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Der Lüstling 2. Teil

Réda El Arbi am Samstag den 15. Juli 2017
Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

«Männer sind Schweine», musste ich mir nach dem letzten Post über den Badi-Besuch als Mann vorhalten lassen. Männer würden glotzen, sabbern und sich unangemessen benehmen, wenn sie Frauen in Bikinis sähen. Ich ging daraufhin tief in mich und erinnerte mich, wie der erste Badi-Besuch der Saison war, als ich noch nicht verheiratet und noch stärker hormongesteuert war. Hier ein Gedächtnisprotokoll:

Cool die Arme schlenkern. COOL schlenkern, nicht schwingen wie ein Gorilla! Dann bemerkt niemand, dass die Beine noch viel weisser sind. Ich hätte trainieren sollen. In diesen weiten Shorts sehen meine Beine aus wie Storchenstelzen. Himmel! NICHT auf die eigenen Beine starren. Cool schlendern, den Blick selbstsicher auf den Horizont gerichtet.

Hm, wo setz ich mich hin? Shit, ich hätte nicht das Snoopy-Badetuch mitnehmen sollen. Daniela meinte, es sei «süss». Um Himmels willen! Wie konnte ich nur? Ich will nicht «süss» rüberkommen. Männlich, ja. Stark. Suverän (oder wie das heisst).

Da ist noch Platz. Und da drüben sitzen drei Frauen in meinem Alter. Ha! Beute! Chrchrchr. Nah genug, um zu flirten, und weit genug weg, dass sie mein Badetuch nicht wirklich sehen können. So.

T-Shirt ausziehen. Ou, keine hat geschaut. Hm. Ich kann ja noch etwas posen, so als würde ich nachdenken. Ernst in die Weite blicken, als hätte ich gerade schwere, wichtige Gedanken.

Buch auspacken. Kafka. Da können alle gleich sehen, dass ich auf innere Werte stehe. Intellekt ist sexy! Hm, die sitzen zu weit weg, um den Buchtitel lesen zu können. Ich hätte Sartre mitnehmen sollen. Da erkennt man den Umschlag schon aus 50 Metern.

Erst mal Kaffee und Aschenbecher holen. Der Weg zum Kiosk ist ein Laufsteg und ich bin der Grösste. Hm, die beiden Typen da links sind grösser. Und stärker gebräunt. Und haben mehr Muskeln. Sch****, die sehen einfach besser aus und wirken entspannter. Keine Chance. Ahhh. Sie küssen sich. Gut. Keine Konkurrenz.

Nehm ich jetzt einen leckeren Latte oder wirkt das zu feminin? Seufz. Dann halt einen doppelten Espresso, schwarz, ohne Zucker. Wäk. Aber DAS ist männlich. Glaub ich.

Ui, da hat sich jemand in meine Nähe gesetzt. Eine Frau. Eine FRAU! Jesses Gott. Wie setz ich mich elegant hin mit heissem Kafi und dem Aschenbecher in den Händen? Tief durchatmen. TIEF durchatmen.

Hm, die ist hübsch. Sehr hübsch sogar. Nicht hinstarren. Sonst denkt sie, du hättest es nötig oder seist so ein Lüstling. Aber sie ist hübsch. Süsse Nackenlinie mit diesen kleinen, gekringelten Löckchen hinter dem Ohr. Sie schaut! Nicht auf ihren Hals starren! Nain! Auch nicht auf ihre Brüste. In den Himmel, in den Himmel!

Ich war glaubs kurz bewusstlos. Sie hat mir in die Augen geschaut und gelächelt. Und der elektrische Schlag, den das in meinem Gehirn ausgelöst hat, liess mein Gesicht sicher so geistreich wirken wie nach einem Gehirnaneurisma. Aber sie ist immer noch da. Immerhin. Und sie lächelt in meine Richtung.

Sie flirtet mit mir. Oh Gott, was mach ich jetzt? OhGottOhGottOhGott! Zigarette. Sofort. Jetzt zurücklächeln. Sie schaut nicht weg! Sie räkelt sich.

Hallo Erektion. Wo warst du vor drei Wochen, als ich dich da nach dieser Party so dringend benötigt hätte? Jetzt will dich niemand hier. Ehrlich. Geh weg. Schnellstens auf den Bauch legen. Zum Glück hab ich mich gegen die engen Speedo entschieden.

Sie steht auf und kommt in meiner Richtung. Ich muss meine Panik niederringen. Tief atmen.

«Hast du Feuer?»

Sie steht da, als Schattenriss gegen den hellen Himmel. Ich kann ihr kaum ins Gesicht sehen, da ich mich aus blutverteilungstechnischen Gründen nicht auf den Rücken legen kann.

«Klar. Schön, dass du rauchst …»

Himmel, gehts noch? ‘Schön, dass du rauchst’? Hab ich nichts Debileres gefunden?

«Was?»

«Öh, ich dachte nur, dass kaum jemand mehr raucht. Man unterstellt Rauchern immer gleich Todessehnsucht. Haha. Nein, ich bin nicht suizidal, nur weil ich eine Zigarette rauche. Haha. Du bist sicher auch nicht suizidal. Haha. Nicht dass ich sagen wollte, du würdest irgendwie suizidal wirken. Haha.»

