Beiträge mit dem Schlagwort ‘Langstrasse’

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 11. August 2017

«Wer Geld hat, wird bewundert.»

Der Zürcher Glücksforscher Bruno S. Frey sagt, dass es mehr brauche als viel Geld, um zufrieden zu werden. Viel besser wäre es, wenn man aufhören würde, sich ständig zu vergleichen. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Der Stadt sollte kein
finanzieller Schaden entstehen.»

Zwei Monate lang hätten die 20 Sonnenschirme im heissen Sommer Schatten spenden sollen. Nach fünf Tagen wurden sie bereits wieder abmontiert, weil sie dem Wind nicht standhielten. Stadtrat Filippo Leutenegger versichert, dass die Herstellerfirma die Schirme wieder zurücknehme. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich nähere mich dem Gaga-Zustand.»

Max Richter hat in Zürich sein achtstündiges Werk «Sleep» aufgeführt – TA-Redaktor Thomas Wyss und 120 andere Menschen durften zur Musik schlafen – was gar nicht so einfach war. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Das Nachtleben ist für
viele Frauen nicht attraktiv.»

Hinter dem Tresen sind Frauen im Ausgang omnipräsent. In den Führungspositionen dafür sehr selten und das in einer Branche, die als jung und innovativ gilt. Weshalb ist das so? Die Unternehmerin Vania Kukleta kennt die Gründe. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Gegen die Konkurrenz aus China
sind wir chancenlos.»

Schweizer Hersteller waren dem Staatsbetrieb für die Fassade bei der Zürcher Europaallee zu teuer. Wäre das auch anders gegangen? Fassadenbauer Roman Aepli findet, es herrsche ein völlig ungleicher Wettbewerb in der Branche. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Kommen weitere Anbieter, werden wir
die Situation neu beurteilen.»

Während andere Städte hart gegen sie vorgehen, duldet Zürich die Velos von O-Bike. Das Unternehmen expandiert nun. Und die Velos sind überall in der Stadt zu sehen. Derzeit gebe es noch keine grossen Beschwerden, sagt Mike Sgier vom Tiefbaudepartement. (Foto: Keystone/Ennio Leanza) Zum Artikel

 

«Manche dieser Typen sind gewohnt,
immer alles zu bekommen.»

Diese Woche wurde das Urteil gegen den Küsnachter gefällt, der im Rausch getötet hat (zwölfeinhalb Jahre Gefängnis). In Internaten und Luxuskliniken weiss man, warum manche Zöglinge des Geldadels auf die schiefe Bahn geraten. Und setzt man ihnen Grenzen, dann flippen sie aus, sagt ein Internatspädagoge. (Foto: Franziska Scheidegger) Zum Artikel

 

«Die Langstrasse hat sich
leider zur Partymeile entwickelt.»

Sie sind allgemein zufrieden, die Menschen in den Kreisen 4 und 5. Wäre da nicht die Sorge, dass die Langstrasse etwas verlieren könnte. Tagsüber werde man an der Langstrasse oft angebettelt, sagt André Bleiker, der seit 27 Jahren im Kreis 4 wohnt.  (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Vor allem Frauen und Kinder winken mir zu.»

Was ist denn das? Ein Hochrad, eine Brücke und ein überraschter Mann. Die Geschichte hinter einem 50-jährigen Foto oder wie Hans Keller 1965 mitten durch Zürich fuhr. (Foto: Pfändler, ATP, RDB) Zum Artikel

 

«Die grössten Flops Zürichs.»

Die Stadtregierung meint es ja gut und greift doch ab und zu doch völlig daneben – wie FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger (siehe auch weiter oben) mit den filigranen Sonnenschirmen. Hier sind sie, die sieben peinlichsten Flops der Stadt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich strebe nach Perfektion im Einfachen.»

Aubergine mit Fenchelpollen oder Rüebli mit Himbeeren: Margaretha Jüngling, die einstige Privatköchin von Rockmusiker Neil Young, will mit viel Gemüse und viel Fantasie das Zürcher Publikum begeistern. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

Bohemian Disneyland

Réda El Arbi am Dienstag den 23. Mai 2017
Shabby Chic-Kulisse für einen urbanen Lifestyle.

Shabby Chic-Kulisse für einen urbanen Lifestyle.

Ein Junkie schlurft langsam an der frisch renovierten Ladenfront des urban-stylischen Migrolino an der Langstrasse vorbei. Er heisst wohl Gerard und ist einer der wenigen, die im Quartier noch sichtbar sind. Man wird den Verdacht nicht los, er werde geduldet, um die zwielichtige Atmosphäre der Langstrasse zu konservieren.

Genau wie die Prostituierte, die im Schaufensterspiegelbild ihren viel zu kurzen Rock gelangweilt nach unten zupft. Ihre Kolleginnen wurden ja schon in die Fickboxen in Altstetten deportiert. Herdenhaltung unter kontrollierten Bedingungen, nicht so glamourös wie ein verruchtes Rotlichtmillieu mitten in der Stadt.

Aber ganz will man bei der Langstrassen-Aufwertung dann doch nicht auf die abgefuckte Bright-Light-Big-City-Deko verzichten. Schliesslich ist «Langstrasse» eine Marke, die ihrem Ruf gerecht werden muss. Sonst geht die «Street Credibility» verloren und man kann den Wohnraum weder teuer an die Mittelstandshipster (Irgendwas mit Medien! Kunst! Projekte! Berlin!) verscherbeln, noch jedes Wochenende eine Horde von zwanzigtausend Spasszombies durch das sorgfältig inszenierte Nightlifewunderland schleusen.

Es gibt noch ein, zwei schmuddelige Bars, in denen am frühen Abend einsame, ältere Männer aus der Agglo die Gesellschaft verlebter Animierdamen mit Alkohol zu einer romantischen Begegnung verklären. Auch in den Seitengassen findet man noch das, was die Stadt «problematische Liegenschaften» nennt. Wie Schimmel kleben hier noch die Reste der versifften, verhurten Langstrasse vergangener Tage in den Fugen, bis der Dampfreiniger der Gentrifizierung mit hochgeheizten Mietpreisen auch ihnen den Garaus macht.

Mir fällt es schwer, mit nostalgischer Sozialromantik auf die Ecken rund um die Langstrasse zu blicken. Ich torkelte hier in den 90ern selbst im Heroinnebel auf der Suche nach meinem Dealer durch die Strassen. Ich bin froh, dass diese Zeit vorüber ist.  Auf der anderen Seite schmerzt es mich, wenn ich sehe, wie ein Quartier langsam seine Identität verliert.

Es ist nicht so offensichtlich, da die Veränderung sorgfältig mit künstlicher Atmosphäre überschminkt wird, weil coole Kollektive ihre Lokalitäten mit «authentischem» Shabby Chic überdecken –  wie eine alternde Hure, die sich längst vergangene Jugend ins Gesicht malt. Und das Publikum liebt es. Man setzt sich vor der Pappkulisse einer vergangenen, verruchten Realität in Szene, mit Rennvelo, bedeutungsvollem Tattoo, Dutt und weltoffener Attitüde, zwischen Statisten wie Gerard und der Hure. Bohemian Disneyland. Man reibt sich an einer Vergangenheit, die eigentlich nicht cool, sondern eher hart und ziemlich traurig war.

Noch ist die Langstrasse nicht tot. Aber sie ist schon von der Vergänglichkeit gezeichnet. Und die Hipster, die jetzt den langjährigen Anwohnern sagen, sie sollen halt woanders hinziehen, wenn sie den Lärm und Dreck des Nachtlebens nicht aushalten, werden von Leuten vertrieben, die ihnen sagen werden: Dann zieh doch woanders hin, wenn du dir die Miete nicht leisten kannst.

Wem gehört die Stadt?

Réda El Arbi am Freitag den 8. April 2016
Die 24-.Stunden-Spassgesellschaft geht auf Kosten der Anwohner.

Die 24-.Stunden-Spassgesellschaft geht auf Kosten der Anwohner.

Das Züri-Fäscht steht wieder an und wieder steht die Frage im Raum, ob die Anwohner in der Innenstadt einfach mit dem Ausnahmezustand bei Grossanlässen leben müssen.

Natürlich ist es in den Jahren, in denen die Zürcher sowohl Street Parade wie auch das Züri-Fäscht aushalten müssen, speziell unangenehm. Aber das ist ja nicht die einzige Belastung. Das Seebecken ist auch ohne Grossanlässe jedes Wochenende die Freiluft-Partymeile der ganzen Region. Dreck, Randale und Lärm gehören vom ersten sonnigen Tag an zum Seeufer.

Und hier stellt sich auch die grundsätzliche Frage: Wem gehört die Stadt? Wer bestimmt wie über die Nutzung und die Beschränkungen im öffentlichen Raum? Es ist übrigens nicht nur das Seebecken, auch rund um die Langstrasse findet die Diskussion statt, wie viel von den Folgen der Party-Unternehmen und der 24-Stunden-Spassgesellschaft die Anwohner mit ihrer Lebensqualität mitfinanzieren müssen. Züri Fäscht, Street Parade, Sechsiläuten, Dörflifest, Caliente – jedes für sich wäre auszuhalten. Aber alles zusammen, und die zusätzliche Belastung an jedem einzelnen Wochenende, kann zu einer Überdosis führen.

Die ziemlich arrogante Antwort «Dann zieht doch weg, wenns euch zu laut und zu dreckig ist», zeigt, wie viel Respekt den Leuten, die ihren Lebensraum mit den Spass-Wirtschaftern teilen, entgegengebracht wird.

Das Grundverständnis vom öffentlichen Raum unterscheidet sich bei den verschiedenen Interessengruppen immens: Für die Einen ist es der Vorgarten, der Heimweg, die Nachbarschaft. Bei den Anderen handelt es sich um ihre persönliche Markthalle, um den erweiterten Club, um einen Raum, den man benutzt und dann wieder verschwindet. An Grossanlässen benutzen die Besucher die Stadt als Toilette, Ballermann-Strand und Kotzmeile. Und natürlich immer als Abfalleimer – nach mir die Sintflut.

Natürlich ist die Stadt nicht nur Wohnraum. Ein Teil der Anziehung von Zürich kommt aus dem kulturellen Angebot. Aber es geht auch um das Zusammenleben. Und da die Anwohner weder an die Verkaufsstände an den Volksfesten pinkeln, noch in die ihre eigenen Vorgärten kotzen oder Flaschen und Scherben in die Clubs bringen, ist es vorallem eine Frage des Respekts.

Die Anziehung der Stadt wirkt ja nicht nur auf die Leute, die dann wirklich in die Stadt ziehen und da leben. Sie wirkt in erster Linie auf Spasspendler, auf Leute, die die Vorteile einer urbanen Umgebung nutzen wollen, aber dann wieder abdüsen und ein paar Zehnernötli und einen Haufen Dreck in der Stadt zurücklassen. Kindern würde man ein Fernsehverbot oder Zimmerarrest geben, wenn sie das gemeinsame Wohnzimmer so hinterliessen oder mit Lärm und Streit die Nachbarn stressen. Und Kinder hat man ja nicht zu Tausenden im Wohnzimmer.

Es ist natürlich auch eine Frage des steitigen Wachstums und der Verhältnismässigkeit. An einem normalen Wochenende kommen bis zu 50 000 Menschen zu ihrem Vergnügen in die Stadt, an der Street Parade sind es rund eine Million, am Züri-Fäscht bis zu zwei Millionen. Das ist einfach zu viel für eine Stadt mit 400 000 Einwohnern, vor allem wenn man bedenkt, dass vor allem zwei Quartiere die Spasslast tragen müssen.

In meinen Augen geht das Recht der Anwohner vor. Die Spasslawine mit ihrem ausufernden, negativen Impact auf die Wohnqualität sollte eingeschränkt werden.

Was meint ihr? Bin ich einfach eine Spassbremse oder hat die Lebensqualität der Anwohner wirklich Vorrang vor den konsumgeilen Spasstouristen?

Tanzen um den runden Tisch

Alex Flach am Montag den 1. Februar 2016
Langstrasse Zürich, Impressionen Nachts um halbeins, 5.8.2012, © Dominique Meienberg

Langstrasse Zürich, Impressionen Nachts um halbeins, 5.8.2012, © Dominique Meienberg

Wenn es ums Nachtleben geht, liebt die Stadt­verwaltung runde Tische. Im Herbst 2014 hat Polizeivorsteher Richard Wolff ein Projekt dazu vor­gestellt, das an solchen Roundtables ausgearbeitet wird. Damit will er die Begleitprobleme in den Griff kriegen, den das Nacht­leben mit sich bringt. Und das unterdesse als «ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor» gilt. Er will dabei die Anliegen der Bevölkerung mit den Interessen der Klub- und Barbetreiber in Einklang bringen.

Auch im Rahmen des Tauziehens zwischen Anwohnern und Nacht­gastronomie um die Langstrasse hat die Stadtverwaltung runde Tische organisiert. An diesen Tischen dürfte es bisweilen nicht allzu nett zu- und hergegangen sein: Zu unterschiedlich sind die Interessen der Diskussions­parteien. Dennoch hat man sich auf einige Massnahmen einigen können: Betreiber von 24-Stunden-Shops werden in die Verantwortung genommen, insbesondere bezüglich Vermeidung zusätzlichen Abfalls. Es wird eine gemeinsame Sensibilisierungskampagne von Clubbesitzern, ­Betreibern von 24-Stunden-Shops und Anwohnern geben und es wird geprüft ob mobile, öffentliche ­Toiletten eingeführt werden können. Problem­betriebe werden öfter kontrolliert, Innenhöfe neu als sensible Zonen definiert und es wird ein ­Wirtetelefon eingerichtet, mit dem sich Anwohnende direkt an die Club- und Bar­betreiber wenden können. Zudem ­werden die sip züri und die Stadtpolizei in der Sommersaison ihre Präsenz auf der Piazza Cella verstärken.

Mit diesen Massnahmen stellt die Stadt klar, dass die ­Anliegen der Langstrasse-Anwohner auch künftig stärker gewichtet werden als jene der dort ansässigen Gastronomie, denn es geht ausschliesslich um den Schutz der Langstrasse-Bewohner vor den Nebenwirkungen des Nachtlebens.

Die eigentlichen Verursacher des nächtlichen Chaos an der Langstrasse sind nicht die Clubs, sondern die 24-Stunden-Shops und in minderem Masse die Bars: Die Leute, die an der Langstrasse draussen feiern, holen sich ihren Alkohol vornehmlich in den Shops und trinken ihn auf den Trottoirs und Plätzen – sie sehen die Langstrasse als eine grosse Open-Air-Location. Die Club­besucher hingegen sind drinnen und nur auf dem Nachhauseweg, oder wenn sie in einen Club in Zürich West oder in der Innenstadt wechseln, sicht- und hörbar: Raus aus dem Club, rein ins Taxi, weg.

Wieso bedeutet dann für die Stadt «die 24-Stunden-Shops in die Verantwortung nehmen» nur, dass sie sich um den Abfall ihrer Kunden kümmern müssen? Sie werden von der Stadt wohl eher selten bei den «Problem­betrieben» einsortiert. Die Stadtverwaltung soll endlich aufhören, die Langstrasse als reines Wohnquartier zu sehen, denn das ist sie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Sie muss auch einsehen, dass nicht die Clubs der eigentliche Langstrasse-­Problemherd sind, sondern die 24-Stunden-Shops. Sie sollte diesen ab 22 Uhr den Alkoholverkauf unter­sagen – in Bahnhöfen geht das ja auch. Und sie soll endlich aufhören, einen Wirtschaftsfaktor, den sie gemäss eigener Aussage für ernstzunehmend hält, als Problemquelle abzutun: Nachtleben ist (auch) Kultur.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Langstrasse: Das Dilemma des Erfolgs

Réda El Arbi am Donnerstag den 30. April 2015
Erstickt an ihrem Erfolg: Die Langstrasse

Erstickt an ihrem Erfolg: Die Langstrasse

Seit einigen Tagen tobt ein Streit um die Langstrasse durch die einschlägigen Zürcher Foren. Dabei gibt es drei Fronten: Die einen wollen das Quartier wieder wie vor zwanzig Jahren haben, den schäbigen Charme, die Authentizität. Andere setzen sich fürs florierende Nachtleben ein, und Dritte wiederum versuchen mit Aufwertung und Gentrifizierung Profit aus der Anziehungskraft dieser Ecke zu schlagen.

Angefacht wurde die Diskussion von einem Appell von 115 Anwohnern an den Stadtrat, in dem sie sich über die Lärmbelastung des Quartiers beschweren.

