Beiträge mit dem Schlagwort ‘Verkehr’

Die gelbe Pest verbreitet sich

Réda El Arbi am Dienstag den 15. August 2017
Sind nur Vorwand, um Daten zu sammeln: Die Bikes von oBike.

Sind nur Vorwand, um Daten zu sammeln: Die Bikes von oBike.

Ich könnte Kaugummi-Automaten auf öffentlichem Grund in der Stadt verteilen und ich bekäme wohl richtig grossen Ärger, wenn ich keine Bewilligung dafür hätte. Ich kann mich noch erinnern, was für ein Gschiss es damals gab, als die verschiedenen Verlage begannen, ihre Boxen für die Gratiszeitungen aufzustellen.

Trotzdem vermüllt der asiatische «Velovermieter» oBike den öffentlichen Raum mit seinen Mietautomaten.  Die grottenhässlichen Bikes sind nichts anderes als Verkaufsautomaten. Dass die Zahlung per App erfolgt und dass die Automaten nicht am Boden festgeschraubt sind, ist nebensächlich. Und inzwischen metastasiert die gelbe Pest in die Vororte und in die kleineren Städte.

oBike benutzt öffentlichen Grund in der Stadt und im ganzen Kanton, um gewerbsmässig Fahrzeuge zu vermieten. Die Stadt und die betroffenen Gemeinden stellen Infrastruktur aus Steuergeldern zur Verfügung und das Unternehmen macht daraus Geld. Wenn ich einen mobilen Glacestand oder ein Crepe-Mobile, einen Foodtruck oder sonst ein kommerzielles Angebot auf Stadtgrund stelle, dauert es meist kaum fünf Minuten, bis ein Polizist der Abteilung Wirtschaft dasteht und eine Genehmigung sehen will.

Der international tätige  Anbieter der plumpen Drahtesel hat in einem kleinen Kaff ausserhalb Genfs seinen Schweizer Firmensitz. Dort würde er wohl Steuern zahlen, wenn das Geschäft mit dem Veloverleih Gewinn abwerfen würde. Das tuts sicher noch nicht. Das ist aber wohl auch nicht der Hauptzweck der Velos. Das Geschäftsmodell ist das Sammeln von Daten.

Immer überwacht dank oBike.

Immer überwacht dank oBike.

10 000 Mal wurde die App im Grossraum Zürich nach Angaben des Unternehmens bereits heruntergeladen. Die meisten werden die App nicht benutzen. Aber das ist völlig egal. Die App verlangt Zugriff auf Bewegungsdaten AUCH WENN MAN DIE APP GERADE NICHT BENUTZT. Wenn man sich mit Facebook anmeldet, kommen die Freundesliste und die Einsicht in die da gemachten Onlinebewegungen dazu.

Aus den in der App nicht ersichtlichen Datenschutzrichtlinien auf der Homepage von oBike:

«  1. oBike sammelt und speichert die Informationen, die Sie in der oBike App eingegeben haben, oder die Informationen, die Sie uns in anderen Quellen zur Verfügung gestellt haben. Wir werden auch Ihre persönlichen oder gruppenbezogenen Informationen von kooperierenden Unternehmen, Geschäftspartnern und anderen unabhängigen Drittquellen sammeln. »

Das Unternehmen verfügt also bereits über Bewegungsprofile von 10 000 Schweizern. Die Daten können an Dritte weitergegeben werden, also zum Beispiel an die Muttergesellschaft in Singapur. Diese Dritten dürfen dann mit den Daten machen, was immer sie wollen. Die Schweizer Gesetzgebung greift da nicht mehr.

Datenhandel steht aber nicht im Handelsregistereintrag der oBike Schweiz AG.

Nachdem wir den Sklavenbetrieb UberPOP losgeworden sind, haben wir einen neuen Player, der die der Realität hinterherhinkende Gesetzgebung ausnutzt. Die Stadt hätte es in der Hand, da den Riegel zu schieben. Die Regulierungen, die für Marroni-Stände und andere Geschäfte auf öffentlichem Grund so hart sind, sollten auch auf den Datenkraken oBike angewandt werden.

Wir persönlich haben es in der Hand, unsere Daten nicht diesem Unternehmen in den Rachen zu werfen. Und uns zu weigern, deren Gewinn auf Kosten der Allgemeinheit zu finanzieren.

Eine Glacegeschichte (7)

Thomas Wyss am Samstag den 12. August 2017

Zuerst, dachte ich, entledige ich mich der Jacke (damit man mein cooles Che-Guevara-Shirt sehen kann), recke martialisch die Faust in die Luft, rufe «Sin perdón!» und steche ihm mit einem Rambo-Messer beide Pneus auf. Während es dann elend röchelnd die Luft verliert, zerschlitze ich den Sattel, malträtiere mit dem mitgebrachten Vorschlaghammer Pedalen, Rahmen und Speichen bis zur Stufe «irreparabel», und schliesslich übergiesse ich das, was von diesem scheusslichen O-Bike noch übrig ist, mit Benzin und zünde es an.

Dazu entrolle ich trotz der Hitze möglichst feierlich mein im Hausbesetzerstyle gestaltetes Transparent, auf dem steht: «Singapore! If I spit a spearmint chewing gum on your ground, I get penalized as I if were an outlaw… and now you think you can spit – figuratively speaking – a giant yellow-grayblack O-Bike chewing gum on my town without getting punished? Forget it!» (Auf Deutsch: «Singpur! Wenn ich bei dir einen Spearmintkaugummi auf den Boden spucke, werde ich gebüsst, als ob ich ein Gesetzloser wäre… und jetzt meinst du, du könntest – bildlich gesprochen – einen gigantischen gelbgrauschwarzen O-Bike-Kaugummi auf meine Stadt spucken, ohne bestraft zu werden? Vergiss es!») Dieses Transpi halte ich minutenlang grimmig dreinblickend in die mich filmenden Smartphones der deppert bis schockiert dreinblickenden Touristen – und all das am helllichten Tag, mitten in Zürich!

Dann dachte ich, dass es echt ziemlich krank wäre, so was zu tun. Umso mehr, als ich ja in letzter Zeit richtiggehend stolz war, endlich meine innere Mitte gefunden und diese auch in ansprechend gesunder Balance gehalten zu haben. Weiter dachte ich, dass ein Velo ja wahrscheinlich auch so was wie einen Astralleib oder zumindest eine Integrität besitzt, die zu verletzen unter einem ethisch-moralischen Gesichtspunkt betrachtet einer schweren Sünde gleichkommen würde.

