Beiträge mit dem Schlagwort ‘Sozialkompetenz’

«Randständige» ohne Lobby

Réda El Arbi am Montag den 10. Juli 2017
Ob sich die SBB «Ich muss leider draussen bleiben»-Schilder überlegt?

Ob sich die SBB «Ich muss leider draussen bleiben»-Schilder überlegt?

«Der Dreck muss weg, unser Profit leidet darunter» – in Worten der SBB kommt die Aussage natürlich etwas zahmer. Sie wollen die «Randständigen wegweisen», um ihre Bahnhofsgastronomie aufzuwerten, wie sie vor ein paar Tagen angekündigt haben.

Sie wollen die Plätze vor den Bahnhöfen von Personen freimachen, die nicht dem geleckten Bild ihres Gentrifizierungswahns entsprechen, um da dann noch mehr Restaurants und Konsumtempel einrichten. Genau das, was die Städte dringend benötigen. Und erlaubt ist natürlich, was die SBB als «normal» definiert.

«Aus den Augen mit diesem minderwertigen Pack. Die schwächen die Konsumlaune unserer Kundschaft», ist die menschenverachtende Haltung hinter dieser Absicht.

Wir sind uns ja gewohnt, dass der eine oder andere kantonale Sicherheitsdirektor die Bewegungsfreiheit von Menschen ohne zugrundeliegende Straftat einschränkt. Aber meist schieben die Verantwortlichen da noch Sicherheitsbedenken vor. Die SBB will nun aber klar Menschen vertreiben, die bereits am Rande stehen, um ihren Umsatz zu steigern. Profit über alles.

Sie können das offenbar auf dem Weg der Hausordnung. Hm, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, waren Bahnhöfe und Bahnhofplätze noch öffentlicher Raum. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, standen die verfassungsmässigen Rechte wie Bewegungsfreiheit und Versammlungsfreiheit noch über einer Hausordnung.

«Die Hausordnung wurde von einem Richter abgenommen», informierte mich ein Bekannter bei der SBB. Natürlich. Und weil Randständige» keine Anwälte und keine Lobby haben, hat sich das auch niemals jemand genauer angesehen. Wussten Sie, dass man sich im Hauptbahnhof nicht auf dem Boden setzen darf? Es gibt noch vieles, dass in diesen Hausregeln festgelegt wurde, was einem die Haare zu Berge stehen lässt. Aber mehr dazu ein andermal.

Dann wär da noch die Frage, was «Randständige» eigentlich sind. Das ist nämlich keine gesetzlich definierte Grösse. In ihrem Statement spricht die SBB von «alkoholisierten Personen».

Ou Shiite! Die Street Parade muss abgesagt werden! Keine Sonderzüge! Die Street Parade-Penner sind nicht nur besoffen, die sind so randständig, die können sich nicht mal anständige Kleider leisten!

Fussball-Sonderzüge? Special-Reiseangebote an Spiele? Fertig. Gruppen von Alkoholisierten, die dabei auch noch laut grölen, geht gar nicht. Randständig! Asozial!

Zürich kann eigentlich den Bahnhof jeden Abend nach 19.00 Uhr schliessen, wenn Alkoholkonsum eine Wegweisung rechtfertigt. Am Wochenende schon ab 16 Uhr.

Natürlich nicht. Diese «alkoholisierten Personen» konsumieren genug, um sich das Recht für den Aufenthalt erkauft zu haben.

Man sagt mir ja eine Buddha-Natur nach, gelassen, friedlich, verständnisvoll und ausgeglichen. Diesmal aber bin ich wirklich sauer. Ich meine wirklich, wirklich sauer. Nicht nur, dass ich weiss, wie es ist, wenn man am Ende ist und der einzige soziale Kontakt, den man aushält, der Austausch mit anderen «Randständigen» am Bahnhof ist. Ich denke auch, dass man bei asozialem Verhalten irgendwo einen Strich ziehen muss. Und damit meine ich nicht die Randständigen.

Die SBB gehören uns. Und wollen wir das? Was sind wir denn für eine Gesellschaft, die den Anblick von zehn oder zwölf schrägen Typen nicht mehr erträgt? Der Grad an Zivilisation einer Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Nicht daran, wie viel geile Hipsterspunten ein Bahnhof vorzuweisen hat. Nicht daran, wie ungestört man möglichst 24 Stunden lang konsumieren kann.

Wie gesagt, die SBB gehören uns. Und vielleicht fühlt sich der eine oder andere Bundesparlamentarier ja so unangenehm berührt, dass er eine Anfrage an den Bundesrat stellt.

Ich bleib auf jedenfall dran. Ja, sorry SBB, offenbar haben die Randständigen doch noch sowas wie eine Lobby gefunden. Und wenn ich noch saufen würde, würde ich das jetzt aus Protest nur noch in Bahnhöfen machen. Und den Sprit von draussen mitbringen.

Bürger und Uniform – wenns uns gerade passt

Stadtblog-Redaktion am Dienstag den 16. Dezember 2014
Freund und Helfer oder  Feindbild: Die Stadtpolizei.

Freund und Helfer oder Feindbild: Die Stadtpolizei.

Von Thomas Meyer

Die Ausschreitungen in der Stadt Zürich, am Abend des 12. Dezember von einer Horde Vandalen verübt, rufen zurecht grosse Empörung hervor. Die mutwillige Zerstörung von fremdem Eigentum ist durch nichts zu rechtfertigen, und die pseudopolitische, pseudolinke Verbrämung durch Anliegen, die eindeutig ihre Berechtigung haben, wie beispielsweise Kritik an der Gentrifizierung, mutet an wie ein schlechter und zynischer Witz.

All die eingeschlagenen Scheiben, angezündeten Autos und verletzten Polizisten muten dabei jedoch an wie das Werk einiger weniger Wahnsinniger, mit denen die übrige Gesellschaft nichts zu tun hat. Hat sie aber. Denn diese Demolierungsorgie war kein gesondertes Phänomen, sondern ist vielmehr die masslose Übertreibung einer populären Geisteshaltung.

Wie oft hört man von den «Scheissbullen», die angeblich «nichts Besseres zu tun haben, als Parkbussen zu verteilen», und häufig genug bekommen es die Betroffenen gleich selbst zu hören. Wie oft werden Postbeamte am Schalter angepöbelt, bloss weil sie Preise verlangen, die sie nicht selbst bestimmt haben. Wie oft werden SBB-Kontrolleure beleidigt, bloss weil sie jemanden bitten, die Füsse vom Polster zu nehmen, oder ihn beim Schwarzfahren erwischt haben. Wie oft trifft man Sperrmüll an, den jemand auf die Strasse gestellt und mit der Mitteilung «Gratis zum Mitnehmen» versehen hat, im offenkundigen Glauben, sich damit von der Pflicht der sachgemässen Entsorgung befreit zu haben, und wie übersät ist der öffentliche Raum von weiterem Abfall, für den sich die Verursacher in keiner Weise verantwortlich fühlen.

Die Liste der politisch, sozial und charakterlich unreifen Verhaltensweisen liesse sich beliebig fortsetzen und ist alles andere als originell. Originell ist dafür die Idee, schlechtes Benehmen sei erst ab einem bestimmten Grad schlechtes Benehmen und bis zu diesem Punkt völlig unproblematisch, wenn nicht sogar Ausdruck urbaner Coolness.

Wer die Chaoten verurteilen möchte, die am 12. Dezember 2014 ihre Wut über «das System» dadurch kundgetan haben, indem sie die Ladengeschäfte von Kleingewerblern verwüstet haben, sollte sich zuerst ein paar interessante Fragen stellen:

1. Wie ist denn mein Verhältnis zum Staat? Zu Gesetzen, Steuern, Politik?

2. Wie ist denn mein Verhältnis zur Polizei? Zu Bussen, Regeln, Autorität?

3. Wie ist denn mein Verhältnis zur Bürgerpflicht? Zu Eigenverantwortung, Respekt, Abfallentsorgung?

Die Idioten, die letzten Freitagabend alles kaputtgemacht haben, sind unglaubwürdig. Ihre Gesellschaftskritik ist unglaubwürdig, denn das Geld für die Smartphones, mit denen sie sich gegenseitig auf diesen heiteren Anlass aufmerksam gemacht haben, stammt, wie die Smartphones selbst, irgendwo aus dem «System», wie auch die Petarden, Hoodies und Gasmasken. Zudem ist ein brennender Mercedes kein politisches Argument, sondern Ausdruck von Hass, Neid und generell schlechtem Charakter.

Unglaubwürdig ist es aber eben auch, das zerstörerische Treiben einiger Extremisten zu kritisieren, wenn man selbst in einem abgemilderten Masse nichts anderes tut. Und das gilt für weite Kreise einer Gesellschaft, deren grösstes Problem nicht die sogenannt linksautonome Szene ist, sondern die ganz allgemein an einer postpubertären Frechheits- und Undankbarkeitsstörung erkrankt ist. Und dies nicht nur an einem bestimmten Freitagabend, sondern eigentlich immer.

Wer es nicht glaubt, möge einmal das Gespräch mit Polizisten, Sanitätern und anderen Angestellten staatlicher Betriebe suchen und sich anhören, was diese Menschen sich in ihrem Berufsalltag alles so gefallen lassen dürfen vom Durchschnittsbürger, der nie eine Scheibe einschlagen würde.

Thomas-Meyer Thomas Meyer, 40, ist Schriftsteller und lebt in Zürich.