«Wer keinen Lärm verträgt, sollte vielleicht nicht in der Stadt wohnen», meinen dagegen zahlreiche Facebook-User zu den Lärmklagen rund um die Langstrasse. Eine entsprechende Petition hat bereits mehr als 2000 Zeichner. Aber so einfach ist es nicht. Einerseits, weil viele der Langstrassenbewohner nicht erst – wie die ständig durchziehenden Hipster – seit vier oder fünf Jahren dort wohnen, sondern schon vor dieser Entwicklung ihre Heimat da hatten, andererseits, weil sich das Nachtleben dort in den letzten zehn Jahren verändert hat.

Aus der früheren Clubkultur ist inzwischen eine Club-Industrie erwachsen. Es sind nicht mehr einige Hundert Partygänger, die gerne in der Nähe des Milieus feiern, es sind jedes Wochenende Tausende, die auf der Suche nach Abenteuer und Spass Geld, Gewalt und Urin ins Quartier tragen. Und wie überall, wo Geld verdient werden kann, formiert sich eine Lobby, die diese Quelle weiter ausbeuten möchte.

Das ist nicht nur ein Problem der Langstrasse, die durch ihre Atmosphäre, durch ihre Echtheit, seit Ende der Neunziger Menschen anzieht, die hier etwas Grossstadtluft schnuppern wollen. Es ist das Problem aller attraktiven Orte weltweit. Ob Rimini in den 60ern oder Koh Phangan mit seiner Full-Moon-Party in den Nullern, sobald ein Platz hip wird, dauert es nicht lange, bis er als wirtschaftlicher Faktor ausgebeutet wird. Nur, genau diese Entwicklung bringt den Geist, der sie hervorgebracht hat, um. Es ist, als ob man einen alten Tante Emma-Laden entdeckt und dann schnell zum Einkaufszentrum umbaut, um möglichst vielen Leuten das «echte» Tante Emma-Feeling zu verkaufen.

Das Paradoxe an der Langstrasse ist, dass sich die Bewohner nicht wirklich gegen die Entwicklung wehren können. Engagieren sie sich gegen das Nachtleben, unterstützen sie indirekt die Quartierberuhigung und damit die Gentrifizierung, was letzten Endes darauf hinausläuft, dass sie sich die Mieten nicht mehr leisten können (zu sehen kürzlich an der Weststrasse). Lassen sie dem Wildwuchs der Vergnügungsindustrie freien Lauf, sinkt ihre eigene Lebensqualität Wochenende für Wochenende.

Mittel- bis langfristig ist die Langstrasse in ihrer heutigen Attraktivität wohl nicht zu retten. Sie wird eine ähnliche Entwicklung durchmachen, wie schon das Niederdorf. Wenn sie endgültig zur Konsummeile – egal ob H&M oder Clubs – geworden ist, wird von den Menschen, die jetzt den Charme der Gegend ausmachen, keiner mehr da leben oder feiern wollen. Und viele werden es sich nicht mehr leisten können.

Zum Trost: Es werden andere Quartiere entstehen, die auch Seele und Anziehung besitzen werden. Und auch diese werden, sobald von Leuten entdeckt, die diese Atmosphäre in bare Münze umwandeln wollen, wieder untergehen. Das nennt man Stadtentwicklung.

Einsatz im Ghetto

Alex Flach am Montag den 29. September 2014
Die krasseste Ecke Zürich, ich schwör! Bild: tilllate.com

Die krasseste Ecke Zürichs, ich schwör! Bild: tilllate.com

Die Verantwortlichen der Event- und Fotoplattform tilllate.com haben ihre Autorin Lena Hübsch an die «krasseste Kreuzung Zürichs», der Meinung ihrer Auftraggeber zufolge die Ecke Militär/Langstrasse, entsandt. Hübsch solle sich dort zwei Stunden lang Notizen zu allem, was sie da sieht und erlebt machen. Also stürzte sich die Schreibende wagemutig in Zürichs furchterregendstes Krisengebiet, um von dort im Stile einer den Tod verachtenden Kriegsreporterin zu berichten.

Zum Ende ihres Beitrages zieht sie das erschütternde Fazit, dass sie nach diesem, offenbar ziemlich einschneidenden, Erlebnis ihr Zuhause mit Bett und warmem Wasser(!) ab sofort «bewusster und dankbarer schätzen» werde. Es müssen grauenvolle Dinge gewesen sein, derer sie gewahr wurde… Kurz zusammengefasst: Ein paar Junkies, die ihre Hunde streicheln, eine «Süchtige», die ein Säckchen mit Drogen fallen lässt, zwei Dealer, die sich Zigaretten anzünden (gemäss Frau Hübsch einer davon selbst von irgendwas abhängig. Wahrscheinlich Nikotin…), eine krakeelende Frau mit Hund und hyperaktive Handschellen, die im Fünfminutentakt klicken, wobei diese (etwas fantastische) Intervallmessung wohl der Dramaturgie des Artikels geschuldet sein dürfte.

Schlussfolgerung Lena Hübsch: Das Elend ist gross, die Auswege klein (!) und sie ist froh, dass sie diesen Ort jederzeit verlassen könne, wenn sie das nur wolle. Ah ja: Ein Anwohner hat ihr noch erzählt, dass am Wochenende zuvor einer dermassen stark aus der Nase geblutet hätte, dass die Ambulanz anrücken musste. Offenbar ein Clubber, denn Frau Hübsch schliesst Folgendes aus dem Erzählten: «An dieser Ecke spielt nebst des Elends auch das Nachtleben, vor allem an den Wochenenden, eine grosse Rolle» (welche Rolle das en détail wäre, lässt sich leider nicht aus dem Text ableiten).