Ein nächster, sehr bitterer Gedanke: Wie bünzlig meine Haltung doch war – bloss weil das eine oder andere O-Bike seit einer Woche meinen angestammten Veloparkplatz vor der Tamedia besetzte, wäre ich bereit gewesen, einen kleinen Velo-Jihad loszutreten? Pervers peinlich! Aber noch weit schlimmer: Mit dieser Attitüde lag mein Ich, das sich auf der Leinwand des Lebens immer gern in der Rolle des eigenwilligen Modern Hippie gesehen hat, plötzlich voll auf der aktuellen Mainstream-Züri-Linie… mich schauderte kurz, aber gründlich, wohl im Wissen, dass man so was nicht einfach mit gut duschen wieder wegbringt.

Ja, all das dachte ich. Und plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich heute doch mit dieser Glacekulturgeschichte hatte weitermachen wollen (deshalb auch der Titel), und dass es glaub Teil 3 gewesen war, in dem ich Variationstipps des legendären Aeschlimann-Eiskaffees versprochen hatte. Les voilàs.

Tipp 1: Statt dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace nehme man zwei Kugeln Kaffeeund eineinhalb Kugeln Schoggiglace, alles andere bleibt gleich – die Creme wird etwas süsser, farblich entsteht ein hübscher Zebraeffekt.

Tipp 2: Man gibt 4 cl Zuger Kirsch in die fertige Glacecreme und rührt nochmals kräftig um. Auf süssere Art kann der «Ouuii, ich han es Schwippsli»-Zustand kaum erreicht werden.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 24. März 2017

«In Erinnerung bleiben grossartige
Parties bis spät in die Nacht.»

Radio statt Tequilla: Nach zehn Jahren schliesst die Bar La Catrina im Kreis 4. Aus dem Lokal sendet bald das Zürcher Webradio. Patrick Häberlin, der das kleine Lokal vor zehn Jahren eröffnet hat, ist dort aufgewachsen und hat mit der Bar viele schöne Zeiten erlebt. (Foto: PD) Zum Artikel

 

«Es braucht Mut, aus fünf Meter
rückwärts zu fallen.»

Andréanne Quintal hat nicht nur das Trampolin im Griff. Die kanadische Artistin coacht derzeit die Fratelli Errani im Circus Knie – und sagt ihnen auch, wenn sie einen Trick lieber sein lassen sollten. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Ich zeichne den Klang einer Person.»

Der Künstler Tobias Gutmann reist mit seinem «Face-o-mat» in verschiedene Länder und malt von Leuten abstrakte Porträts – diese seien präziser als jede Fotografie, sagt er. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Ich sehe etwas kommen,
bevor es andere merken.»

Anwalt Ulrich Kohli sieht sich an der Seite der Schwächeren. Selbst wenn er Milliardär und Dolder-Besitzer Urs Schwarzenbach vertritt. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Unser heutiger Wermut
ist klar trinkfreudiger.»

Eine halbe Million Flaschen Jsotta-Wermut sind einst pro Jahre verkauft worden. Das Trendgetränk aus Zürich verschwand 1999. Jetzt wird es in Winterthur wieder hergestellt. Berthold Pluznik, VR-Präsident der Lateltin, setzt voll und mit Erfolg auf das Revival der Getränkemarke.  (Foto: ZVG) Zum Artikel

 

«Eine Spukgeschichte, die
für Zürich einzigartig ist.»

Es heisst, in Zürich gebe es keine Spukhäuser. Falsch: Ein besonders übler Poltergeist brachte hier sogar den obersten Pfarrer um den Verstand. Der Frage, wie es soweit kommen konnte, ist TA-Redaktor Marius Huber nachgegangen. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Wir platzen aus allen Nähten.»

Die «Tribute von Panem»-Filme haben Folgen: Immer mehr Zürcher wollen Bogenschiessen. Doch jetzt wirds eng. Und die Stadt unterstützt den Bau einer neuen Halle nicht. Kurt Nünlist, Präsident des Bogensportzentrum Zürich, findet kaum mehr Platz für das Training der Vereinsmitglieder. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Der Verkehr ist die
grösste Seuche unserer Zeit»»

Der Zürcher Alt-Nationalrat Roland Wiederkehr startet kurz vor Ostern eine Spendenaktion, die Unfallopfern in Indien wieder auf die Beine helfen soll. Er findet, das passe zum Fest der Auferstehung.(Foto: Gaetan Bally/Keystone) Zum Artikel

 

«Witikon ist kein Boom-Quartier mehr.»

Der Verdrängungseffekt hoher Mieten dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Stadtforscher Philipp Klaus. Er warnt vor flächendeckender Verdichtung in Zürich. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Der Böögg vom Lande ist
kein Knallkopf wie der Städter.»

Es sieht definitiv anders aus als sein Kollege aus Zürich: In der Limmattaler Gemeinde Unterengstringen brennt schon an nächsten Sonntag ein Böögg. Er ist nicht nur früher dran als sein Zürcher Leidensgenosse, sondern geht auch entschieden mehr mit der Zeit. Bööggmeister Ralph Pfister spricht von einem «schönen Böögg». (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Wir Frauen müssen erneut aufholen.»

Corine und Ursula Mauch haben sich «Die göttliche Ordnung», Petra Volpes Film über das Frauenstimmrecht, angesehen. Die Zürcher SP-Stadtpräsidentin und ihre Mutter erinnern sich an ihre Familiengeschichte. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Stokys muss gerettet werden.»

Stokys kämpft mit seinen Metallbaukästen ums Überleben. Eine Online-Plattform soll die Firma aus Bauma retten, eine Ausstellung im Technorama mithelfen. Fit machen für die digitale Zukunft heisst deshalb die Devise von Stoky-Geschäftsführer Beat Schaufelberger. (Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Beim Anstehen in der Warteschlange
vor dem Frauen-WC.»

Tele-Züri-Moderatorin Patty Boser auf die Frage, in welcher Situation sie lieber ein Mann wäre. (Foto: Urs Jaudas)

 

 

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 17. März 2017

«Netflix wäre eine schlechte Videothek.»

Die traditionelle Zürcher Videothek Filmriss in Wiedikon schliesst bald ihre Tore. Für die einen sind solche Läden ein kultureller Treffpunkt, für die anderen verstaubtes Brauchtum. Für TA-Redaktor David Sarasin keine Alternative, obwohl er auch ein Neflix-Abo hat. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Autos sind nicht gottgegeben.»

Was für eine Idee: Die Zürcher Jungsozialisten (Juso) lancieren die Initiative «Züri autofrei». Experte Thomas Sauter-Servaes skizziert die Stadt von morgen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Man muss einen Bullshit-Detektor entwickeln.»

Wie geht eigentlich Originalität? Diese Frage wollte der Stadtblog von Roman Maeder alias Larry Bang Bang wissen, der in seinem Wesen einen hartgesottenen Comic-Romantiker und eine sensible Rock’n’Roll-Rampensau vereint. Er hat sie beantwortet … irgendwie. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«Viele Geschäfte werden
im Graubereich abgewickelt.»

