Beiträge mit dem Schlagwort ‘Stadt’

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 8. September 2017

«Viele murksen sich regelrecht in das
Kondom rein und dann platzt es.»

Die Condomeria hält und hält sich im Zürcher Niederdorf. Der Zürcher Stadtblog kennt das Erfolgsgeheimnis. Ein Besuch mit Produkte-Test bei der Geschäftsführerin Erika Knoll. Sie weiss auch, weshalb Männer tendenziell immer zu kleine Kondome kaufen. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Zürich muss wachsen.»

Wie die neue Stadtbaumeisterin Katrin Gügler das Zürich der Zukunft plant. Sie sagt: «Die maximale Gebäudehöhe von 80 Metern wird in gewissen Gebieten Zürichs fast zum Standard.» (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Immer mehr Kinosäle für immer
weniger Publikum.»

Mit der Eröffnung des Kulturhauses Kosmos in der Europaallee gibt es 40 Prozent mehr Plätze in Arthouse-Kinos. Eigentlich ein Grund zur Freude, aber die Besucherzahlen gehen seit Jahren zurück. Die Konkurrenz spart nicht mit Kritik. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Wir sind ständig am Bücherrücken.»

Ohne das umsichtige Magazinteam würde in den Büchergestellen der Zürcher Zentralbibliothek schnell einmal das Chaos ausbrechen. Die Leiterin und «Ordnungshüterin» Bettina Heuser ist fast täglich auf der Suche nach mehr Platz. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ein Nothelferkurs hat noch
niemandem geschadet.»

Der Nothelferkurs soll nach 40 Jahren abgeschafft werden. Zürcher Experten wie der ehemalige Fahrlehrer Luzius Rüegg haben keinerlei Verständnis für diese Forderung der Strassenverkehrsämter. (Foto: Keystone/Walter Bieri) Zum Artikel

 

«Wir verstehen uns alle auch persönlich gut.»

Die «Top 5» der FDP, CVP und SVP üben sich zum Wahlkampfauftakt im Schulterschluss. Nicht alle verbreiten allerdings die gleich gute Laune. Das offizielle Werbebild ist aber keine Montage mit Photoshop, sondern alle waren für den Fototermin persönlich anwesend, wie FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger versicherte. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Wir haben den Braten noch
gerochen, aber nicht gesehen.»

Ein neuer Bericht der Aufsichtskommissionen des Zürcher Gemeinderats zeigte, wie eigenmächtig Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) jahrelang gehandelt hatte. Es ist auch eine Geschichte des Wegschauens. Sehr zum Leidwesen von Ex-AL-Gemeinderat Niklaus Scherr. (Foto: Keystone/Christian Merz) Zum Artikel

 

«Bei Bullenschwein hört der Spass auf.»

Eine neue Studie belegt, dass zwei Drittel der Polizisten im täglichen Einsatz beleidigt und beschimpft werden. Tendenz zunehmend Nun fordert der Verfasser Daniel Kindlimann seine Kollegen auf, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Genial, wenn man solche
Hirsche beobachten kann.»

Einst waren die Rothirsche fast ausgestorben, nun haben sie sich im Kanton Zürich wieder angesiedelt: Erstmals ist es nun gelungen, diese scheuen Tiere zu filmen. Freude herrscht bei Martin Kilchmann, Sprecher des Naturerlebnisparks Sihlwald. (Foto: Florian Möllers/Wild Wonders of Europe) Zum Artikel

 

«Take This Walz. Leonard Cohen.»

Schauspielerin Rachel Matter, aktuell im Theater Ticino in Wädenswil zu erleben, auf die Frage, welches ihr Lieblingssong ist. (Foto: Sabina Bobst)

 

Eine Glacegeschichte (6)

Thomas Wyss am Samstag den 5. August 2017

Bei einer Stadt, die erstmals auf einem 185 n. Chr. gemeisselten Grabstein erwähnt wird – die aus dem Lateinischen übersetzte Inschrift lautet: «Den Manen. Hier liegt Lucius Aelius Urbicus begraben, der ein Jahr, fünf Monate, fünf Tage lebte. Unio, von Augustus freigelassen, Vorsteher der turicensischen (zürcherischen) Zollstation, [des Zollbezirks] Quadragesima Gallia, und Aelia Secundina, die Eltern ihrem liebsten Sohn» –, die also schon eher lang existiert, darf man sich nicht wundern, dass sie auch die eine oder andere Klatsche einstecken musste.

Zum Beispiel bei der «Schlacht bei St. Jakob an der Sihl» vom 22. Juli 1443 (die in der Nähe des Tamedia-Sitzes stattfand, nämlich da, wo sich heute die Tramhaltestelle Stauffacher befindet… wir hatten also Dusel, dass unser schönes Holzhaus noch nicht stand, das wäre bestimmt abgefackelt worden), bei der sieben der Acht Alten Orte der Eidgenossenschaft auf Zürich losgingen, weil sich Zürich aus Expansionslüsten seines Bürgermeisters Rudolf Stüssi, einer verwegenen Kriegsgurgel, mit den Habsburgern verbündet hatte. Am Schluss der Schlacht habe Stüssi allein die Sihlbrücke verteidigt – dazu gibts übrigens tolle Actionbilder von Werner Schodoler (1514) und Johannes Stumpf (1548) –, wobei er dann von einem pervers feigen Eidgenossen hinter- beziehungsweise unterrücks (sprich mittels Speer mitten ins Gemächt!) zu Tode gebracht worden sei.

Oder, auch das tat elend weh: die 5:6-Niederlage im Cuphalbfinal vom 3. März 2004 im Hardturm gegen die Grasshoppers. Und, nicht zu vergessen, der Verlust des Titels «Die Stadt mit der höchsten Lebensqualität» an Wien.

Doch wie schmerzhaft diese Pleiten auch sein mögen – sie sind auszuhalten, weil sich Zürich in allen erwähnten Fällen der gebotenen Herausforderung stellte. Und just darum ist das, was am 22. Juli an der Wurstsalat-WM passierte, unerträglich! Und mit «die Schande von Frick» noch viel zu nett betitelt!!!

Dammisiech, echt! Dabei hatten wir die Züribieter Wusa-Talente mehrfach dazu aufgefordert, bitte die Messer zu wetzen, um die letzte relevante Lücke im städtischen Titelpalmarès zu stopfen… und dann berichtete unser Aargau-Korrespondent völlig verstört, er habe unter den rund 40 bewerteten Tellern keine einzige Zürcher Kreation entdeckt. Ein solcher Menefreghismo könnte sogar in Italien bestehen!

Als wir dachten, schlimmer gehts nimmer, meldete sich Frau Ammann und meinte, sie hätte mit ihrem Rezept – «Cervelat, Tomaten aus dem Garten, gelbe Peperoni, hart gekochte Eier und Gürkchen in zierliche Würfel schneiden, in einer grosszügig angesetzten Vinaigrette mit Zwiebeln und etwas Knoblauch lange genug ziehen lassen, mit slowfoodmässig in Butter gebratenen Pommes rissolées im selben Grössenverhältnis und Spinatsalat servieren; der Kalt-warm-Effekt und das kunterbunte Aussehen: immer wieder der Renner!» – das Wurstsalatdesaster womöglich verhindern können. Warum sie es nicht versuchte? Hat sie leider nicht erwähnt.

PS: Stimmt, der heutige Titel hat mehr versprochen, als er einlösen konnte. Sorry. Gleichwohl sind wir dem Ziel, die längste Zürcher Glacekulturgeschichte ever zu fabrizieren, wieder einen Schritt näher gekommen. Cool.

Eine Glacegeschichte (5)

Thomas Wyss am Samstag den 29. Juli 2017

Wir würden ja gern gemütlich beginnen, wie es sich für einen Sommerferienmorgen gehört. Einen Schluck kalten Kaffee nehmen (ganz früher sagte man, das sei Schnee von gestern, später behaupteten Forscher, das steigere die Attraktivität, und heute heisst das Zeugs «Cold Brew» und gilt als Trendgetränk – ob sich die Welt allenfalls doch eher rückwärts entwickelt?). Dazu würden wir zum Stück «La Mirada» («Umoja Remix») von Nicola Cruz durch die Wohnung tänzeln und daran denken, dass in den letzten zwei Tagen gleich drei wichtige Menschen Geburtstag hatten («Happy Hippie Birthday Stöffeler, Leuli und Oeschgi!»), dann unter die Dusche schwofen und dort, dem erfrischenden Nass ausgeliefert … tja, leider nein: Wir haben eine Traktandenliste abzuarbeiten. Sie umfasst zwar bloss zwei Punkte, ist aber dennoch ziemlich gewichtig. Los gehts.

1. Wie wir letzte Woche schrieben, bedauerte Leser Rothenhäusler, dass die einzige Eiscreme, die er liebe – die Cassata siciliana – in Zürich nirgendwo erhältlich sei. Wir konnten das kaum glauben – und wir hatten recht! Leser Schikowski teilte netterweise mit, dass eine feine Cassata im Ristorante Tramblu im Kreis 6 auf der Dessertkarte stehe. Grazie per l’informazione!

2. Es gibt Erzählungen, die sind herzerwärmend. Und es gibt solche, die sind noch ein wenig mehr als das; im aktuellen Kontext würde das Adjektiv (oder ists ein Adverb? Ich kann die Dinger einfach nie auseinanderhalten) «glaceschmelzend» gut passen.

Eine solche Erzählung hat uns Frau Spieler geschickt. Im Brief stand, sie sei in Wollishofen aufgewachsen, weshalb das in Teil 3 dieser Glacegeschichte publizierte Rezept des Eiskaffees, der im Aeschlimann serviert wurde (also in der Wollishofer Beiz meiner Grosseltern), bei ihr eine schlummernde Erinnerung wachgeküsst habe.

Frau Spieler, damals acht oder neun Jahre jung, sass an einem heissen Sommertag im Garten des Aeschlimann und löffelte im Beisein ihrer Mutter besagten Eiskaffee aus einem eisgekühlten Silberbecher. Wegen der Sonne entschied die Mutter, den Platz zu wechseln, und stand auf. Frau Spieler tat es ihr gleich, griff nach den beiden Eisbechern, klemmte einen unter den Arm und dann… hier der O-Ton des Briefs: «Das war wohl keine so gute Idee gewesen – lief doch der Inhalt des Eiskaffees über mein schönstes Sommerkleid und tropfte auf meine weissen Söckchen und in die Sandalen. Das Kleid war rosa Organza und mit Blümchen bestickt – dazumal was ganz Spezielles.» Dem dürfen wir beipflichten; dem Brief war nämlich ein herziges Foto aus dem Familienalbum beigefügt, das Klein Frau Spieler im adretten Gewand zeigt.

Danach passierte das, was anno dazumal bei solchen Vorfällen halt einfach gang und gäbe war: Es gab schlimm Schimpfis vom Mami – vor allen Leuten –, und zu Hause gabs viel Trost vom Grossmami, die, wie im Brief zu lesen war, das Kleid wieder tadellos sauber brachte.

Molto bene. Und nächsten Samstag, in Teil 6, kommen wir nebst weiterer Glacekulturgeschichte dann auch noch auf das kollektive Zürcher Versagen an der 5. Wurstsalat-WM vom vergangenen Samstag (bereits geläufig als «Die Schande von Frick») zu sprechen.

Eine Glacegeschichte (4)

Thomas Wyss am Samstag den 22. Juli 2017

Ein zeitgeistiger Zeitungsredaktor würde jetzt stöhnen: «Ach Leute, bitte, so geht das nicht, so kommen wir mit dieser Sache nie ins Ziel… es gibt doch wirklich noch andere und vor allem wichtigere Themen… wieder und wieder auf dieser Sache rumzureiten – Pardon: an dieser Sache rumzuschlecken –, ich weiss nicht, das ist doch nicht nötig, das wird echt langsam öde.»

Ein Vertreter der guten alten Schule würde dagegen erst mal betont höflich sagen: «Merci villvillmal!» Danach würde er aus schierer Freude am Leben eine (natürlich rein imaginäre; die echte könnte er sich gar nicht leisten, zudem sei Rauchen ja glaub ungesund) Habano anzünden – notabene aus dem Anbaugebiet Vuelta Abajo – und diese Scheinzigarre würde er genauso genüsslich paffen, wie der grosse FCZ-Präsident Edi Nägeli selig nach den sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen seine realen Triumph-Stumpen paffte (ich bin übrigens ziemlich sicher, dass er das morgige Derby, Fliege, Hornbrille und Hut inklusive, von der himmlischen Ehrentribüne aus mitverfolgen wird). Und wenn der fette Glimmstängel beendet wäre – also wohl ungefähr jetzt –, würde er für alle Leserinnen und Leser, die bislang nur dezent amüsiert die Stirn runzelten, endlich Klarheit in dieses textliche Dunkel bringen… ja, und genau das will ich alter Schüler nun tun.

Fakt nämlich ist: Obwohl diese Beiträge zur Zürcher Glacekultur offenkundig geprägt sind durch eine ( je nach Sichtweise bedenkliche oder erstaunliche) Brisanzarmut, haben sie Post bewirkt. Emotionale Post sogar, auf die ich selbstverständlich eingehen will. Was wiederum weitreichende Folgen hat. Die erste: Das für heute angekündigte Programm wird – wie bereits die Programme der letzten Wochen – kurzfristig über den Haufen geschmissen. Die zweite: Die Serie, ursprünglich als Zweiteiler angedacht, wird lang und länger. Die dritte: Die Begeisterungsstürme, die diese Spontanverlängerung auslöst, sind (charmant formuliert) nicht überall gleich hemmungslos. Die vierte: Statt zu kuschen, rufe ich «Watsky!» (das ist vergleichbar mit Trumps «covfefe», bloss konkreter) und versuche nun, die längste Glacekultur-Serie in der langen Geschichte dieser Stadt zu bewerkstelligen. YEAH! (Okay, yeah! genügt auch).

So, genug aufgeklärt, reden wir über die zuvor erwähnte Post. Die zuerst in Form eines Mails von Herrn Rothenhäusler eintrudelte. Er schrieb, er liebe «nur die weisse Glace vom altmodischen Cassata (die mit den kandierten Früchten)», doch keine einzige Gelateria weit und breit habe Cassata im Angebot («nicht mal die mit 100 Sorten»), er verstehe das nicht. Echt wahr? Ist dieser italienische Klassiker, der im Original «Cassata alla siciliana» heisst, in Zürich nicht mehr erhältlich? Wer anderes weiss, bitte melden!

Ja, und dann kam der Brief von Frau Spieler. Das kindliche Eiskaffee-Erlebnis, das sie darin schildert, ist derart herzig und köstlich, dass es sünd und schad wäre, damit die wenigen hier verbleibenden Zeilen zu füllen; wir machen das lieber ausführlich in Teil 5 am nächsten Samstag – und rufen jetzt stattdessen nochmals alle Zürcher Wurstsalat-Könner dazu auf, unsere Farben heute Abend an der Wusa-WM in Frick AG würdig zu vertreten!

Timbuktu

Miklós Gimes am Donnerstag den 16. März 2017

Letztes Jahr ist der FC Zürich abgestiegen – dieses Jahr könnte es GC erwischen. Noch ist es nicht so weit, aber schon wird wild fantasiert. «Wenn GC so weiterspielt», behauptete mein Freund aus Basel, «kommt es zur Fusion, jede Wette! In zwei Jahren gibts nur noch einen Club in Zürich.» – «Warum?», gab ich zurück. «Wir haben kein Problem, wenn GC absteigt. Der FCZ ist ja bald wieder oben.»

Fusionieren, das ist Basler Denken, eine Basler Allmachtsfantasie. Zugegeben, wer je einen der legendären europäischen Abende in Basel erlebt hat, weiss, dass guter Fussball eine Stadt glücklich machen kann. Fussball holt einen Ort aus der Anonymität der Provinz: Wer hat Donezk gekannt, bevor Schachtar aufgetaucht ist in der Champions League? Wer hat von Ludogorez gehört? Von Auxerre? Aber gleich fusionieren? Muss denn Zürich im europäischen Fussball eine Adresse sein? Der Einzige, der mir ein bisschen leidtut, ist Pierluigi Tami, der entlassene Trainer von GC. Ich mag seinen aristokratischen Akzent und seine neunmalkluge Art am Fernsehen.

Als es Tami noch gut lief, etwa vor einem Jahr, soll er Angebote aus der Bundesliga erhalten haben. Stuttgart wollte ihn. Tami hat abgelehnt. Aus Loyalität zu GC, hiess es. Es wäre die Chance seines Lebens gewesen. Jetzt macht er vielleicht einsame Spaziergänge und grübelt über den Sinn der Existenz nach. Für uns Zaungäste, die am Rand des Spielfelds stehen oder einfach nur die Zeitung lesen, ist Fussball ein endloser Roman. Eine Telenovela, die grösste Serie der Welt.

Die Geschichte von Tamis verpasster Chance erinnert mich an den Vater eines Mitschülers meiner Söhne. Wir standen kürzlich nach einer Geburtstagsparty draussen auf dem Parkplatz und warteten auf unsere Kinder. Es war einer der ersten Abende, die nach Frühling rochen, der Mond leuchtete über der Stadt. Er erzählte von seinen Reisen, wie sie als junge Leute durch den Osten der Türkei gefahren seien, mit dem Bus, in die verlassensten Gegenden, die Einheimischen hätten sie bestaunt, sie wurden eingeladen, man trug ihr Gepäck, gab ihnen warmes Essen. Es war eine Geschichte, die eine ganze Generation damals erlebt hat, vor bald dreissig Jahren.

«Heute würde ich für keine Million zurück dorthin», sagte er. Die Gegend sei zu unsicher, Reisende seien angegriffen und entführt worden. Aber damals habe er keinen Moment daran gedacht, dass sie in Gefahr sein könnten. «Die Türken sind friedliche Menschen», sagte er, noch ganz in seinen Erinnerungen, und ich sah sie vor mir, ein junges Paar, wie sie durch die Gassen gingen, stehen blieben, fragten, staunten, Dörfer voller Geheimnisse.

«Ich war auch in Marokko damals», erzählte er, er sei monatelang durchs Gebirge getrampt, und noch jetzt bereue er, dass er nicht nach Timbuktu gereist sei, als die Kameltreiber ihm den Trip angeboten hätten. 52 Kameltage durch die Wüste bis nach Timbuktu, für nichts, ein paar Hundert französische Franc. Heute sei die Strecke lebensgefährlich. «Verpasste Chance», sagte er, «auf dem Kamel durch die Wüste, sieben Wochen lang.» Er lächelte. «Das wird nie wieder kommen.» Dann hörten wir die Kinder, wie sie johlten und schrien, aufgedreht von der Geburtstagsparty.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 2. Dezember 2016

«Die neuen Schilder werden respektiert.»

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Die Stadt hat ihr Velostrassen-Pilotprojekt gestartet. Der Tages Anzeiger hat die Strecke getestet und da un dort Tücken gefunden. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Vollgestopfte Trams nerven mich.»

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Fabienne Louves, Sängerin und Schauspielerin, auf die Frage, wie lange es geht, bis sie sich nach den Ferien in Zürich wieder über etwas so richtig nervt. Louves tritt zurzeit im Musical «Cabaret» in Zürich auf. (Foto: Urs Jaudas)

 

«Das Chaos ist bei uns Programm.»

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Der Autor Domenico Blass hat für die Zürcher Märchenbühne das aktuelle Kindermärchen in ein «Nightmär-chen» für Erwachsene verwandelt. Dabei geht es ab und zu auf der Bühne ganz schön turbulent her und zu. Das ist allerdings beabsichtigt, denn die herzige Märchenwelt wird von den Special Guests aus dem wirklichen Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. (Foto: PD)

 

«Oerlikon ist irgendwie ein No-go.»

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Es geht rasend schnell: Kein Zürcher Quartier verändert sich so schnell wie Oerlikon – der neue Bahnhof, der diese Woche eröffnet wurde, beschleunigt den Wandel. Altes wird rar. Charlotte Spindler zog eben vom hippen Zürcher Kreis 4 nach Oerlikon. Was die 70-Jährige mag: Es ist ruhiger. Wovon sie gerne mehr hätte: Kultur. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Als ich reich war, kaufte ich
mir einen Mercedes.»

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Stephan Remmler, der Schöpfer von «Da, da, da», teilt Fahrzeuge lieber, als sie zu besitzen. Das war früher anders. Der Musiker weilte für Dreharbeiten in Zürich. (Foto: Danila Helfenstein) Zum Artikel

 

«Alles was man falsch machen kann,
wurde falsch gemacht.»

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Teddy A. ist von mehreren Zahnärzten fehlbehandelt worden. Er kann nicht mehr richtig essen, nicht mehr gut kauen, ist depressiv und arbeitslos. Die Zahnärzte, die für den Pfusch verantwortlich sind, weigern sich aber, Schadenersatz zu zahlen. (Foto: Giorgia Müller) Zum Artikel

 

«Die Leuchtsäulen erreichen
eine hohe Beachtung.»

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Die Stadt Zürich baut das Angebot der beleuchteten Plakatsäulen auf öffentlichem Raum aus. Die Einnahmen sind beträchtlich. Die Werbewirkung auch. Das Werbeunternehmen Clear Channel betreibt zurzeit 27 Leuchtdrehsäulen in der Stadt. Franziska Givotti hofft nun auf neue Aufträge. (Visualisierung: PD) Zum Artikel

 

«Polizisten müssen sich
an den Datenschutz halten»

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Peter Mathys ist Quartierpolizist in Schwamendingen. Sein erster Krimi erzählt von einem pädophilen Zürcher Richter, den mächtige Leute im Polizeiapparat schützen. Ist das alles nur frei erfunden? (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ich war überrascht, was wir alles entdeckten.»

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Naomi Eggli (Bild) und Donovan Gregorys Tribeka-Karte weist den Weg zur Schönheit der Stadtkreise 3 und 4. (Foto: Giorgia Müller) Zum Artikel

 

«Momente einfangen, die nicht mehr kommen.»

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Smartphones ersetzen herkömmliche Fotoapparate. Die Ausstellung «iPic» in Begegnungszentrum der HIV-Aids-Seelsorge zeigt, wie sich unser Umgang mit Fotos verändert. Kursleiter Gino Granieri staunte über die Resultate der Kursbesucher. (Foto: Roger Pitschi) Zum Artikel

«Die Stossrichtung stimmt.»

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Dauerärger am Üetliberg: Die geplante Verkehrsregeln gehen den Anwohnern zu wenig weit. Jetzt muss sich die Sicherheitsdirektion von Mario Fehr (SP) damit befassen. Margrith Gysel, Präsident des Vereins Pro Üetliberg, ist gespannt, wie es weitergeht. (Foto: Tom Kawara) Zum Artikel

Tempel des Fortschritts

Miklós Gimes am Mittwoch den 30. November 2016

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Vor ein paar Tagen realisierte ich, dass die Fraumünsterpost verschwunden ist. Wobei, es gibt sie noch als Poststelle neben der Brasserie Lipp an der Urania, im ehemaligen Feinkostgeschäft, wo der Traiteur Seiler drin war, aber es ist nicht mehr dasselbe. Die alte Fraumünsterpost war 1891 im Stil eines toskanischen Palazzo erbaut worden; man hat die Schalterhalle vollgestopft mit dem üblichen Postramsch, aber sie erinnerte irgendwie an die Zeit, als die Hauptpost einer europäischen Stadt ein Tempel des Fortschritts war, der weltweiten Kommunikation, des globalen Handels: quasi das Internet des 19. Jahrhunderts.

Meine Mutter hat dort gearbeitet, als ich klein war, im Saal mit den Rechenmaschinen, hinter dem Schalterraum, wo die Einzahlungen addiert wurden. An langen Pulten stand Rechenapparat hinter Rechenapparat, ein riesiger Galeerenraum voller fleissiger Frauen, in dem es endlos ratterte, die Musik des Kapitalismus.

Jetzt kommt dort ein Lidl hinein. Sang- und klanglos, der Auszug der Post war still. Zürich ist eine nüchterne Stadt, pragmatisch, eine Businessstadt, man schaut nach vorne. Der Geist der alten Post wird entschwinden, ins Museum, wenn mal eine Ausstellung über die Gründerzeit organisiert wird.

Dabei macht doch das Nebeneinander und Übereinander verschiedener Zeitebenen die Faszination einer Stadt aus. Der Geist der Gründerzeit gehört nicht ins Museum, sondern dorthin, wo er weiterlebt. Man muss drinstehen in der hohen Schalterhalle und seine Einzahlungen machen. So ein Gebäude ist mehr als eine Hülle, mehr als eine Fassade, bloss um die historische Bausubstanz zu bewahren. So, wie auch der Geist des Mittelalters weiterlebt in der Stimmung der Kathedralen, die noch heute zum Gottesdienst rufen.

