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Das Geheimnis der Gallier aus dem Berner Oberland

Annette Fetscherin am Donnerstag den 25. August 2011


In einer Zeit, in der die grossen Fussballclubs des Landes mit ihren persönlichen Problemchen hadern und kämpfen, hört im Berner Oberland ein kleiner Verein nicht auf, heftigen Widerstand zu leisten. Ruhig und abseits des Medieninteresses basteln die Gallier des FC Thun an einer schlagkräftigen Truppe. Miraculix Andres Gerber braut voller Geschick einen Zaubertrank, der seine Mannschaft zu Höchstleistungen treibt. Er ist der wichtige Mann im Hintergrund des FC Thun, bescheiden und ruhig hält er Nebengeräusche jederzeit vom Club fern und beweist ein geschicktes Händchen in der Auswahl von Spielern und Trainern. Der erste schlaue Schachzug war die Verpflichtung von Trainertalent Murat Yakin, der die Mannschaft geschliffen und ihnen sein Spielkonzept eingehämmert hat.

Der FC Thun ist der aktivste Verein der ganzen Liga, die Gallier bringen riesige Strecken hinter sich, sind immer in Bewegung und solidarisch in ihrem Spiel. Es ist dies ein Konzept, das nur oder vor allem mit jungen Akteuren möglich ist. Als schlauer Asterix waltet Roland Bättig, der als Sechser jederzeit anspielbar ist und gleichzeitig der ruhende Pol zwischen vielen jungen Kriegern bildet. Ihm war der Durchbruch in der Super League lange nicht geglückt, bis mit Murat Yakin ein Trainer richtig an ihn glaubte. Jetzt kann er es auf seiner Position mit den Besten der Liga aufnehmen.

Doch Murat Yakin ist weg und trotzdem marschieren die Gallier unbeirrt weiter, momentan sogar an der Tabellenspitze. Zu verdanken ist dies dem nächsten geschickten Schachzug von Andres Gerber. Mit Bernard Challandes hat man einen erfahrenen Trainer-Obelix geholt, der nicht um jeden Preis seine eigenen Ideen verwirklichen muss, sondern spürt, wenn die Mannschaft auf dem richtigen Weg ist. Challandes ist zwar nicht in den Zaubertrank gefallen, doch er trägt den Hinkelstein FC Thun unbeirrt weiter auf seinem Pfad. Bernard Challandes ist kein Innovator. Er verlässt sich auf das Talent der Spieler und hat eine aussergewöhnliche Arbeitsmoral. Keine Runde vergeht, ohne dass man ihn in irgendeinem Stadion antrifft, wo er den nächsten Gegner beobachtet.

Unzählige Spieler, die vorher völlig unbekannt waren, konnten über die letzten Jahre im geschützten Umfeld des kleinen Gallierdorfes ihr volles Potenzial entfalten. Den Anfang machte Nelson Ferreira, es folgten Talente wie Klose, Glarner, Andrist und Lüthi. «Die spinnen die Römer!», ist man versucht zu sagen, wenn man sieht, dass Schweizer Grossclubs im Ausland Aussenverteidiger einkaufen, wenn ein Talent wie Benjamin Lüthi auf dem Markt ist.

Entgegen dem Tenor aller Saisonvorschauen, ist die Überraschung darum nicht riesig, wenn man genau auf die Tabelle blickt. Man wird die Berner Oberländer Ende Saison zwar nicht ganz oben finden, aber ein Platz unter den ersten Fünf liegt sicher drin.

Dafür wäre es sogar von Vorteil, wenn man gegen Stoke City in der Europa League die ganz grosse Überraschung nicht schaffen würde. Die Engländer sind ein schwerer Gegner, sie sind psychisch stark und t(h)un weh. Wenn der FC Thun in diesem Abnützungskampf wieder über sich hinauswächst, könnte dies schwerwiegende Auswirkungen auf die Meisterschaft haben. Das Thuner Kader ist zwar schlagkräftig, aber nicht sehr breit. Darum sollte die Konzentration volle Kraft voraus auf der heimischen Super League liegen, um dort noch in der einen oder anderen Schlacht gegen grosse Römer-Heere zu triumphieren.

Was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser, wozu ist der FC Thun noch fähig? Oder sehen Sie einen anderen Underdog am Schluss vor den Berner Oberländern platziert?

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20 Kommentare zu “Das Geheimnis der Gallier aus dem Berner Oberland”

  1. es wird das gleiche mit thun geschehen, wie letztes jahr mit luzern, irgendwann kommt der einbruch.

    • Ralph Gluch sagt:

      Vielleicht. Ja und? Im Gegensatz zu Luzern wird im Oberland dann keine Welt zusammenbrechen. Oder anders ausgedrückt: Wir geniessen den Moment und lassen uns überraschen, wozu das Team noch alles fähig ist.

  2. Markus Baumann sagt:

    Ich glabue nicht, dass ein anderes “kleines” Team zum Saisonschluss vor Thun stehen wird. Wer denn? Lausanne? Wohl kaum.
    Dazu kommt, dass es ausser Thun ja nicht wirkliche Underdogs in der Liga gibt. Jedes andere Team und seine Präsidenten streben ja nach selbstformulierten, grossen Zielen.
    PS: Sehr gut geschrieben, Frau Fetscherin. Ihre Blogs gefallen mir. Weiter so!

  3. markus brechbühl sagt:

    Herr Giandonato, Sie haben möglicherweise recht. Dafür wird es Luzern dieses Jahr schaffen 🙂

  4. dres sagt:

    Die Thuner sind jede Saison Abstiegskandidat, seit sie in der obersten Liga mitmischen. Auch dann, wenn sie in der Champions League für Furore sorgen. Insofern ist es erfreulich, dass man in Zürich die Qualitäten des Teams langsam erkennt. Bis die Nachricht von den unbesiegbaren Galliern nach Basel dringt, dauert es allerdings auch nur noch bis Sonntag… 😉 Deshalb: Gebt uns noch ein paar Kohorten Römer – wir putzen sie diese Saison alle weg…! 😉

  5. kurt abächerli sagt:

    jetzt hat man sich in der schweiz geeinigt, dass es von vorteil ist, wenn man in internationalen wettbewerben früh rausfliegt, dann kratzt niemand am selbstvertrauen der überschätzten liga. so ein blödsinn. dann soll der sfv doch forfait geben und gar nicht mehr mitmachen. sonst sind die spieler immer so müde und voller blauer mosen. zudem wird challendes überschätzt, bis jetzt hat er einfach das erfolgsmodell des vorgängers ausgezerrt.
    und im gegensatz zu m. baumann finde ich die schreibe auf diese länge mit dem asterix vergleich bemühend.
    ich weiss: ich bin negativ 😉

  6. Miraculix sagt:

    super geschrieben, weiter so! 🙂

  7. Geno der Große sagt:

    Thun ist der Thunfisch europas…..der FC Köln nannte ihn so, als weiland Latour zu Köln wechselte.
    Leider ist Thun aber auch kein internationaler Gegner….also am besten freiwillig verlieren und lieber die Liga anständig beenden, man wird nämlich im Abstiegsstrudel stecken und letztlich absteigen!

    • Daria sagt:

      Wen sie letztlich ja trotzdem absteigen können sie heute auch gewinnen 😉 dann kommt es ja nicht mehr darauf an.. Du hast wohl seeeeehr viel ahnung…

  8. Dävu sagt:

    Thun ist das beste Beispiel, was mit Fleiss und Teamwork erreicht werden kann. Obwohl die Thuner auch dieses Jahr vor der Saison als Absteigskandidat Nummer 1 gehandelt wurden, spielen sie unbeirrt ihre Spiele und fahren eine Menge Punkte ein.

    Das schönste daran ist meiner Meinung nach, dass im gesamten Kader kein “Star” resp. bekannter Spieler zu finden ist. Dadurch ist der Druck, der auf den Spielern lastet, kleiner, sie können sich auch mal ein schlechtes Spiel erlauben (wie etwa C. Schneuwly, der in den letzten 2 Spielen brutal schlecht spielte), ohne dass sie gleich von der Presse zerrissen werden oder auf die Bank müssen.

    Wie im Artikel und von Manuel erwähnt wird wohl tatsächlich irgendwann der Einbruch kommen. Das Problem ist, dass Thun fast keine Ersatzspieler hat, die an das Niveau der Stammelf herankommen. Fallen zwei, drei Spieler aus, ist das Team schon sehr instabil. Das konnte letzte Woche gegen YB gesehen werden, als die Thuner Verteidigung ohne Matic und Lüthi und nach Ghezals verletzungsbedingter Auswechslung doch stark ins Schleudern kam und sich kaum noch befreien konnte. Ähnliches ist im Sturm zu erwarten. Mit bloss 3 Stürmern, wovon zwei als “Oldies” verletzungsanfällig sind, wird es extrem schwierig werden, das aktuelle Niveau konstant zu halten.

    Zum Schluss noch etwas zu Benjamin Lüthi: Tatsächlich spielt dieser im Moment sehr stark, seine technischen Mängel sind aber immer noch bemerkbar. Es muss erwähnt werden, dass Lüthi anfangs seiner Karriere trotz teilweise schwachen Leistungen immer Einsatzzeit bekam, was auch an mangelnden Ersatzapielern lag. Bei einem grossen Verein sässe er nach 2-3 schlechten oder mittelmässigen Spielen auf der Bank, von wo er sich wohl nur schlecht zurückarbeiten könnte. Dass die grossen Klubs die Finger von ihm lassen, ist für mich verständlich. Wenn sich die Grossklubs schon bei Thun umschauen, werden sie ihr Augenmerk wohl eher auf Stephan Andrist richten. Dieser ist technisch schon stark und dazu sehr schnell. Vor allem hat er aber noch viel Potential, was ich bei Lüthi eher bezweifle. Andrist ist schon jetzt deutlich besser als vor seiner Verletzung und wird sich wohl auch weiter steigern. Lüthi ist meiner Meinung nach schon fast auf der Spitze seines Können.

    • hans meier sagt:

      hat c. schneuwly jemals ein gutes spiel gespielt?

    • Mäsi sagt:

      Gute Analyse, Daevu (und guter Blog @ Annette).
      Das Problem mit der nicht-vorhandenen Breite sehe ich nicht ganz so krass. Thun hat gezeigt, dass sie auch mit ‘Nobodys’ erfolgreich sein koennen. Ich behaupte, dass sich auch Ersaetzspieler mit viel Wille und Kampf bestens ins Team einfuegen koennen. Genauso wird sich bei allfaelligen Verletzungen zeigen, ob es Challandes tatsaechlich versteht, Murats Konzept so gut weiterzuziehen, wie hier bislang angenommen wird . Spaetestens in der Rueckrunde werden wir das sehen.

      Dass eine Verteidigung bei Ausfaellen ins Schwanken kommt, ist ja nur logisch. Das hat viel mit Eingespieltheit und nicht nur mit individueller Klasse zu tun. Auch der FCL tat sich letzte Saison sehr schwer, wenn einer der beiden (Vekovac/Puljic) ausfiel und auch Basel zeigt, dass seine Defense trotz (eigentlich) Klasse Verteidiger doch eher einem Emmentaler Kaese gleicht. Wie sie jedoch allfaellig verletzungsbedingte Ausfaelle im Angriff kompensieren werden, wird interessant sein, falls es denn soweit kommt. Mehr als 3 Stuermer faende ich fuer Thun jedoch trotzdem uebertrieben. Wenn die falschen 2-3 Spieler verletzt sind, hat fast jedes Team seine lieben Probleme.

  9. Nik Dobler sagt:

    Was am thuner Spiel vorallem auffällt, ist die unglaubliche Laufbereitschaft und Solidarität, das konsequente Verteidigen und das sehr schnelle Umschalten in die offensive. Dazu die individuelle Klasse eines Mauro Lustrinelli, der trotz seines stolzen Alters, nach wie vor technisch stark und vorallem mit einem Auge für den offenen Raum und den freien Mitspieler gesegnet ist. Nicht zu vergessen Goali Da Costa, der bisher eine kaum geahnte Sicherheit an den Tag legt und Thun bereits den einen oder anderen Punkt gerettet hat (siehe Spiel gegen YB).

    Sehr wahrscheinlich wäre die Doppelbelastung mittelfristig zu gross, um mit diesem Kader sowohl in der EL wie auch in der SL zu bestehen, aber vieleicht belehren uns die Thuner erneut eines besseren, schliesslich hat vor Saisonbeginn ebenfalls niemand an diese Mannschaft geglaubt.

    Mein Tipp: Platz 4

  10. Auguste sagt:

    hmm…, ein fussballverein, der keine europäischen ambitionen hat, ist schon tot. natürlich wäre es für den fc thun einfacher ohne die europäische zusatzbelastung die heimische saison zu bestreiten. aber stagnation bedeutet in diesem geschäft rückschritt und das kann ja nicht die zielsetzung sein, weil man damit über kurz oder lang eine völlig unattraktive adresse für ambitionierte spieler wird.

    die wirkliche herausforderung für die thuner verantwortlichen ist, den verein so zu führen, dass man in zukunft regelmässig um die europa league plätze mitspielen kann und bei geglückter qualifikation nicht einfach “kanonenfutter” für die konkurrenz ist.
    bis jetzt scheint man da auf gutem weg zu sein und für eine überraschung im cup ist das heurige team allemal gut genug.

    weil sich in dieser saison die teams der oberen tabellenhälfte die punkte noch regelmässig untereinander abjagen, könnten die thuner noch eine ganze weile um die tabellenspitze mitspielen. am ende wird es ein platz in der region 3 – 5.

  11. josé bütler sagt:

    tja … die bäume wachsen nicht in den himmel. die leistung gestern war blamabel für den ch-fussball …

  12. Theo Zehnder sagt:

    Der FC.Thun aber auch der FC.Zürich oder YB sind International nur “Bettler”…was auch keine gute Visitenkarte für den
    Schweizer Fussball ist ! Ende Saison wird Thun zwischen Rang 5 – 8 belegen, ähnlich wie Luzern oder GC…

  13. Nino sagt:

    Momentan im Hoch, danach wieder ins Mittelmass, das Kader ist zu schmal und unerfahren um sich langfristig national und international zu etablieren. Schönes Stadion, schöne Umgebung, solides Handwerk, holt Maximum raus mit unbekannten, jungen, talentierten, hungrigen Spielern. Der FC Thun als Ausbildungsclub überrascht immer wieder, ich hätte denen nach dem Aufstieg in die Super League nie diese Leistungen zugetraut, gratuliere, jedoch mehr als Mittelmass liegt vermutlich nicht drin.

  14. Rene Baron sagt:

    Zwei Qualitätsmerkmale blieben unerwähnt: Die Fans und der Nachwuchs.
    Unser erster Besuch im Thuner Stadion bescherte uns ein wunderbares Fussballerlebnis: Thuner Fans die total gut drauf waren ohne dass, im Gegensatz zu den Gästen, auch nur ein einziger ausgerastet wäre. Zwar hatten win in Thun lange Schlangen vor der Ticketkasse aber ABSOLUT kein Gedränge und kein Geschnöde obwohl viele erst lange nach dem Anpfiff ins Stadion fanden. Hier hörten wir Gespräche zwischen Thuner Fans die was von Fussball verstanden, statt nur wie in den Grosstädten die Fäkalsprache zu bedienen. Als Gäste wurden wir respektierte und sogar – stellt euch das mal in Zürich oder Basel vor – um unsere Meinung als “Gegner” gefragt ! Nicht einfach so – sonder aus echter Neugiert.
    Wenn schon der Gast Respekt erfährt wie müssen Thuner Fans wohl erst ihre eigene Mannschaft tragen ? Da herrscht bedingungslose und konstruktive Treue auch in Niederlagen und DAS haben die Thunerfans wiederholt über lange Durstrecken hinweg bewiesen. Wäre ich ein Fussballclub wünschte ich mir Thuner Fans!

    Wer einen Tag mit dem Thuner Nachwuchs verbringt sieht dass auch hier in der “Provinz” absolut erstklassig auf dem Niveau der anderen Grossclubs gearbeitet wird. Nur bilden hier Junioren, Eltern, Trainer, Clubleitung und die Spieler der 1. Mannschaft EINE Familie bei dem sich die Mitglieder nicht zu schade sind sich zu zeigen und auszutauschen. Wenn Spieler der ersten Mannschaft mit der U8 mittschutten dann schafft das einen Kit fürs Leben und Nachwuchs für noch manches Jahr in der Superleague. Wär ich ein Fussballkind, ich würde mit Daddy über einen “Transfer” nach Thun verhandeln !