Beiträge mit dem Schlagwort ‘Lebensqualität’

Eine Glacegeschichte (8)

Thomas Wyss am Samstag den 19. August 2017

Eigentlich hatten wir vorgehabt, heute in dieser Zürcher Glacekulturgeschichte das wichtige Kapitel «Die obszönen 80er-Jahre» aufzuschlagen. Und en détail darüber zu berichten, wie damals, durchaus passend zum klinisch gesüssten Synthie-Pop-Sound, eine Flut an artifiziellen, exklusiv im Labor kreierten Versuchungen über uns hereinbrach. Weshalb wir fortan nicht mehr herzhaft in Bireweggli oder Prussiens bissen, sondern stundenlang an «Schleckmüscheli» herummachten. Oder, der Gipfel der juvenilen Perversion, sogenannte Plattfüsse ableckten das war ein Eiscremestängel in Fussform, der aussah, als hätte er grad die Masern.

Ja, das war der Plan. Doch weil wir als städtische Gebrauchsanleiter selbstverständlich nicht nur der Chronik, sondern auch der Aktualität verpflichtet sind, müssen wir umdisponieren. Es ist nämlich am Dienstagabend etwas passiert, das zwar auf den ersten Blick mutig und offen wirkte, unserer Meinung nach jedoch fahrlässig unklug war warum, dürfte, nein müsste man bei der gleich folgenden Lektüre unschwer erkennen –, weshalb wir von einer Nachahmung in dieser oder jener Form dringend abraten möchten.

Es geht um SRF-Sportmoderator Dani Kern. Der anlässlich des Champions-League-Qualifikationsmatchs zwischen den Berner Young Boys und ZSKA Moskau ab Minute 90.17 bis Minute 90.33 – sprich in handgestoppten 16 Sekunden –, wortwörtlich rief (im Video ab Minute 5.08): «Oh. Nein! Neeeiiin! Neeeeeiiiiiiiin! Nein! Neeeeiinn! Ich werd verrückt. Ich werd veerrüückt. Ich werd verrückt. Iiich werd veerrüückt!»

Uns Zuschauer machte das natürlich betroffen, manch einer dachte womöglich gar: «Armer Kerli! Und das jetzt, da er endlich mal ein richtig wichtiges Spiel begleiten darf… ach, ach, der Herrgott, äxgüsi, ist manchmal einfach ein Lump!» (Wobei trotz Empathie betont sei, dass das Livegeständnis wegen Kerns «Mostindien»-Dialekt, den er – unbeabsichtigt, das waren die Gefühle! – in Quietschferkelfrequenzen hochtrieb, in den Ohren eher wehtat.)

Dennoch blieb da eine Skepsis, was Qualität und Wahrheitsgehalt dieser Selbstanalyse anbelangte. Vor allem darum, weil Kern das, was er von seinem Jobprofil her eigentlich können sollte – also einigermassen fehlerlos, packend und unparteiisch ein Fussballspiel einschätzen und kommentieren –, in der Regel nicht restlos souverän kann… weshalb es unwahrscheinlich ist, dass ihm in einer Disziplin wie der Psychiatrie, in der er, anders als im Fussball, nicht mal Grundkenntnisse besitzt, eine Diagnose von solcher Tragweite gelingen kann. (Gleichwohl ist es sicher nicht verkehrt, wenn die vom Fernsehen Kerns in Abertausende Deutschschweizer Stuben hineinposaunte Behauptung fachmedizinisch abklären – umso mehr, als der Auslöser dafür ein läppisches Eigentor war.)

Klar, nicht jeder hat, wie Dani Kern, im Augenblick, in dem er meint, das Unsagbare sagen zu müssen, ein bedeutendes Mikrofon vor sich stehen. Doch das ist im Social-Media-Zeitalter auch gar nicht nötig: Es reicht ein vorlaut formulierter Tweet, ein unbedarfter Facebook-Post, und man hängt auf Wochen, wenn nicht auf Monate hinaus belämmert in den Seilen. Und davor möchten diesen Zeilen warnen; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eine Glacegeschichte (7)

Thomas Wyss am Samstag den 12. August 2017

Zuerst, dachte ich, entledige ich mich der Jacke (damit man mein cooles Che-Guevara-Shirt sehen kann), recke martialisch die Faust in die Luft, rufe «Sin perdón!» und steche ihm mit einem Rambo-Messer beide Pneus auf. Während es dann elend röchelnd die Luft verliert, zerschlitze ich den Sattel, malträtiere mit dem mitgebrachten Vorschlaghammer Pedalen, Rahmen und Speichen bis zur Stufe «irreparabel», und schliesslich übergiesse ich das, was von diesem scheusslichen O-Bike noch übrig ist, mit Benzin und zünde es an.

