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Hilft nur Repression gegen Fan-Gewalt?

Thomas Renggli am Mittwoch den 11. Mai 2011

Wenn heute Abend der FC Zürich den Erzrivalen aus Basel empfängt, werden unweigerlich die Erinnerungen an den 13. Mai 2006 wach. Damals feierte Zürich dank Filipescus Tor in der 93. Minute das spektakuläre Comeback – und den ersten Meistertitel nach 25 Jahren. Der Showdown im St.-Jakob-Park ist aber auch als «Schande von Basel» in die Geschichte eingegangen. Frustrierte FCB-Fans lösten noch auf dem Platz schwere Krawalle aus, verhinderten die geordnete Pokalübergabe – und entfachten eine grosse Debatte über Gewalt und Sicherheit in den Super-League-Stadien.

Ein Thema, das aktueller ist denn je – wie praktisch jedes Wochenende mit ernüchternder Deutlichkeit sichtbar wird. 5. März 2011: Nach dem Auswärtsspiel gegen die Grasshoppers verprügeln YB-Fans im Extrazug nach Bern fünf Transportpolizisten und nötigen diese, in Langenthal auszusteigen. 3. April: Ein Anhänger des FC St. Gallen wirft in Schlieren eine Petarde aus dem Fan-Zug und verfehlt einen Kinderwagen nur knapp. Ein Vater und sein Baby müssen ins Spital. 1. Mai: Nach der Jahrhundert-Pleite in Neuenburg randalieren St. Galler Fans in der Maladière – reissen Stühle aus der Verankerung und schleudern sie aufs Spielfeld.

Diese zufällige Aufzählung spiegelt eine bedauernswerte Tatsache. Die Gewaltexzesse im Umfeld von Super-League-Spielen haben in dieser Saison stark zugenommen. Gegenüber der SonntagsZeitung sagt Marco Cortesi, der Medienchef der Stadtpolizei Zürich: «In der ganzen Rückrunde der Saison 2009/2010 kam es zu Sachschäden bei acht Spielen. In der selben Periode dieser Saison sind es schon doppelt so viel – vier Runden vor Schluss.»

Die Erklärungsversuche der Vereinsverantwortlichen tönen immer gleich: «Bei den Randalierern handelt es sich um eine kleine Minderheit, die den Fussball als Ventil missbraucht – und ihre Gewaltbereitschaft auch an anderen Massenveranstaltungen auslebt.»

Sind die wöchentlichen Ausschreitungen also ein Missstand, der als gesellschaftliches Problem bezeichnet werden muss, dem die Vereine hilflos ausgeliefert sind? Kaum. Klubs und Liga kennen ihre Kundschaft – sie hätten die Möglichkeit, mit rigoroseren Kontrollmechanismen die «schwarzen Schafe» vom Stadion fernzuhalten und auch am Gang zu den Auswärtsspielen (bzw. der Fahrt im Extrazug) zu hindern. Die heiss diskutierte Einführung des «Fan-Passes» zur Registrierung der Matchbesucher wird wohl eher früher als später umgesetzt werden. Denn das von den Fans immer wieder beanspruchte Recht auf «Selbstregulierung» hat faktisch versagt. Alle Chaoten lassen sich davon nicht «befrieden».

Es fällt aber auch auf, dass nicht alle das Übel an gleicher Stelle orten: Roger Schneeberger, Generalsekretär der Polizeidirektoren-Konferenz sagt: «Klubs und Liga haben offensichtlich zu früh an eine Trendwende geglaubt und bei der Bekämpfung der Gewalt nachgelassen.» Als Beispiel führt er die Reduktion der Bussen für Pyros auf. «Es ist ein völlig falscher Ansatz, Bussen zu senken, wenn das Abbrennen von Feuerwerkskörpern noch nicht zurückgegangen ist.»

Wo Rauch ist, ist bekanntlich auch Feuer. Aber das Abbrennen von Feuerwerk – sofern es in geordneten Bahnen verläuft – ist definitiv nicht das Hauptproblem in der Schweizer Krawall-Debatte. Pyros gehören in vielen Ländern zum Fussball wie die Handschuhe zum Torhüter. Hooligans hingegen haben weder ein Interesse am Fussball noch an der Fankultur. Genau deshalb sind sie so schwer greifbar. Nur eine enge Kooperation zwischen Polizei und Klubs könnte daran etwas ändern.

So unsympathisch es für viele tönen mag – vermutlich muss man (wie in Deutschland) der Polizei die Stadiontüren öffnen, um das Problem nachhaltig in den Griff zu kriegen. Oder haben Sie eine bessere Idee?

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