Frau Hübsch hat ihnen ins Auge geblickt, den bösen Geistern des Chreis Cheib namens Elend und Nachtleben. Und sie ist trotz des Grauens ganze zwei Stunden lang nicht zurückgewichen und dies am helllichten Mittwochnachmittag. Frau Hübsch sieht aber auch kleine, flackernde Lichter der Hoffnung in diesem zappendusteren Hades urbaner Hoffnungs- und Trostlosigkeit: Die direkt an der Ecke Militär/Langstrasse gelegenen Lokale hätten trotz des Elends draussen Stühle aufgestellt und die Sitzgelegenheiten seien gar besetzt. Was mögen das bloss für todessehnsüchtige Hasardeure sein, die mitten in diesem Katastrophengebiet gemütlich einen Kaffee trinken?!

Auch Frau Hübsch ist konsterniert: «Trotz des ganzen Elends gibt’s hier auch das normale Leben zu sehen». Das normale Leben… Frau Hübsch sollte sich mal ein richtiges Problemviertel in einer richtigen Metropole angucken gehen. Sie käme nach diesem Abstecher wohl ebenfalls zum Schluss, dass sich die Stadtzürcher glücklich schätzen dürfen, dass die Ecke Militär/Langstrasse tatsächlich die turbulenteste der Stadt ist. Die Mitarbeiter der städtischen Wasserversorgung wiederum sollten da übrigens unbedingt mal vorbeischauen: Offenbar kommt  kein fliessend warmes Wasser aus den Hähnen.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunf

Backpacker-Abenteuer in Zürich

Réda El Arbi am Dienstag den 13. August 2013

Ich bin also jetzt Tourist, so richtig Traveler, mit Schlafsack im Gepäck und einem knappen Budget. Nur toure ich nicht wie früher durch Südostasien, Mittelamerika oder Nordafrika, nein, ich bleibe. Weil ich erfahren möchte, wie Backpacker in Zürich reisen.

Ich komme, wie wohl alle, mit dem Zug am HB an und lade mir die Wegbeschreibung zum Backpacker Hostel Langstars an der Langstrasse herunter. (Die Roaminggebühren würden einen normalen Backpacker wohl eine Woche seiner Reise kosten):

«Zu Fuss sind es nur 15 Minuten (1,2 km). Nimm den Sihlpost-Ausgang (der ist am anderen Ende der Geleise 5–18 -> laufe zwischen den Gleisen bis zur Rolltreppe, die nach unten führt -> dort gehst du nach links und dann kommst du beim Sihlpost-Ausgang rauf). Jetzt gehst du gerade aus an der Post vorbei bis zum New-Point-Kebab-Restaurant …»

Zuerst denke ich, dass kein Schwein den Weg finden würde. Nach kurzem Überlegen muss ich aber zugeben, dass ich in anderen Städten meine Unterkunft auch ohne jede Weganweisungen gefunden habe. Traveler sind ja nicht auf den Kopf gefallen.

Angekommen, empfängt mich eine hübsche junge Dame mit undefinierbarem Dialekt und Hipsterbrille überaus freundlich. Sie unterdrückt auch die Frage, warum jemand mit Zürcher Dialekt in einem Zürcher Backpacker Hostel übernachten will. Diskretion wie in einem 5-Stern-Hotel. Dann kommt der Chef und verrät, wer ich bin. Ich kriege trotzdem ein Schoggistängeli zu den Worten «Welcome in Switzerland» und bin gerührt. Kurze Einführung in die Hausregeln. Grundsätzlich: Nach 22 Uhr Ruhe und keine Junkies ins Haus lassen. 

Erste Eindrücke

Da ich ja neu in der Stadt bin, muss ich erst ein Gefühl für meine Umgebung entwickeln. Dazu sitze ich vor dem Hostel mit einem (sehr guten) Kaffee an ein Tischchen und lasse die Szenerie auf mich wirken. Wäre ich ein reisender Stockholmer Gymnasiast, wäre ich wohl etwas irritiert. An der Bushaltestelle auf der gegenüberliegenden Strassenseite laufen gerade einige mehr oder weniger auffällige Drogendeals. Freundlich werde ich von einer jungen, überaus schönen, lateinamerikanischen Dame angezwinkert, und das schon abends um acht. Selbst ich brauche ungefähr dreissig Sekunden, um zu begreifen, dass es hier nicht um meine unschlagbare Ausstrahlung, sondern ums Geschäft geht. Das ist mir als Zürcher noch nie passiert. Offenbar hab ich mit meiner Rolle als Tourist unbewusst auch die Zürcher Attitüde abgelegt. Ich werde auch von Dealern, die mich sonst ignorieren, gefragt, ob ich Drogen kaufen will. Aber vielleicht sind das nur die Nachwirkungen der Street-Parade, die den Umsatz für Psychedelika und Kokain für ein Wochenende in die Höhe schnellen liessen.

Gemütliche Ecke, um bei anderen Travelern mit seinen Reiseabenteuern anzugeben.

Gemütliche Ecke, um bei anderen Travelern mit seinen Reiseabenteuern anzugeben.

Für ängstlichere Touristen organisiert das Hostel in den Sommermonaten am Abend einen Grillplausch, was sehr gut ankommt. Für zehn Franken kann man sich ein Stück Fleisch auf den Grill werfen, dazu gibts Salate und frisches Brot. Fast alle nutzen dieses Angebot. Aber wohl eher, weil sie sich die Restaurantpreise in der Stadt nicht leisten können, denn aus Angst vor unserem Rotlichtmilieu. Ich hab von meinem veranschlagten 50-Franken-Budget bereits zehn Prozent für einen Kaffee ausgegeben. Eigentlich müsste ich das Busbillett, 4.20 Franken, auch anrechnen, aber ich lass es. Schliesslich will ich auch noch ein wenig raus nach dem Grillieren.