Dazu entrolle ich trotz der Hitze möglichst feierlich mein im Hausbesetzerstyle gestaltetes Transparent, auf dem steht: «Singapore! If I spit a spearmint chewing gum on your ground, I get penalized as I if were an outlaw… and now you think you can spit – figuratively speaking – a giant yellow-grayblack O-Bike chewing gum on my town without getting punished? Forget it!» (Auf Deutsch: «Singpur! Wenn ich bei dir einen Spearmintkaugummi auf den Boden spucke, werde ich gebüsst, als ob ich ein Gesetzloser wäre… und jetzt meinst du, du könntest – bildlich gesprochen – einen gigantischen gelbgrauschwarzen O-Bike-Kaugummi auf meine Stadt spucken, ohne bestraft zu werden? Vergiss es!») Dieses Transpi halte ich minutenlang grimmig dreinblickend in die mich filmenden Smartphones der deppert bis schockiert dreinblickenden Touristen – und all das am helllichten Tag, mitten in Zürich!

Dann dachte ich, dass es echt ziemlich krank wäre, so was zu tun. Umso mehr, als ich ja in letzter Zeit richtiggehend stolz war, endlich meine innere Mitte gefunden und diese auch in ansprechend gesunder Balance gehalten zu haben. Weiter dachte ich, dass ein Velo ja wahrscheinlich auch so was wie einen Astralleib oder zumindest eine Integrität besitzt, die zu verletzen unter einem ethisch-moralischen Gesichtspunkt betrachtet einer schweren Sünde gleichkommen würde.

Ein nächster, sehr bitterer Gedanke: Wie bünzlig meine Haltung doch war – bloss weil das eine oder andere O-Bike seit einer Woche meinen angestammten Veloparkplatz vor der Tamedia besetzte, wäre ich bereit gewesen, einen kleinen Velo-Jihad loszutreten? Pervers peinlich! Aber noch weit schlimmer: Mit dieser Attitüde lag mein Ich, das sich auf der Leinwand des Lebens immer gern in der Rolle des eigenwilligen Modern Hippie gesehen hat, plötzlich voll auf der aktuellen Mainstream-Züri-Linie… mich schauderte kurz, aber gründlich, wohl im Wissen, dass man so was nicht einfach mit gut duschen wieder wegbringt.

Ja, all das dachte ich. Und plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich heute doch mit dieser Glacekulturgeschichte hatte weitermachen wollen (deshalb auch der Titel), und dass es glaub Teil 3 gewesen war, in dem ich Variationstipps des legendären Aeschlimann-Eiskaffees versprochen hatte. Les voilàs.

Tipp 1: Statt dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace nehme man zwei Kugeln Kaffeeund eineinhalb Kugeln Schoggiglace, alles andere bleibt gleich – die Creme wird etwas süsser, farblich entsteht ein hübscher Zebraeffekt.

Tipp 2: Man gibt 4 cl Zuger Kirsch in die fertige Glacecreme und rührt nochmals kräftig um. Auf süssere Art kann der «Ouuii, ich han es Schwippsli»-Zustand kaum erreicht werden.

Eine Glacegeschichte (6)

Thomas Wyss am Samstag den 5. August 2017

Bei einer Stadt, die erstmals auf einem 185 n. Chr. gemeisselten Grabstein erwähnt wird – die aus dem Lateinischen übersetzte Inschrift lautet: «Den Manen. Hier liegt Lucius Aelius Urbicus begraben, der ein Jahr, fünf Monate, fünf Tage lebte. Unio, von Augustus freigelassen, Vorsteher der turicensischen (zürcherischen) Zollstation, [des Zollbezirks] Quadragesima Gallia, und Aelia Secundina, die Eltern ihrem liebsten Sohn» –, die also schon eher lang existiert, darf man sich nicht wundern, dass sie auch die eine oder andere Klatsche einstecken musste.

Zum Beispiel bei der «Schlacht bei St. Jakob an der Sihl» vom 22. Juli 1443 (die in der Nähe des Tamedia-Sitzes stattfand, nämlich da, wo sich heute die Tramhaltestelle Stauffacher befindet… wir hatten also Dusel, dass unser schönes Holzhaus noch nicht stand, das wäre bestimmt abgefackelt worden), bei der sieben der Acht Alten Orte der Eidgenossenschaft auf Zürich losgingen, weil sich Zürich aus Expansionslüsten seines Bürgermeisters Rudolf Stüssi, einer verwegenen Kriegsgurgel, mit den Habsburgern verbündet hatte. Am Schluss der Schlacht habe Stüssi allein die Sihlbrücke verteidigt – dazu gibts übrigens tolle Actionbilder von Werner Schodoler (1514) und Johannes Stumpf (1548) –, wobei er dann von einem pervers feigen Eidgenossen hinter- beziehungsweise unterrücks (sprich mittels Speer mitten ins Gemächt!) zu Tode gebracht worden sei.

Oder, auch das tat elend weh: die 5:6-Niederlage im Cuphalbfinal vom 3. März 2004 im Hardturm gegen die Grasshoppers. Und, nicht zu vergessen, der Verlust des Titels «Die Stadt mit der höchsten Lebensqualität» an Wien.

Doch wie schmerzhaft diese Pleiten auch sein mögen – sie sind auszuhalten, weil sich Zürich in allen erwähnten Fällen der gebotenen Herausforderung stellte. Und just darum ist das, was am 22. Juli an der Wurstsalat-WM passierte, unerträglich! Und mit «die Schande von Frick» noch viel zu nett betitelt!!!

Dammisiech, echt! Dabei hatten wir die Züribieter Wusa-Talente mehrfach dazu aufgefordert, bitte die Messer zu wetzen, um die letzte relevante Lücke im städtischen Titelpalmarès zu stopfen… und dann berichtete unser Aargau-Korrespondent völlig verstört, er habe unter den rund 40 bewerteten Tellern keine einzige Zürcher Kreation entdeckt. Ein solcher Menefreghismo könnte sogar in Italien bestehen!

Als wir dachten, schlimmer gehts nimmer, meldete sich Frau Ammann und meinte, sie hätte mit ihrem Rezept – «Cervelat, Tomaten aus dem Garten, gelbe Peperoni, hart gekochte Eier und Gürkchen in zierliche Würfel schneiden, in einer grosszügig angesetzten Vinaigrette mit Zwiebeln und etwas Knoblauch lange genug ziehen lassen, mit slowfoodmässig in Butter gebratenen Pommes rissolées im selben Grössenverhältnis und Spinatsalat servieren; der Kalt-warm-Effekt und das kunterbunte Aussehen: immer wieder der Renner!» – das Wurstsalatdesaster womöglich verhindern können. Warum sie es nicht versuchte? Hat sie leider nicht erwähnt.

PS: Stimmt, der heutige Titel hat mehr versprochen, als er einlösen konnte. Sorry. Gleichwohl sind wir dem Ziel, die längste Zürcher Glacekulturgeschichte ever zu fabrizieren, wieder einen Schritt näher gekommen. Cool.

Eine Glacegeschichte (5)

Thomas Wyss am Samstag den 29. Juli 2017

Wir würden ja gern gemütlich beginnen, wie es sich für einen Sommerferienmorgen gehört. Einen Schluck kalten Kaffee nehmen (ganz früher sagte man, das sei Schnee von gestern, später behaupteten Forscher, das steigere die Attraktivität, und heute heisst das Zeugs «Cold Brew» und gilt als Trendgetränk – ob sich die Welt allenfalls doch eher rückwärts entwickelt?). Dazu würden wir zum Stück «La Mirada» («Umoja Remix») von Nicola Cruz durch die Wohnung tänzeln und daran denken, dass in den letzten zwei Tagen gleich drei wichtige Menschen Geburtstag hatten («Happy Hippie Birthday Stöffeler, Leuli und Oeschgi!»), dann unter die Dusche schwofen und dort, dem erfrischenden Nass ausgeliefert … tja, leider nein: Wir haben eine Traktandenliste abzuarbeiten. Sie umfasst zwar bloss zwei Punkte, ist aber dennoch ziemlich gewichtig. Los gehts.

1. Wie wir letzte Woche schrieben, bedauerte Leser Rothenhäusler, dass die einzige Eiscreme, die er liebe – die Cassata siciliana – in Zürich nirgendwo erhältlich sei. Wir konnten das kaum glauben – und wir hatten recht! Leser Schikowski teilte netterweise mit, dass eine feine Cassata im Ristorante Tramblu im Kreis 6 auf der Dessertkarte stehe. Grazie per l’informazione!

2. Es gibt Erzählungen, die sind herzerwärmend. Und es gibt solche, die sind noch ein wenig mehr als das; im aktuellen Kontext würde das Adjektiv (oder ists ein Adverb? Ich kann die Dinger einfach nie auseinanderhalten) «glaceschmelzend» gut passen.

Eine solche Erzählung hat uns Frau Spieler geschickt. Im Brief stand, sie sei in Wollishofen aufgewachsen, weshalb das in Teil 3 dieser Glacegeschichte publizierte Rezept des Eiskaffees, der im Aeschlimann serviert wurde (also in der Wollishofer Beiz meiner Grosseltern), bei ihr eine schlummernde Erinnerung wachgeküsst habe.

Frau Spieler, damals acht oder neun Jahre jung, sass an einem heissen Sommertag im Garten des Aeschlimann und löffelte im Beisein ihrer Mutter besagten Eiskaffee aus einem eisgekühlten Silberbecher. Wegen der Sonne entschied die Mutter, den Platz zu wechseln, und stand auf. Frau Spieler tat es ihr gleich, griff nach den beiden Eisbechern, klemmte einen unter den Arm und dann… hier der O-Ton des Briefs: «Das war wohl keine so gute Idee gewesen – lief doch der Inhalt des Eiskaffees über mein schönstes Sommerkleid und tropfte auf meine weissen Söckchen und in die Sandalen. Das Kleid war rosa Organza und mit Blümchen bestickt – dazumal was ganz Spezielles.» Dem dürfen wir beipflichten; dem Brief war nämlich ein herziges Foto aus dem Familienalbum beigefügt, das Klein Frau Spieler im adretten Gewand zeigt.

Danach passierte das, was anno dazumal bei solchen Vorfällen halt einfach gang und gäbe war: Es gab schlimm Schimpfis vom Mami – vor allen Leuten –, und zu Hause gabs viel Trost vom Grossmami, die, wie im Brief zu lesen war, das Kleid wieder tadellos sauber brachte.

Molto bene. Und nächsten Samstag, in Teil 6, kommen wir nebst weiterer Glacekulturgeschichte dann auch noch auf das kollektive Zürcher Versagen an der 5. Wurstsalat-WM vom vergangenen Samstag (bereits geläufig als «Die Schande von Frick») zu sprechen.

Eine Glacegeschichte (4)

Thomas Wyss am Samstag den 22. Juli 2017

Ein zeitgeistiger Zeitungsredaktor würde jetzt stöhnen: «Ach Leute, bitte, so geht das nicht, so kommen wir mit dieser Sache nie ins Ziel… es gibt doch wirklich noch andere und vor allem wichtigere Themen… wieder und wieder auf dieser Sache rumzureiten – Pardon: an dieser Sache rumzuschlecken –, ich weiss nicht, das ist doch nicht nötig, das wird echt langsam öde.»

Ein Vertreter der guten alten Schule würde dagegen erst mal betont höflich sagen: «Merci villvillmal!» Danach würde er aus schierer Freude am Leben eine (natürlich rein imaginäre; die echte könnte er sich gar nicht leisten, zudem sei Rauchen ja glaub ungesund) Habano anzünden – notabene aus dem Anbaugebiet Vuelta Abajo – und diese Scheinzigarre würde er genauso genüsslich paffen, wie der grosse FCZ-Präsident Edi Nägeli selig nach den sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen seine realen Triumph-Stumpen paffte (ich bin übrigens ziemlich sicher, dass er das morgige Derby, Fliege, Hornbrille und Hut inklusive, von der himmlischen Ehrentribüne aus mitverfolgen wird). Und wenn der fette Glimmstängel beendet wäre – also wohl ungefähr jetzt –, würde er für alle Leserinnen und Leser, die bislang nur dezent amüsiert die Stirn runzelten, endlich Klarheit in dieses textliche Dunkel bringen… ja, und genau das will ich alter Schüler nun tun.

Fakt nämlich ist: Obwohl diese Beiträge zur Zürcher Glacekultur offenkundig geprägt sind durch eine ( je nach Sichtweise bedenkliche oder erstaunliche) Brisanzarmut, haben sie Post bewirkt. Emotionale Post sogar, auf die ich selbstverständlich eingehen will. Was wiederum weitreichende Folgen hat. Die erste: Das für heute angekündigte Programm wird – wie bereits die Programme der letzten Wochen – kurzfristig über den Haufen geschmissen. Die zweite: Die Serie, ursprünglich als Zweiteiler angedacht, wird lang und länger. Die dritte: Die Begeisterungsstürme, die diese Spontanverlängerung auslöst, sind (charmant formuliert) nicht überall gleich hemmungslos. Die vierte: Statt zu kuschen, rufe ich «Watsky!» (das ist vergleichbar mit Trumps «covfefe», bloss konkreter) und versuche nun, die längste Glacekultur-Serie in der langen Geschichte dieser Stadt zu bewerkstelligen. YEAH! (Okay, yeah! genügt auch).

So, genug aufgeklärt, reden wir über die zuvor erwähnte Post. Die zuerst in Form eines Mails von Herrn Rothenhäusler eintrudelte. Er schrieb, er liebe «nur die weisse Glace vom altmodischen Cassata (die mit den kandierten Früchten)», doch keine einzige Gelateria weit und breit habe Cassata im Angebot («nicht mal die mit 100 Sorten»), er verstehe das nicht. Echt wahr? Ist dieser italienische Klassiker, der im Original «Cassata alla siciliana» heisst, in Zürich nicht mehr erhältlich? Wer anderes weiss, bitte melden!

Ja, und dann kam der Brief von Frau Spieler. Das kindliche Eiskaffee-Erlebnis, das sie darin schildert, ist derart herzig und köstlich, dass es sünd und schad wäre, damit die wenigen hier verbleibenden Zeilen zu füllen; wir machen das lieber ausführlich in Teil 5 am nächsten Samstag – und rufen jetzt stattdessen nochmals alle Zürcher Wurstsalat-Könner dazu auf, unsere Farben heute Abend an der Wusa-WM in Frick AG würdig zu vertreten!