«Äh. Danke. Tschüss.»

Wär ich im Ehrenkodex der Samurai erzogen, ich würde mich jetzt ohne ein Zögern ins Schwert stürzen. Wenigstens ist die Erektion weg, da meine Schamesröte alles Blut im Gesicht benötigt.

Sie sitzt wieder an ihrem Platz, meidet meinen Blick und räkelt sich auch nicht mehr. Ich muss jetzt stark sein. Ich darf jetzt nicht weinen. Meine Flirt-Künste sind erbärmlich. Ich bin erbärmlich.

Hätte ich die richtigen Worte gefunden, würden wir jetzt beisammensitzen und locker plaudern. Ich würde mit meinem Wissen brillieren. Sie würde mich bewundern. Ich würde sie zum Lachen bringen. Und vielleicht würde sie mich irgendwann küssen. Und dann wären wir glücklich. Und wir würden irgendwann heiraten. Und wir hätten ein kleines Häuschen und Freunde. Viele Freunde.

So bleibt mir nur, die spärlichen Reste meiner Selbstachtung und mein Snoopy-Tuch zu packen, auf dem Weg nach Hause am Kiosk noch ein Heft mit Sylvia Saint zu kaufen und daheim die Rolläden zu schliessen, um mich dann meiner Depression hinzugeben.

Ja, liebe Leser. So war das damals. So fühlt es sich an, als Single-Mann allein in die Badi zu gehen.

Das starke Geschlecht?

Réda El Arbi am Dienstag den 4. Juli 2017
Weibliches Selbstbewusstsein a la Hollywood: Wonderfräulein.

Weibliches Selbstbewusstsein a la Hollywood: Wonderfroilein.

Viele meiner Zürcher Freunde und KollegInnen freuen sich extrem über den Film «Wonder Woman». Endlich mal eine Frau, die es drauf hat. Endlich mal eine Heldenfigur, die zeigt, dass Frauen nicht nur Deko und oder zu rettende Prinzessinnen sind. Es wirkt, als sei «Wonder Woman» ein modernes, feministisches Manifest.

WTF? Wir leben in Zürich. Falls es jemandem noch nicht aufgefallen ist: Wir haben eine ziemlich starke, lesbische Stadtpräsidentin. Wir leben nicht in Hollywoodfilmen, sondern in Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts. Wir leben in einer Stadt, in der wir an jeder Ecke Frauen jeden Alters begegnen, die mehr drauf haben, als diese gefühlsdusselige, gewalttätige Tussy im Stahlbadkleid.

Ich hab mich mein ganzes Leben an starken Frauen orientieren können. Angefangen bei meiner Schwester, einer alleinerziehenden Businessfrau, mit der ich schon in meiner Schulzeit den Rüppeln drohen konnte («Wenn du nicht aufhörst, sag ichs meiner Schwester!»). Dann all die geschiedenen Frauen in meinem Quartier, die sich in den 70ern nicht nur mit schlechten Jobs über Wasser halten mussten, sondern sich auch noch einer gesellschaftlichen Abwertung ausgesetzt sahen.

Oder die Schwester eines Freundes, die sich als erste in ihrem Umfeld getraute, eine Autmechanikerlehre zu machen. Oder meine Lehrerin in technischem Zeichnen. Sie hat ein damals als «männlich» geltendes Fach mit Verständnis und Strenge vermittelt. Wir haben sie alle gefürchtet, respektiert und waren alle in sie verknallt.

Es gibt in dieser Stadt einen grossen Anteil an Alleinerziehenden, die sich durch Berufs- und Mutteralltag prügeln, wie ich es keinem Superhelden zumuten möchte. Wir haben intelligente Frauen, die erfolgreich sind, ohne dass sie dabei auf ihre Weiblichkeit verzichten oder sie als Mittel zur Manipulation einsetzen müssten. Wir haben und hatten schon immer starke Frauen, die anderen (Männern und Frauen) als Vorbild dienen konnten.

Natürlich sind Frauen auch in Zürich noch nicht völlig gleichberechtigt, nur schon bei der Entlöhnung im Beruf nicht. Das liegt aber nicht an fehlenden weiblichen Rollenvorbildern, die das gängige Klischees in die Tonne hauen. Starke Frauen gibts genug. Man müsste nur drauf achten und ihnen die Anerkennung zukommen lassen, die sie verdienen.

Also, bevor wir einen SuperheldInnen-Film mit knappen Kostümchen und etwas mitfühlender Dominaromantik hochjubeln für etwas, das wir in unserem Alltag dauernd um uns herum haben, sollten wir einfach mal die Augen öffnen. Kino mag toll sein. Aber die Realität ist viel beeindruckender.

Aber selbst wenn wir in Hollywoodfilmen leben würden: Wer hat in Terminator 1 & 2 die Welt gerettet UND ein Kind zur Welt gebracht, grossgezogen und dabei finstere Mächte aus der Zukunft bekämpft, ohne dabei unweiblich zu wirken oder auf einen hautengen Dress angewiesen zu sein? Genau: Sarah Connor. Eine meiner grossen Lieben.