Bei der Auftragsvergabe für die gebührenpflichtigen Zürcher Kehrichtsäcke werden Firmen vom Wettbewerb ausgeschlossen. Das verärgert Produzenten von Güselsäcken – und stellt die Stadt Zürich landesweit ins Abseits. Nun wollen Zürcher Politiker durchgreifen. Auch Walter Angst (AL) stört sich an der undurchsichtigen Vergabepraxis in gewissen Zürcher Departementen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Es war eine Riesensauerei.»

Das Kunstwerk «Olivestone» von Joseph Beuys fordert Hanspeter Marty, dem Chefrestaurator des Kunsthauses Zürich einiges ab. Seit 25 Jahren. Und doch wird es letztlich verlorene Liebesmüh sein.(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Es war eine Furzidee.»

Cindy Winkelried glaubt immer an die erstbeste Idee. Sie hört auf ihren inneren Idioten – selbst dann, wenn er ihr eine Bewerbung per Slip einredet. (Foto: Christoph Kaminski) Zum Artikel

 

«Mehr Sport, Klettern beispielsweise
und mehr Zeit für die Familie.»

CVP-Stadtrat Gerold Lauber tritt bei den Wahlen im nächsten Jahr nciht mehr an. Damit ist der Wahlkampf lanciert. Die Bürgerlichen wollen fünf Sitze erobern, die Linken halten dagegen. Nicht mehr die Sorge von Lauber, er weiss schon jetzt, was er nach seinem Rücktritt machen wird. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ich will die Seele eines Rades kennen.»

André Schwyns Leidenschaft? Velos in ihre Einzelteile zerlegen und wieder originalgetreu zusammenzubauen. Einige seiner Werke sind zurzeit im Gewerbemuseum Winterthur zu sehen.  (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Für uns ist der Roboter eine Premiere.»

Sie sind rot, etwa einen Meter hoch und einen Meter breit – die SBB testen im Hauptbahnhof neue, automatische Reinigungsmaschinen. Sie sind rot, etwa einen Meter hoch und einen Meter breit – die SBB testen im Hauptbahnhof neue, automatische Reinigungsmaschinen. SBB-Sprecher Reto Schärli, betont, dass der Roboter keinen Personalabbau bei den Reinigungsteams zur Folge hat. (Foto: ZVG) Zum Artikel

 

«Der Sprengstoff wurde früher entfernt.»

Sie sind ein Überbleibsel aus unsicheren Zeiten: Rund 100 ehemalige Sprengschächte verbergen sich bis heute im kantonalen Verkehrsnetz. Nach und nach werden sie nun beseitigt, wie Kaj-Gunnar-Sievert, Armasuisse-Sprecher, erklärt. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Was ist bloss aus den Gartenzwergen geworden?»

Die Gärten, die an der Giardina in der Messe Zürich diese Woche gezeigt werden, sind üppig und wunderschön. Doch etwas fehlt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Nörgler bringen mich auf die Palme.»

FDP Nationalrätin Doris Fiala auf die Frage, wie lange sie braucht nach ihren Ferien, bis sie sich in Zürich das erste Mal wieder so richtig nervt. (Foto: Doris Fanconi)

 

Velostrassen für Weicheier

Réda El Arbi am Mittwoch den 10. August 2016
Lasst sie nur kommen!

Lasst sie nur kommen!

Ein paar von diesen linksgrünen Kuschelpolitikern wollen in der Stadt eine Art  Schutzgebiet für Velofahrer einrichten. Strassen, in denen Velofahrer besonders geschützt sind und natürlich diese sogenannten Velowege. Und natürlich haben die Autolobby und die Benzinjunkies gleich aufgeheult. Und ich als Hardcore-Biker bin für einmal völlig ihrer Meinung.

Ich meine, wo bleibt denn da der Spass? Nur schon an den Kreuzungen. Wo soll ich mich abstützen, während ich mit einer Hand meinen Soundtrack für die Kopfhörer auf dem Handy programmiere, wenn da keine BMWs neben mir halten? Soll ich auf den Anblick der unsicheren Gesichter verzichten, wenn die Autofahrer neben mir nicht wissen, in welche Richtung ich mein Velo losschiessen lasse, kurz bevor es grün wird? In welchen Rückspiegeln soll ich denn meine coole Frisur überprüfen, wenn die Autos nicht mehr in meine Nähe kommen? Es macht einfach keinen Spass, wenn man nicht zwischen den stehenden Autos hindurch Abkürzungen nehmen und den frustrierten Pendlern in ihren Blechkisten den Finger zeigen kann.

Aber selbst wenn ich kaum je an einer Kreuzung halte, sondern  immer bei Rot zwischen dem Verkehr hindurchbrettere, wäre der Verlust vom Anblick von roten Köpfen nahe an einem Herzinfarkt eine herbe Einbusse in meiner Lebensqualität. Auch würde ich das vergnügliche  Slalomfahren zwischen betagten Fussgängern auf dem Trottoir ausserordentlich vermissen. Das knappe Bremsen mit quietschendem Gummistrich, um Kinderwagen in der Fussgängerzone auszuweichen, hat mir schon ein paar Mal den Tag versüsst.

«Die Velostrassen und die Velowege sind zum Schutz der Velofahrer da!», meinen dann diese Weicheier. Ich bin kein Opfer! Ich habe extra Fahrradschuhe. Ähnlich wie Fussballschuhe, einfach mit den Nägeln an der Seite, um all die Autos abzuwehren, die mir wirklich zu nahe kommen.  Auf meinem Bike klebt ein Sticker mit «Ride to Kill!» und daheim hab ich eine Sammlung toter Rückspiegel, die ich in vollem Gallopp erbeutet habe. Ein paar Mercedessterne von früher sind auch dabei, und ein ganzer Wald kleiner Gummiantennen. Ich muss mir auch keine rechtlichen Sorgen machen. Kommt mir so eine Blechbüchse zu nahe, leg ich mich einfach mit dem Rad hin und verklage den Autofahrer wegen Nichtbeherrschens des Fahrzeugs. Ich bekomme immer Recht. Weil ich David bin und der Benziner Goliath. Und wie wir alle wissen, hat David gewonnen.

Es ist ein Dschungel da draussen und nur die Fittesten überleben. Ich bin gerüstet. Jetzt Schutzzonen da draussen einzurichten, verfälscht die Kräfteverhältnisse. Wir Biker müssen uns nicht ducken, wir müssen aufrüsten und noch härter zuschlagen, wir müssen uns zusammenrotten und die Strassen zurückerobern. Bis die Autofahrer freiwillig den Städten fernbleiben. «Kein Radbreit den Automobilisten!» schreie ich da und stürze mich in den Verkehr!