Eine Glacegeschichte (3)

Thomas Wyss am Samstag den 15. Juli 2017

Bevor wir hier weitermachen mit der Zürcher Glacekultur, noch eine wichtige Mitteilung in fremder, aber irgendwie doch auch in eigener Sache. Es geht um Wurstsalat. Und darum, dass am kommenden Samstag auf dem Golfplatz Frick im Aargau die 5. Wusa-WM (das ist die Kurzform für Wurstsalat-Weltmeisterschaft) stattfindet. Und dabei um die sehr, sehr beschämende Tatsache, dass Zürich an diesem Wettkampf noch nie den Titel geholt hat (wenn ich recht informiert bin, reichte es nicht mal für Silber oder Bronze).

Bei der Premiere gewannen Anja und Julia Müller aus Basel. 2014 wars Metzger Schmid aus dem Fricktal, 2015 Stefan Buser aus dem Oberbaselbiet, und im letzten Jahr setzte sich Daniel Felice aus Gipf/Oberfrick gegen eine 38-köpfige Konkurrenz durch.

Hallooo??? In unserer Stadt wird Food aus der ganzen Welt aufgetischt, etliche Cracks schwingen hier den Kochlöffel, auch bei der währschaften Küche sind wir erstklassig aufgestellt, man denke nur an die Schützenruhe, ans Muggenbühl oder Burgstein’s Gasthaus Penalty. Und trotz diesem Gastropotenzial kriegen wir keinen begeisternden Wurstsalat hin? Sorry, aber das ist doch nicht zu glauben!

Darum ist dies hier irgendwie auch ein Aufruf an Zürcher Wusa-Spezialisten, am 22. Juli an diesem Titelkampf unsere blau-weissen Farben zu vertreten (es geht auch als Team, Infos findet man unter www.wurstsalat-weltmeisterschaft.ch). Das Startgeld beträgt 10 Franken, man bringt 200 Gramm Wurstoder Wurst-Käse-Salat mit (da machen die Veranstalter keinen Unterschied), bewertet werden das Aussehen, der Geruch, der Geschmack, die Verarbeitung und letztlich der Gesamteindruck.

Wem das zu kompetitiv ist, kann ja beim sogenannten Publikumspreis mitmachen, in dieser Kategorie wird allein die Kreativität bewertet. Sollte, was wir eigentlich erwarten, jemand aus Zürich – der Kanton gilt ausnahmsweise auch – in die Ränge kommen, würden wir das in dieser städtischen Gebrauchsanleitung gross abfeiern! (Yep, die Sache ist uns tami wichtig.)

So, damit zum eigentlichen Thema. Und da lösen wir jetzt das letzten Samstag gegebene Versprechen ein und verraten (kostenlos!) das famose Eiskaffeerezept aus dem ehemaligen Restaurant Aeschlimann in Wollishofen: Man nehme eine grosse Schüssel (kein Plastik!), gebe dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace hinein, danach schöpfe man so viel Schlagrahm (nicht aus dem Bläser, selbst gemacht) dazu, dass die Kugeln rundherum zugedeckt sind. Nun vermenge man Glace und Rahm mit einem nicht zu grossen Schwingbesen sanft, aber doch druckvoll zu einer dickflüssigen Glacecreme. Womöglich denken Sie jetzt: So what? Wegen dieses banalen Gemischs macht der Typ so ein Gschiss?

Nein, macht der Typ nicht. Die wichtigste «Zutat», die wurde nämlich noch gar nicht genannt – der eisgekühlte Silberbecher! In diesen lässt man sorgfältig die Creme einfliessen und garniert sie mit einem adretten Gupf Rahm, drapiert eine stolze Kaffeebohne oben drauf – voilà!

Am nächsten Samstag, in Teil vier, gibts noch ein paar Variationstipps plus weitere tolle Kapitel der langjährigen Zürcher Glacekulturgeschichte.

Eine Glacegeschichte (2)

Thomas Wyss am Samstag den 8. Juli 2017

Es passierte im Sommer 1969, in dem ja auch sonst einiges passierte (zum Beispiel die erste Mondlandung oder «Woodstock» oder die Geburt von Stéphane Chapuisat). Es passierte da, wo alles viel kleiner ist, als es in Realität ist – was bei gewissen Besuchern (zum Beispiel bei pathologischen Fans des Filmemachers David Lynch) eine Art Psychose auslöst –, nämlich im Swissminiatur in Melide.

Intermezzo: Es dürfte bereits jetzt erste Leser geben, die schnaubend stöhnen: «Ach nein, nicht wieder diese Dreikäsehoch-Episode, die hat er uns doch bestimmt schon fünfmal erzählt.» Ich erwidere: «Quatsch, heute inklusive, ist es das dritte Mal. Und wie ein oft zubereitetes Gericht, das man stetig verfeinert, liest sich diese Shortstory mit jedem Mal eindrücklicher.» Intermezzo Ende.

Es passierte bei einem dieser Miniaturhäuser – welches es war, weiss ich natürlich nicht mehr, ich war da zweieinhalb Jahre alt. Vor diesem Haus gab es einen Miniaturweiher, der so dreckig war (damals war der Wasserstaubsauger noch ein Zukunftstraum), dass er aussah wie Beton. Da mir dieses Miniaturhaus offenbar gefiel, wollte ich es mir aus der Nähe ansehen, rannte über den Betonboden, der in Tat und Wahrheit eben aus Wasser bestand, und ging unter (nicht so richtig lebensbedrohlich unter, dafür war der Teich schlicht nicht tief genug), war pitschnass – und quietschte wie die panische Sau im Anblick des Schlachtermessers.

Meine damals noch jungen und unerfahrenen Eltern mussten handeln, und sie handelten den Umständen entsprechend stupend: Sie kauften mir nämlich eine Glace! (Es sei glaub ein Schoggi-Cornet gewesen, vermeldeten sie auf Anfrage.) Was mich so sehr glücklich machte, dass ich mich umgehend beruhigte und das schweinische Gequietsche einstellte. (Bevor nun ein Shitstorm aufzieht: Sie kauften mir etwas später auch trockene Kleider, was darum nötig war, weil sie die Koffer bereits per Zug zurück nach Zürich verfrachtet hatten).

Jedenfalls: Es war ein Schlüsselerlebnis. Und in der Folge entwickelte ich eine solch heisse Liebe zu dieser frostigen Süssigkeit, dass ich inzwischen (wie letzten Samstag angetönt) in der Lage bin, ziemlich souverän über die hiesige Glacekultur zu referieren. Die eben nicht, wie viele Dumpfbacken meinen, erst durch die Eröffnung der Gelateria di Berna vor ein paar Wochen ihren Anfang nahm, sondern tief in die 70-Jahre zurückreichte. Damals gabs in Wollishofen das Aeschlimann…

Intermezzo 2: Zweifellos gesellen sich zu den vorherigen Schnaubern nun noch Dutzende Plagööris, und im vielstimmigen Kanon wird reklamiert: «Und jetzt auch noch zum zehnten Mal die Beiz seiner Grosseltern selig! Alles was recht ist, aber genug ist genug!» Diesmal erwidere ich: «Es ist höchstens das fünfte oder sechste Mal, und nicht einmal 20 Nennungen wären zu viel, denn diese Beiz, die übrigens damals ein Tea-Room und später ein Restaurant war, ist so reich an Geschichte(n), dass man damit ein dammi gutes Buch füllen könnte!» Intermezzo 2 Ende.

Und im Aeschlimann wurde der köstlichste Eiskaffee der ganzen Stadt serviert! Das behaupten ausnahmslos alle, die ihn je probiert haben. Sein Rezept und viel mehr Zürcher Glacekultur gibts nächsten Samstag in Teil 3.

Eine Glacegeschichte (1)

Thomas Wyss am Samstag den 1. Juli 2017

«Gibt es Orte oder Momente, die sozusagen exemplarisch die Zürcher Mentalität zeigen?» So lautete die TA-Frage an Andri Rostetter, den Leiter der Regionalredaktion des «St. Galler Tagblatts», der mit seiner Journalisten-Crew Ende Mai eine Woche im Zürcher Exil verbracht hatte. Rostetters Antwort ging (im Kern) so: «Das Phänomen der ‹Gelateria di Berna› ist für mich typisch. Da geht irgendwo in Zürich ein angesagter Glaceladen auf – und es bildet sich sofort eine Schlange. Der St. Galler sagt sich in solchen Fällen: ‹Vielleicht gehe ich dann im Sommer mal hin.›»

Eine volltreffende Feststellung. Die aber natürlich viel, viel, viel zu höflich formuliert war. Fakt nämlich ist, dass man in den letzten Wochen hätte meinen können, etliche Horden und Sippen unserer Eingeborenen – neugierige Fremdlinge inklusive – hätten erstmals überhaupt in ihrem irdischen Leben Körperkontakt mit Eiscreme gehabt. Ja, das ganze «Gelateria di Berna»-Gschtürm wirkte bisweilen so grenzenlos surreal, dass man sich a) an Szenen aus dem Jean-Jacques Annaud-Film «La guerre du feu» (1981) erinnert fühlte – vorab an die Sequenz, in der Naoh und Ika dem Stamm der Ulamm zeigen, wie man Feuer macht, was in eine Art Ekstase mündet –, und dass b) jüngst erste Wiediker Zyniker verlauten liessen, wenn das scheisstrendige Getue im Kreis 3 nicht bald ein Ende nehme, würden sie mittels Petition die alte Weststrasse mitsamt damaligem Quartier-Status-quo zurückfordern.