Oder die Ur-Version von «3 Engel für Charlie»: Drei Frauen, die alles können und denen Männer nur als dümmliche Beigabe in die Szene latschen durften.

Also: starke Frauen sind nichts neues. Aber offenbar sind sie für gewissen Leute noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Der Lüstling

Réda El Arbi am Dienstag den 27. Juni 2017
Man ist der Übermacht hilflos ausgeliefert.

Man ist der Übermacht hilflos ausgeliefert.

Es ist die Hölle, wochentags als Mann alleine in die Badi zu gehen, wie ich letzte Woche wieder mal  herausfinden musste. Man findet zwar Platz, vorallem wenn man als Frühaufsteher wie ich schon bei Türöffnung seinen Platz sucht. Dann ist der Spass aber auch schon vorbei.

Als alleinbadender Mann macht man sich verdächtig. Das Personal schaut schief, fragt sich «Ist der arbeitslos?» und zählt beim Kassieren des Kaffees das Münz besonders genau. Offenbar gibts immer noch nicht genug Männer, die Teilzeit arbeiten oder sich ihre Zeit selbst einteilen. Ein männlicher Badegast ohne Begleitung ist noch immer anrüchig, wenn er nicht klar als Student erkennbar ist.

Mit dem Kaffee wieder bei meinem Platz beginnt dann die wahre Tortur. Inzwischen haben sich Mütter und alleinbadende Frauen rund um mein Tüchli verteilt. Ich schlürfe Kaffee und blicke geistesabwesend in die Weite. Die mittelalte Dame, die in Blickrichtung sitzt, verzieht den Mund angewidert, bedeckt ihre Blösse mit einem Batik-Dings und dreht mir den Rücken zu. Botschaft klar: «Du glotzender Lüstling.»

Als ich den Blick abwende und in eine andere Richtung schaue, sind da zwei Mütter, die sich angeregt unterhalten. Bis sie mich (beziehungsweise meinen Blick) bemerken, um dann die Köpfe – mit Seitenblick auf mich – näher zusammenzustecken und abzulästern.

Ich stecke meinen Kopf in mein Buch und versuche, nicht in irgendwelche Richtungen zu schauen. Man(n) will ja kein falsches Bild abgeben. Vergeblich. Die Badi ist inzwischen voller Frauen, alleine, zu zweit, zu dritt. Mit und ohne Kinder. Ich bin der einzige Mann. Egal wohin ich blicke, ich seh Frauen in Bikinis. Nicht, weil ich das will, sondern, weil das in Badis nun mal so ist. Und auch wenn mich Bikinis gerade nicht interessieren, fühlen sich die Damen beglotzt.

Gehe ich ins Wasser, denken die Damen, die vor mir ins Nass steigen, ich folge ihnen. Verlasse ich das Wasser, halten die, die Richtung Ufer unterwegs sind, mich für einen Stalker.

Sie verhalten sich, als sei ich eine Art Fuchs im Hühnerstall. Ich bin der gefährliche Fremdkörper. Ich trage die Erbschuld aller Penisträger der letzten tausend Generationen. Nicht mal mein Ehering schützt mich. Die Blicke sagen: «Und verheiratet ist das Schwein auch noch. Wenn das seine Frau wüsste …»

Es gibt natürlich auch eine Minderheit unter den Damen, die sich nicht gestört, sondern herausgefordert fühlt. Man(n) wird gemustert, taxiert und angeflirtet. Reagiert man nicht drauf, ist man(n) ein arroganter Bastard. Antwortet man höflich mit einem freundlichen Lächeln, nicken zweihundert umliegende Frauen befriedigt mit dem Kopf: «Wir habens doch gewusst! Der Sau!»

Nach eineinhalb Stunden ins Buch starren und in den Himmel schauen (ist unverfänglich), zünde ich mir eine Zigarette an. Was natürlich die Dame neben mir zu demonstrativem Husten mit Blick auf ihren Nachwuchs veranlasst. Nicht zu erwähnen, dass ich zuerst hier war und kein Rauchverbot herrscht. Aber ich bin ja ein umgänglicher Zeitgenosse und stehe auf, um mit meiner Zigarette einen kleinen Spaziergang zu machen. Was mit dem Blick in den Himmel gerichtet gar nicht so einfach ist.

Auf meinem Rundgang lande ich in der Nähe des Kinderbeckens. Grosser Fehler. GROSSER FEHLER. Ein alleinstehender Mann beim Kinderbecken ist sowas wie die Bombendrohung der Badeanstalten. Überall scheinen lautlose Alarme loszugehen und die Mütter schieben sich zwischen ihren Nachwuchs und die drohende Gefahr. Ein Mann beim Kinderbecken muss ein pädophiler Perverser sein. Wenn ich mich jetzt auch noch über die ausgelassene Schar von Kids sichtbar gefreut hätte. würden sie mich wohl am Sprungturm aufhängen. Als Warnung für alle anderen Männer, die es wagen, beim Kinderbecken herumzustehen.

Nach zwei Stunden gebe ich auf. Ich suche meine Sachen zusammen und gehe Richtung Ausgang. Hinter mir kehrt Ruhe ein im Matriarchat.

Badis sind wochentags eine NoGo-Area für alleinbadende Männer. Vielleicht sollte ich das nächste Mal mit einem Freund kommen. Dann denken die Damen, wir wären schwule Künstler, die es sich leisten können, tagsüber zwischen den Frauen abzuhängen.

«Du bist so eine Pussy!»

Réda El Arbi am Dienstag den 30. Mai 2017
So sollen Männer auftreten, und dabei noch Philosophie und Gedichte vortragen.

So sollen Männer auftreten – und dabei noch Philosophie und Gedichte vortragen.

– «Sei nicht so ein Macho!»

– «Sei nicht so ein Mädchen!»

– «Echte Männer weinen nicht!»

– «Echte Männer weinen!»

– «Das ist sooo unmännlich!»

Sätze aus Unterhaltungen im Tram, die mir wieder mal aufzeigen, wie konfus die Vorstellungen von Männlichkeit in einer weltoffenen, modernen Stadt noch sind.  Die Anforderungen an einen Mann erinnern selbst 2017 noch an einen Eintrag in ein Jungmädchen-Tagebuch oder ein Anforderungprofil auf einer Datingplattform:

«Er muss leidenschaftlich sein, aber zurückhaltend. Kompromissbereit, aber entschlossen, risikobereit, aber vernünftig. Geradlinig und flexibel. Dominant, aber sehr einfühlsam und rücksichtsvoll. Selbstbewusst und bescheiden. Sensibel, aber charakterlich gefestigt. Er soll seine ‘feminine’ Seite leben können, aber dabei ein Fels in der Brandung sein. Er muss einen ‘guten Humor’ haben, darf auch mal ‘das Kind im Manne’ herauslassen, aber niemals kindisch sein. Und natürlich muss man mit ihm Pferde stehlen können.»

Ich beneide die jungen Männer nicht, von denen eine Persönlichkeit aus einer Mischung zwischen Poet, Philosoph, Psychologe, CEO und Neandertaler gefordert wird. Wir hatten es auch nicht leicht, aber wir konnten uns wenigstens entscheiden, ob wir Machos oder Softies sein wollten. Die Männer von heute müssen beides zugleich und noch viel mehr sein und dabei dürfen sie nicht mal bipolar wirken.

Zum Glück scheren sich auch einige junge Männer überhaupt nicht um die Vorstellungen der Gesellschaft oder des anderen Geschlechts. Sie lassen sich weder von ewiggestrigen Antifeministen noch von militanten Feministinnen oder sonstwem vorschreiben, wie sie ihr Mannsein leben. Sie suchen sich einfach die Teile aus, die ihnen passen. Und es ist ihnen egal, ob sie «Macho», «Softie», «Mädchen» oder sonstwie genannt werden.

Anderer Tag, anderer Dialog im Tram unter männlichen Teenagern:

«Ey, deine Frisur ist sooo schwul!»

«Swag!* Und ich kann sie sogar auch tragen, wenn ich auf Pussys stehe. Du spielst ja auch am liebsten als Lara Croft.»

Pause.

«Stimmt, aber die hat auch Eier.»

Gefolgt von einer Diskussion, welche PC-Games man besser mit einem weiblichen Charakter zockt. Die Vorstellung, virtuell das Geschlecht zu wechseln, scheint die beiden nicht im geringsten zu irritieren.

Das Männerbild ist offenbar dabei, von einer neuen Generation neu definiert zu werden. Irgendwo zwischen Actionhero, «Swag» und Lara Croft. Jetzt beneide ich gerade zukünftige Generationen.

*Swag: «secretly we are gay»

Irre viele Frauen

Beni Frenkel am Donnerstag den 16. März 2017

Das Cabaret Voltaire im Niederdorf. (Foto: Tamedia)

Ich stehe an der Voltaire-Bar im Zürcher Niederdorf. Eine Studentin und ein Student diskutieren leidenschaftlich. Eigentlich bedienen sie die Kasse und schenken Getränke aus. Aber jetzt sind sie gerade in eine Diskussion vertieft. Ich warte geduldig. Wer bin ich schon? Ein Kunde? Die Minuten vergehen. Er wäscht Gläser, sie trocknet sie ab. Ich versuche ein bisschen lauter zu atmen als sonst. Aber nicht zu auffällig. Denn an dieser Bar wurde Dada erfunden.

Hier haben Bünzlis wie ich eigentlich nichts zu suchen. Ich bin aber nicht wegen der aufmerksamen Bedienung und des teuren Kaffees (5.50 Franken) ins Cabaret Voltaire gekommen. Eine Lesung hat mich gelockt. Und zwar von Frau Professor Doktor Trömel-Plötz. Sie hat ein Buch über Mileva, die Frau von Albert Einstein, geschrieben.

An dieser Stelle eine kurze, aber wichtige Erinnerung: Ich bin einer der grössten Befürworter des Feminismus. Eigentlich versuche ich immer unvoreingenommen zu schreiben. Aber bei diesem Thema versage ich. Zu gross sind meine Sympathien für die wichtigen Anliegen der Frauenbewegung.

Wussten Sie, dass es heute immer noch Frauen gibt, die weniger verdienen als Männer? Ist Ihnen bekannt, dass in der Wissenschaftsgeschichte der Anteil forschender Frauen totgeschwiegen wird? Mileva Einstein ist ein gutes Beispiel. Es ist längst bewiesen, dass Albert nur dank seiner Frau den Nobelpreis gewonnen hat. Mileva war es, die den Wettbewerbstalon ausfüllte und ihn nach Stockholm schickte.

Aber alle reden nur über den ach so cleveren Albert. Wissen Sie was? Das kotzt mich richtig an. Entschuldigung für diesen Kraftausdruck. Im Cabaret-Voltaire-Saal sitzen irre viel Frauen. Ich bin angenehm überrascht, dass der Beamer funktioniert. Vorne sitzt Frau Prof. Dr. Trömel-Plötz. Die zierliche Frau trägt einen schicken schwarzen Mantel und braune Wildlederschuhe. Ein schöner Schal umschmeichelt ihren Hals.

Ich nehme zuhinterst Platz und freue mich auf die Lesung. So viele Frauen! Die Lesung beginnt trotzdem sehr pünktlich. Zwei Rednerinnen stellen die Professorin kurz vor. Beide betonen, dass sie gegen oder für eine «Gender-gerechte Sprache» kämpfen. Ich habe keine Ahnung, was sie meinen, aber ich bin dafür.

Endlich redet Frau Trömel-Plötz, Sie redet ziemlich leise und ohne Mikrofon. Ein paar Frauen meckern: Viel zu leise! Trömel-Plötz wirds ein bisschen unangenehm: Kommen Sie doch nach vorne. Dann ist Stille. Trömel-Plötz liest aus ihrem Buch vor. Die Autorin wirft zu Recht die Frage auf, ob Albert Einstein ohne Mileva die Relativitätstheorie hätte aufstellen können. Dann erwähnt sie die vielen Geliebten von Albert. Ich staune. Dieser kleine und wenig hübsche Mann hatte so viele Frauen? Not bad.

Aber was bedeutet schon hübsch? Ist das nicht auch ein relativer Begriff? Und ist der Anteil von Mileva an der Forschung von Albert Einsteins Theorien überhaupt messbar? Ich denke nein. Viel wichtiger ist doch, dass sich Albert wohlfühlte bei Mileva und in Ruhe arbeiten konnte. Das versuche ich meiner Frau auch manchmal zu erklären. Sie wird dann aber immer relativ wütend.

Frauenquote im Club

Alex Flach am Montag den 4. Juli 2016
Ist das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, kann die Party schnell langweilig werden.

Ist das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, kann die Party schnell langweilig werden.

Die sozialen Medien geben dem Volksgemüt ein Gesicht und das guckt oft empört, dann wieder erzürnt und bisweilen steht ihm vor Entsetzen der Mund weit offen. Hat man früher den Unmut über des Lebens Unfairness in einen Leserbrief abgefüllt oder ihm mit einer leidenschaftlichen Rede am Stammtisch Ausdruck verliehen, so widmet man ihm heute einen Status auf Facebook und lässt sich diesen von seinen Freunden liken. Doch manchmal, bei wahrhaft skandalösen Ungerechtigkeiten und wenn die ganze Welt davon erfahren soll, braucht man ein grösseres Ventil um Dampf abzulassen. Dann ruft man die Zeitung an.

So auch die 23jährige 20minuten-Leserin J.K., die solch unfassbarem Leid Gewahr wurde, sodass sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Hier ihre Geschichte: «Mich hat vor dem Zürcher Club Plaza ein verzweifelter Mann angesprochen – er habe für den Abschluss der Offiziersschule extra eine Lounge reserviert, um dies mit seinen Kollegen zu feiern. Weil die Gruppe aus rund zehn Typen ohne Frau bestand, wurde ihr der Einlass verwehrt. Ich und meine zwei Freundinnen hatten Mitleid mit ihnen und sind mit den Jungs zum Türsteher. Doch auch das reichte nicht: Der Security beharrte auf einer Frauenquote von 50 Prozent und liess deshalb nur einen Teil der Gruppe in den Club. Ich finde das unfair».

J.K.s Klagelied stiess nicht auf taube Ohren: Nach 122 Leserkommentaren musste die Onlineredaktion des 20minuten die Kommentarfunktion wegen „der hohen Zahl eingehender Meinungsbeiträge zum aktuellen Thema“ schliessen. Am meisten Zustimmung (sagenhafte 696 Likes) fand ein Kommentar mit dem Titel «Feministen am Werk»: «Der Herr Angst (Mitglied Geschäftsleitung Plaza) hat wohl Angst und die Feministin vergleicht Äpfel mit Birnen. Anstatt dass man schaut, dass Frauen gleich viel verdienen wie Männer, sorgt man nun einfach dafür, dass Männer andere Nachteile im Leben als Frauen bekommen. Super Sache! Ausserdem: Wieso muss die Tanzfläche attraktiv wirken? Geht es in Clubs nur noch darum andere aufzureissen? Klingt für mich auch sehr sexistisch. Und wegen einigen Raufbolden die sich nicht zu benehmen wissen, alle Männer in die gleiche Schublade zu stecken, geht auch überhaupt nicht!».

Mal abgesehen davon, dass das Plaza leider nicht viel dazu beitragen kann, dass Frauen gleich viel verdienen wie Männer: Bei dieser 50%-Regelung geht es nicht um Raufbolde, sondern um ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis – ein dauerhaft zu hoher Männeranteil bedeutet für jeden Clubmacher auf lange Sicht das Aus, Betreiber von Schwulenclubs natürlich ausgenommen. Zudem: Eine Tanzfläche muss selbstverständlich attraktiv wirken.

Je länger man der Stampede der Entrüsteten unter dem 20minuten-Artikel zusah, umso klarer manifestierten sich zwei Fragen: Wann sind wir zu den peinlichen Wohlstands-Luschen geworden, die wegen Lounge-Reservationen(!) ein solches Tamtam veranstalten und wann ist es legitim geworden, sowas Unbedeutendes wie das hier auf eine Stufe mit geschlechterspezifischer Benachteiligung im Berufsleben zu hieven?

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Knarren, Whiskey & Motoren: Die Buben-Messe

Réda El Arbi am Freitag den 5. Februar 2016
Spielzeugpistolen für grosse Buben. Ein bisschen lächerlich.

Spielzeugpistolen für grosse Buben. Ein bisschen lächerlich.

«Wenn ich gross bin, will ich auch so was» wäre mir damals, 1979, bei den meisten Ständen durch den Kopf gegangen. An der Männer-Messe in der Zürcher Maaghalle sind jede Menge Bubenträume versammelt.

Töffs und Rennautos, die ich mir sicher als Matchbox-Version zu Weihnachten gewünscht hätte, Softair-Guns, mit denen sich so schön «Räuber & Poli» spielen liesse, Messer, die meine Mutter mir sicher verboten hätte, Jeeps und Panzer, Rennboote – kurz, alles was einem 10-Jährigen die Augen feucht werden lässt. Präsentiert werden die Exponate von «Girls», Typ Cheerleader, die mir in der Pubertät wohl so manchen sehnsüchtigen Wachtraum beschert hätten. Das Ganze wird von Seriensoundtrack zu «A-Team» und «Magnum» untermalt. Ebenfalls Kindheitserinnerungen.

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Geschlechterwechsel

Alex Flach am Montag den 7. Dezember 2015
Tänzer und Personal sollen aus ganz Europa eingeflogen werden.

Tänzer statt Tänzerinnen: Macht bei Gay-Publikum Sinn.

Aus dem Stripclub Kings Club wird ein Gay-Club gleichen Namens. Im traditionsreichen Ausziehlokal unweit des Paradeplatzes werden sich künftig also keine osteuropäischen Frauen mehr um Stangen wickeln, sondern schwule Zürcher Clubber die Tanzfläche mit Füssen treten. Die mit Technobrettern unterlegte Underground-Ära des Labyrinth Clubs wird trotzdem nicht wiederkehren: Geführt wird der Kings Club von Oliver Bachmann, einem langjährigen Geschäftspartner von Claudio Scattina (Mondo Valentino).

Bachmann ist seit vielen Jahren als Veranstalter tätig und war mit seinen Milkshake-Events im Adagio beim Kongresshaus sehr erfolgreich. Milkshake-Partys haben alles geboten, was auch Valentino mit seinen Coiffeursalons und Beauty Salons bietet und das ist in erster Linie zu viel von Allem. Alles wird in Farbe und Plüsch ertränkt, wo man hinguckt Nachbildungen griechischer Statuen, Ganzkörperschminke, Stuck und Spiegel mit vergoldeten Rahmen – wer einen Minimalisten wie Philippe Starck traumatisieren wollte, der hat ihm nur einen Tag in Valentinos Beauty Villa im Seefeld schenken und ihn nachher an eine Milkshake-Party schicken müssen. Understatement? Nur mehr ist mehr! Diese Maxime scheint man im Kings Club auch auf den Humor anwenden zu wollen, denn wie Bachmann dem 20minuten verraten hat, wird einer der Räume im Kings Club «Der goldige Schuss» heissen. Ja… da lacht der Junkie.

Die Schwulenszene hält sich vorderhand noch bedeckt, wenn auch mit wohlwollendem Tenor. Euphorie herrscht keine, obschon sich doch nicht wenige eine Alternative zum eher kleinen Heaven Club im Niederdorf wünschten. Dessen Betreiber Marco Uhlig freut sich über den neuen Mitbewerber: «Wir freuen uns über die weitere Belebung des Kreis 1 und sind überzeugt, dass Zürich genügend Platz für einen weiteren Gay Club bietet. Vor allem wenn dieser eine eher edlere und auch heterosexuelle Klientel anspricht».

Patrick Juen, Programmchef des Café Gold und Mitglied der Zürcher Gay-Community, sieht das etwas anders: «Ich glaube nicht, dass es einen weiteren Gay-Club in dieser Form braucht. Dort sollen ja Gays neben Heteros feiern, aber das ist schon in vielen Underground-Clubs wie Frieda’s Büxe, Café Gold oder dem Hive der Fall. Die Frage ist, ob die Lücke bei den Zürcher Gay-Clubs überhaupt noch existiert. Mit dem Heaven wird der Ausgang für Männer, die unter Männer bleiben wollen, nach dem Wegfall vom T&M gut abgedeckt. Zudem gibt es ja noch zahlreiche Gay-Events in diversen Clubs».

Beat Stephan vom Gay-Magazin Display hingegen freut sich auf den neuen Kings Club und kann der ‚Versailles meets Studio 54‘-Attitüde von Bachmanns Partyschaffen Positives abgewinnen: «Ich habe jedoch von einigen Gays gehört, dass sie sehr gespannt sind. Wieder mal Plüsch und Bling Bling, das ist neu und aufregend nostalgisch».

Über Geschmack lässt sich nicht streiten und Bachmann scheint den Nerv seines Zielpublikums zu treffen: Die Milkshake-Partys waren stets sehr gut besucht. Die Chancen stehen also gut, dass auch sein Kings Club ein Erfolg wird.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Die Angst vor Frauen

Réda El Arbi am Montag den 28. Juli 2014
Besser kann ein Bild die Bezuhung Zunft/Frauen nicht darstellen. (Bild: kaffeeundgipfeli.blogspot.ch)

Besser kann ein Bild die Beziehung Zunft/Frauen nicht darstellen. (Bild: kaffeeundgipfeli.blogspot.ch)

Es war einmal eine Zeit – lange, lange ist’s her – da galt der Zürcher Wirtschaftsfilz noch etwas. Alte, weisse Männer regierten die Stadt, alte weisse Männer, verbunden durch Freundschaften aus Universität und Militär, bestimmten, wer in den Zürcher Chefetagen das Sagen hatte. Emporkömmlinge, Ausländer und andere unzulängliche Personen kannten ihren Platz in der Gesellschaft noch. Die Frauen hatten noch kein Stimmrecht und alles hatte seine Ordnung. Die Zürcher Elite sammelte ihre Mannen in den Zünften (Für Auswärtige: Zünfte sind eine Art M-Budget-Freimaurerorden).

Diese Zeit (die 60er und 70er) ist leider schon lange vorbei. Die Stadt wird inzwischen von einer lesbischen Velofahrerin regiert, die Wirtschaft findet global statt und relevant und erfolgreich ist, wer neue, innovative Ideen vorweisen kann. Natürlich ist das hart für die alten, weissen Männer, die damals noch jung waren und sich der Hoffnung hingaben, dass sie auch ohne herausragende Leistung, nur durch Seilschaften, einen Platz in einer wichtigen Position finden würden. Inzwischen sind sie etwas bitter und ein wenig unflexibel geworden, diese Mannen.

«Keine Weiber in der Zunft» heisst es da im O-Ton bei der neuerlichen Abstimmung über die Teilnahme einer Frauenzunft am Sechseläuten. Und: «Das einzige Gewerbe, in dem Frauen erfolgreich sind, ist das älteste», kalauern die ihrer Bedeutung beraubten Senioren (wie der «Blick» berichtete). Sie halten die Forderung der Frauen nach der Teilnahme am Sechseläuten für eine Impertinenz  «militanter Emanzen».

Nun, liebe Zünfter, es tut mir leid. Aber irgendjemand muss es euch sagen: Es gibt keine Zeitmaschinen. Wenn ihr jeden Frühling alte Uniformen anzieht und euch auf Pferde setzt, bedeutet das nicht, dass die Stadt wieder ins 17. Jahrhundert zurückkehrt. Es reicht nicht mal, um uns in die 70er zurück zu katapultieren. Leider sind die Zeiten vorbei, in denen Beziehungen, geschmiedet in urchiger Kameradschaft, noch Sicherheit und Wohlstand boten. Ihr steht jetzt in Konkurrenz mit gebildeten, flexiblen und ehrgeizigen Frauen, die sowohl über Sozialkompetenz wie auch über wirtschaftliches Knowhow verfügen.

Und ehrlich, die Frauen, die bei Euch mitmachen wollen, sind nicht die Frauen, die ihr fürchten solltet. In Acht nehmen solltet ihr euch vor den Frauen, denen die Bedeutungslosigkeit der Zünfte, der reine Fasnacht-Charakter dieser ehemals mächtigen Institutionen, bereits bewusst geworden ist.

Es macht nichts, dass Ihr an euren althergebrachten Rechten festhalten wollt. Das verstehen wir gut. Die meisten Frauen mögen es euch gönnen, wenn ihr in einem Männerverein der Irrelevanz entgegendämmert. Während ihr die Vergangenheit vor Frauen und anderen Gefahren schützt, gestalten die Mädchen und Frauen von heute die Zukunft mit.

Flirten in Zürich – der Stadtblog-Selbstversuch

Réda El Arbi am Donnerstag den 18. April 2013
Zürich ist ein hartes Pflaster mit vielen schönen Frauen

Zürich ist ein hartes Pflaster mit vielen schönen Frauen

Von Reda El Arbi und David Sarasin

Im Grunde ist alles Kopfkino. Man sieht jemanden, die Dame gefällt und schon schwankt man zwischen Euphorie, Selbstzweifel und Überschätzung. Aber diese emotionale Achterbahn muss nicht so heftig ausfallen, erklärte uns Frau  «Flirt-Coach»  Wilkinson bei den Vorbereitungen, einen Tag vor unserem Selbstversuch. Man könne das besser machen. Selbst in einer Stadt wie Zürich, in der man mehr kalte Schultern sieht als in jedem Vampirfilm. Unsere Fragen an sie waren so naiv wie notwendig:

Frau Wilkinson, wann weiss man, ob eine Frau am Flirt interessiert ist?
Wenn man dreimal Blicke ausgetauscht hat, im besten Fall auch ein Lächeln.

Also starre ich die Dame an?
Das nun auch wieder nicht.

Darf man hingehen und sagen: «Hoi, wie gahts?»
Ich würde das vermeiden, sprechen sie lieber die Umgebung an: die Musik, die Menschen! Vermeiden sie zu ernste Themen, Politik, Religion oder Krieg.

Und wenn man zu unsicher ist?
Am Besten zu seiner Unsicherheit stehen und sie ansprechen, denn alle sind unsicher.

Also Schweissflecken am Hemd zeigen und stottern?
Das auch wieder nicht!

Wann weiss ich im Gespräch, ob es sich lohnt weiterzumachen?
Achten sie auf die Körpersprache. Ob sie sich in die Haare fährt, ob sie eine offene Haltung einnimmt, den Kopf kokett schräg hält, alles kann auf das Interesse der Frau hinweisen. Im Gegensatz dazu verheissen eine abgewandte Haltung oder verschränkte Arme nichts Gutes.

Also, auf  in den Feldversuch!

Mit diesen Anweisungen starten wir unser Experiment. Samstagabend, die Sonne scheint – in der 01-Bar am Limmatquai setzen wir uns an einen Tisch. Um uns sind alle Tische besetzt.

Sarasin (nach fünf Minuten):
Mit der da habe ich schon zweimal Blicke ausgetauscht. Wie viel Mal hat Frau Wilkinson gesagt?

El Arbi (dreht sich um):
Drei. Ich glaube aber, der Typ neben ihr ist ihr Freund. Sie sonnt nur ihr Ego in unseren Blicken.

Sarasin:
Ich glaube eher, sie ist schon ein bisschen verliebt in mich.

El Arbi:
Obwohl sie zu mir schaut?

Wir wollen klären, wer von uns beiden Chancen hätte. Klar bricht sie uns das Herz, als sie sagt, sie habe uns nicht mal aus dem Augenwinkel bemerkt. Klar finden wir in einem Anflug von Grössenwahn, sie lüge wie gedruckt. Klar war das ein schlechter Start. Wir verlassen die Bar  und wechseln in ein etwas «posheres» Lokal Nähe der Bahnhofstrasse. Das klassische Setting: Drei Frauen am Stehtischchen. Wir setzen uns daneben an die Bar, gucken und zählen die erwiderten Blicke. Beide diesmal. Eine schaut. Zu uns? Zur Bar? Will sie bestellen? Neue Taktik: Wir tun nun so, als würden wir uns vollauf genügen, denn Bedürftigkeit auszustrahlen sei ein grober Fehler, wie unser Coach ebenfalls sagte. Als wir doch wieder zum Nachbartisch schielen, steht bereits ein Konkurrent im Kappa-T-Shirt dort und unterhält das Trio scheinbar blendend. Ein Kappa-T-Shirt! Wir gehen!

In der Central-Bar im Kreis 4 dann folgende Szene: El Arbi spricht seine Nachbarinnen an – ohne auch nur Blicke gezählt zu haben. Es wären sowieso null gewesen, meint Sarasin. El Arbi wagt es trotzdem, stürzt dummerweise aber bereits nach der Einstiegsfrage ab: «Kommst du aus Bern?» – mehr fällt ihm spontan einfach nicht ein.

Noch eine halbe Stunde später wird er behaupten, er wäre bei den Beiden weiter gekommen, wenn sie ihm nur etwas mehr Zeit gegeben hätten. Den Rest des Abends flirteten wir dann mit der Barfrau, zwischen uns freilich stets der schützende Tresen aus Holz.

Was wir gelernt haben? 1. Flirts misslingen eher, als dass sie gelingen. 2. Absagen einstecken schmerzt mit der Zeit weniger. 3. Grössenwahn und Unsicherheit wechseln sich ab – es hilft jedoch, sowohl das Eine wie auch das Andere nicht allzu deutlich zu zeigen. 4. Alkohol hilft auch. 5. Die Welt ist ungerecht.

Helfen tun wir damit niemandem, schon klar. Aber wenigstens wissen die Männer da draussen, dass sie in ihrem Versagen nicht alleine sind. Doch auch wenn wir an dem Abend nichts erreicht haben, am Ende waren wir uns in einem Anflug von tröstlicher Selbstüberschätzung einig: eigentlich hätten wir jede haben können.