Oder vielleicht doch lieber bessere Velowege und einige Velostrassen? Was meint ihr,  liebe Automobilisten?

Der egoistischste Suizid

Réda El Arbi am Donnerstag den 17. Juli 2014
Am Stadelhofen sind «Personenunfälle» besonders häufig.

Am Stadelhofen sind «Personenunfälle» besonders häufig.

«Personenunfall sorgt für Verspätungen» hiess es heute in einer Schlagzeile. «Personenunfall»ist der SBB-Euphemismus für «Selbstmord». Es waren zwei Personen, die sich unabhängig voneinander vor den Zug warfen. Früher galt mal die Regel, dass man in der Presse nicht über normale «Personenunfälle» berichtet, um keine Nachahmer zu animieren.

Nun kam die Diskussion auf, wem das Mitgefühl gehört. In meinen Augen sind Menschen, die sich vor den Zug werfen, krasse Egozentriker, die ihr eigenes Leid so sehr in den Mittelpunkt stellen, dass ihnen das Leid, dass sie in Angehörigen oder Zeugen (oder Zugführern) auslösen, egal ist. Suizid ist meistens eine egoistische Tat. Aber es gibt Unterschiede. Ob ich mir nun im Alter ein gewisses Mass an Würde erhalten möchte und mich vor Schmerzen und geistigem Verfall mit einem tödlichen Medikamentencocktail davonschleiche, oder ob ich ich mich während der Stosszeit öffentlichkeitswirksam  von einem Zug zerquetschen lasse, ist nicht dasselbe.

Natürlich sind Menschen, die sich vor einen Zug werfen, krank. Trotzdem gehört mein Mitgefühl in diesem Falle den Hinterbliebenen. Ich finde es sogar gefährlich, mit zuviel Betroffenheit und Aufmerksamkeit auf solche Ereignisse zu reagieren. Wer sich vor einen Zug wirft, sucht nicht nur den Tod. Er versucht der Gesellschaft zuzuschreien: «Das habt ihr nun davon». Es ist eine Art Amoklauf, bei dem oberflächlich gesehen nur der Täter verletzt wird. Und solche Amokläufe gieren nach Aufmerksamkeit, selbst im Tod. Darum gibts auch die Nachahmer.

Aber eben: Wenn man etwas genauer hinschaut, triffts nicht nur den Selbstmörder, es gibt da zum Beispiel noch die Familie. Und eben den Lokführer. Vielleicht ein Familienvater, der dann wochen- oder monatelang nicht mehr schlafen kann, Psychopharmaka nehmen muss und unter einem Trauma leidet. Bei den Zeugen einer solchen Tat dasselbe. Wieso haben wir also nur Hass für Amokläufer die sich selbst richten, aber viel Verständnis für Leute, die ihre Umgebung auf subtilere Weise verletzten? Krank sind beide.

Mein Mitgefühl gehört also den Angehörigen. Und den Leuten, die mit ihrer Krankheit ringen – und sich Hilfe holen. Sei es beim Arzt, beim Geistlichen oder in einer Selbsthilfegruppe.

«Zeig mir dein Velo, und ich sag dir wer du bist»

Réda El Arbi am Dienstag den 22. April 2014
Lowrider gibts in Zürich wenig. Leider.

Lowrider gibts in Zürich wenig. Leider.

Die kalten Tage sind vorüber und in der Stadt wimmelt es wieder von Velos. Alle Arten von Zweirädern sind auf Trottoirs, Velostreifen, Strassen und auch abseits der gepflasterten Wege unterwegs. Wir haben uns die Drahtesel angeschaut und erklären, weshalb welches Rad von welchem Biker bevorzugt wird.

Treppe hoch, Treppe runter.

Treppe hoch, Treppe runter.

Das alte Rennvelo

Das alte Rennvelo ist ein Statussymbol der urbanen Kreativen. Wie hat schon Ian Constable in seinem epischen Song «Hippiekacke» gesungen: «Mit em Rennvelo is Atelier isch …» und auch der berühmte Roni ist mit einem alten Renner unterwegs. Am besten ein Peugeot, grün, mit beigen Wicklungen an den Griffen und Ledersattel. Die Fahrer dieser  Räder haben eine innige Beziehung zu ihrem Rad. Sie nehmen es mit in die Wohnung, auch wenn sie es dafür fünf Stockwerke in die Dachwohnung im Kreis 4 schleppen müssen. Sie geben ihm einen Namen (manche auch nur heimlich) und wenns geklaut wird, machen sie bei ihrem Yogalehrer eine Trauertherapie mit Abschiedsritual. Dieses Velo hat einen kleinen Schlitten für ein Anstecklicht, das meist irgendwo mit leeren Batterien in der WG liegt.

Knackige Hosen, geile Gadgets und cooler Helm.

Knackige Hosen, geile Gadgets und cooler Helm.

Das neue Rennvelo

Der Fahrer eines neuen Renners ist meist technikbegeistert und erzählt allen, die es wissen wollen (oder auch nicht), welchen Karbonanteil die hintere Bremsscheibe aufweist und warum die Wabenstruktur den Rahmen stabiler hält. Wenn er bei den Vorteilen der Gangschaltung ankommt, merkt er meist nicht mehr, dass sein Publikum bereits schläft. Das neue Rennrad ist ein Sportgerät und wird nicht im Alltag eingesetzt. Es ist mit GPS ausgerüstet und mit Facebook verbunden, damit die Welt jeden Kilometer, den der Radfan am Wochenende um den Zürisee schafft, bewundern kann. Dieses Fahrrad hat ein Anstecklicht, welches der Fahrer abnehmen und in einer Spezialtasche seiner ultraengen, leuchtneonfarbenen Radlerhose verstauen kann.

Ja, so muss das aussehen.

Ja, so muss das aussehen.

Das Fixie

Dieses Rad ohne Gänge ist etwas für Hipster, deren Imagebewusstsein eine enorme Leidensfähigkeit beinhaltet. Diesen Fahrern ist es zu verdanken, dass alle relevanten Clubs in Zürich nicht weiter als 1.5 Kilometer auseinander liegen – mehr schafft der hippe Clubbesucher ohne Gangschaltung nicht, schon gar nicht nach vier Uhr morgens, wenn er in die Clubs geht. Der Besitzer kauft ein Fahrradschloss, das halb soviel kostet wie das Rad und das dem Existenzialismus, den so ein Velo ausstrahlen soll, diametral widerspricht. Ausserdem ist es überflüssig, weil kein normaler Mensch ein Rad klauen würde, das weder über Gangschaltung noch über Leerlauf (und oft nicht mal über Bremsen) verfügt. Lustig ist es, zuzuschauen, wie dem Fahrer die Pedalen um die Füsse knallen, wenn er überraschend bremsen muss. Licht gibts keins, das wäre dekadent.

Wir auch freiwillig gefahren.

Wird auch freiwillig gefahren.

Das Militärvelo

Überraschenderweise wird dieses rustikale Vehikel meist von Leuten gefahren, die den Militärdienst aus Gewissensgründen verweigert haben und eher progressiv eingestellt sind. Es ist das Markenzeichen von in die Jahre gekommenen Revoluzzern und verfügt auch über mehr Image als Fahrkomfort. Das Gewicht des Rads entspricht dem eines kleinen Panzers und so machts auch keinen Sinn, sich damit weiter als drei Kilometer fortzubewegen. Es ist mit dem Fixie verwandt, obwohl es mit Gangschaltung und Bremsen ausgerüstet ist, können nur Menschen, denen Image mehr zählt als Funktionalität, damit fahren. Es hat ungeheuer schöne Lampen vorne und hinten, für die man leider nirgends mehr Glühbirnen findet. Und ist der Dynamo (der aussieht, als könne man damit in Kriegszeiten eine Stadt mit Notstrom versorgen)  zugeschaltet, wird das Bewegen der Pedalen unmöglich.

Ohne Worte.

Ohne Worte.

Das Downhill-Bike

Das Downhill-Bike ist der wilde Bruder des neuen Rennvelos (siehe oben), quasi der SUV unter den Velos. Es hat Federn, die soviel kosten wie ein zweites kleines Velo, verfügt über technische Finessen, mit deren Fähigkeiten man wohl eine Mondlandefähre konstruieren könnte und wird meist von Sportlern gefahren, denen ihr Leben nicht besonders viel wert ist. Sie sind dazu gedacht, auf einem imaginären Pfad, Trail genannt, einen Berg herunterzufahren und auf dem nach unten Weg möglichst viele Spaziergänger anzufahren. In Zürich ist es einfach, sie in freier Wildbahn zu beobachten: Es gibt nur einen Trail, den man ohne Aufwand (illegal in der Üetlibergbahn) erreichen kann: Der Üetsgitrail. Die Fahrer strahlen nach drei Minuten Abfahrt so, als ob sie den Mount Everest hintergerotzt wären. Um authentisch zu wirken, werden die Schlammspritzer am Bike niemals abgewaschen. Dieses Velo verfügt über abnehmbare Halogenleuchten, die mit ihrem Licht die Netzhaut der nachtaktiven Waldfauna verbrennen.

Kein Statussymbol.

Kein Statussymbol.

Der Drahtesel

Der Drahtesel ist ein altes Fahrrad, meist mit drei oder fünf Gängen und ohne irgendwelchen Schnickschnack. Eine Klingel, zwei Bremsen ohne Scheiben, ein unbequemer Sattel, hässliche Handgriffe und eine Farbmischung, die in den Augen schmerzt. Diese Art Fahrrad wird von Zürchern benutzt, die bereits mehr als ein teures Velo an die Stadt verloren haben und dann nachts weinend vor einem aufgekippsten, schweineteuren Schloss knieten und sich geschworen haben, dass ihnen das niemals wieder passiert. Dieses Velo hat zwar ein Licht, aber der Dynamo ist meist kaputt.

DamenradDas Damenvelo

Das Damenvelo ist die Schwester des Drahtesels. Es ist grundsätzlich dazu gedacht, von A nach B zu kommen, ohne dass frau sich den Sommerrock in den Speichen einklemmt oder sich undamenhaft auf den Sattel schwingen muss. Nur, wie alles in Zürich, kann ein Damenvelo auch ein Statement sein: Von einem Mann gefahren bedeutet es, dass der Fahrer sich einen Dreck um Konventionen, Genderrollen oder Statussymbole kümmert. Er ist cool genug, um nicht auf teure Bikes, Hipsterschleudern und antike Renn- oder Militärvelos zurückgreifen zu müssen. Es heisst «Ich bin Status, ich brauche keine Objekte». Natürlich muss der bärtige Typ auf dem Damenvelo nicht unbedingt ein Hipster sein, es kann sich auch um einen Junkie handeln, der am Bahnhof einfach kein anderes Velo klauen konnte. Damenräder werden mit völlig nutzlosen, integrierten Schlössern gesichert, oder mit ebenso nutzlosen, kleinen Zahlenschlössern mit drei Ziffern. Sie haben Licht, und das funktioniert meist sogar.

So sehen grüne Homeys aus. Ya, man.

So sehen grüne Homeys aus. Ya, man.

Der Lowrider

Lowrider sind eigentlich keine richtigen Fahrräder. Sie sind die 5er BMWs unter den Fahrrädern und eignen sich eigentlich nur, um cool damit an der Ecke herumzustehen. Noch hat sich in Zürich kein wirkliches Zielpublikum für diese Art Räder gefunden, da die die Überschneidung zwischen grünen politischen Ansichten und knallharter Homey-Mentalität sich hier in Grenzen hält. Es könnte sich als Substitut für junge Raser eignen, die den Führerausweis auf Lebenszeit abgeben mussten. Dieses Bike hat als Licht eine verchromte Lampe, die früher Teil eines 56er Rolls Royce Silver Shadows war.

Der Designer hat früher Zahnbürsten entworfen.

Der Designer hat früher Zahnbürsten entworfen.

Das Elektrobike

Das Elektrobike ist ein Fahrrad für Leute, die aus Überzeugung auf ein Auto verzichten, aber trotzdem die ganzen Dinge unternehmen wollen, die man sonst mit dem Auto macht. Mit Unterhalt und allem kostet es auch beinahe soviel wie ein Kleinwagen. Dieses Fahrrad muss von Idealisten gefahren werden, da man sich für die bisherigen ungeheuer schlechten Designs in Grund und Boden schämt, wenn man nicht innerlich überzeugt ist, dass es sich auf Karmaebene lohnt, auf ein Auto zu verzichten. Kaum jemand unter Dreissig fährt ein E-Bike, weil es den Jüngeren zu peinlich, bzw. auch zu teuer ist. Dieses Velo hat Licht, das kaum Strom verbraucht, immer funktioniert und biologisch abbaubar ist.

In diesem Sinne:

«Holzschue!» – «Schafseckel!»

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag den 27. März 2014
In der Hektik des Stadtverkehrs Zeit für kreative Beschimpfungen: Velofahrer.

In der Hektik des Stadtverkehrs Zeit für kreative Beschimpfungen: Velofahrer.

Es gibt Tage, Wochen, da geschieht nichts, was die Öffentlichkeit interessieren könnte. Klar, man hört Geschichten, X ist gestorben, Y hat eine Affäre, Berlin wird überschätzt.

Das Wetter war sorglos, paradiesisch, als ich an einem Morgen über den Fussgängerstreifen ging, auf dem See zogen die Ruderer ihren Strich im Wasser, die Autos, unterwegs zur Arbeit, liessen mich passieren, ein Radfahrer brauste auf dem Velostreifen heran, soll ich jetzt über den Streifen rennen?, dachte ich, nein, der Tag ist zu schön, ich spaziere.

Auf dem Rad sass ein Typ um die fünfzig, wie soll ich sagen, ein Alternativer, aber mit Geld, alles hatte Qualität, sein Rennrad, der schwarze Sweater, der silberne Velohelm, der kleine Rucksack. Er musste bremsen, fiel aus seinem Rhythmus, und wie er sich auf seinem Rad aufrichtete, sah ich: Er verträgt keinen Spass. «Holzschue», sagte er, als er hinter mir vorbeizog, ich schaute ihm nach, wie er wieder Fahrt aufnahm, «Schafseckel», rief ich ihm nach.

Holzschue, wahrscheinlich hat er recht, aber was meinte er damit? Ich sei ein Idiot? Schwerfällig? Nicht zeitgemäss?

Im Verkehr habe ich eine pragmatische Haltung. Das einzige Ziel ist, möglichst reibungslos aneinander vorbeizukommen, je eleganter, desto besser. Belehrungen sind meist langweilig und primitiv. Es ist erstaunlich, wie selbstregulierend die Meute der Autofahrer sein kann, wenn sich alle dem Ziel unterordnen, dass es fliesst, selbst im Chaos von Palermo oder im endlosen, nie abreissenden Strom von Los Angeles. Jeder schaut nur für sich, und weil das alle so machen, kommt man vorwärts.

Die Strasse ist kein Ort der Selbstverwirklichung, sie hat keine andere Aufgabe, als A mit B zu verbinden; Städten und Gegenden, die das begriffen haben, kann man eine zivilisatorische Leistung attestieren. Ich habe das zum ersten Mal vor vielen Jahren realisiert, als ich in Schweden war, wo man stundenlang über Land fahren kann, ohne eine menschliche Behausung zu sehen, trotzdem ist die Geschwindigkeit streng limitiert. In einer fortgeschrittenen Zivilisation ist die Strasse, wie gesagt, eine funktionale Angelegenheit, ein Ort der Vernunft.

Eine Erkenntnis, die für Velofahrer in der Stadt nicht gilt. Auch für mich nicht, übrigens. Auch ich fahre über Trottoirs, springe vom Randstein direkt auf die Fahrbahn, kurve um Fussgänger, gefährde Kinderwagen. Das hat sicher historische Gründe, weil sich das Velo seinen Platz auf den Zürcher Strassen erkämpfen musste und weil es einen gesellschaftlichen Bonus geniesst dank seiner Umweltfreundlichkeit.

Wer sich auf ein Rad setzt, meint immer noch, eine Art Revolutionär zu sein. Und wie es in revolutionären Gesellschaften üblich ist, herrscht da oft ein anarchischer Geist, seltsamerweise gepaart mit einem bornierten Dogmatismus, einer unmenschlichen Rechthaberei, es reicht, die Geschichte der Sowjetunion zu studieren. Da ist so ein «Holzschue» eher harmlos. Aber wie gesagt, es gibt Tage, Wochen, da nicht viel geschieht.

MiklosMiklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.

Uto Kulm: «Zu sanft, zu romantisch, zu perfekt»

Réda El Arbi am Mittwoch den 2. Oktober 2013
Das Essen wird im illegal angebauten Wintergarten liebevoll serviert.

Das Essen wird im illegal angebauten Wintergarten liebevoll serviert.

Der Stadtblog besucht in den nächsten Wochen  einige der schönsten, billigsten oder auch gewöhnlichsten Schlafplätze der Stadt, welche die Einwohner sonst selten zu Gesicht bekommen: Wir checken als Zürcher in Zürcher Hotels ein und verbringen dort eine Nacht als Gäste. Und wo sollte die Serie sonst beginnen als auf dem Zürcher Hausberg, dem Üetsgi? Unser Autor verbrachte eine «romantische Nacht» im Hotel Uto Kulm.

«20 Minuten vom Hauptbahnhof» hiess es auf der Homepage des Hotels Uto Kulm. Nun, ich bin ja nicht zum ersten Mal auf den Üetzgi und weiss, dass danach noch gute 20 Minuten Fussweg durch den Wald anfallen. Offenbar ist dies aber nicht allen Besuchern bewusst. Auch nicht, dass ein nicht asphaltierter Waldweg vom Bahnhof zum «Top of Zürich» führt. Auf dem Weg zu meinem romantischen Abendessen überhole ich eine Dame in High Heels und schicker Abendgarderobe, die wahrscheinlich ihre Wahl des Outfits verflucht. Der dichte Nebel, der von Anfang September bis zum ersten Schnee die Zürcher Dämmerung begleitet, schafft es leicht, nette Abendkleider in feuchte Lappen zu verwandeln.

Nebel wie in einem Edgar-Wallace-Film.

Nebel wie in einem Edgar-Wallace-Film.

Oben angekommen sehe ich dann natürlich nicht die Lichter der Stadt. Man sieht nicht mal die Lichter der Strassenbeleuchtung, die der Nebel schon nach einigen Metern verschluckt. Nun könnte man sich über den Nebel beschweren, aber ehrlich gesagt, mir gefällts. Der Nebel ist so dicht, als ob ihn ein Requisiteur für einen Edgar-Wallace-Film aus einer Maschine geblasen hätte. Er weckt den Wunsch nach gemütlichem Hotelzimmer, Rotwein und leckerem Essen bei Kerzenlicht.

An der Rezeption empfängt mich eine freundliche Deutsche, die mir die Schlüsselkarte in die Hand drückt und mir erklärt, wo ich Zimmer und Sauna-Landschaft finde. Meinem demokratischen Selbstverständnis kommt es durchaus entgegen, dass mir niemand meine leichte Tasche aus der Hand zu nehmen und mich aufs Zimmer zu begleiten versucht, wie es in anderen 4-Sterne-Häusern vorkommt. Nur weiss ich nicht, ob reiche Gäste aus Übersee das auch so empfinden. Schliesslich zahlt man schon bis zu 900 Franken für eine exklusive Suite. Aber vielleicht liegt’s auch daran, dass ich von der Presse bin, und man mich keinesfalls beeinflussen will.

Das Zimmer

Das Zimmer selbst, mit «Aussicht», ist nicht das teuerste. Die Aussicht kann ich natürlich nicht genauer definieren, da der Nebel bis 20 Zentimeter vor die Fensterscheibe wabert. Aber schliesslich lebe ich ja hier und weiss, wie’s aussehen könnte. Die Einrichtung ist modern und gemütlich, aber eher spartanisch: Ein Doppelbett, ein kleines Badezimmer, ein Einbautischchen und genug Platz, um maximal zwei kleine Koffer abzustellen. Aber natürlich hab ich nicht die Luxusversion, die Romantiksuiten mit allem Pipapo, gebucht (man ist schliesslich bescheiden), sondern ein «Lifestyle»-Zimmer, obwohl sich mir nicht wirklich erschliessen will, was denn hier genau «Lifestyle» sein soll. Es gibt sicher Verbesserungspotential: Die kleine Begrüssungsüberraschung auf dem Bett ist ein Wernli-Guetzli, lieblos in Werbeplastik verpackt, wie man es in jedem durchschnittlichen Restaurant zum Kaffee bekommt. In einer Stadt mit Institutionen wie Sprüngli und Teuscher wäre eine kleine, hübsch verpackte Überraschung aus Schokolade eine verdiente Belohnung für den Aufstieg durch den Wald. In der Dusche findet sich ein Seifenspender auf dem «Body & Hand Wash» steht. Er erinnert mich ein wenig an öffentliche Toiletten. Keine eleganten kleinen Fläschchen mit Schampoo, die man einpacken kann. Ich nehm mir dafür vor, den Hotelkugelschreiber zu klauen.

Dann gibts dann eine postive Überraschung: Eine Kaffeemaschine auf dem Zimmer. Der Freudenmoment wird aber gleich wieder  getrübt, als ich lese, dass eine Kapsel drei Franken kostet. Was ich für einen selbstzubereiteten Kaffee mit Milchpulver aus dem Tütchen selbst für Zürich ein wenig anmassend finde.

Das Essen

Nach einer Dusche mach ich mich auf in den Speisesaal. Im Wintergarten (der illegale Anbau, für den der Besitzer Giusep Fry berühmt wurde) sitzt eine Gruppe Geschäftsleute, die sich gesittet amüsiert und drei oder vier Pärchen, die das Romantik-Paket gebucht haben. Wahrscheinlich feiern sie ihre Beziehungsjahrestage oder er will ihr einen Heiratsantrag machen. Während ich Nüsslisalat aus eigenem Anbau knabbere und danach auf meine Kürbissuppe warte, sinniere ich über diese Form von Romantik. Im Kino scheint das mit den Kerzen und dem Hotel immer zu funktionieren. Hier sehe ich auch leuchtende Augen, selten getragene Abendkleider, schimmernde Rotweingläser und höre leises Geklimper des Bestecks. Ich persönlich hätte in solchem Ambiente das Gefühl, dass mir irgendwer etwas verkaufen will. Zu sanft, zu romantisch, zu perfekt. Aber ich bin auch ein alter Nörgler, der überall den Haken sucht.

Nach der hervorragenden Suppe folgen Tortelloni mit einem Hauch von Zitrone und zum Schluss ein blutiges Stück Rind mit Kartoffeln. Gutes Essen stimmt mich sanftmütig. Aber der  kleine Teufel auf meiner Schulter fragt sich, was passiert, wenn eine Dame hier nicht gleich in Tränen ausbricht und zu einem Heiratsantrag schmachtend «Ja, ich will» sagt. Für einen Beziehungsstreit ist das Hotel nämlich nicht besonders gut gelegen. Es wirkt einfach nicht dramatisch, wenn man man wutentbrannt aus dem Hotel stürmt und dann erst 20 Minuten durch den Wald stiegeln muss, um dann noch eine halbe Stunde auf den Zug zu warten. Noch schlimmer ists, wenn der Streit nach 23.30 Uhr stattfindet: Dann gibts nämlich gar keine Fluchtmöglichkeit mehr per Bahn. Und sich aufs Zimmer zurückzuziehen, um sich an der Minibar volllaufen zu lassen, geht leider auch nicht. Dazu ist einfach nicht genug Alkohol in der Minibar. Also, meine Herren, wenn ihr eurer Liebsten da oben einen Heiratsantrag machen wollt, wartet nicht bis zur letzten Minute oder lasst ihr einen ehrenvollen Ausweg («Du brauchst nicht gleich zu antworten …»).

Die Sauna

Nach dem etwas schweren Schokoladenkuchen entscheide ich mich für einen Besuch der «Sauna-Insel». Gute Entscheidung. Nach 22 Uhr ist die «Insel», die sich als kleine Grotte im Keller herausstellt, verlassen und steht mir alleine zur Verfügung. Ich habe die Wahl zwischen normaler Sauna und Menthol-Dampfbad, kann mich mit irgendwelchen Luxus- und Wellnessmagazinen nackt auf den Liegen hinlümmeln, und, sollte mir der Sinn danach stehen, in die Eisgrotte zum Abkühlen. Mir steht der Sinn nicht danach. Das Kühlelement in der Grotte gibt mir das Gefühl, in einem riesigen Eisschrank gefangen zu sein. Aber die Sauna-Insel und das gute Essen machen den Abend zum Erfolg, auch wenn ich da und dort nörgele.

Der Morgen

Nach einer viel zu kurzen Nacht (unsereins muss früh aufstehen, nicht die ganze Arbeit besteht aus Testen von Luxushotels) finde ich mich vor dem reichlich bestückten Frühstücksbuffet wieder. Wenn ich eine Frühstücksperson wär, würde mich das Angebot sicherlich zufiredenstellen: Fleisch, frische Rühreier, gutes Brot, Müesli und vieles mehr. Aber ich bin nun mal eine Kaffeeperson. Und hier leistet sich das Hotel einen Kardinalfehler: Obwohl  sie wirklich guten Kaffee zubereiten können, reichen sie zum Zmorgen einen Krug mit labbrigem Filterkaffee, wie man ihn sonst nur in England kriegt. So früh am Morgen kann das einem passionierten Kaffetrinker den Tag versauen.

Ich packe meine Sachen und geh zur Reception, um auszuchecken. Wieder sehr freundliches Personal, wieder aus Deutschland (in Zürich scheint man offenbar keins zu finden) und auch hier noch ein kleiner Fehler zum Abschied: Ich kriege eine kleine, eigentlich geschmackvoll gestaltete Blechschachtel im Retro-Design. Und ja, da ist Schokolade drin, aber leider wieder nichts Spezielles, sondern einfach eine ordinäre Tafel Schoggi aus dem Supermarkt. Ich knabbere sie auf dem Weg nach unten, wo mich die Bahn aus dem unwirklichen, abgelegenen Nebelschloss wieder in die hektische Stadt bringt.

Wenns nebelfrei war, gabs früher das Schild «Uetliberg hell»

Wenns nebelfrei war, gabs früher das Schild «Uetliberg hell»

Olten: Lektionen in Demut

David Sarasin am Freitag den 20. September 2013
Nicht nur eine Durchfahrt wert: Oltens Altstadt

Nicht nur eine Durchfahrt wert: Oltens Altstadt

«Ich muss nicht in der Kronenhalle sitzen und Zürigschnätzlets essen, um mich als ganzer Mensch zu fühlen» – diesen Satz sagte der in Olten lebende Schriftsteller Alex Capus vor ein paar Jahren am Radio. Und dieser Satz war es auch, der mich reizte, selbst einmal nach Olten zu fahren. Angespornt auch von Kollege El Arbi, der bereits verschiedene Schweizer Städte durch die Züri-Brille beäugt hat. Kann man in der Kleinstadt Olten als Zürcher sogar Bescheidenheit lernen?, fragte ich mich, Capus’ Statement folgend.

Zudem war ich noch nie in Olten. Bloss dieser Witz ist mir geläufig: «Kennst du Olten?» – «Ja, da bin ich glaub auch schon durchgefahren.» Tatsächlich fahren täglich 300’000 Menschen in 1100 Zügen durch Olten. Dies erklärt mir Oltens Stadtschreiber Markus Dietler, den ich bei meinem Ausflug direkt beim Bahnhof, auf der Aareterrasse, treffe.

Graue Powermäuse?

In meinem Kopf stets die Frage: Könnte ein Schickimicki-Szene-Grossstadt-Zürcher von einem Olten-Besuch profitieren? Dieser Kleinstadt im Mittelland, von der selbst ihr Stadtschreiber sagt, sie sei «ziemlich genau Schweizer Durchschnitt», und deren Eishockey-Team eine Graue Maus als Maskottchen trägt (der Übername des Teams lautet dagegen Powermäuse)? Was die Oltner am liebsten über ihre Stadt sagen, ist, dass sie die zentralste der Schweiz sei. Weil man nach Luzern, nach Basel, nach Zürich und nach Bern jeweils nur eine halbe Stunde benötigt. Dass keine Stadt im Mittelland weiter weg von allen urbanen Zentren liegt als Olten, verschweigen die Oltner natürlich gerne.

Nun gut. Der Bahnhof zeigt sich imposant. Eine immense Glas-Stahl-Konstruktion überspannt das zwölf Perrons umfassende Gleisfeld. Darunter der Nullpunktstein der SBB und das legendäre Bahnhofbuffet, worin der Schriftstellerverbund Oltner Gruppe (Franz Hohler und Freunde) tagte und der Schweizer Alpen-Club gegründet wurde. Dietler führt mich von der Terrasse aus entlang dem Aareufer zur 1803 erbauten Holzbrücke. «Die älteste Holzbrücke der Schweiz, seit die Luzerner Kappellbrücke abgebrannt ist», kommentiert er. Auf dem Fahrrad kreuzt Volkan, der Bruder des Neapel-Spielers Gökhan Inler, unseren Weg. «Er arbeitet bei uns im Werkhof», weiss Dietler. Ebenso, dass Volkan ebenso talentiert gewesen sei, nur eben etwas weniger ehrgeizig als sein Bruder.

In einer Minute durch die Altstadt

Oltens Altstadt ist in einer guten Minute durchschritten. Es gibt pittoreske Ecken, ja. Ebenso ein imposanter Kirchenturm und zahlreiche Kneipen. 70 sind es insgesamt, eine erstaunliche Zahl für eine Stadt mit 18’000 Einwohnern. Die seien übrigens mit der Grösse der Stadt sehr zufrieden, wie Dietler wiederholt. «Viele Bewohner verstehen nicht, warum Olten weiter wachsen muss, sie sind glücklich damit, wie es ist», sagt der Stadtschreiber, während wir zusammen auf der Terrasse des Stadthauses im elften Stock stehen und die wolkenbehangenen Hügel überblicken. Ein Satz, der uns Zürchern eher fremd ist.

Wir kehren im Flügelrad ein, der Beiz, die die Schriftsteller Pedro Lenz und Alex Capus, zusammen mit dem Publizisten Werner De Schepper, betreiben. «Wir sorgen uns weniger um unser Image und mehr darum, wie es unseren Einwohnern geht», sagt Dietler bei einem Café crème in der alten Bähnler-Kneipe.
Nach einer Stunde muss der Stadtschreiber zurück an die Arbeit, während es mich in den Rathskeller verschlägt, der von den Oltnern liebvoll «Chöbu» genannt wird. An den dunklen Holzwänden des Chöbu prangen Flinten und Revolver aller Art, zwei Stammtische sind abends um fünf bereits voll besetzt. «Wer zwei Abende im Rathskeller verbringt und sich nicht allzu dumm anstellt, ist danach ein Oltner», sagte Capus im Radio-Interview. Warum? Weil der ehemaligen Untertanenstadt Solothurns Standesdünkel fremd seien. Im Gegensatz zu anderen Städten der Schweiz.

Junkies stossen mit Direktoren an

Zwei Pensionäre setzen sich wortlos zu mir. «Ich bin zum ersten Mal hier», sage ich. «Wir nicht», antwortet einer lakonisch und lacht. Er habe damals beim FC Olten gespielt, sei aber schon lange Fan des FCZ. Wobei man hier in Olten grundsätzlich eher für den FCB fiebere. Zum altehrwürdigen Chöbu äussert er sich so: «Hier sitzen Junkies neben Direktoren, Pensionäre stossen mit Politikern an.» Vor dreissig Jahren sei der Chef in Amerika gewesen und habe Hamburger mitgebracht, erklären beide. «Den müssen Sie probieren.» Was ich dann auch tat, bevor ich wieder über die Aare zum Bahnhof schlenderte.

Die Züge fahren viermal pro Stunde nach Zürich. Doch zuerst mache ich noch einen Abstecher zum Bahnhoffbuffet, wo nur noch eine Tafel an die Gründung des Alpen-Clubs erinnert. Ansonsten sorgt der aktuelle Pächter Autogrill sorgfältig dafür, dass das geschichtsträchtige Bahnhoffbuffet aussieht wie ein 0815-Restaurant.

Ich bezahle meine Stange und verlasse fast etwas wehmütig diese Ortschaft, die so entspannt ist und frei von Dünkeln, dass man es als Zürcher schon fast nicht mehr glauben mag. Dabei liegt Olten gerade mal eine halbe Zugstunde von der City entfernt. Vielleicht erschrecken wir Zürcher auch einfach manchmal, dass dieses Sympathisch-Provinzielle so nahe bei uns liegt. Besonders dann, wenn wir mal wieder damit beschäftigt sind, Weltstadt zu spielen.

Das kennen die Meisten von Olten: Den Bahnhof

Das kennen die meisten von Olten: Den Bahnhof