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Her mit dem Maulkorb für Fussball-Kommentatoren

Alexander Kühn am Mittwoch den 28. Dezember 2011
Hoffen auf ein Versagen des Mikrofons: Die SF-Kommentatoren Beni Thurnheer und Sascha Ruefer.

Hoffen auf ein Versagen des Mikrofons: Die SF-Kommentatoren Beni Thurnheer und Sascha Ruefer.

Da selbst den Kollegen vom «Blick» zum Jahresende bisweilen die Themen ausgehen, liessen sie auf ihrer Website von den Lesern den besten Sportkommentator des Schweizer Fernsehens küren. Neben dem quasselnden Evergreen Beni Thurnheer standen Koryphäen wie Patrick Schmid oder Dani Kern zur Auswahl. Manch einem wird dies vorkommen, als suche man unter den zu 75 Prozent übergewichtigen Einwohnerinnen der Südseeinsel Tonga nach einer grazilen Eisprinzessin, die mindestens zwei Dreifachsprünge in ihrem Repertoire hat. Das grösste Fussballvergnügen hat der Zuschauer hiesiger Fussball-Übertragungen nämlich dann, wenn er entweder den Ton komplett abschaltet oder das Mikrofon in der Kommentatoren-Kabine ein Einsehen hat und seinen Dienst verweigert.

Irgendjemand scheint dem Kabinenpersonal von SF und Teleclub auf ziemlich überzeugende Weise eingetrichtert zu haben, dass es kein besseres Stilmittel zur Erzeugung von Spannung oder Begeisterung gebe als lautes Geschrei. Dieses steigert sich vor allem bei der Teleclub-Berichterstattung bisweilen zu einem regelrechten Bellen, was bei Hundebesitzern zu einer ungewollten Kettenreaktion führen kann. Schweizer Fussballkommentatoren neigen überdies dazu, ihre Wortspielchen noch bemerkenswerter zu finden als Lionel Messis Dribblings oder David Beckhams Freistösse.

Der frühere Radiokommentator Fredy Hunkeler, der vom Teleclub aus dem Ruhestand geholt wurde, ist mit seiner bisweilen etwas altväterischen, aber stets besonnenen Art eine wohltuende Ausnahme in der Riege der brüllenden menschlichen Kofferradios. Hunkeler weiss ganz offensichtlich, dass für den Zuschauer nicht er im Zentrum des Interesses steht, sondern das Geschehen auf dem Rasen. Einigen seiner Kollegen scheint diese Erkenntnis ob der eigenen Glorie zwischen Schrei- und Kopfstimme-Einlagen abhanden gekommen zu sein.

Die Abonnenten des deutschen Pay-TV-Senders Sky sind im Gegensatz zum gewöhnlichen Schweizer Fussball-Konsumenten in der glücklichen Lage, bei Bundesliga-Übertragungen frei entscheiden zu können, ob sie die jeweilige Partie mitsamt den Ausführungen des Kommentators verfolgen wollen oder nur mit der Geräuschkulisse aus dem Stadion. Dank der Option «Sky Stadion» ist der pure Fussballgenuss auch ohne Mikrofonausfall in der Kommentatoren-Kabine zu haben. Nervt der Reporter, verpasst man ihm ganz einfach per Knopfdruck einen Maulkorb. Es gibt keine Versprecher mehr und auch keine Brüllerei, nur noch die Rufe der Trainer und die Gesänge der Fans. Besitzt man eine Heimkino-Anlage mit Grossleinwand und Surround-Sound-System, ist man der echten Stadionatmosphäre schon ganz nahe.

Gegenüber einem Besuch im Stadion, nehmen wir als Beispiel den Zürcher Letzigrund, hat der Fussballgenuss in den eigenen vier Wänden sogar ein paar Vorteile:

  1. Er ist auch für eine Familie mit vier Kindern bezahlbar.
  2. Man kann sich seine Bratwurst auch im Winter auf dem Holzkohlengrill zubereiten und muss nicht auf ein bleiches Exemplar vom Gasgrill des Frauenvereins zurückgreifen.
  3. Vor dem Kühlschrank gibt es anders als vor dem Bierstand selbst in der Halbzeitpause keine Schlangen.

Auf welchem Sender schauen Sie am liebsten Fussball? Und würden Sie bei den Übertragungen des Schweizer Fernsehens auch nur die Geräuschkulisse aus dem Stadion hören wollen, wenn Sie könnten?

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