angekommen, und Özil Richtung Arsenal abgereist. Ein fast schon märchenhafter Ausgang dieser Geschichte. Nun muss Ancelotti nur noch den Champions-League-Titel und die spanische Meisterschaft erringen, der Fan-Shop ungefähr 750’000 Bale-Trikots verhökern, und sie lebten glücklich und zufrieden.

Normaler Wahnsinn oder eiskalte Berechnung, Sportsfreunde?

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7 Kommentare zu “Königliche Träume und Prinzenrollen”

  1. Luke sagt:

    Wird wohl ein interessantes Duell dieses Jahr zwischen Real und Barca um den Titel. Mit Ronaldo und Bale auf den Außen, ist zwar ein bisschen eine durchsichtige Taktik (so wie bei den Bayern mit Robbery), aber die sind halt so gut, dass es trotzdem aufgeht 😉 100 Millionen für einen Spieler zu bezahlen ist einfach zuviel, die “immer größer immer weiter” Mentalität wird bald anstehen, weil irgendwann werden die Summen zur surreal für einen Fussballtransfer. Özil quasi gezwungermaßen zu verkaufen ist auch nicht die feine Art, aber so ist das Leben wohl als Profi.

  2. Marcel Claudio sagt:

    Für hundert Millionen Euronen könnte man in Zürich schon mehr als ein halbes Stadion bauen oder etwa 80 gestrauchelte Jugendliche über 5 Jahre hinweg zu Thai Box Profis ausbilden…

  3. Clöde sagt:

    Interessant wie viele Leute 100 Millionen als “viel zu viel” bezeichnen und dann wahrscheinlich selber ein Trikot von Bale, Ronaldo, Messi etc. im Schrank hängen haben. Ronaldo soll sich nach einem Jahr bereits amortisiert haben. Wem es zu viel ist, der soll aufhören: Trikots zu kaufen, Spiele zu besuchen bzw. am TV zu schauen, Sportnachrichten zu lesen, sich überhaupt für Fussball zu interessieren. Ansonsten sind 100 Millionen nun mal einfach Bales Marktwert.

  4. Daniel Castro sagt:

    Es ist langsam langweilig immer auf Real Madrid rumzuhacken. Es ist immer dieselbe Leier. Sie geben zu viel Geld aus, sie haben zu viele Schulden, sie sind arrogant, etc etc etc.
    Lasst mal gut sein. Lieber kein Blog als ein schlechter Blog.

  5. Michael Lopez sagt:

    Schon seit ich denken kann, nörgelt man an Reals Transferpolitik herum und kündigt eine baldige Pleite des Clubs an. Dabei vergisst man, dass Real auch enorme Aktivwerte besitzt und dank diesen Spielern hohe Einnahmen erzielt. Es geht nicht nur um die Trikots, sondern z.B. auch um Fernsehrechte. “Real Madrid” ist eine weltweit bekannte Spitzenmarke. Das sind einfach andere Dimensionen als in der Schweiz. Man kann ein KMU auch nicht mit einem Grosskonzern vergleichen. Solche Investitionen sind notwendig, um oben zu bleiben und wecken auch immer ein grosses Medieninteresse.

    • Staub sagt:

      Da mag was dran sein, vor allem im Kontext des heutigen, abartig funktionierenden Fussballzirkus. Fakt ist aber, dass diese Spitzenmarke “Real Madrid” mehr als 100 Millionen Euro (inklusive fürstliches Gehalt) für einen einzelnen Mitarbeiter aus dem Fenster schleudert, während das Land finanziell vor sich hin siecht und 40% der Jugendlichen ohne Arbeit da stehen. Als lokal angesiedeltes Grossunternehmen sollte man doch lokale Verpflichtungen wahrnehmen anstatt eine so abstruse Summe für eine einzelne Person auszugeben? Viele Spanier und Spanierinnen würden es dem Club sicher danken!

  6. Thomas sagt:

    Vorneweg gesagt, schäumt dieser Blogeintrag etwas über vor kulturchauvinistischen Ressentiments. Oder weshalb soll Spanien auf Sex, Sonne und Meer reduziert werden? Barcelona und Madrid die erfolgreichsten Firmen Spaniens?
    Abonnieren Sie sich den Economist oder die FT und lernen Sie wichtige Fakten bez. Banco Santander, BBVA, Repsol, Telefonica, Iberdrola oder Inditex (Zara) et al. kennen. Real Madrid war in den letzten Jahren der umsatzstärkste Verein der Welt (513 Mio, 2012). Er stellt zeitgleich auch das wertvollste Team der Welt (nicht nur Spaniens!).