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Unsere schönsten Spiele

Mämä Sykora am Samstag den 22. Oktober 2011

Was den Fussball so schön macht, ist die kollektive Erinnerung an Ereignisse. Einige Tore, Szenen, Spielzüge bleiben für immer und ewig in den Windungen des Gehirns hängen, und es ruft eine seltsame Art von Glückseligkeit hervor, wenn man sich mit Leuten austauschen kann, bei denen das Gleiche hängengeblieben ist. Unnützes Wissen meinen die einen, die anderen sind der Ansicht, dass es exakt solche Dinge sind, die den Fussball so wunderbar machen.

Wer die Geschichte und die Geschichten kennt, dem eröffnet sich eine neue Dimension. Man erkennt, wie Rivalitäten entstanden sind, welche Vorgeschichte die Spieler haben, weshalb Dinge so gelaufen sind, wie sie eben gelaufen sind. Die Schweiz ist für jene, die sich nicht bloss für das laufende Spiel, sondern eben auch für die Vergangenheit interessieren, furchtbares Ödland. Während die deutsche «Sportschau» Woche für Woche eine historisch bedeutende Partie nochmals aufrollt und damit das Bewusstsein für die Vergangenheit stärkt, kommt es hierzulande schon einem Kraftakt gleich, das Resultat – geschweige denn die Mannschaftsaufstellungen – eines 10 Jahre zurück liegenden Spiels herauszufinden. Ganze Archive wandern in den Mülleimer, die Erinnerung an wichtige Ereignisse verblasst immer mehr. Was vorbei ist, kann keinen mehr interessieren.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist die Arbeit des Luzerners David Mugglin ganz besonders zu würdigen. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die schönsten Momente des Schweizers Fussballs am Leben zu erhalten. Vor einigen Monaten stellte er eine hochkarätige Jury zusammen und liess sie über die «100 grössten Schweizer Spiele» abstimmen. Herausgekommen ist eine abwechslungsreiche Rangliste, in der es für jeden Partien zu entdecken gab, dessen Bedeutung ihm bis dahin gar nicht klar war.

Nun setzte er noch einen drauf. Zusammen mit Benedikt Widmer suchte er 50 Schweizer Fussballgrössen auf und liess sie in der Ich-Form von ihren schönsten 90 Minuten erzählen. Daraus entstanden ist das 200 Seite starke Buch «Das Spiel meines Lebens». Auf jeweils 3 bis 4 Seiten wird dem Leser natürlich nicht nur die Partie nacherzählt, er erfährt auch mehr über die Gemütslage, die Begleitumstände und die Auswirkungen jener Partie, die der Erzähler als sein persönliches Highlight sieht. Zu Wort kommen Fussballer aus den letzten sechs Jahrzehnten, von Walter Eich über Köbi Kuhn, Daniel Jeandupeux, Kurt Müller, Raimondo Ponte, Heinz Hermann, Thomas Bickel, Marc Zellweger bis Patrick Müller.

Bei einigen Profis ist die Wahl naheliegend, etwa wenn Jörg Stiel seine Begegnung mit Maradona wählt oder Diego Benaglio den Sieg über Spanien. Andere Partien sind wohl nur noch den wenigsten in Erinnerung, wie etwa Lucien Favres 2:2 mit Servette gegen Bohemians Prag oder Rolf Osterwalders Cuphalbfinal mit Aarau.

Die Vielfalt spiegelt sich nicht nur in der Auswahl der Spiele, auch die Fussballer selber, die man dank diesen Gesprächen ein Stück weit besser kennenlernt, kommen sehr unterschiedlich daher. Bescheiden und nüchtern die einen, herzlich und selbstbewusst die andern. Bei allen jedoch erfährt man vieles über die Konstellationen und Hierarchien innerhalb der Mannschaften, darunter auch viel Überraschendes («Tararache ist für mich der beste Spieler, der je in der Super League gespielt hat», meint etwa Blerim Dzemaili).

«Das Spiel meines Lebens» (rotweiss Verlag, bis Ende Oktober für 22.80 Franken) ist nicht nur ein unbedingt lesenswertes Buch, weil es interessant, lehrreich und ebenso unterhaltend ist, es ist auch ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der Erinnerung an die schönsten Stunden der Schweizer Fussballgeschichte. Je stärker diese kollektive Erinnerung wird, desto bedeutender wird auch der Fussball selber hierzulande. Mugglin und Widmer haben einen ersten Tropfen Wasser für die fussballhistorische Wüste Schweiz beigesteuert. Dafür gebührt ihnen der Dank aller Fussballinteressierten hierzulande.

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