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Die Barbaren kommen!

Réda El Arbi am Dienstag den 8. August 2017
Unausprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins umland!

Unaussprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins Umland!

Es gibt in der Menschheitsgeschichte viele Beispiele, in denen eine friedliche Bevölkerung von unzivilisierten Massen überrannt wurde: Die Türken vor Wien, die mongolischen Horden, die Kreuzritter in Jerusalem – und eben die Spasszombies, die jedes Jahr im August über Zürich herfallen. Man kann keinen Widerstand leisten, die Überzahl ist unbezwingbar. Aber man kann fliehen, wenn man sich früh genug vorbereitet. Hier ein paar sichere Horte, an denen Sie diesen Samstag verbingen können:

Die andere Zürcher Stadt

Nur 16 Minuten vor den Toren der Stadt gibts ein Städtchen, das eine eigene, blühende Kulturszene aufweist. Wer Musik mag, die wirklich noch von Menschen an Instrumenten gespielt wird, wird sich an den Musikfestwochen Winterthur wohlfühlen. Je nach Wetter verbringt man den Nachmittag in einem der kleinen Cafes mit dem Lesen eines guten Buchs oder planscht mit den Kids in der Töss, um sich am Abend dann von verschiedenen Konzerten unterhalten zu lassen.

Nordwärts!

Wer dem Niederdorf nachtrauert und wissen will, wie eine lebendige Altstadt aussieht, sollte sich ans Stars in Town in Schaffhausen begeben. Neben verschiedenen Konzerten gibt ein Streetfood-Festival und ein riesiges Nebenprogramm.  Nachmittags kann man sich in Neuhausen am Rheinfall von der Gischt besprühen lassen. Schliesslich war man seit der Schulreise nicht mehr da.

In die Boote!

Wenn wir schon im Norden sind, ist eine kleine Gummibootfahrt auf dem Rhein von Stein am Rhein bis Diessenhofen zu empfehlen. Dazu gibts jede Menge Kultur und Unterhaltung: eine Burg, Wandmalereien aus dem Mittelalter, Pfahlbau-Überreste – und als grossen Joker: Die Minieisenbahn, mit denen man die Kids unterhalten kann. Abends isst man dann Fisch und schaut dem Strassenprogramm des Theaterfestivals nordArt zu.

Zum Feind überlaufen

Für einmal kann man die alte Fehde zwischen Zürich und Basel vergessen und bei den Bäppis um Asyl bitten. Die sind gar nicht so schlimm. Und dieses Wochenende lohnt es sich, Basel einmal zu besuchen: Man kann noch den letzten Tag des Basel Openair miterleben und sich davon überzeugen, dass fremde Kulturen (ja, sogar Basler!) durchaus auch ihren Charme haben.

Gemütlich nehmen

Wer dem Stress der Grossstadt entfliehen will, kann sich nach Bern absetzen. Neben Aareschwimmen und Kaffee in der Altstadt findet man in Bern unter jedem Pflasterstein eine Band. Was in Zürich die Clubs sind, ist in Bern Live-Musik. Von Klassik bis Blues und Rock – in Bern gibts am nächsten Samstag alles.

Ab in die Agglo

Verbringen Sie einen ruhigen, friedlichen Nachmittag am Greifensee und lassen Sie den Abend im Openair Kino in Uster ausklingen. Wir garantieren, dass die Gegend sicher ist, da sich alle ansässigen Barbaren schon früh morgens mit der SBahn in Richtung Stadt aufgemacht haben.

Also, fliehen Sie! Retten Sie sich und ihre Lieben!

Ein Zürcher in Schaffhausen

Réda El Arbi am Montag den 28. Oktober 2013
Gemütlich, witzig und offen: Das Publikum in Schaffhausen.

Gemütlich, witzig und offen: Das Publikum in Schaffhausen.

In unserer Serie «Ein Zürcher in …» machten wir uns auf, den nordöstlichen Zipfel der Schweiz zu besuchen. In Schaffhausen fand unser Autor neue Freunde, Musik und Zigaretten. Hier der Bericht.

Alles, was ich über Schaffhausen wusste, eignete ich mir mit acht Jahren auf der Schulreise zum Munot, der Burg mitten im Städtchen, an. Und das war nicht besonders viel. Also machte ich vor meinem Besuch einen Aufruf an Freunde und Bekannte – sie sollten mich mit Tipps zu Schaffhausen versorgen. Es kam Einiges zusammen, aber von verschiedener Seite (Ex-Schaffhauser oder Leute, die eine Zeit da gelebt hatten) hörte ich, dass Schaffhauser verschlossen seien. Als Nicht-Schaffhauser hätte man es schwer, mit Leuten in Kontakt zu kommen. Ha, ich bin Zürcher! Wir sind Weltmeister in arroganter Nichtbeachtung! Das wollte ich sehen.

Essen und Rauchen

Um authentisch berichten zu können, verzichtete ich bei diesem Besuch auf einen einheimischen Führer und machte mich ganz alleine auf den Weg. Am Bahnhof angekommen staunte ich erstmal, wie leer die Stadt an einem frühen Samstagabend war. In anderen Städten würden sich jetzt schon die ersten Grüppchen auf der Strasse vor den Beizen sammeln und Zigaretten rauchen, während sie den Nachbarn Grund zur Lärmklage gäben. Nicht so hier. Ich schlenderte durch die wirklich schöne Altstadt und mied die mir empfohlenen Beizen, weil ich ja selbst etwas entdecken wollte. Als ich das Schild des «Falken» sah, war klar, dass ich da einkehren musste, schliesslich kommt hier das Falkenbier her, althergebrachte Schaffhauser Braukunst, und, wie alles lokale Bier, für die Einheimischen das Beste auf der ganzen Welt. Im Falken fand ich dann auch heraus, warum die Strassen in der Altstadt so leer waren.

Das Fumoir (in Zürich meist eine stinkende Abstellkammer) nahm hier das ganze Parterre, die Bar und einen grösseren Raum mit Speisetischen ein, alles in allem etwa 120 Quadratmeter. Kunststück stehen hier keine Grüppchen mit Rauchern auf der Strasse. Um ins rauchfreie «Restaurant» zu kommen, musste man in den ersten Stock.  Die Lungenliga bekäme einen Erstickungsanfall, wenn sie sehen würde, wie hier das Rauchverbot umgesetzt wird. Jänu. Ich zündete mir eine Zigarette an und bestellte ein klassisches G Cordon Bleu für 26 Stutz. Preise wie in Zürich. Die Gäste durchmischt, der Handballclub neben Pärchenabenden und einige Männer mit Zigarette, Bier und Zeitung an der Bar. Gemütlich. Der Service hervorragend: Freundlich, ohne aufdringlich zu sein.

Weiter gings. Ich wollte durch die Vordergasse runter zum «Kammgarn», einer Kulturinstitution, die sowohl von der Atmosphäre wie auch vom Konzertprogramm her die kleine Schwester der Roten Fabrik sein könnte.Vorbei an verschiedenen Cafés, einer Bar, die «Bar» hiess und einer Kirche, in der am Samstagabend wirklich Menschen versammelt waren, gehts zum «Steff la Cheffe»-Konzert. Die Beiz war neben dem Konzertsälchen war heimelig und für Kontakt ausgerichtet: lange Tische, an die man sich mit Leuten setzen musste, die man vielleicht nicht kannte.

Drei Konzerte für insgesamt 39 Stutz

Drei Bands an einem Abend. Und ich konnte mir danach noch ein Getränk leisten.

Drei Bands an einem Abend. Und ich konnte mir danach noch ein Getränk leisten.

Das Konzert selbst war ganz gut (Ich will hier der Steff nicht noch ein Kränzchen winden. Ich hab ihr immer noch nicht vergeben, dass sie an der Kinderfleisch-Show «Elite Model Look» gespielt hat, trotz ihrer Vorbildfunktion für junge Frauen). Erstaunlich war das Publikum. Der kleine Saal war nicht gerade voll und das Publikum zurückhaltend. Nicht zurückhaltend wie in Zürich, wo der Künstler sich erst mal beweisen muss, bevor er ein rhythmisches Kopfnicken erhält. Eher «schüüch», wie wir sagen würden. Auch waren für einen Hiphop-Gig eigentlich keine Homeys da, sondern hauptsächlich mittelalte Sozialdemokraten mit Seidenfoulards aus Nordafrika oder Südostasien.

Nach dem Konzert setzte ich mich für eine Zigi nach draussen (hier durfte man nicht drinnen rauchen) und wurde prompt von einem Schaffhauser angesprochen. Gfürchig. Einfach so, ohne Grund ein Gespräch mit einem Fremden. Und das, ohne dass er wusste, dass ich auf Recherche war. Nun, es stellte sich heraus, dass er in Berlin und Zürich gelebt hat, ein Künstler war und jetzt nach Schaffhausen zurückgekehrt ist. «Schaffhausen hat alles, was man braucht», meinte er. Jede Menge Konzerte, gute Beizen, nette Leute und eine eigene kleine Kunstszene. Zürich sei hier nicht so wichtig. Dann gesellte sich ein weiterer Schaffhauser zu uns und gab uns den Tipp, nachher nebenan noch ins «taptab», eine weitere Musikbar, reinzuschauen. Da würden noch zwei Bands spielen, eine aus Berlin. Und dann sei da noch eine Plattentaufe irgendwo im Städtchen und sonst gäbs auch noch ein Konzert woanders. Ich war beeindruckt.

Stimmung, Gespräche und Tanzen

Im «taptab» fand ich dann heraus, dass der Tippgeber der Schlagzeuger von «Min King» ist, DER lokalen Band neben den «Aeronauten». Der Künstler begleitete mich und knurrte über den horrenden Eintritt von 15 (in Worten: Fünfzehn!») Franken für ein Doppelkonzert. Dafür bekäme ich in einem Zürcher Club gerade mal einen Drink. Insgesamt hab ich an diesem Abend für drei Konzerte also 39 Stutz ausgegeben. Er stellte mich seinen Bekannten vor, ich wurde in Gespräche über lokale Kultur, Kunst und das Leben als Single in Schaffhausen (ist nicht leicht) einbezogen und machte neue Freunde. Die Bands brachten derweil Stimmung ins Publikum, das hier nun wirklich gemischt war, alles zwischen 20 und 60 war da und feierte.

Die Damen versuchten, sich cool und unnahbar zu geben – herzig eigentlich, im Vergleich zu Zürcher Szenetussen, und man tanzt hier richtig, nicht nur Wippen mit Kopf und Zehen. Ich kam noch mit einem Maurer ins Gespräch, der mit seiner Laientheatergruppe mal in Zürich war und von einem «Tages Anzeiger»-Journi in der Kritik niedergemacht wurde. Ich verschwieg ihm, für wen ich arbeite. (Tom Wyss, du solltest dich nicht ohne Personenschutz nach Schaffhausen trauen).

Um 2 Uhr machte ich mich dann auf den Weg nach Hause, trank im Bahnhofbuffet noch einen letzten Espresso an der Bar, rauchte meine Zigarette dazu und blickte auf einen ausgefüllten Abend zurück. Und ich hatte noch nicht mal zehn Prozent der lokalen Szene gesehen. Natürlich werde ich meine neuen Freunde bald wieder besuchen. Und im Winter einen Ort zu kennen, wo man drinnen rauchen kann, ist sowieso unbezahlbar.

Die Schaffhauser Band: