Beiträge mit dem Schlagwort ‘Leben’

Eine Glacegeschichte (8)

Thomas Wyss am Samstag den 19. August 2017

Eigentlich hatten wir vorgehabt, heute in dieser Zürcher Glacekulturgeschichte das wichtige Kapitel «Die obszönen 80er-Jahre» aufzuschlagen. Und en détail darüber zu berichten, wie damals, durchaus passend zum klinisch gesüssten Synthie-Pop-Sound, eine Flut an artifiziellen, exklusiv im Labor kreierten Versuchungen über uns hereinbrach. Weshalb wir fortan nicht mehr herzhaft in Bireweggli oder Prussiens bissen, sondern stundenlang an «Schleckmüscheli» herummachten. Oder, der Gipfel der juvenilen Perversion, sogenannte Plattfüsse ableckten das war ein Eiscremestängel in Fussform, der aussah, als hätte er grad die Masern.

Ja, das war der Plan. Doch weil wir als städtische Gebrauchsanleiter selbstverständlich nicht nur der Chronik, sondern auch der Aktualität verpflichtet sind, müssen wir umdisponieren. Es ist nämlich am Dienstagabend etwas passiert, das zwar auf den ersten Blick mutig und offen wirkte, unserer Meinung nach jedoch fahrlässig unklug war warum, dürfte, nein müsste man bei der gleich folgenden Lektüre unschwer erkennen –, weshalb wir von einer Nachahmung in dieser oder jener Form dringend abraten möchten.

Es geht um SRF-Sportmoderator Dani Kern. Der anlässlich des Champions-League-Qualifikationsmatchs zwischen den Berner Young Boys und ZSKA Moskau ab Minute 90.17 bis Minute 90.33 – sprich in handgestoppten 16 Sekunden –, wortwörtlich rief (im Video ab Minute 5.08): «Oh. Nein! Neeeiiin! Neeeeeiiiiiiiin! Nein! Neeeeiinn! Ich werd verrückt. Ich werd veerrüückt. Ich werd verrückt. Iiich werd veerrüückt!»

Uns Zuschauer machte das natürlich betroffen, manch einer dachte womöglich gar: «Armer Kerli! Und das jetzt, da er endlich mal ein richtig wichtiges Spiel begleiten darf… ach, ach, der Herrgott, äxgüsi, ist manchmal einfach ein Lump!» (Wobei trotz Empathie betont sei, dass das Livegeständnis wegen Kerns «Mostindien»-Dialekt, den er – unbeabsichtigt, das waren die Gefühle! – in Quietschferkelfrequenzen hochtrieb, in den Ohren eher wehtat.)

Dennoch blieb da eine Skepsis, was Qualität und Wahrheitsgehalt dieser Selbstanalyse anbelangte. Vor allem darum, weil Kern das, was er von seinem Jobprofil her eigentlich können sollte – also einigermassen fehlerlos, packend und unparteiisch ein Fussballspiel einschätzen und kommentieren –, in der Regel nicht restlos souverän kann… weshalb es unwahrscheinlich ist, dass ihm in einer Disziplin wie der Psychiatrie, in der er, anders als im Fussball, nicht mal Grundkenntnisse besitzt, eine Diagnose von solcher Tragweite gelingen kann. (Gleichwohl ist es sicher nicht verkehrt, wenn die vom Fernsehen Kerns in Abertausende Deutschschweizer Stuben hineinposaunte Behauptung fachmedizinisch abklären – umso mehr, als der Auslöser dafür ein läppisches Eigentor war.)

Klar, nicht jeder hat, wie Dani Kern, im Augenblick, in dem er meint, das Unsagbare sagen zu müssen, ein bedeutendes Mikrofon vor sich stehen. Doch das ist im Social-Media-Zeitalter auch gar nicht nötig: Es reicht ein vorlaut formulierter Tweet, ein unbedarfter Facebook-Post, und man hängt auf Wochen, wenn nicht auf Monate hinaus belämmert in den Seilen. Und davor möchten diesen Zeilen warnen; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eine Glacegeschichte (7)

Thomas Wyss am Samstag den 12. August 2017

Zuerst, dachte ich, entledige ich mich der Jacke (damit man mein cooles Che-Guevara-Shirt sehen kann), recke martialisch die Faust in die Luft, rufe «Sin perdón!» und steche ihm mit einem Rambo-Messer beide Pneus auf. Während es dann elend röchelnd die Luft verliert, zerschlitze ich den Sattel, malträtiere mit dem mitgebrachten Vorschlaghammer Pedalen, Rahmen und Speichen bis zur Stufe «irreparabel», und schliesslich übergiesse ich das, was von diesem scheusslichen O-Bike noch übrig ist, mit Benzin und zünde es an.

Dazu entrolle ich trotz der Hitze möglichst feierlich mein im Hausbesetzerstyle gestaltetes Transparent, auf dem steht: «Singapore! If I spit a spearmint chewing gum on your ground, I get penalized as I if were an outlaw… and now you think you can spit – figuratively speaking – a giant yellow-grayblack O-Bike chewing gum on my town without getting punished? Forget it!» (Auf Deutsch: «Singpur! Wenn ich bei dir einen Spearmintkaugummi auf den Boden spucke, werde ich gebüsst, als ob ich ein Gesetzloser wäre… und jetzt meinst du, du könntest – bildlich gesprochen – einen gigantischen gelbgrauschwarzen O-Bike-Kaugummi auf meine Stadt spucken, ohne bestraft zu werden? Vergiss es!») Dieses Transpi halte ich minutenlang grimmig dreinblickend in die mich filmenden Smartphones der deppert bis schockiert dreinblickenden Touristen – und all das am helllichten Tag, mitten in Zürich!

Dann dachte ich, dass es echt ziemlich krank wäre, so was zu tun. Umso mehr, als ich ja in letzter Zeit richtiggehend stolz war, endlich meine innere Mitte gefunden und diese auch in ansprechend gesunder Balance gehalten zu haben. Weiter dachte ich, dass ein Velo ja wahrscheinlich auch so was wie einen Astralleib oder zumindest eine Integrität besitzt, die zu verletzen unter einem ethisch-moralischen Gesichtspunkt betrachtet einer schweren Sünde gleichkommen würde.

Ein nächster, sehr bitterer Gedanke: Wie bünzlig meine Haltung doch war – bloss weil das eine oder andere O-Bike seit einer Woche meinen angestammten Veloparkplatz vor der Tamedia besetzte, wäre ich bereit gewesen, einen kleinen Velo-Jihad loszutreten? Pervers peinlich! Aber noch weit schlimmer: Mit dieser Attitüde lag mein Ich, das sich auf der Leinwand des Lebens immer gern in der Rolle des eigenwilligen Modern Hippie gesehen hat, plötzlich voll auf der aktuellen Mainstream-Züri-Linie… mich schauderte kurz, aber gründlich, wohl im Wissen, dass man so was nicht einfach mit gut duschen wieder wegbringt.

Ja, all das dachte ich. Und plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich heute doch mit dieser Glacekulturgeschichte hatte weitermachen wollen (deshalb auch der Titel), und dass es glaub Teil 3 gewesen war, in dem ich Variationstipps des legendären Aeschlimann-Eiskaffees versprochen hatte. Les voilàs.

Tipp 1: Statt dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace nehme man zwei Kugeln Kaffeeund eineinhalb Kugeln Schoggiglace, alles andere bleibt gleich – die Creme wird etwas süsser, farblich entsteht ein hübscher Zebraeffekt.

Tipp 2: Man gibt 4 cl Zuger Kirsch in die fertige Glacecreme und rührt nochmals kräftig um. Auf süssere Art kann der «Ouuii, ich han es Schwippsli»-Zustand kaum erreicht werden.

Eine Glacegeschichte (6)

Thomas Wyss am Samstag den 5. August 2017

Bei einer Stadt, die erstmals auf einem 185 n. Chr. gemeisselten Grabstein erwähnt wird – die aus dem Lateinischen übersetzte Inschrift lautet: «Den Manen. Hier liegt Lucius Aelius Urbicus begraben, der ein Jahr, fünf Monate, fünf Tage lebte. Unio, von Augustus freigelassen, Vorsteher der turicensischen (zürcherischen) Zollstation, [des Zollbezirks] Quadragesima Gallia, und Aelia Secundina, die Eltern ihrem liebsten Sohn» –, die also schon eher lang existiert, darf man sich nicht wundern, dass sie auch die eine oder andere Klatsche einstecken musste.

Zum Beispiel bei der «Schlacht bei St. Jakob an der Sihl» vom 22. Juli 1443 (die in der Nähe des Tamedia-Sitzes stattfand, nämlich da, wo sich heute die Tramhaltestelle Stauffacher befindet… wir hatten also Dusel, dass unser schönes Holzhaus noch nicht stand, das wäre bestimmt abgefackelt worden), bei der sieben der Acht Alten Orte der Eidgenossenschaft auf Zürich losgingen, weil sich Zürich aus Expansionslüsten seines Bürgermeisters Rudolf Stüssi, einer verwegenen Kriegsgurgel, mit den Habsburgern verbündet hatte. Am Schluss der Schlacht habe Stüssi allein die Sihlbrücke verteidigt – dazu gibts übrigens tolle Actionbilder von Werner Schodoler (1514) und Johannes Stumpf (1548) –, wobei er dann von einem pervers feigen Eidgenossen hinter- beziehungsweise unterrücks (sprich mittels Speer mitten ins Gemächt!) zu Tode gebracht worden sei.

Oder, auch das tat elend weh: die 5:6-Niederlage im Cuphalbfinal vom 3. März 2004 im Hardturm gegen die Grasshoppers. Und, nicht zu vergessen, der Verlust des Titels «Die Stadt mit der höchsten Lebensqualität» an Wien.

Doch wie schmerzhaft diese Pleiten auch sein mögen – sie sind auszuhalten, weil sich Zürich in allen erwähnten Fällen der gebotenen Herausforderung stellte. Und just darum ist das, was am 22. Juli an der Wurstsalat-WM passierte, unerträglich! Und mit «die Schande von Frick» noch viel zu nett betitelt!!!

Dammisiech, echt! Dabei hatten wir die Züribieter Wusa-Talente mehrfach dazu aufgefordert, bitte die Messer zu wetzen, um die letzte relevante Lücke im städtischen Titelpalmarès zu stopfen… und dann berichtete unser Aargau-Korrespondent völlig verstört, er habe unter den rund 40 bewerteten Tellern keine einzige Zürcher Kreation entdeckt. Ein solcher Menefreghismo könnte sogar in Italien bestehen!

Als wir dachten, schlimmer gehts nimmer, meldete sich Frau Ammann und meinte, sie hätte mit ihrem Rezept – «Cervelat, Tomaten aus dem Garten, gelbe Peperoni, hart gekochte Eier und Gürkchen in zierliche Würfel schneiden, in einer grosszügig angesetzten Vinaigrette mit Zwiebeln und etwas Knoblauch lange genug ziehen lassen, mit slowfoodmässig in Butter gebratenen Pommes rissolées im selben Grössenverhältnis und Spinatsalat servieren; der Kalt-warm-Effekt und das kunterbunte Aussehen: immer wieder der Renner!» – das Wurstsalatdesaster womöglich verhindern können. Warum sie es nicht versuchte? Hat sie leider nicht erwähnt.

PS: Stimmt, der heutige Titel hat mehr versprochen, als er einlösen konnte. Sorry. Gleichwohl sind wir dem Ziel, die längste Zürcher Glacekulturgeschichte ever zu fabrizieren, wieder einen Schritt näher gekommen. Cool.

Eine Glacegeschichte (5)

Thomas Wyss am Samstag den 29. Juli 2017

Wir würden ja gern gemütlich beginnen, wie es sich für einen Sommerferienmorgen gehört. Einen Schluck kalten Kaffee nehmen (ganz früher sagte man, das sei Schnee von gestern, später behaupteten Forscher, das steigere die Attraktivität, und heute heisst das Zeugs «Cold Brew» und gilt als Trendgetränk – ob sich die Welt allenfalls doch eher rückwärts entwickelt?). Dazu würden wir zum Stück «La Mirada» («Umoja Remix») von Nicola Cruz durch die Wohnung tänzeln und daran denken, dass in den letzten zwei Tagen gleich drei wichtige Menschen Geburtstag hatten («Happy Hippie Birthday Stöffeler, Leuli und Oeschgi!»), dann unter die Dusche schwofen und dort, dem erfrischenden Nass ausgeliefert … tja, leider nein: Wir haben eine Traktandenliste abzuarbeiten. Sie umfasst zwar bloss zwei Punkte, ist aber dennoch ziemlich gewichtig. Los gehts.

1. Wie wir letzte Woche schrieben, bedauerte Leser Rothenhäusler, dass die einzige Eiscreme, die er liebe – die Cassata siciliana – in Zürich nirgendwo erhältlich sei. Wir konnten das kaum glauben – und wir hatten recht! Leser Schikowski teilte netterweise mit, dass eine feine Cassata im Ristorante Tramblu im Kreis 6 auf der Dessertkarte stehe. Grazie per l’informazione!

2. Es gibt Erzählungen, die sind herzerwärmend. Und es gibt solche, die sind noch ein wenig mehr als das; im aktuellen Kontext würde das Adjektiv (oder ists ein Adverb? Ich kann die Dinger einfach nie auseinanderhalten) «glaceschmelzend» gut passen.

Eine solche Erzählung hat uns Frau Spieler geschickt. Im Brief stand, sie sei in Wollishofen aufgewachsen, weshalb das in Teil 3 dieser Glacegeschichte publizierte Rezept des Eiskaffees, der im Aeschlimann serviert wurde (also in der Wollishofer Beiz meiner Grosseltern), bei ihr eine schlummernde Erinnerung wachgeküsst habe.

Frau Spieler, damals acht oder neun Jahre jung, sass an einem heissen Sommertag im Garten des Aeschlimann und löffelte im Beisein ihrer Mutter besagten Eiskaffee aus einem eisgekühlten Silberbecher. Wegen der Sonne entschied die Mutter, den Platz zu wechseln, und stand auf. Frau Spieler tat es ihr gleich, griff nach den beiden Eisbechern, klemmte einen unter den Arm und dann… hier der O-Ton des Briefs: «Das war wohl keine so gute Idee gewesen – lief doch der Inhalt des Eiskaffees über mein schönstes Sommerkleid und tropfte auf meine weissen Söckchen und in die Sandalen. Das Kleid war rosa Organza und mit Blümchen bestickt – dazumal was ganz Spezielles.» Dem dürfen wir beipflichten; dem Brief war nämlich ein herziges Foto aus dem Familienalbum beigefügt, das Klein Frau Spieler im adretten Gewand zeigt.

Danach passierte das, was anno dazumal bei solchen Vorfällen halt einfach gang und gäbe war: Es gab schlimm Schimpfis vom Mami – vor allen Leuten –, und zu Hause gabs viel Trost vom Grossmami, die, wie im Brief zu lesen war, das Kleid wieder tadellos sauber brachte.

Molto bene. Und nächsten Samstag, in Teil 6, kommen wir nebst weiterer Glacekulturgeschichte dann auch noch auf das kollektive Zürcher Versagen an der 5. Wurstsalat-WM vom vergangenen Samstag (bereits geläufig als «Die Schande von Frick») zu sprechen.

Eine Glacegeschichte (4)

Thomas Wyss am Samstag den 22. Juli 2017

Ein zeitgeistiger Zeitungsredaktor würde jetzt stöhnen: «Ach Leute, bitte, so geht das nicht, so kommen wir mit dieser Sache nie ins Ziel… es gibt doch wirklich noch andere und vor allem wichtigere Themen… wieder und wieder auf dieser Sache rumzureiten – Pardon: an dieser Sache rumzuschlecken –, ich weiss nicht, das ist doch nicht nötig, das wird echt langsam öde.»

Ein Vertreter der guten alten Schule würde dagegen erst mal betont höflich sagen: «Merci villvillmal!» Danach würde er aus schierer Freude am Leben eine (natürlich rein imaginäre; die echte könnte er sich gar nicht leisten, zudem sei Rauchen ja glaub ungesund) Habano anzünden – notabene aus dem Anbaugebiet Vuelta Abajo – und diese Scheinzigarre würde er genauso genüsslich paffen, wie der grosse FCZ-Präsident Edi Nägeli selig nach den sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen seine realen Triumph-Stumpen paffte (ich bin übrigens ziemlich sicher, dass er das morgige Derby, Fliege, Hornbrille und Hut inklusive, von der himmlischen Ehrentribüne aus mitverfolgen wird). Und wenn der fette Glimmstängel beendet wäre – also wohl ungefähr jetzt –, würde er für alle Leserinnen und Leser, die bislang nur dezent amüsiert die Stirn runzelten, endlich Klarheit in dieses textliche Dunkel bringen… ja, und genau das will ich alter Schüler nun tun.

Fakt nämlich ist: Obwohl diese Beiträge zur Zürcher Glacekultur offenkundig geprägt sind durch eine ( je nach Sichtweise bedenkliche oder erstaunliche) Brisanzarmut, haben sie Post bewirkt. Emotionale Post sogar, auf die ich selbstverständlich eingehen will. Was wiederum weitreichende Folgen hat. Die erste: Das für heute angekündigte Programm wird – wie bereits die Programme der letzten Wochen – kurzfristig über den Haufen geschmissen. Die zweite: Die Serie, ursprünglich als Zweiteiler angedacht, wird lang und länger. Die dritte: Die Begeisterungsstürme, die diese Spontanverlängerung auslöst, sind (charmant formuliert) nicht überall gleich hemmungslos. Die vierte: Statt zu kuschen, rufe ich «Watsky!» (das ist vergleichbar mit Trumps «covfefe», bloss konkreter) und versuche nun, die längste Glacekultur-Serie in der langen Geschichte dieser Stadt zu bewerkstelligen. YEAH! (Okay, yeah! genügt auch).

So, genug aufgeklärt, reden wir über die zuvor erwähnte Post. Die zuerst in Form eines Mails von Herrn Rothenhäusler eintrudelte. Er schrieb, er liebe «nur die weisse Glace vom altmodischen Cassata (die mit den kandierten Früchten)», doch keine einzige Gelateria weit und breit habe Cassata im Angebot («nicht mal die mit 100 Sorten»), er verstehe das nicht. Echt wahr? Ist dieser italienische Klassiker, der im Original «Cassata alla siciliana» heisst, in Zürich nicht mehr erhältlich? Wer anderes weiss, bitte melden!

Ja, und dann kam der Brief von Frau Spieler. Das kindliche Eiskaffee-Erlebnis, das sie darin schildert, ist derart herzig und köstlich, dass es sünd und schad wäre, damit die wenigen hier verbleibenden Zeilen zu füllen; wir machen das lieber ausführlich in Teil 5 am nächsten Samstag – und rufen jetzt stattdessen nochmals alle Zürcher Wurstsalat-Könner dazu auf, unsere Farben heute Abend an der Wusa-WM in Frick AG würdig zu vertreten!

Eine Glacegeschichte (2)

Thomas Wyss am Samstag den 8. Juli 2017

Es passierte im Sommer 1969, in dem ja auch sonst einiges passierte (zum Beispiel die erste Mondlandung oder «Woodstock» oder die Geburt von Stéphane Chapuisat). Es passierte da, wo alles viel kleiner ist, als es in Realität ist – was bei gewissen Besuchern (zum Beispiel bei pathologischen Fans des Filmemachers David Lynch) eine Art Psychose auslöst –, nämlich im Swissminiatur in Melide.

Intermezzo: Es dürfte bereits jetzt erste Leser geben, die schnaubend stöhnen: «Ach nein, nicht wieder diese Dreikäsehoch-Episode, die hat er uns doch bestimmt schon fünfmal erzählt.» Ich erwidere: «Quatsch, heute inklusive, ist es das dritte Mal. Und wie ein oft zubereitetes Gericht, das man stetig verfeinert, liest sich diese Shortstory mit jedem Mal eindrücklicher.» Intermezzo Ende.

Es passierte bei einem dieser Miniaturhäuser – welches es war, weiss ich natürlich nicht mehr, ich war da zweieinhalb Jahre alt. Vor diesem Haus gab es einen Miniaturweiher, der so dreckig war (damals war der Wasserstaubsauger noch ein Zukunftstraum), dass er aussah wie Beton. Da mir dieses Miniaturhaus offenbar gefiel, wollte ich es mir aus der Nähe ansehen, rannte über den Betonboden, der in Tat und Wahrheit eben aus Wasser bestand, und ging unter (nicht so richtig lebensbedrohlich unter, dafür war der Teich schlicht nicht tief genug), war pitschnass – und quietschte wie die panische Sau im Anblick des Schlachtermessers.

Meine damals noch jungen und unerfahrenen Eltern mussten handeln, und sie handelten den Umständen entsprechend stupend: Sie kauften mir nämlich eine Glace! (Es sei glaub ein Schoggi-Cornet gewesen, vermeldeten sie auf Anfrage.) Was mich so sehr glücklich machte, dass ich mich umgehend beruhigte und das schweinische Gequietsche einstellte. (Bevor nun ein Shitstorm aufzieht: Sie kauften mir etwas später auch trockene Kleider, was darum nötig war, weil sie die Koffer bereits per Zug zurück nach Zürich verfrachtet hatten).

Jedenfalls: Es war ein Schlüsselerlebnis. Und in der Folge entwickelte ich eine solch heisse Liebe zu dieser frostigen Süssigkeit, dass ich inzwischen (wie letzten Samstag angetönt) in der Lage bin, ziemlich souverän über die hiesige Glacekultur zu referieren. Die eben nicht, wie viele Dumpfbacken meinen, erst durch die Eröffnung der Gelateria di Berna vor ein paar Wochen ihren Anfang nahm, sondern tief in die 70-Jahre zurückreichte. Damals gabs in Wollishofen das Aeschlimann…

Intermezzo 2: Zweifellos gesellen sich zu den vorherigen Schnaubern nun noch Dutzende Plagööris, und im vielstimmigen Kanon wird reklamiert: «Und jetzt auch noch zum zehnten Mal die Beiz seiner Grosseltern selig! Alles was recht ist, aber genug ist genug!» Diesmal erwidere ich: «Es ist höchstens das fünfte oder sechste Mal, und nicht einmal 20 Nennungen wären zu viel, denn diese Beiz, die übrigens damals ein Tea-Room und später ein Restaurant war, ist so reich an Geschichte(n), dass man damit ein dammi gutes Buch füllen könnte!» Intermezzo 2 Ende.

Und im Aeschlimann wurde der köstlichste Eiskaffee der ganzen Stadt serviert! Das behaupten ausnahmslos alle, die ihn je probiert haben. Sein Rezept und viel mehr Zürcher Glacekultur gibts nächsten Samstag in Teil 3.

Das Leben ist ungerecht

Beni Frenkel am Donnerstag den 20. April 2017

Riesenfaultier beim Eingang zum Zoologischen Museum der Universität Zürich. (Foto: Beni Frenkel)

Ein- bis zweimal im Jahr muss ich ganz alleine etwas mit den Kindern unternehmen. Häufig dann, wenn die Frau viel putzen, kochen oder beides muss. So auch letzten Sonntag. Seit Tagen lag mir der Termin schwer auf dem Magen. Was soll ich nur machen? Den Sonntag benötige ich zum Kräfte auftanken. Mir wollte nichts Gescheites einfallen. Also entschied ich mich wie jedes Mal für das Zoologische Museum der Universität Zürich. «Nicht schon wieder», maulten die älteren Kinder. Ich überhörte die Klagen Israels und führte mein Volk ins Museum.

Der Eintritt ist gratis – im Unterschied zum Zoo. Dafür sind die Tiere tot. Man kann die ausgestopften Tiere aber umso besser fotografieren. «Gratis» muss ich allerdings etwas relativieren. Ein Kind liess meine teure Digitalkamera auf den Boden fallen. 329 Franken hat das Teil gekostet. Ich fluchte laut und wollte dem Kind automatisch eine Ohrfeige verpassen. Aber da standen so viele neugierige Leute um mich herum, dass ich von der Strafe abliess. Was andere Menschen über mich denken, ist mir wichtig.

Dafür gab ich den Kindern keine Antwort, als sie mich immer und immer wieder fragten, wie dieses oder jenes Tier im Schaufenster heisse. Einerseits war ich noch immer beleidigt, andererseits konnte ich die kleine Schrift gar nicht lesen. Denn ich bin ja Diabetiker. Ich sehe alles nur verschwommen.

Die Fragen hörten aber nicht auf. Also erfand ich irgendwann Namen. «Das hier ist ein Australischer Hämorrhoiden, das da ein sogenannter Südamerikanischer Syphilis.» Namen werden sowieso überbewertet. Ich zum Beispiel kann mich gar nicht mehr an den Namen meiner Banknachbarin von der fünften Klasse erinnern? Monika? Sybille? Fiona? Sie trug eine furchteinflössende Zahnspange.

Aber der ausgestopfte Hase auf dem Lehrerpult geht mir nicht aus dem Kopf. Das Tier stand ein halbes Jahr dort und blickte uns ständig an. Beim Teutates! Hat uns der Lehrer damit geplagt. Jedes Knöchelchen mussten wir auswendig lernen und auch, wie dämlich das Tier hoppelt. Einmal schleppte er uns zu einer Schulexkursion. Das Ziel war irgendein Feld im tiefsten Aargau. Es regnete scheusslich. Der unsympathische Lehrer streckte seinen Finger in eine Richtung und behauptete, dort gäbe es Hasen. Dann fuhren wir wieder zurück mit dem Postauto.

Man sagt ja häufig, Wissen schafft Erbarmen. Bei mir nicht. Ich weine keinem Hasen nach, den ein John-Deere-Mähdrescher W440 im Schlaf überrascht.

Ringeltauben mag ich auch nicht. Im Untergeschoss des Zoologischen Museums lief ein nämlich eine langweilige Dokumentation über diese Tiere. Eine Schautafel wurde eingeblendet. Es ging um die Verbreitung dieser Vögel. Zuerst sah man die Umrisse von Europa. Nächstes Bild: Wieder die Karte von Europa, diesmal mit Tauben überdeckt, von der Türkei bis Island. Mir kam «Die Vögel» von Alfred Hitchcock in den Sinn. Und auch die Stimme hörte sich vertraut an. Aber ja, das ist doch Sprecher Leon Huber (123 v. Chr. – 33 v. Chr.) von der Tagesschau.

An das SRF erinnerte übrigens ein Tier gleich beim Eingang: Das Riesenfaultier. Leider ist das sympathische Tier ausgestorben oder hat gar nie gelebt. Andere Tiere hingegen leben immer noch. Zum Beispiel kläffende Hunde.

Das Leben ist manchmal ungerecht.

Die Unermüdliche

Alex Flach am Montag den 30. Januar 2017
Freundlich hinter der Bar - ohne auszubrennen.

Freundlich hinter der Bar – ohne auszubrennen. Foto: Amanda Nikolic.

Susan Peter steht seit 18 Jahren hinter der Bar des Supermarkets, mit einem ein-, zweijährigen Unterbruch, während dem sie an jener des «alten» Q gearbeitet hat. Dabei war sie den meisten ihrer Gäste (und es waren abertausende) ein bekanntes Gesicht mit einem unbekannten Menschen dahinter: Derweil man als Barkeeper in einer Bar die Musse hat die Leute in Gespräche zu verwickeln, ist das Bartending in einem gut laufenden Club mehr Hochleistungssport mit Marathon-Charakter. Für den Barkeeper und seinen Kunden bleibt keine Zeit sich kennenzulernen, erst recht nicht wenn man an einer 360 Grad-Bar arbeitet wie Susan und die Durstigen nicht nur vor sondern auch hinter einem nach Flüssigem lechzen.

Sie generiert die Job-Nestwärme denn auch nicht aus der Interaktion mit ihren Gästen, sondern aus dem Team: «Die Supermarket-Belegschaft ist eine über viele Jahre zusammengewachsene Familie, heute mehr denn je. Wenn man so lange zusammenarbeitet, dann ist ‚Familie‘ auch keine leere Floskel mehr». Susan ist es wichtig, dass an dieser Stelle der Zusammenhalt im Club hervorgehoben wird.

Sie selbst hat keine Kinder, obschon sie sich früher gerne als Mutter gesehen hätte. Trotzdem ist Babysitten Teil ihres derzeitigen Lebensentwurfs: Sie hat vor zwei Jahren ihren Wochenjob in einer Zahnarztpraxis gekündigt, um sich eine Weile auf die für sie wesentlichen Dinge des Lebens zu fokussieren, und dazu zählen für sie vor allem das Hüten der Kinder einer Freundin und ehemaligen Kollegin, sowie das Kümmern um die betagte Grossmutter. Sie lebt somit ausschliesslich von dem, was sie an der Supermarket-Bar verdient. Sie brauche nicht viel Geld, habe für das Leben, das sie sich ausgesucht hat, auch ihren Lebensstandard auf ein spartanisches Niveau heruntergeschraubt. Das sei es ihr aber wert.

Dass sie ihr Job nicht bereits nach zwei, drei Jahren ausgebrannt hat, wie so viele ihrer Kollegen und Kolleginnen, liegt wohl daran, dass sie den ganzen Trubel und die Hektik im Club als Energiequelle sieht und nicht als etwas, was Energie kostet. An ihrem Job würden ihr alleine Gäste auf die Nerven gehen, die um mehr Wodka im Glas oder um Freidrinks betteln, denen nicht klar sei, dass ein Clubbetrieb Geld kostet: “An der Migros-Kasse fragt ja auch keiner, ob er zu seinem Einkauf noch eine Tafel Schokolade gratis dazu kriegt”.

Warum es dann so viele im Club tun, will auch ihr nicht in den Kopf. Was sie hingegen geniesst, ist die mütterliche Rolle für weibliche Clubgäste, die erst kurz vor ihrem Stellenantritt im Supermarket zur Welt gekommen sind: «Es kommt schon vor, dass ich Mädels sage sie sollen doch bitte auf ihre Freundin aufpassen, die gerade penetrant von einem zwielichtigen Typen angebaggert wird». Susan schmunzelt.

Zum Schluss blickt mich die bescheidene Schwarzhaarige mit den melancholischen Augen entschuldigend an und meint es täte ihr leid, dass sie nicht viel Aufregendes zu erzählen habe: Sie sei halt schon eine eher langweilige Person.

Jetzt muss ich schmunzeln.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Die Opferhaltung

Réda El Arbi am Dienstag den 20. September 2016
Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Dies wird wohl einer der Texte, die wirklich schwer zu schreiben sind, wenn ich am Schluss nicht Applaus von Idioten und Angriffe von Freunden ernten will. 

Ich beurteile Menschen nach ihren Handlungen und Äusserungen. Niemals werte ich Menschen nach ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religion, Rasse, ihres Reichtums oder ihrer Armut. Trotzdem finde ich mich ab und an mit den Vorwürfen Sexismus, Homophobie, etc. konfrontiert.

Gerade in einer aufgeschlossenen Stadt wie Zürich – regenbogenfarben, linksgrün, offen – treffe ich häufig auf Menschen, die sich über ihre Opferhaltung definieren. Feministinnen, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren, Homosexuelle, die jeden Affront als «homophob» einordnen, Ausländer (meist gut integrierte Secondos), die persönliche Auseinandersetzungen gleich mit «Rassismus» kontern.

Es gibt da draussen noch viel zu viel Sexismus, Rassismus und Homophobie. Das heisst aber nicht, dass man seine eigene Identität auf sein Geschlecht, seine Herkunft, seine sexuelle Orientierung oder auf sonst ein Merkmal einer Gruppenzugehörigkeit reduzieren soll oder darf. Das zeugt von fehlender Autonomie und man wird sich selbst dabei nicht gerecht. Die eigene Person wird schabloniert und eindimensional, die Welt schwarzweiss. Es endet in «Wir und sie».

Ich hab einige Jobs und Wohnungen in meinem Leben nicht bekommen. Natürlich hätte ich schimpfen können, das sei wegen meines arabischen Namens. Wars aber meistens nicht. Da war zu Beispiel mein Betreibungsauszug. Oder meine fehlende Eignung. Oder meine persönliche Art, die lange nicht jedem passt. Wenn jemand mir sagt «Du dreckiger Kameltreiber», empfinde ich das als fremdenfeindlich. Wenn jemand mir sagt «Du grosskotziger Vollidiot», ist das wohl meiner Persönlichkeit geschuldet.

Die Selbstdefinition als Opfer führt in Zürich oft zu einer Art positiven Diskriminierung. So gehen viele meiner Bekannten viel vorsichtiger in Auseinandersetzungen mit Schwulen, Lesben, Ausländern oder feministisch orientierten Frauen. Schliesslich will man auf keinen Fall als rückständiger, intoleranter, sexistischer Vollidiot dargestellt werden. So kommt es in meiner linksgrünen Blase zu einer Art Schutzgebiet für Leute, die sich dauernd als Opfer irgendeines -ismus fühlen.

Das ist extrem abwertend. Wenn ich Leute aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung anders behandle als jeden anderen Idioten, sie schone, nehm ich sie nicht ernst. Gleichberechtigung bedeutet, dass ich den Menschen so behandle wie alle anderen. Und wenn ich mich zurückhalte, meinem Gegenüber einen Sonderstatus einräume, positiv oder negativ, diskriminiere ich aktiv. Das ist ungeheuer kontraproduktiv. Unter Ausländern, Schwulen, Lesben, Transgender und Feministinnen gibts genau gleich viele unangenehme, egozentrische und dumme Personen wie überall sonst unter Menschen.

Es gibt genug echten Sexismus, Rassismus und genug Homophobie, die wir angehen müssen, strukturell, gesellschaftlich und auf persönlicher Ebene, als dass wir uns diese Opferhaltung leisten können. Es schadet unserer gesellschaftlichen Entwicklung, wenn wir nicht zwischen persönlichem Affront und allgemeiner Abwertung unterscheiden können.

Also, wenn dich jemand «Idiot» oder «dumme Kuh» nennt, könnte das mit deinem Verhalten zu tun haben. Es muss nicht Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung gegenüber deiner Identität sein.

So gar nicht wie in Köln

Stadtblog-Redaktion am Samstag den 9. Januar 2016
Es hätte jeder dieser Männer sein können, der für Camille kocht.

Es hätte jeder dieser Männer sein können, der für Camille kocht.

Die 28-jährige Studentin Camille* hat in Zürich zwei Flüchtlinge bei sich in der Wohnung aufgenommen, zwei junge Männer.  Geschichten wie die ihre liest man selten in den Medien, weil sich damit weder Zeitungen noch Politik verkaufen lassen. Wir wollten sie euch trotzdem nicht vorenthalten, rückt sie doch einiges ins rechte Licht:

Ich hatte drei Monate lang zwei Mitbewohner, zwei mir bis dato fremde Männer und ich, eine junge Frau, lebten gemeinsam in einer Zweieinhalbzimmerwohnung.

Jeden Abend stand das Essen schon auf dem Tisch, wenn ich nach Hause kam. Wir schauten währnd des Essens gemeinsam YouTube-Videos auf meinem Smartphone und versuchten, uns zu unterhalten. Im Gegenzug zum Kochen habe ich mich um die Wäsche gekümmert. Als ich krank war, hat mir der Grosse (ich nenne sie der Grosse und der Kleine) scheussliche Teemischungen mit Kardamom zusammengebraut. Und meine Geschirrspülmaschine stand immer still, weil die beiden alles von Hand abwaschen wollten.

In ihrer Freizeit – davon haben sie reichlich – machen die beiden Sport, erkunden die Stadt, lernen Deutsch, denken nach und schreiben ihren Verwandten. Als ich aus meinem Urlaub zurückkam, fand ich mein Zuhause genauso tadellos vor, wie ich es verlassen hatte. Und manchmal gab es morgens Stau vor dem Bad. Ein Bad, das sich nicht mit dem Schlüssel verriegeln lässt und in dem ein kleines Tischchen steht, in dem ich Schmuck aufbewahre. Das war unser Alltag.

Fast so wie in jeder WG halt. Eigentlich nicht der Rede  wert. Fast. Und eigentlich. Denn die beiden kamen mit zwei mittelgrossen Rucksäcken nach einer gut zweiwöchigen Reise über den See- und Landweg (Ja, im Gummibot und Nein, keine Islamisten) aus Syrien am Zürcher HB an. Dort habe ich sie an einem Donnerstag um 22 Uhr abgeholt, nachdem ich am Nachmittag über sieben Ecken angefragt wurde, ob ich wohl Platz hätte. Ich hatte keine Ahnung, wer da kommen würde und ich hatte bis zu jenem Nachmittag auch nicht vor, mein Zuhause zu teilen.

Ich hatte auch nicht vor, diese Geschichte in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie hat offenbar keinen News-Wert.

Nach der Kölner-Silvesternacht hat sie aber vielleicht doch gesellschaftliche Relevanz erhalten. Social Media-Kommentatoren und Medienschaffende haben sie geschaffen, die Relevanz. Indem sie oftmals nicht nüchtern, nicht differenziert, nicht einfachsten juristischen und wissenschaftlichen Grundlagen entsprechend (und das sollte man zumindest von Journalisten erwarten können) mithalfen, eine ganze Ethnie in ein schlechtes Licht zu rücken.

Jetzt ist die Geschichte von der 28-jährigen Frau, dem 31-jährigen Moslem und dem 21 Jahre alten nicht-Gläubigen, den drei Menschen also, die sich nie zuvor begegnet sind und keine gemeinsame Sprache sprechen und die – ein wenig improvisiert, aber gut – zusammen leben, eben doch wichtig geworden.

Weil wir drei den Gegenbeweis antreten. Dabei sind wir kein Einzelfall. Geschichten wie unsere finden einfach nicht in der Öffentlichkeit statt. Es macht schliesslich wenig Sinn zu berichten, dass nichts passiert. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte mir in der ersten Nacht nicht Gedanken darüber gemacht, ob das gut kommt, was da überhaupt auf mich zukommt. Man hörte ja so allerlei. Keine 48 Stunden später waren mir diese Gedanken peinlich, heute muss ich darüber lachen.

Diese beiden Jungs, die aus «Kulturkreisen mit einem hochproblematischen Frauenbild stammen und jetzt entwurzelt, allein und mittellos an den Rändern der hiesigen Gesellschaft leben» (wie Michèle Binswanger das jüngst formuliert hat), sie sind tatsächlich entwurzelt, sie fühlen sich sicher oft alleine und sie sind mittellos. Ihr Menschenbild indes ist, so konnte ich feststellen, das gleiche wie unseres. Sie finden es schlimm, was da in Köln passierte, oder in Paris. Weil – Achtung, breaking News – es eben nicht ihren Moralvorstellungen entspricht. Weil es für sie genauso falsch ist, Menschen zu bestehlen, zu verletzten oder gar zu töten.

Die beiden fürchten sich vor Ereignissen wie den Pariser Terroranschlägen und jetzt dem in Köln weitaus mehr als ich, das potentielle Vergewaltigungs- und Terroropfer.

Zu Recht. Sie werden in Sippenhaft genommen, sie gehören jetzt eben zu diesen nordafrikanischen oder arabischen Männern, zu diesen muslimischen Flüchtlingen, die ja schon in Köln Frauen begrabscht haben. Ich hingegen kann mich in Zürich weiterhin frei bewegen, die Wahrscheinlichkeit, dass mir etwas zustösst, ist statistisch gesehen gering.

Noch geringer ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass mir im Fall der Fälle ein einheimischer Fremder zu Hilfe eilen würde.

Es ist etwas Schlimmes passiert. Die Täter, die in Köln oder wo auch immer Frauen bedrängt oder sogar vergewaltigt haben, sind in aller Schärfe zu verurteilen. Sie müssen Konsequenzen für ihre Taten zu spüren bekommen. Aber nicht der Grosse und der Kleine, nicht all die anderen. Wir haben einen Rechtsstaat, wir haben Beamte und Gerichte. Wir hatten bisher keine Sippenhaft. Unsere Gesellschaft fusst auf rechtsstaatlichen Prinzipien – und die sollten wir verteidigen.

Anmerkung: Der Stadtblog bringt diese Geschichte nicht in erster Linie, weil sie zeigt, dass auch nordafrikanische Flüchtlinge ganz normale Menschen sind. Das wussten wir schon vorher. Wir bringen diese Geschichte, weil sie zeigt, wie Schweizer sein können.

*Camille wollte nicht unter ihrem echten Namen schreiben, was wir respektieren. Sie wollte die jungen Männer und sich nicht zur Zielscheibe fremdenfeindlicher Angriffe und abwertender Äussserungen machen, weshalb wir im Stadtblog für einmal keine Kommentare zu dieser Geschichte zulassen.