Das Geschenk einer neuen Stadt

Am Tischchen draussen komme ich mit drei Touristen aus England in Kontakt. Sie sind mit dem Interrail unterwegs und kamen am Abend zuvor aus Amsterdam an. Sie lieben die Schweiz, alles so sauber, das Hostel Spitzenklasse und die Zürcher freundlich. Ich stutze. Die Zürcher freundlich? Alle anderen Schweizer empfinden uns als arrogant und unfreundlich. Aber nein, sagen sie mir, sehr höflich seien wir, sehr hilfsbereit (Ich erzähle ihnen nichts vom Täschligate, sie würden mich auslachen).

Schon nach kurzer Zeit entscheiden wir uns, noch einen kleinen Spaziergang durchs Quartier zu machen, tagsüber waren sie am See und im Niederdörfli, aber vom Langstrassenquartier haben sie noch nichts gesehen. Ich führe sie ein wenig stolz durch unsere verrufene Sündenmeile. Sie finden unser Rotlichtmilieu «cute» (herzig), die Bäcki mit den Randständigen, die brav ihr Bier auf den Bänken trinken, «wonderful» und die Kanzlei mit den ganzen Hipstern wünschen sie sich auch in England. «Die spielen hier Boule! Wenn man in unserer Stadt jemandem eine Stahlkugel in die Hand drückt, landet sie im nächsten Schaufenster. Oder an deinem Kopf, während du ausgeraubt wirst», versuchen sie mir England schwarzzumalen. Später räumen sie ein: Wir jammern gerne über England, so schlimm ist es gar nicht.

Wenn man mit Fremden durch die eigene Stadt streift, erscheinen bald die selbstverständlichsten Dinge in einem neuen Licht. Ich kann plötzlich wieder mit Staunen auf Zürich sehen, auf den Luxus, einen See und einen Fluss mitten in der Stadt zu haben. Plötzlich ist es nicht mehr selbstverständlich, in der Stadt mit einer der höchsten Lebensstandards der Welt zu leben. Es fühlt sich an wie eine Katharsis, wie wenn eines dieser neuen Superwaschmittel einen grauen Schleier von der Wahrnehmung zupft und man wieder die richtigen Farben der eigenen Umgebung sieht. Sehr heilsam.

Meine neuen englischen Freunde versuchen, mich am Arm zurückzuhalten, als ich einfach auf die Strasse latsche. In England wäre man tot, wenn man das versuchen würde, werde ich aufgeklärt. Ich schmunzle plötzlich über die Sorgen unserer Städter, über das Gejammere wegen zu wenig Freiräumen, über die Angst vor Kriminalität und über was wir uns sonst noch so aufregen. Die Touristen haben mir das Geschenk einer funkelnden, nigelnagelneuen Stadt gemacht.

Wie im Pfadilager: Rotweiss karierte Bettdecken.

Wie im Pfadilager: Rot-weiss karierte Bettdecken.

Wir schlendern nach ein paar Drinks (für deren Gegenwert ich in Thailand ein eigenes Dorm kaufen könnte) zurück ins Hostel, meine neuen Freunde sind müde, wollen sich aufs Ohr legen. Ich bleibe noch einige Zeit im Barraum und fühle mich wie auf meinen Reisen in Übersee. Aus den Boxen rumpelt alter Reggea, dann Jack Johnson und immer wieder mal Red Hot Chili Peppers. Die anderen Gäste unterhalten sich über Essen und Unterkunft auf ihrer bisherigen Reise und alle geben ein wenig an mit ihren Erfahrungen. Auch ich. Der Eigentümer tauscht sich mit einem japanischen Touristen über das Reisen in Brasilien aus, das auch nicht mehr dasselbe sei. Drei Jungs kritzeln Sachen in ihren Reiseführer. Alles sehr gesittet. Eigentlich hatte ich viel mehr Chaos und Party erwartet. So jedenfalls hatte ichs aus meinen eigenen Reisen in Erinnerung.

Eine Gruppe von circa fünf jungen Männern gibt dann doch noch ein wenig Gas. Natürlich können sie sich bei den hiesigen Getränkepreisen nicht auswärts volllaufen lassen. So holen sie im 24-Stunden-Shop nebenan einige Bier und setzen sich in einen Hauseingang, wo sie nach einer Weile laut lachen und auch ab und zu eine (irische?) Ballade grölen. Wäre da nicht der Sprachunterschied, könnte man sie mit ihren Billigbüchsen leicht mit einheimischen Randständigen verwechseln.

Ich mache mich nun auch auf in mein Bett, gebucht habe ich eines in einem 12er-Dorm. Dazu muss ich bis in den 4. Stock und werde da positiv überrascht. Das Zimmer ist gemütlich und erinnert mehr an Pfadilager als an eine der Absteigen im Hafen von Piräus oder eines der stinkenden Massenlager, wie man sie ab und an in Alphütten findet. Es stehen sechs Doppelstockbetten im Raum, nicht zu eng, und ich freue mich wie ein Sechsjähriger, dass ich oben schlafen darf. Ich brauche nicht mal meinen Schlafsack, weil die Betten mit extrem schweizerischen, rot-weiss-karierten Bettdecken bestückt sind. Der Eigentümer will sowieso nicht, dass die Leute ihre eigenen Schlafsäcke benutzen. Damit werden nämlich Wanzen aus unzivilisierteren Übernachtungsgelegenheiten eingeschleppt. Ich erinnere mich an Kakerlaken in der Grösse von kleinen Hunden in einem Dorm in Bangkok und schlafe friedlich ein – vorerst.

Geräusche der Nacht

Da lieg ich dann, lausche dem Lachen der Biertrinker vor dem Haus und getraue mich nicht, mich zu bewegen. Ich könnte den Brasilien-erfahrenen Japaner im Bett unter mir stören. Nun, ich weiss nicht, obs an mir persönlich liegt oder an der Schweizer Mentalität, aber plötzlich ist mir alles zu intim: das Atmen der anderen, die Schmatzgeräusche im Schlaf, aus denen ich autoerotische Aktivitäten zwei Betten weiter herauszuhören glaube. Ich will mich ablenken und mache das kleine Nachtlicht an. Auch das traue ich mich aber kaum, nehme mir aber ein Vorbild an einem der anderen Gäste, der ohne Scheu mit Licht liest. Ich suche nach meinem Buch und merke, dass das noch in meiner Freitagtasche steckt, eine urzürcherische Erfindung, die auf jeden Fall nicht für Dorms entwickelt worden ist. Ich zerre am Klettverschluss, aber das hört sich in der Stille an, als ob ein Riese seine nasse Bettwäsche entzweireisst. Also nichts mit Lesen. So tippe ich auf meinem Smartphone herum und döse dann irgendwann doch noch ein. Aber jedes Mal, wenn jemand zur Toilette stapft, bin ich wieder wach und wälze mich auf die andere Seite. Einer schnarcht. Dann schnarchen zwei, eine davon eine Frau, aus Schweden, glaub ich. Ich mag Schweden plötzlich nicht mehr so sehr. Schlafen in einem Dorm ist überall auf der Welt gleich: anstrengend.

Irgendwann lächeln die ersten Sonnenstrahlen durchs Dachfenster und ich bin dankbar für den dämmernden Morgen. Es ist noch zu früh, um ans Frühstücksbuffet zu gehen, aber ich kenn mich ja aus und mach mich auf, um zwei Blocks weiter, am Helvetiaplatz, einen Espresso zu trinken. Dann zurück ins Hostel. Zwei Stück Toast und ein wenig Marmelade ess ich aus Sympathie, ich will ja den Gastgebern nicht das Gefühl geben, ihr Frühstück sei schlecht. Ist es auch nicht, ich esse nur nichts am Morgen.

Während ich dann auschecke, geht mir mein Ausflug in die eigene Stadt nochmals durch den Kopf. Ich hatte einen tollen Abend mit Leuten, die ich sonst nie kennen gelernt hätte (ich hab sie eingeladen, auf dem Rückweg bei mir zu übernachten), eine frische Sichtweise auf die eigene Stadt, und selbst die beinahe schlaflose Nacht konnte ich nicht wirklich dem Hostel ankreiden. Es ist nur so, dass ich wohl zu alt und zu schweizerisch bin, um meine Intimsphäre mit reisenden Studenten zu teilen. Alles in allem könnte ich mir durchaus vorstellen, das Ganze zu wiederholen, wenn mich das Reisefieber packt, ich aber gerade keine freien Tage hab, um nach Übersee zu fliegen.

 

Sommer in Zürich: Zen-Himmel und Partyhölle

Stadtblog-Redaktion am Mittwoch den 7. August 2013
Das sind Symbolbilder, geben aber in etwa das beschriebene Lebensgefühl wieder.

Ruhe und Halligalli liegen in Zürich während der Sommermonate nahe beieinander.

Wo der eine sich im Paradies seiner Kindheit wähnt, findet sich der andere in der ganz persönlichen Ballermann-Hölle wieder. So unterschiedlich kann Zürich in den Sommerferien sein. Unsere beiden Autoren geben ihre Eindrücke wieder, die sie nur fünfzig Meter voneinander entfernt gemacht haben. Und in welchem Zürich verbringen Sie Ihre Sommerferien?

Der Himmel

Ich spüre die angenehm heisse Steinplatte an meinem Bauch, während die Sonne mir den Rücken kitzelt. Das Kinn auf meine verschränkten Hände gestützt, sehe ich durch die glitzernden Wassertropfen in meinen Wimpern die leere Wiese der Bäckeranlage wie durch ein Kaleidoskop. Paradiesische Ruhe, nur durch das schläfrige Summen einer Biene untermalt. Ich liege beim kleinen Brunnen mit Fontäne, der normalerweise als Kinderbecken dient, bei dem aber heute nur zwei oder drei Mütter im Schatten  dösen. Es ist Sonntagnachmittag, 28 Grad und einer der beliebtesten Stadtparks Zürichs, die Bäckeranlage, ist wie leer gefegt.

Da sich hier ansonsten Familien aufhalten, spürt man den Effekt der Sommerferien hier sehr deutlich: Paare mit Schulkindern sind jetzt in Griechenland, in den Bergen, in Rimini (der Stadt, nicht der Bar) oder sie sitzen im Stau auf dem Weg dahin.  Und auch Berufstätige mit Kindern im Vorschulalter müssen jetzt Ferien machen, da viele Kinderkrippen in den Sommerferien ein oder zwei Wochen geschlossen bleiben.

So kann man ohne Anstehen einen Kafi an der Bar holen, die Lieblings-Glace ist nicht ausverkauft und – o Wunder! – die Bedienung ist nicht gestresst, sondern freundlich. Im Tram auf dem Weg waren nicht genug Menschen, um eine dieser Sommerschweisswolken zu produzieren und die japanischen Touristen scheinen alle wohlduftend. Die Touristen aus Übersee sind sowieso das Beste an den Sommerferien in Zürich. Wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, hört man Lobeshymnen auf die Stadt: Alles sei so organisiert, so sauber, so nett. Sogar unser Rotlicht/Drogenviertel sei hübsch pittoresk mit Kunst und hübschen Menschen. Da fühlt man sich gleich wieder etwas zufriedener mit der eigenen Heimat.

Ich liebe die Sommerferien in Zürich, dann zeigt die Stadt ihr bestes Gesicht. Da muss ich nicht wegfahren, da bleib ich hier. All die Touristen, die unheimlich viel Geld ausgeben, um unsere Stadt zu sehen, können sich schliesslich nicht irren.
Reda El Arbi

 

Die Hölle

Vor drei Wochen war ich in Mallorca. Und es war wunderschön. Ich lebte in einem Hotel im hügeligen Westen, wo man nachts ausser dem Zirpen von Grillen und dem leisen Rauschen des Meeres nichts hören konnte. Eigentlich wollte ich mir den Ballermann 6, bei dem rund um die Uhr gesoffen wird, wenigstens anschauen gehen, will doch die Regierung in Palma die Partymeile bald schliessen. Doch selbst für diese nostalgisch gefärbte Feldstudie blieb keine Zeit und auch keine rechte Lust. Denn zu Hause an der Langstrasse (nur 50 Meter von der eingangs beschriebenen Bäckeranlage entfernt) herrscht jeden Sommer konstant Ballermann 6.

Alle zehn Meter gibts hier eine Bar, es gibt zahlreiche Clubs, Rundfunk bei der Remise, der neue Grill vor dem Longstreet. Kurz: Menschenmassen von 20 bis 7 Uhr. Je später die Nacht, umso mehr Volk auf der Strasse. Umso mehr zerschlagene Flaschen auf den Trottoirs und Uringestank in den Hinterhöfen. Ich brauche nur einen Schritt aus dem Haus zu machen und schon lande ich mitten im Taumel. Als ich kürzlich einen Mann, der gerade ans Nachbarhaus urinierte, darauf hinwies, er solle sich, ähm, verpissen, wurde er handgreiflich – die Lage entspannte sich erst, als ein paar Fremde einschritten.

Soll ich abends von meiner Wohnung aus jeweils Wasserballone auf Wildpinkler werfen? Oder heissen Teer und Federn über sie giessen? Hat der Kreis 4 das Niederdorf und Zürich-West in Sachen Ausgangsgedöns nun endgültig abgelöst? Oder brauche ich bloss abzuwarten, bis die Sommerferien vorüber sind?

Nicht dass das Quartier je brav oder ruhig gewesen wäre, schon immer herrschte hier rund um die Uhr Betrieb. Doch im Sommer gleicht die Gegend jeweils einer RTL-2-Doku über den Ballermann 6 oder Lloret del Mar. Jugendliche aus der ganzen Region feiern gruppenweise, lautstark, exzessiv.

In der Stadt Malia, auf Kreta, übrigens begegnet man dem immer extremer werdenden Sauftourismus mit einer abgeschotteten Zone, wo die Jugendlichen unter sich bleiben, damit die Altstadt und ihre Bewohner nicht zu sehr tangiert werden davon. So etwas wäre für Zürich auch denkbar, zum Beispiel mit einem Einreisezoll an Limmat- und Helvetiaplatz oder einer Partyzone auf dem Brachland hinter dem Hallenstadion. Man möchte das lebendige Quartier nicht missen, doch manchmal in der heissen Zeit, wird die Sache zu hysterisch. Dann gehe ich halt nach Mallorca. Oder freue mich kurz auf die Street-Parade, während der sich die Meute in die Innenstadt, ähm, verpisst.
David Sarasin

Die Mobiliar, die Langstrasse und Vera Gloor

Réda El Arbi am Freitag den 27. Juli 2012
Nicht blutig genug: Die abschreckende Moniliar-Werbung.

Nicht blutig genug: Die abschreckende Mobiliar-Werbung.

Gentrifizierung nennt man es, wenn das Leben in einem Quartier durch überteuerte Mieten und sozialen Druck nur noch einer bestimmten Bevölkerungsgruppe möglich ist. Wie nennt man es, wenn ein Quartier als asozial und gefährlich gebrandmarkt wird?

Die Mobiliar macht Werbung mit der “gefährlichen” Langstrasse. Ich bin mir nicht sicher, ob ich denen dankbar sein soll, weil sie dazu beitragen, dass die Mieten unten bleiben und Spiesser und Grossverdiener sich nicht getrauen, da hinzuziehen.

Da haben sich Vera Gloor und der Verein Langstrasse plus so Mühe gegeben, die Kreise 4 und 5 aufzuwerten, WG-Zimmer für 1700 Stutz einzurichten und Zucht & Ordnung ins Quartier zu bringen – und dann kommt da eine milliardenschwere Versicherung und macht alles mit ein paar Strichmännchen wieder zunichte.

Was soll man sagen? Ausgleichende Gerechtigkeit? Naja, solange die Mobiliar dafür sorgt, dass aus dem Langstrassenquartier kein saubergelecktes Zürich West wird, haben sie meinen Segen. Sie hätten nur noch ein wenig Blut auf der Skizze verwenden müssen. Und solange sie Frauen nur über Brüste, Rock und Highheels definieren, dürften sie Schwierigkeiten mit der Gleichstellungsbeauftragten bekommen.

Und einen kleinen Nebeneffekt dürfte die Werbung auch noch haben: Stadtzürcher, die die Langstrasse mögen, werden sich wohl überlegen, ob sie bei der Mobiliar irgendwas versichern.