Städte haben eine Geschichte, diese braucht Platz, um sich zu manifestieren.

Wenn aber Städte nur noch die grössten Hits der Vergangenheit bewahren, ihre Best-of-Liste, dann verliert sich das Nebeneinander und Übereinander der Zeitebenen, dann dünnen die Städte aus, es gibt nichts mehr zu entdecken. Klar kann man sagen: Megacool, so ein Lidl in der alten Post, das Leben ist Wandel, alles fliesst. Aber irgendwann ist die alte Post vergessen – wer weiss noch, dass die Apotheke am Bellevue mal ein Café war, die verschwundene Hälfte des Odeons? Und das Café Forum an der Badenerstrasse ein Kino, die grösste Revolverküche der Stadt?

Zugeben, man muss das nicht unbedingt wissen. Aber so eine Hauptpost ist das Symbol einer Epoche – was wäre Genf zum Beispiel ohne den Postpalast an der Rue du Mont-Blanc, grösser und feudaler als die Fraumünsterpost?

Übrigens, Genf. Kürzlich war ich dort, und man hat als Besucher das Gefühl, die Stadt sei etwas gemütlicher als Zürich, zugänglicher, lebendiger. Weniger durchgestylt, weniger von Trends getrieben, weniger auf Hype aus, weniger aufgeregt, weniger darauf aus, oben zu bleiben und nichts zu  verpassen, was andernorts läuft.

Aber gut, jetzt kommt Lidl. Logistisch eine gute Wahl. Der Markt am Bürkliplatz liegt in der Nähe, das wird ein lustiger Preisvergleich. Und die Lieferwagen können problemlos in den Hof der alten Post fahren, das weiss man seit dem Raubüberfall von 1997.

Provinz bleibt Provinz

Alex Flach am Montag den 7. November 2016
Machen den Stadtclubs keine Konkurrenz: Luca Hänni im Alpenrock

Machen den Stadtclubs keine Konkurrenz: Luca Hänni im Alpenrock.

Für den Stadtzürcher endet der Kanton beim Milchbuck. Hermatswil? Schleinikon? Von einer Ortschaft namens Aesch hat man zwar schon einmal gehört, aber dass es im Kanton Zürich gleich drei Dörfer mit diesem Namen gibt… da staunt der Wiediker und auch der Züribergler wundert sich. Der Städter nimmt den Kantönler nur bei Abstimmungen wahr und dann meistens als «Verhinderer», «Landei» und «Hinterwäldler».

Dabei schielt er jeweils neidisch gen Basel Stadt: «Hach… haben die ein Glück, dass sie sich die Urne nicht mit der Landbevölkerung teilen müssen». Redet man über Clubkultur, dann kennt der Stadtzürcher die Vorgänge in Berlin besser als jene in Winterthur: Le canton de zurich n’existe pas.

Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass die kantonalen Nachtlebenmacher ihre städtischen Kollegen das Fürchten lehrten. Bis vor wenigen Jahren war man zwischen Tiefenbrunnen und Bahnhof Altstetten der Meinung, dass die städtischen Clubs durch die rasant anschwellende Konkurrenz auf dem Land in die Bredouille kämen: Nicht nur in der Zürcher Landschaft haben damals die Clubs im Monatstakt eröffnet, sondern auch im Kanton Aargau, dessen junge Bevölkerung einen guten Teil des Publikums in Zürcher Clubs ausmacht. Viele Stadtzürcher Clubbetreiber haben damals dunkle Wolken aufziehen sehen: «Wenn die einen eigenen Club vor der Haustür haben… warum sollten sie dann noch den Weg nach Zürich unter die Räder nehmen?».

Die Sorgenfalten hätten sie sich sparen können, denn so schnell wie das Nachtleben auf dem Land aufgetaucht ist, so plötzlich ist es auch wieder verschwunden. Von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, konnten sich Clubs mit urbaner Programmierung ausserhalb der grössten und der kantonalen Hauptstädte wie Zürich, Bern oder Basel nirgendwo durchsetzen: Auf dem Land wohnende Ausgeher mit Vorliebe für zeitgenössischen House und Techno haben sich zwar über jede Club-Eröffnung in ihrer Nähe gefreut und dem betreffenden Lokal in den Anfangswochen auch die Ehre erwiesen, sind dann aber nach kurzer Zeit an den Wochenenden wieder nach Basel in den Nordstern oder nach Zürich ins Hive gefahren.

