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Weshalb Zürich die bedeutendste Fussball-Stadt der Schweiz ist

Thomas Renggli am Samstag den 14. Mai 2011

Zürich habe keine richtige Fussball-Kultur, wird landauf landab mit herrischer Arroganz immer wieder behauptet. Diese Aussage basiert auf barer Unwissenheit – oder niederträchtigem Neid. Basel mag für sich momentan mit gewissem Recht die Hoheit beanspruchen. Im historischen Kontext sind Missverständnisse aber ausgeschlossen – nicht nur weil König Joseph I. (mindestens noch bis Anfang Juni) die Fussballwelt vom Zürichberg aus regiert.

Die beiden lokalen A-Klubs haben zusammen mehr Meistertitel gewonnen (39) als sämtliche übrige Super-League-Vereine (32) im Total. Als der Grasshopper Club die Marke setzte (den 13. Titelgewinn), die der FCB im Vorjahr erreichte, ging gerade der zweite Weltkrieg zu Ende (1945).

Vor allem existiert in der Limmatstadt eine Tradition, die eine echte Fussball-Hochburg ausmacht – ein umkämpftes Stadtderby. In Basel (FCB – Nordstern), Bern (YB – FC Bern), St. Gallen (FC SG – Brühl), Luzern (FCL – Kickers) herrschen ebenfalls innerstädtische Rivalitäten, aber im Laufe der Jahre ist derart viel Gras darüber gewachsen, dass sie schon fast musealen Charakter besitzen.

Derbys haben ihre eigenen Gesetze. So abgedroschen diese Floskel auch tönen mag, entspricht sie in ihrem Kern der Wahrheit. Das wird der FCZ am Sonntag im Letzigrund zu spüren bekommen. Die Grasshoppers liegen zwar sechs Plätze und 31 Punkte hinter dem Leader – und befinden sich als einzige Mannschaft der Liga drei Runden vor Schluss im Niemandsland der Tabelle – haben weder etwas zu gewinnen noch zu verlieren. Doch im Rennen um die städtische Vormachtstellung (wenn auch nur für einen Nachmittag) werden sie garantiert keine Geschenke machen. Das freut den FC Basel, den neutralen Beobachter – und den GC-Kassier. Zum zweiten Mal innerhalb von vier Tagen wird im Letzigrund ein Fussballspiel vor praktisch vollbesetzten Rängen über die Bühne gehen.

Im globalen Vergleich ist das Zürcher Derby gleichwohl nur eine regionale Randnotiz.

Hier die Steilpass-Top-Ten der zehn grössten Derbys weltweit:

  1. The Old Firm (Glasgow): Celtic – Rangers. Das Derby der Religionen. Katholiken gegen Protestanten. Bis in die späten 1980er-Jahre wäre es undenkbar gewesen, dass die Rangers einen katholischen Spieler verpflichten. Das änderte sich erst mit dem Engagement des ehemaligen Celtic-Stars Mo Johnson. Für ihre 53 gewonnenen Titel tragen die Rangers 5 Sterne auf dem Trikot. Celtic beschränkt sich auf einen goldenen Stern – für den Gewinn des Meistercups (1967 – als erste britische Mannschaft). Weil sich die Klubs in der Liga viermal pro Saison und daneben im Cup sowie im Liga-Cup regelmässig begegnen, eines der meistgespielten Derbys der Welt.
  2. Superclasico (Buenos Aires): Boca Juniors – River Plate. Das Derby, das in Südamerika alles überstrahlt. Zwar stammen beide Klubs aus dem Stadtteil La Boca. Doch River Plate zog schon in den 1930er-Jahren in den sozial privilegierten Norden der Stadt. Boca spielt noch immer in seinem kleinen engen Stadion La Bombonera. Zwei der besten Fussballer aller Zeiten hatten ihren Auftritt in diesem epischen Duell: Maradona (Boca) und Alfredo di Stefano (River).
  3. Das Duell der Kontinente (Istanbul): Fenerbahce – Galatasaray. Eines der intensivsten Derbys der Fussball-Welt. Galatasaray, aus dem europäischen Teil der Stadt, gilt traditionell als bürgerlicher Klub der Mittelklasse. Fener, aus dem anatolischen Quartier Kadiköy, vertritt die breite Masse. Ein Klassenkampf, der den Bosporus zum Kochen bringt.
  4. Das Derby der ewigen Stadt (Rom): Lazio – AS Roma. Die Fans der AS Roma, die Giallorossi, stammen traditionell aus dem Süden der Stadt. Die Laziali vertreten den wohlhabenden Norden und das Umland der Landeshauptstadt. Es ist auch das Duell zweier politischer Kulturen: Die Romanisti werden der linken Szene zugeordnet. Bei Lazio sorgen immer wieder rechtsradikale Ultras für Negativschlagzeilen.
  5. The North London Derby: Arsenal – Tottenham Hotspurs. Arsenal stammt eigentlich aus dem Süden Londons. Gegründet als Werksteam der Rüstungswerke Royal Arsenal, entschloss sich die Klubführung 1913 über die Themse in die unmittelbare Nähe der Tottenham Hotspurs umzuziehen. Nach dem ersten Weltkrieg stieg Tottenham aus der höchsten Liga ab. Arsenal rückte – ohne sportliche Qualifikation, aber mit viel Vitamin B – nach. Es war der Beginn einer der schönsten Feindschaften im internationalen Klubfussball.
  6. Das ewige Derby (Belgrad): Partizan – Roter Stern. Obwohl die beiden grossen Belgrader Klubs – einst von den jugoslawischen Behörden gegründet – sportlich nicht mehr mit der europäischen Elite mithalten können, ist ihr Duell noch immer ein monumentales Ereignis in der serbischen Hauptstadt – überschattet allerdings von Gewaltexzessen und Hooliganismus, die schon mehreren Menschen das Leben gekostet haben.
  7. Das Revierderby: Borussia Dortmund – Schalke 04. Nur eine halbe S-Bahn-Stunde trennt Gelsenkirchen und Dortmund. Schalke erlebte seine grösste Zeit während des Nationalsozialismus – und muss sich das von den BVB-Fans immer wieder anhören. Sportlich haben sich die Gewichte seither verschoben. Schalke wartet seit über einem halben Jahrhundert (1958) auf den Meistertitel. Dortmund feierte in dieser Zeit fünf Titel. Eines verbindet die beiden Erzrivalen: Sie mobilisieren die Massen und spielen Woche für Woche vor über 60’000 Zuschauern.
  8. Das Pharaonen-Derby (Kairo): Al-Ahly – El Zamalek. Kampf der Ideologien am Nil. Al-Ahly ist der Klub der ägyptischen Unabhängigkeitsbewegung. Zamalek vertritt die bürgerliche Gesellschaftsschicht. Das Derby lockt regelmässig 100’000 Fans ins International Stadium von Kairo. Um die Unabhängigkeit der Schiedsrichter zu gewährleisten, werden regelmässig ausländische Schiedsrichter eingeflogen.
  9. Das Wiener Derby: Austria – Rapid. Ein Klassiker im europäischen Klubfussball – und eines der meistgespielten Derbys. Ähnlich wie in Zürich repräsentieren die beiden Vereine (historisch) den urbanen Klassenunterschied. Rapid steht für die Arbeiterschicht, Austria für die Bourgeoisie. Für echte Fussballromantiker ist es aber nur eines von zwei Stadtderbys. Das kleine Wiener Derby spielen die Vienna und der Wiener Sport Club – die beiden ältesten Vereine des Landes aus.
  10. Tyne-Wear-Derby: Newcastle United – Sunderland. Das Mutterland des Fussballs ist zweimal vertreten (könnte es aber auch fünfmal sein). Newcastle upon Tyne und Sunderland liegen ganz im Norden des Landes nur zehn Meilen voneinander entfernt. Ihre Konkurrenz geht bis zum englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert zurück. Newcastle kämpfte auf der Seite der Monarchie. Sunderland feuerte im Namen des Parlaments.

Sehr geehrte Leser. Ich gehe davon aus, dass Sie nicht in jedem Punkt übereinstimmen. Welches Derby habe ich vergessen? Welches gehört Ihrer Meinung nach ebenfalls in die Top-Ten? Diskutieren Sie mit…

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