Intermezzo: Es geht ja bei solchen Themen weder um «in» oder «out» und schon gar nicht um die Qualität des Produkts, interessant ist einzig die Frage, wann genau der Kulminationspunkt des Wahnsinns erreicht ist: Wir meinen, dass dies beim «Berna»-Hype an jenem Morgen der Fall war, als sich der «Ron Orp»-Newsletter, der nun wirklich jeden einigermassen lässigen Gugus marktschreierisch in die City hinaustrompetet (oje, stimmt, ein übel missratenes Sprachbild, shit), plötzlich veranlasst sah, in die Rolle der Vernunftsinstanz zu schlüpfen und daran zu gemahnen, dass es in Zürich noch acht andere Anbieter gebe, die ganz passable Eiscremes fabrizieren. Intermezzo Ende.

Das soll keinesfalls heissen, dass dieser Einwand von «Ron Orp» (der, wie man von Brupbacherplatz-Anwohnern hört, durchaus Wirkung erzielte) nicht berechtigt war. Doch was dem Votum fehlte, war der erweiterte Horizont; eine historische Einordnung, die zeigt, dass in dieser Stadt immer schon eine gute Glacekultur existierte. Mehr noch: Wie es möglich ist, anhand der Gletscherschmelze ziemlich präzise Aussagen über den globalen Klimawandel zu machen, wäre es durchaus möglich, anhand der hiesigen Glaceschmelze ziemlich präzise Aussagen über den Zürcher Gesellschaftswandel zu machen – bloss interessiert das niemanden! (Deshalb dazu nur das: Es gab Zeiten, da waren auch wir mal so angenehm trendresistent, wie es die St. Galler heute sind.)

Seis drum: Jedenfalls werden wir Teil 2 dieses Beitrags am kommenden Samstag die genannte Zürcher Glacekultur anhand einer sehr persönlichen Erzählung würdigen – das ist, wie bei allen «Schicksalsgeschichten», zwar nur bedingt repräsentativ, dafür aber doll lecker zu lesen, versprochen.

Der letzte Eindruck

Thomas Wyss am Samstag den 3. Juni 2017

Im Geschäftsleben, heisst es, habe man keine zweite Chance, um einen ersten Eindruck zu machen. Stimmt wohl. Selbe Regel sollte aber auch am anderen Ende der Skala gelten – also beim letzten Eindruck, dem Adieu beim Stellenwechsel oder Erreichen des Rentenalters. Dieser Abgang sollte stilvoll und adäquat, sprich den kulturellen und sozialen Umständen angepasst sein.

Wir nehmen an, dass jetzt vielerorts zustimmend genickt wird (wir können das nicht überprüfen, wir sind drum im Piemont, wo wir heute Abend beim Genuss eines fantastischen Achtgängers zusehen werden, wie in Cardiff eine elegante «Alte Dame» einer Gang von Lackaffen die Gelfrisuren zerzausen wird… o ja, bitte-bitte-bitte, grosser Fussball-Manitu, lass es so sein, lass uns gewinnen! Ich werde zum Dank die nächste Saison nichts Herablassendes über Basel und die Bayern schreiben, heiliges Ehrenwort! Oder wenigstens in der Vorrunde, das schaff ich!); da und dort wird nach diesem Intro aber bestimmt auch einer maulen: «Also echt jetzt, das versteht sich doch von selbst, diese Züricher Gebrauchsdingens hier ist auch nicht mehr, was sie mal war, und dafür bezahlt man teures Abogeld! Damit könnten wir uns auch Gescheites leisten, vielleicht Sylt, oder einen Jahresvorrat Spreewald-Gurken, es gäbe da zweifellos gute Optionen.»

Wir erwidern darauf: Diese Züricher Gebrauchsdingens hier war noch nie richtig gut (und darum früher auch kaum je besser), doch wahrscheinlich war sie noch nie so wichtig wie heute! Weil sie heute – siehe PS – wirklich Wichtiges zu verkünden hat. Weiter erwidern wir, dass sich das tatsächlich von selbst verstehen müsste, dass die Realität (die folgenden drei Beispiele sind nämlich wahrhaftig passiert!) jedoch dramatisch anders aussieht.

Wenn eine kleine Angestellte über die Hälfte des Essens, das sie für ihren Abschiedsapéro kaufte, zur Heilsarmee tragen muss, weil über die Hälfte der angekündigten Kolleginnen und Kollegen unentschuldigt fernbleibt, ist das – sorry – beschissen. Wenn sich ein KMU-Manager etwa zwei Monate nach der freiwilligen Kündigung von Mitarbeiter XY beim Personalchef erkundigt, wies eigentlich um Mitarbeiter XY bestellt sei, er habe den länger nicht mehr gesehen, ist das – nochmals sorry – nochmals beschissen. Und wenn man einer treuen Seele, die 42 (!) Jahre im Unternehmen tätig war, das Dienstaltersgeschenk in Form des doppelten Lohnes verweigert, bloss weil der Verwaltungsrat knapp zwei Wochen vor der Pensionierung der treuen Seele die Abschaffung solcher Geschenke beschlossen hat, ist das… ach, echt.

Auch unsere Zeitung hat was abgeschafft, nämlich die Erwähnung «Mit diesem Artikel verabschiedet sich…». Die ultimative Würdigung passte wohl einfach nicht mehr so zu unserem hektisch fluktuierenden Zeitgeist, schade ist es allemal. Tja.

PS: Mit diesem Artikel möchten wir unsere liebe Kollegin Denise Marquard verabschieden, sie geht in den sehr verdienten Ruhestand, und wir werden sie sehr vermissen.

PPS: Ich hatte das schon mal publik gemacht, aber ein Reminder schadet nie: Möchte man mir dann bei meinem Abschied einen guten letzten Eindruck machen, schenke man mir am besten einen Chariot de Fromage. Mässi.

Sehen und übersehen werden

Thomas Wyss am Samstag den 27. Mai 2017

Der Mensch, das liest man nun, da die künstliche Intelligenz ihren Latschen ins globale Torportal gestellt hat, auffallend oft, sei die beste und komplexeste Maschine, die seit Menschengedenken konstruiert worden sei (vielleicht hegen die, die es schreiben, die Hoffnung, es wirke wie autogenes Baldrian und würde unsere geplante Meuterei gegen die Algorithmen verhindern oder so).

Und wenn das für Menschen ganz allgemein gilt, gilt das für Zürcher Menschen selbstverständlich im Besonderen – als Stadt mit der zweithöchsten Lebensqualität verfügen wir über die schlicht optimalen Triple-B-Reproduktionsbedingungen: Bio-Natura-Fleisch (mit vielen feinen Proteinen für die Virilität), Bico-Matratzen («für ä tüüfä gsundä Biischlaaf») und Bugaboos (für genügend Frischluftzufuhr; mit diesen Kinderwagen können die Dadster die gedeihende Brut gar joggend ins Lieblingscafé und zurück in den gentrifizierten Loft verfrachten).

Dennoch, wir wollen das nicht beschönigen, ist selbst die formidable Zürcher Menschmaschine bisweilen überfordert (zumindest jene in der Standardausführung) – und wenn das passiert, dann oft in Situationen wie am vergangenen Mittwoch an der fidelen Geburtstagsfeier der Rio-Bar.

Denn die famose Rio-Bar ist eines der wenigen lokalen Lokale, dessen Partys man (und frau, die Damen sind bei uns immer mitgemeint, Ehrensache!) selbst dann nicht verpasst, wenn man nicht mal eingeladen ist. Darum hat es an diesen Sommerfeten stets entsprechend viel Volk, darum gibt es da entsprechend viel zu sehen: Achseln, Bäuche, Chnüü, Décolletés, Ellen, Füsse, Glatzen, Hintern, Iriden, Jesussandalen, Knorpelschäden, Lippen (mit Botox, Gloss oder Herpes), Muskeln, Nasen, Ohren, Patellasehnen, Rücken, Schnäuze, Taillen, Unterschenkel, Verstauchungen, Wangen, X-Beine, Yin- und-Yang-Tattoos, Zähne (notabene häufig in exzellenter Ausführung) – und all die fancy Kleider, Smartphones, Velos und so weiter und so fort sind da noch nicht einmal inbegriffen!

Entweder ist man im Augenblick dieses Anblicks bereits entspannt betrunken und bekommt all das nur noch ungefähr mit. Oder man gehört zum inneren Kreis, hat schon vier bis fünf Rio-Geburtstage mitgemacht und weiss, wie man sich in einem solchen Menschenmeer psychisch wie optisch über Wasser hält (zu diesem Thema gibt es dann in unserer Gebrauchsanleitung mal noch einen Sonderbeitrag). In allen anderen Fällen jedoch erleidet man dasselbe Schicksal wie einst der Flipperkasten, dem man aus Wut über den Kugelverlust in die Seite trat, nämlich den Tilt, das ins Gesicht geschriebene «Game over». Weshalb das Los des Abends fortan «sehen und übersehen werden» lautet; so sind sie, die ungeschriebenen Gesetze des Zürcher Ausgangs.

Was tun? Schwierig, auf diese Frage einen nachhaltigen Rat zu geben (wir empfahlen bislang immer, in solchen Schieflagen einfach so zu tun, als würde man sich bestens amüsieren, aber eine souveräne Lösung ist das natürlich nicht). Dafür war am Mittwoch in der Rio-Bar mitzuerleben, was eher nicht getan werden sollte: Ein Menefreghista im Sommeranzug meinte, er könne mit dem Spruch «Ich bin ein VIP» die überlange Schlange zu den Toiletten ignorieren. Als er vom Klo zurückkam, sagte eine Frau: «Hey, würdest du ein Shirt mit der Aufschrift ‹Ich bin auch ein arrogantes Arschloch› tragen, wär Deine Aktion eben fast noch originell gewesen.» Hohn und Spott der Umstehenden war derart immens, dass der «VIP» dann rasch das richtig Weite suchte. Ja, in solchen Momenten ist unsere friedliche kleine Stadt gnadenloser, als es der sagenumwobene Wilde Westen war.