Wer heute an einem Samstagabend über die Stadtgrenzen hinausfährt, um zu gucken, was in Dübi, Effi oder Richti läuft, sollte seine Abneigung gegenüber Shisha Lounges, Pubs und auf Clubmusik machende Hitparadenmucke tunlichst zuhause lassen. Die einzigen Nachtlebenbetriebe, die sich auf dem Land zu etablieren vermochten, sind jene, die gar nicht erst versucht haben auf Stadt zu machen, deren Betreiber sich von Anfang an bewusst waren, dass sie sich an ein Publikum wenden müssen, das nicht in die Stadt fährt, weil es dem dortigen Nightlife nichts abgewinnen kann und dem man ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Programm bieten muss. Im Alpenrock in Dietikon läuft Musik von DJ Antoine, im Pirates in Hinwil setzt man auf Classic Rock, Schlager und 80‘s und im Evita in Wetzikon auf einen musikalischen Kessel Buntes und neuerdings auch auf Shishas.

Die städtischen Clubbetreiber können sich zurücklehnen: Ihre Welt endet wieder am Milchbuck.

alex-flach2-150x150-1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Liebe Koch-Areal-Besetzer …

Réda El Arbi am Montag den 10. Oktober 2016
Besetzungen sind wichtig für die Stadtentwicklung.

Besetzungen sind wichtig für die Stadtentwicklung.

Liebe Besetzer vom Koch-Areal,

eigentlich sollte ich auf eurer Seite sein. Ich halte Besetzungen für sinnvoll. Und ich kenn auch einige Leute, die ihre Zeit bei euch verbringen.

Aber zur Zeit verhaltet ihr euch wie die krassesten Konsumenten im Ausverkauf. Ihr wollt möglichst viel haben, aber nichts dafür geben. Mehr Freiraum, mehr Freiheit, aber keine Kompromisse, keine Gegenleistung. Und wenn, dann nur unter massivem Druck und mit dem trotzigen Gesicht eines zu Unrecht bestraften Schülers.

Leider endet eure Freiheit da, wo die der anderen beginnt. Und damit meine ich nicht nur die Lärmemissionen bei euren Partys, ich spreche auch von Hundekot rund ums Gelände (ja, das mag spiessig sein, aber andere Hundehalter und Hunde bezahlen die Rechnung dafür), ich meine die Art, wie ihr den Anwohnern im Alltag begegnet. Einfach grundsätzlich die Art, wie ihr mit den Leuten umgeht, die eure Infrastruktur und die Polizeieinsätze bezahlen. Das sind nämlich keine Bonzen, das sind ganz normale Stadtbewohner.

Nun, mit eurer ignoranten Haltung gegenüber eurem Umfeld, gegenüber den Reklamationen, mit der lässigen Arroganz, mit der ihr Anwohner behandelt, die nicht so erfreut über eure Emissionen sind, schadet ihr euch in erster Linie selbst. Damit könnte ich leben. Handlungen haben schliesslich Konsequenzen.

Aber ihr gebt dem politischen Gegner – hier und heute der SVP und der FDP – Munition in die Hand, um jetzt und in Zukunft hart gegen Besetzungen vorzugehen. Ihr macht kaputt, was Generationen vor euch in einem harten Kampf erstritten haben. Sorry, dass ihr das verpasst habt. Aber so wie ihr den Freiraum nutzt, scheint es, als ob ihr nicht mal mit dem umgehen könnt, den euch die Gesellschaft überlässt.

Mir ist klar, dass einige eurer Köpfe nicht über euren Clan hinaus denken, dass ihr euch als kulturelle  und politische Elite versteht, die sich hart von der «Mainstream»-Gesellschaft abgrenzen muss. Mir ist klar, dass eure Solidarität in erster Linie den eigenen Genossen gilt, und dass man entweder für euch ist oder zum Feind gehört. Mir ist auch bewusst, dass eure basisdemokratische Organisation inzwischen an einzelnen, charismatischen Persönlichkeiten, die den Ton in verschiedenen Grüppchen angeben, krankt. (Natürlich will keiner von denen mit Namen und Gesicht hinstehen …)

Trotzdem liegt es heute in eurer verfluchten Verantwortung, dass leerstehende Häuser auch in Zukunft besetzt werden können, ohne dass daraus gleich Strassenschlachten entstehen. Natürlich würden sich einige unter euch über Strassenschlachten freuen. Aber glaubt mir, das sind entweder pubertäre Vollidioten oder ideologisch Verblendete. Ich erkenn das, ich war beides. Es geht hier nicht um Politik oder Kultur. Es geht hier um einen Grundanstand im Umgang mit anderen Menschen.

Aber um zum Anfang zurückzukommen: Euer Verhalten ist weder sozial noch solidarisch oder demokratisch. Euer Verhalten ist elitär und unterscheidet sich in seiner psychologischen «Wir,wir,wir»-Anspruchshaltung eigentlich nur wenig vom «Ich, ich, ich»-Verhalten einer selbsternannten, neoliberalen Elite. So schön einzelne eurer sozialen Projekte auch sind, so stark verlieren sie an Glaubwürdigkeit, wenn ihr euch eurem direkten Umfeld gegenüber wie asoziale Egoisten verhaltet.

Ihr wollt mehr Freiraum? Ok, übernehmt Verantwortung für den Raum, den ihr bereits habt. Dann könnte es sogar sein, dass es auch in Zukunft Ecken und Nischen gibt, die alternativ genutzt werden können.

Schönen Herbst wünsch ich.

PS: Und ja, diejenigen, die mich jetzt nicht mehr so gut finden, dürfen mich dafür als was auch immer bezeichnen. Aber diesmal nicht mehr anonym. Wer etwas zur Diskussion beitragen will, kann das auch anonym tun. Wer einfach nur haten will, fliegt raus. Das gilt ebenso für rechte Hetzer. Ich hab nämlich die Schnauze voll, mich von gesichtslosen Feiglingen beschimpfen zu lassen.

«Einmal Gehirnwäsche, bitte!»

Réda El Arbi am Mittwoch den 10. Juni 2015
Wir bemerken die Gehirnwäsche nicht mehr, obwohl wir sie bezahlen.

Wir bemerken die Gehirnwäsche nicht mehr, obwohl wir sie bezahlen.

Heute morgen auf meinem Weg durch die Stadt fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: mir wurde das unablässige Bombardement von Werbebotschaften, die ich sonst nicht wahrnehme, bewusst. Ich kam mir ein wenig vor wie Neo, als er sich in «Matrix» für die rote Pille entschied und aufwachte.

Ich fing an zu zählen, und in weniger als 20 Minuten kam ich auf über 600 Werbebotschaften – Plakate, Aufdrucke, Inserate, Einspielungen auf den Apps im Handy, Tragetaschen und (am allerschlimmsten!) Menschen, die grosse Werbeaufdrucke auf den Klamotten trugen, für die sie gutes Geld ausgegeben hatten.  Und ich hab sicher die Hälfte übersehen.

Es war unglaublich. Und nicht nur die Anzahl der Botschaften, auch deren Qualität. Nichts mit nachhaltiger Kundeninformation, sondern ein visuelles Geschrei mit neonfarbenem Bassbeat über ein optisches Megaphon : «Wir sind die Geilsten!» oder «Mit uns bist du der Geilste.» Glück in Tüten, wenn ich den Sch**** kaufe, den die Werbung anpreist.

Die Stadt ist zugepflastert mit Werbung. Und wir nehmen sie nicht mal mehr wahr. Das war nicht immer so. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der Werbung zwar auch schon sehr präsent war, aber nicht in dieser unglaublichen Flut.

Ich mein, wer will das? Als «Orange» vor ein paar Wochen salzig wurde, haben die Agenturen uns diese Information mit einem Presslufthammer ins Gehirn gefräst. Nach zwei Tagen hab ich die neue Marke gehasst, und mit mir viele andere. Nicht wegen des neuen Namens, sondern wegen der Art, wie der Namenswechsel maschinengewehrartig kommuniziert wurde. Es gibt eigentlich nur ganz wenige Stücke aus der Werbeindustrie, die man wirklich sehen will. Sicher weniger als 0.1 Prozent des Ausflusses aus diesem Business. Aber normalerweise läuft das so:

Kampagnenverantwortlicher 1: «Wir haben mit 10 000 Plakaten und 1 000 000 Pageviews den Umsatz nur um 0.0001 Prozent steigern können. Was sollen wir tun? Sollen wir bessere Werbung machen? Sollen wir bessere Produkte verkaufen?»

Kampagnenverantwortlicher 2: «Nö, vergiss es. Lass uns einfach nochmals 50 000 Plakate aufhängen noch nochmals 5 000 000 Pageviews einkaufen.»

Niemand will Werbung. Oder kennt Ihr jemanden, der Werbung will? Für Waschmittel, Getränke, Mobilverträge? Dauernd und überall?  Niemand. Ausser natürlich die Werbeindustrie. Und weil die Werbeindustrie das weiss, macht sie Werbung, die man bewusst nicht mehr wahrnehmen soll. Eine Gehirnwäsche also.  Ein Freund, ein Werber, meinte mal : «Der Hirnfick zielt tief ins Unterbewusstsein. Du sollst Werbung gar nicht mehr bemerken.» Und wir lassen das zu. In unseren Städten, in unserem gemeinsamen, öffentlichen Raum, lassen wir uns das Gehirn weichklopfen und belohnen das, indem wir den Schrott, der uns garantiert glücklich machen soll, auch noch kaufen.

Ja, ich weiss, es hängen Arbeitsplätze an der Werbung. Leute, die eigentlich Kunst machen wollen, sitzen an Computern und benutzen ihre Kreativität, um uns Yoghurt anzupreisen. Andere Leute, die eigentlich Philosophie, Psychologie oder Soziologie studieren wollten, überlegen sich Strategien, wie man das Produkt noch besser mit Glückseligkeit einschmieren und uns noch tiefer ins Hirn pressen könnte.

Und ja, ich weiss, ohne Werbung hätte auch ich keinen Job. Journalismus lebt davon, den Leuten ein Müsli aus in Werbung eingeweichten Informationsflocken vorzusetzen.

Aber das ist keine Entschuldigung. Wenn man die Leute nur noch informieren kann, wenn man ihnen gleichzeitig irgendwelchen Schrott andreht, ist das höchstens ein Zeichen, dass bei uns etwas gewaltig schief läuft.

Vielleicht hilft das hier: