Beiträge mit dem Schlagwort ‘Geld’

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 11. August 2017

«Wer Geld hat, wird bewundert.»

Der Zürcher Glücksforscher Bruno S. Frey sagt, dass es mehr brauche als viel Geld, um zufrieden zu werden. Viel besser wäre es, wenn man aufhören würde, sich ständig zu vergleichen. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Der Stadt sollte kein
finanzieller Schaden entstehen.»

Zwei Monate lang hätten die 20 Sonnenschirme im heissen Sommer Schatten spenden sollen. Nach fünf Tagen wurden sie bereits wieder abmontiert, weil sie dem Wind nicht standhielten. Stadtrat Filippo Leutenegger versichert, dass die Herstellerfirma die Schirme wieder zurücknehme. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich nähere mich dem Gaga-Zustand.»

Max Richter hat in Zürich sein achtstündiges Werk «Sleep» aufgeführt – TA-Redaktor Thomas Wyss und 120 andere Menschen durften zur Musik schlafen – was gar nicht so einfach war. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Das Nachtleben ist für
viele Frauen nicht attraktiv.»

Hinter dem Tresen sind Frauen im Ausgang omnipräsent. In den Führungspositionen dafür sehr selten und das in einer Branche, die als jung und innovativ gilt. Weshalb ist das so? Die Unternehmerin Vania Kukleta kennt die Gründe. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Gegen die Konkurrenz aus China
sind wir chancenlos.»

Schweizer Hersteller waren dem Staatsbetrieb für die Fassade bei der Zürcher Europaallee zu teuer. Wäre das auch anders gegangen? Fassadenbauer Roman Aepli findet, es herrsche ein völlig ungleicher Wettbewerb in der Branche. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Kommen weitere Anbieter, werden wir
die Situation neu beurteilen.»

Während andere Städte hart gegen sie vorgehen, duldet Zürich die Velos von O-Bike. Das Unternehmen expandiert nun. Und die Velos sind überall in der Stadt zu sehen. Derzeit gebe es noch keine grossen Beschwerden, sagt Mike Sgier vom Tiefbaudepartement. (Foto: Keystone/Ennio Leanza) Zum Artikel

 

«Manche dieser Typen sind gewohnt,
immer alles zu bekommen.»

Diese Woche wurde das Urteil gegen den Küsnachter gefällt, der im Rausch getötet hat (zwölfeinhalb Jahre Gefängnis). In Internaten und Luxuskliniken weiss man, warum manche Zöglinge des Geldadels auf die schiefe Bahn geraten. Und setzt man ihnen Grenzen, dann flippen sie aus, sagt ein Internatspädagoge. (Foto: Franziska Scheidegger) Zum Artikel

 

«Die Langstrasse hat sich
leider zur Partymeile entwickelt.»

Sie sind allgemein zufrieden, die Menschen in den Kreisen 4 und 5. Wäre da nicht die Sorge, dass die Langstrasse etwas verlieren könnte. Tagsüber werde man an der Langstrasse oft angebettelt, sagt André Bleiker, der seit 27 Jahren im Kreis 4 wohnt.  (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Vor allem Frauen und Kinder winken mir zu.»

Was ist denn das? Ein Hochrad, eine Brücke und ein überraschter Mann. Die Geschichte hinter einem 50-jährigen Foto oder wie Hans Keller 1965 mitten durch Zürich fuhr. (Foto: Pfändler, ATP, RDB) Zum Artikel

 

«Die grössten Flops Zürichs.»

Die Stadtregierung meint es ja gut und greift doch ab und zu doch völlig daneben – wie FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger (siehe auch weiter oben) mit den filigranen Sonnenschirmen. Hier sind sie, die sieben peinlichsten Flops der Stadt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich strebe nach Perfektion im Einfachen.»

Aubergine mit Fenchelpollen oder Rüebli mit Himbeeren: Margaretha Jüngling, die einstige Privatköchin von Rockmusiker Neil Young, will mit viel Gemüse und viel Fantasie das Zürcher Publikum begeistern. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

Hartes Pflaster

Alex Flach am Montag den 3. Juli 2017
Begeisterung alleine reicht nicht, um einen Club zu führen.

Begeisterung alleine reicht nicht, um einen Club zu führen.

In Zürichs Nachtleben sorgen derzeit diverse Clubs mit Schlagseite und drohenden Schliessungen für Gerede. Sorgen um die hiesige Clublandschaft muss sich deswegen aber keiner machen: Die Stimmen, die von einer Anpassung des Angebotes an die Nachfrage sprechen, verdienen grössere Aufmerksamkeit als jene, die bereits wieder das mottenzerfressene Leintuch des Clubsterben-Gespenstes durch die Gassen geistern sehen.

Dass die Zeiten für Clubbetreiber rauer geworden sind stimmt zwar, aber das hat nur wenig mit dem Nachlassen eines zwar wankelmütigen, sich aber dennoch stets auf hohem Niveau bewegenden Ausgehbedürfnisses urbaner Schweizer zu tun. Das Geld ist da, der damit verbundene Stress ebenfalls und somit auch der erfüllbare Wunsch nach Verdrängung der Alltagssorgen. Und der entlädt sich seit jeher in Wein, Tanz und Gesang.

Nach der Liberalisierung des Zürcher Gastgewerbegesetzes 1998 kam eine Zeit der Experimente und des Erkundens. Plötzlich durfte jeder eine Bar oder einen Club eröffnen und das Risiko dabei zu scheitern war geringer als heute: Die Nachfrage überstieg das Angebot bei weitem und beinahe alle Mitbewerber um die besten Nightlife-Plätze waren ebenfalls Autodidakten, die sich während des Sammelns von Erfahrung bisweilen im Dickicht verirrten und sich dabei auch mal eine giftige Beere in den Mund steckten. Viele von ihnen agierten zuvor in der Freiheit der Illegalität und mussten sich nun plötzlich mit Widrigkeiten wie Sozialabgaben und Bewilligungen herumschlagen.

Von Chaplins «Gold Rush» zu «Modern Times»: Wer heute als Nightlife-Neuling einen Club eröffnet, trifft in seinem wirtschaftlichen Umfeld nicht auf Laien mit denen er sein Leid teilen und damit halbieren könnte, sondern auf Profis mit teilweise 15 Jahren und mehr Berufserfahrung. Und die denken in der Regel nicht im Traum daran dieses Know How mit Newbies zu teilen und sich so ernstzunehmende Mitbewerber zu schaffen.

Einige von ihnen sind an mehreren Clubs beteiligt und die schauen sich jede Option auf eine Neueröffnung erst genau an und lassen sie beim kleinsten Zweifel an ihrer Wirtschaftlichkeit fallen. Ganz anders Neueinsteiger, welche die erste sich bietende Möglichkeit ohne zu zögern ergreifen, die auch grösste Bedenken bezüglich Lage, Konkurrenzsituation oder Raummiete beiseiteschieben, bloss weil sie sich schon immer einen eigenen Club gewünscht haben. Sie eröffnen dann das Lokal ihrer Clubber-Träume und keines das ein Marktbedürfnis deckt: „So schwierig kann das nicht sein: Ich gehe seit Jahren aus und konnte das Ganze auf diese Weise zur Genüge studieren“ – als ob jeder Vielflieger zum Piloten taugen würde …

Und siehe da: Die meisten der Clubs, die nun ins Schlingern geraten sind, wurden von Leuten eröffnet, die vor deren Eröffnung keine Erfahrung mit Führung oder Strategie eines Betriebes der Nachtgastronomie vorweisen konnten und wenn, dann haben sie diese nicht im speziellen und nach eigenen Gesetzen funktionierenden Zürcher Nachtleben gesammelt. Sie sind wie Cockerspaniel unter Wölfen.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Zuerst Fegefeuer, dann Zürichsee

Beni Frenkel am Donnerstag den 18. Mai 2017

Mit dem Schiff auf dem Zürichsee vom Bürkliplatz Richtung Küsnacht. (Foto: Beni Frenkel)

Vor zwölf Jahren verlobte ich mich. Damals lief auf MTV die Serie «My Super Sweet 16». Die Story: Daddy organisiert eine kleine Geburtstagsparty für die Tochter. Nur die tausend besten Freundinnen sind eingeladen. Das dicke Geburtstagskind kriegt von den Eltern einen pinkfarbenen Porsche und eine Brustvergrösserung.

Ich wollte meinen Gästen auch etwas Besonderes bieten. Darum mietete ich ein Schiff. Mein Geld reichte für das Motorschiff Zimmerberg und für die Strecke Bürkliplatz–Zürichhorn. Auf einen Apéro mussten die Gäste leider verzichten. Das hätte sich finanziell, aber vor allem zeitlich, kaum gelohnt. Die Fahrt dauert nur 13 Minuten.

In den letzten 12 Jahren ging ich dann nie wieder auf ein Schiff.

Warum auch? Sorry, aber ich gehöre zu den 100 coolsten Zürchern. Mich trifft man nicht auf einem ZSG-Schiff, sondern in den angesagten Clubs. Ich bin so cool, ich könnte der nächste Trauzeuge von Melanie Winiger sein.

Trotzdem, am Montagabend wollte ich wieder einmal mit einem ZSG-Schiff fahren. Ich sage zur Ticketverkäuferin am Bürkliplatz: Buchen Sie mir das nächste Schiff nach Küsnacht

Die Menschen stürmen alle aufs Oberdeck. Ich setze mich im Restaurant hin. Ein fröhlicher Kellner quatscht mich an. Ich will ihn loswerden und bestelle einen Kaffee. Er schnattert: und gewiss auch eine Kirschtorte, hahaha! Nein, ich bin Diabetiker. Er entschuldigt sich sofort und schleicht davon

Aber gleich kommt der nächste Komiker angetanzt. Ein Billettkontrolleur. Er schunkelt wie Käpt’n Blaubär von links nach rechts. Warum sind hier alle auf LSD? Hoffentlich ist der Typ nüchtern, der das Schifffährt.

Ich gucke aus dem Fenster. Das Zürichhorn ist längst hinter uns. Als ich noch Primarschullehrer war, da habe ich in der 5. Klasse immer erwähnt, dass Wissenschaftler herausgefunden haben, dass im Zürichsee dreimal die Menschheit Platz fände. So tief ist der Zürichsee. Ich habe während des Unterrichts häufig Blödsinn erzählt. Das Schöne am Unterrichten ist ja, dass dir alle glauben. Du musst nur sagen: «Wissenschaftler haben herausgefunden», und das Publikum gehört dir. Manchmal hatte ich leider kritische Schüler. Sehr unangenehm. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Lehrer drei natürliche Feinde kennen: dumme, kluge und kritische Schüler.

Wir halten in Küsnacht-Heslibach. Niemand steigt ein oder aus. Überhaupt, nur wenige Menschen befinden sich auf Schiff. Eine hübsche Blondine sitzt drei Sitzreihen links von mir. Im Club Es Paradis auf Ibiza würde ich die Lady natürlich ansprechen. Aber sicher nicht in Küsnacht Heslibach.

Nach Erlenbach überqueren wir den See. In der Ferne sehe ich einen Wasserskifahrer. Das sieht toll aus. Als leidenschaftlicher Cineast kommt mir gleich ein Sexfilm in den Sinn. Wie hiess der Film schon wieder? Keine Ahnung. Ich schalte immer den Ton aus. Im Film kommt ein Typ mit Sonnenbrille vor. Er hat eine Jacht mit 20 Frauen, die miteinander schnackseln.

Schäm dich, Beni! Immer diese Gedanken. Hoffentlich kommst du ins Fegefeuer (als Läuterung) und nachher in den Zürichsee (zur Abkühlung).

200 Stutz für die Nacht

Alex Flach am Montag den 20. Februar 2017
Da ist noch jede Menge mehr im Glas als nur das Getränk.

Da ist noch jede Menge mehr im Glas als nur das Getränk.

Wer über das Zürcher Nachtleben spricht, der landet früher oder später bei den Preisen für Eintritte und Getränke: «18 Franken für einen Wodka irgendwas, 30 für den Eintritt; wer kann sich sowas leisten?». Nimmt man die stattliche Anzahl gut laufender Clubs und Bars, dann sind das nicht wenige.

Trotzdem: Wenn man sich während einer Samstagnacht ein Zunge lockerndes Komfort-Räuschlein antrinken, der Dame seiner Wahl einen Drink spendieren und dann mit dem Taxi nach Hause fahren möchte, dann muss mehr als hundert Franken budgetieren. Mindestens zweihundert gar, wenn man ein-, zweimal den Club wechseln und am Morgen danach mit einem ordentlichen Kater aufwachen möchte. Das kann und will sich nicht jeder gönnen, zumindest nicht an jedem Wochenende.

Vergleiche mit den Preisen in Berlin sind da schnell zur Hand: Die Eintritte kosten halb so viel, von jenen für die Drinks ganz zu schweigen. Und die Line-Ups dort sind ja nicht schlechter als jene in Zürich. Dass der Ausgang in Berlin markant günstiger ist, liegt natürlich daran, dass das dortige Lohnniveau niedriger ist.

Auch jenes der Barkeeper, Türsteher, Büro-Angestellten und Club-Hosts. Auch die Mietpreise für Gastronomielokale lassen sich nicht vergleichen, ebenso wenig jene für Materialaufwand. Zudem: International agierende DJs haben längst mitgeschnitten, dass man den Zürchern mehr Geld aus der Brieftasche leiern kann als den Partymachern in anderen Städten und insbesondere im House- und Technobereich verlangen die Club-Gäste nach immer noch ausgefalleneren und damit teureren Line-Ups. Die haben längst ein Kosten-Niveau erreicht, das sich kleinere Clubs wie die Zukunft an der Dienerstrasse nur noch dank nachhaltiger Netzwerkarbeit leisten können: Dort spielen die Greats auch mal für weniger, weil’s ein Club mit einem hervorragenden Namen ist und weil dort Leute arbeiten, die man kennt und mag.

Ein Club hat nur zwei Haupteinnahmequellen: Die Eintritte und den Getränkeverkauf. Da alleine mit den Eintritten die Kosten für einen Clubbetrieb inklusive der DJ-Gagen nie und nimmer gedeckt werden können (immerhin müssen ja auch schlecht besuchte Abende ausgeglichen werden), wird ein beachtlicher Teil dieser Aufwendungen auf die Getränkepreise umgeschichtet. Man bezahlt also mit dem Kauf eines Biers nicht nur das Flüssige in der Flasche, sondern auch etwas an die Deko, an die Musik, an die Lichtshow, an das Interieur, an das Honorar der Fremdveranstalter, etc. Klar sind die Eintritts- und Getränkepreise in Zürich hoch, aber die Kosten für all die genannten Dinge sind es ebenfalls.

Selbstverständlich gibt es auch Clubs, die ihren Gästen hohe Beträge abknöpfen, ohne ihnen etwas dafür zu bieten, die ihren Besuchern Discount-Line Ups hinstellen und die für ihre Deko, ihren Service und ihr Interieur höchstens ein «genügend» verdienen. Das Vergleichen des Angebotes ist jedoch Aufgabe des Konsumenten: Wer sich die Zeit nimmt und sich erkundigt, der weiss in welchen Club er seinen sauer verdienten Lohn bringen muss ohne über den Tisch gezogen zu werden.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Der Gast als Rohstoff

Alex Flach am Montag den 9. Januar 2017
Gäste erst eine Stunde warten lassen und dann evt. abweisen: Das können sich nur Clubs leisten.

Gäste erst eine Stunde warten lassen und dann evt. abweisen: Das können sich nur Clubs leisten.

Das Nachtleben ist ein gutes Geschäft. Zumindest wenn man die Zahlen, welche die Bar- und Clubkommission BCK auf ihrer Page unter der Überschrift «BCK Wirtschaftsdaten 2014» veröffentlicht hat zur Rate zieht: Gemäss der Auswertung einer Stichprobe erwirtschaftete die BCK-Aktivmitglieder 2014 hochgerechnet rund 200 Millionen Umsatz mit durchschnittlich 74`615 Gästen pro Weekend und beileibe nicht alle Nightlife-Mitverdiener sind BCK-Aktivmitglieder.

Ein Chef einer Zürcher Eventagentur mit Partys in Lokalen wie dem Hiltl Club, dem Plaza, dem Nordportal oder dem Mascotte, jonglierte kürzlich auf Facebook mit beeindruckenden Zahlen: Mit 2,75 Events pro Woche, 143 verteilt auf das Jahr 2016, vermochten er und seine Mitstreiter unzählige Besucher anzulocken, die ihnen stattliche Summen in die Kasse spülen. Andere Veranstalter und Clubmacher verzichten auf die Veröffentlichung konkreter Zahlen und posten lieber Fotos der endlos langen Warteschlangen vor ihren Türen um ihren Erfolg zu unterstreichen.

Das Nachtleben ist ein elitäres Geschäft. Wie Lina Giusto in ihrem Beitrag in der Limmattaler Zeitung vom vergangenen Freitag schreibt, feiern «private» Clubs eine Renaissance. Member-Partys und -Clubs, die man nur besuchen kann, wenn ein goldfarbener Member-Anhänger am Schlüssselbund klimpert oder wenn man mit Namen auf einer Liste steht, erfreuen sich eines beeindruckenden Publikumszuspruchs. Andere Party- und Clubmacher setzen auf Mundpropaganda als einziges Promotionsmittel, wiederum andere auf eine harte Selektion an der Tür: Trägt man die falschen Hosen oder die falsche Jacke und hat man obendrein auch noch den falschen Haarschnitt auf dem Kopf, dann wird man vom Selekteur oder der Selekteurin freundlich aber bestimmt weggewiesen.

Kürzlich hat mich Lukas Strejcek, der Chefkoch des Restaurants Camino mit einer Aussage ordentlich aus dem Konzept gebracht. Er sei der Ansicht, dass der Tonfall, den das Nachtleben gegenüber seinen Gästen anschlägt, in der Gastronomie nicht möglich sei. Auf die Erwiderung das Nachtleben sei doch auch Teil der Gastronomie antwortete Strejcek: «Das ist ein anderes Paar Schuhe. Wir im Restaurantbereich können ja mal versuchen den Gast eine Stunde lang draussen in der Kälte stehen zu lassen, nur um ihm dann zu sagen, dass er wieder gehen kann weil er heute Abend nicht ins Gesamtbild passe. Aber wir wissen wohl beide wie das enden würde… Ihr seid auch Gastronomie, ja. Aber wir sind dennoch nur entfernte Verwandte».

Es scheint tatsächlich als ob im zeitgenössischen Nachtleben sehr oft vergessen wird, dass da tatsächlich ein «Gast» in Gastronomie versteckt ist, und dass das Nachtleben zum Wirtschaftszweig Gastronomie zählt. Selbst wenn das Elitäre und das Jonglieren mit Zahlen bei einer bestimmten Gruppe gut anzukommen scheint… wie denken wohl all jene darüber, die nicht zu dieser Gruppe gehören und was hat es für Auswirkungen auf das Nachtleben als Ganzes, wenn sich zu viele Leute ausgeschlossen oder zur Geldquelle degradiert fühlen?

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Turmzoll von Fry’s Gnaden

Réda El Arbi am Mittwoch den 1. Juli 2015
Bestraft die Besucher für seine Niederlage vor Gericht: Guisep Fry

Versteht sich als König vom Üetliberg und verlangt jetzt Turmzoll: Guisep Fry

Zwei Franken werden  Zürcherinnen und Zürcher, auch Kinder, ab heute zahlen müssen, wenn sie auf ihrem Hausberg den Aussichtsturm besteigen wollen. So hat es Guisep Fry, der Hotelier, Beizer und seines Erachtens Herr über den Üetsgi, verfügt. Und er hat sich damit wohl ins eigene Fleisch geschnitten.

Nicht, dass wir uns die zwei Franken nicht leisten können, aber langsam haben wir genug von Frys Trötzeleien. Bisher haben wir ihm ja gerne zugeschaut. Sein einfallsreicher Kampf gegen den Abriss seiner illegalen Bauten hat uns unterhalten wie eine Telenovela. Alle paar Monate warteten wir gespannt, welchen Trick er und seine Anwälte wieder aus dem Ärmel schütteln, um den verbotenen Garten doch noch durchzuzwängen. Wir haben dabei grosszügig übersehen, dass er mit seiner juristischen Täubelei unsere Steuergelder in Form von langwierigen Verfahren verschwendete. Aber zum Schluss hat er dann ja doch verloren.

Aber Fry ist ein schlechter Verlierer. Er sieht sich selbst ungerecht behandelt und wie ein kleiner Bub schmeisst er jetzt die Spielfiguren auf dem Brett seiner Niederlage um. Er bestraft die Besucher für seinen Misserfolg. Die sollen auch etwas zu spüren bekommen. Zitat:

«Wenn dies (… seine gastronomischen Leistungen …) von den ewigen Rückwärtsgewandten und Dauernörglern nicht geschätzt, ja aktiv bekämpft wird, muss ich wirtschaftliche Konsequenzen ziehen.»

Nun, die paar tausend Franken, die Fry mit den Zweifränklern für den Turm einnehmen wird, machen wohl den zusätzlichen Imageschaden, den diese Aktion bewirkt, nicht wett. Die Einnahmen werden wohl im ersten Jahr nicht mal die Installation des Drehkreuzes, mit dem Fry den Wegzoll für den Aufstieg kassiert,  amortisieren.

Vielleicht merkt er auf seinem Berg oben nicht, dass das Volk zu seinem Füssen ihn nicht als Opfer sondern als Querulanten sieht. Er, der Verfechter des freien Marktes, wird wohl damit leben müssen, dass der Turmzoll dem Burgherren mehr Verlust als Gewinn bringt, nehmen doch viele Besucher wegen der saftigen Preise in der Beiz schon jetzt ihr Picknick von Zuhause mit. Bald werden es wohl ein paar mehr sein, die ihr Bierchen und ihre Wurst lieber im Haupbahnhof kaufen, bevor sie in die Uetlibergbahn einsteigen. Trotz können wir auch. Und auch die europäischen Touristen, die im Hotel übernachten, werden staunen, dass sie zu den Zimmerpreisen und den Restaurantrechungen nun auch noch Münz für den Turm bezahlen müssen. (Nachtrag: Die bezahlenden Gäste aus Restaurant und Hotel bekommen Jetons, um den Turm besteigen zu dürfen.)

Wie gesagt, es geht nicht um die Zweifränkler, obwohl die für Familien einen Unterschied machen können. Es geht um die Attitüde. Wir lassen uns nicht gerne für die Frustrationen anderer bestrafen. Auch wenn die Strafe nur zwei Franken pro Turmbesteigung ausmacht.

Europaallee: Die linke Beisshemmung

Réda El Arbi am Freitag den 19. Juni 2015
Samir und der Sphère-Beizer Deckert: Trojanische Pferde der Gentrifizierung?

Samir und der Sphères-Beizer Deckert: Trojanische Pferde der Gentrifizierung?

«Gege de Samir chammer aso nüt säge», ist die gängige Reaktion der etablierten Linken und der Kulturszene auf das neueste Projekt der SBB in der Europaallee. Als würde die Beteiligung von Samir und Sphères-Chef Bruno Deckert aus dieser projektierten Mall in US-amerikanischem Stil mit sechs Kinosälen, Bistros, Kongress- und Konzerthallen und Einkaufsmöglichkeiten so eine Art alternatives Kulturzentrum machen. Es ist nicht so, dass Samir und Deckert dort bauen. Es ist so, dass sie viel Geld verdienen, um dem Projekt den Anstrich von Kultur zu geben.

Offenbar hatte sich die SBB Sorgen um ihr Image gemacht, nachdem die Rechnung mit den Luxuswohnungen nicht aufgegangen ist – sehr schwer vermietbar – und nicht nur die «Reclaim the Street»-Bewegung, sondern auch die anderen Stadtbewohner laut Kritik an der offensichtlichen Gentrifizierung übten.

«Kaufen wir uns einen linken Kulturschaffenden und einen Beizer, die in der Kulturszene bereits akzeptiert sind und klatschen sie an die Projektfassade», dachten sich die Verantwortlichen bei der SBB wohl. «Dann sind diese ewigen Nörgler still und wir können endlich Rendite einfahren.»

Aber irgendwie haben sie nicht begriffen, um was es geht. Nur weil man den Kritikern ein Zückerli hinwirft, macht das die Quartierveränderung nicht rückgängig. Mit sechs Kinosälen und geplanten Konzerten baut man dort direkt an der Langstrasse einen Konsumtempel, der noch mehr Geld und Konsumkreuzzügler ins Quartier bringt, falls es denn funktioniert. Neben der Belastung durch die Clubindustrie ist es wohl der nächste Schritt, das Quartier für die bisherigen Anwohner – ausser für ein paar Hipster – unbewohnbar zu machen.

Funktioniert es nicht, wie eben die Luxuswohnungen, hat man einfach eine weitere tote Ecke in der Stadt geschaffen.

Ich persönlich denke aber, dass die neue Mall ein Erfolg sein wird. Man kann von überall her schnell in die Stadt kommen, im Bistro essen, einen Hollywood-Film schauen, oder schnell an ein Konzert gehen, danach ein paar Strassen weiter in einen Club und man ist vor morgens um Sechs wieder brav zuhause. Eigentlich hätte die SBB noch einen S-Bahnhof – oder wenigstens eine Haltestelle auf der Langstrassenbrücke – einplanen sollen, damit man sich direkt ins Kaufland kutschieren lassen kann.

Das Ganze ist so ein bisschen wie All-inclusive-Ferien, einfach an der Langstrasse. Und das unter der Schirmherrschaft zweier Vorzeige-Kultur-Typen. Sie sollen wie Valium auf die Kritiker wirken.

Nun, die Beisshemmung gegen Samir und Deckert wird dem Projekt wenigstens politisch etwas Luft verschaffen. An den Realitäten, nämlich dass die Langstrasse als Wohn- und Lebensraum abgemurkst wird und dafür als Geldmeile wieder aufersteht, ändert das nichts.

Kaufrausch – eine kleine Konsumkritik

Réda El Arbi am Mittwoch den 31. Dezember 2014
Alles billiger: Ein Verlockung jenseits des Benötigten.

Alles billiger: Eine Verlockung jenseits des Benötigten.

Nach dem vorweihnachtlichen Konsumrausch steht der nachweihnachtliche Konsumrausch an: Die Menschen strömen in die Stadt, um, gelockt von neonfarbenen und leuchtroten Schildern in den Schaufenstern, von den Ausverkaufsangeboten zu profitieren.

Grundsätzlich bin ich kein Feind des Kapitalismus, aber ich denke, man sollte sich ein oder zwei Gedanken machen, bevor man sich in den Konsumtaumel der verbilligten Produkte stürzt.

Da wären einmal die ganz persönlichen Voraussetzungen: Es ist super, wenn man etwas zum halben Preis kaufen kann. Sofern man es benötigt und nicht einfach mitnimmt, «weil es so günstig war». Und natürlich spart man nur dann Geld, wenn man dafür nicht fünf andere Dinge poschtet, die man mitnimmt – warum wohl? – «weil sie auch so günstig waren».

Der alljährliche Konsumrausch ist nicht nur dem Namen nach ein Rausch. Beim Einkaufen werden Endorphine freigesetzt, körpereigene Belohnungshormone, die kurze Zeit glücklich machen. Aber entgegen anderen Räuschen erleidet nicht der Körper einen Kater, sondern ihr Portemonnaie.

Natürlich ist der Detailhandel abhängig vom nachweihnachtlichen Ausverkauf. Die Zürcher Ladenketten haben sogar darüber gejammert, dass viele Konsumenten nicht wissen, dass der 2. Januar ein offizieller Einkaufstag ist und deshalb den Geschäften fernbleiben. Und ja, der Konsumrausch sichert Arbeitsplätze, auch wenn man über den Verdienst im Detailhandel streiten könnte. Die Gewinne sind, gerade bei den grossen Ketten, hoch, während der Verdienst der Leute an der Front erbärmlich bleibt, trotz des Einsatzes der Verkäufer.

Aber es sind ja nicht nur die Arbeitsplätze im Detailhandel, die durch den Konsumrausch gesichert werden, auch die Sklavenarbeiter von Foxconn in China oder die Näherinnen in Bangladesch sehen ihre Arbeitssituationen gesichert. Rechnen wir kurz nach: Einen Pullover für 19.50 Franken. Das ist in der Schweiz nicht mal ein Stundenlohn. Davon wird  das Material, die Verschiffung, die Werbung und das Verkaufspersonal bezahlt. Die Marge für den Laden natürlich auch. Was für die Näherinnen, die Färberinnen etc. übrig bleibt, lässt sich da leicht abschätzen.

Vielleicht sollte man sich kurz daran erinnern, dass Produkte und die Rohstoffe, aus denen sie hergestellt werden, in der Schweiz nicht an den Bäumen wachsen. 

Ich will hier nicht den Moralapostel spielen, hab ich doch selbst genug Schrott zuhause, den ich eigentlich nicht brauche. Aber ich versuche mich daran zu erinnern, dass meine Schränke bereits voll von Dingen sind, die ich nicht benutze, deren einziger Zweck es war, mich für zehn Minuten nach dem Kauf glücklich zu machen. Und frage mich, ob ich mir ein gutes Gefühl wirklich auf diese Art kaufen muss.

Ich möchte Sie nur bitten, sich kurz zu überlegen, ob Sie das Ding, das Sie gerade kaufen wollen, auch wirklich brauchen. Ob die Herstellungsbedingungen, die verbrauchten Ressourcen und die Arbeit, die darin stecken, durch den Mehrwert den das Produkt in Ihr Leben bringt, gerechtfertigt sind.

Oder obs einfach in einer Ecke landet und nur noch dann beachtet wird, wenn man sich überlegt, ob man es wegschmeissen soll.

Zürich und die Reichen

Stadtblog-Redaktion am Freitag den 21. Juni 2013
Exklusive Aussicht nur für Reiche. Club Haute in Zürich

Exklusive Aussicht nur für Wohlhabende: Club Haute in Zürich

Laut Statistik lebt in jedem neunten Zürcher Haushalt ein Millionär. Das wollten wir genauer wissen und klingelten bei unseren Nachbarn. Offenbar leben da aber keine wohlhabenden Menschen, also machten wir uns auf die Suche.

Alles Geld sammelt sich unter dem Paradeplatz. Und da wir annahmen, dass sich Reiche nie weiter von ihrem Geld entfernen als zum Beispiel Eichhörnchen von ihren Nüssen, begannen wir unsere Suche genau da.

Doch so, wie die gut gekleideten Menschen über den Bankenplatz pressierten, darf man annehmen, dass sie noch hart für ihr Geld arbeiten. Also keine offensichtlich Wohlhabenden am Paradeplatz. Vielleicht abgesehen von ein paar russischen Touristen, die in die Bahnhofstrasse schlenderten um Geld auszugeben. Aber wir suchen ja eher die einheimische Spezies.

Über den Dächern von Zürich

Wir gingen also weiter zum Privatclub Haute. Der befindet sich im 13. Stock des Hochhauses an der Schanze, in unmittelbarer Nähe zum Paradeplatz. Der Empfang war ganz zu unserem Erstaunen leer, also betraten wir flugs die Terrasse, wo nachmittags um halb fünf schon einzelne Herren vor ihren Drinks sassen. Vom Tisch aus kann man hier den Weitblick über den See in dieser typisch wattierten Atmosphäre geniessen, die uns bei unserer Suche übrigens noch oft begegnen wird. Lange dauerte unser Glück im Haute indes nicht an:

«Sind sie Mitglied?» – «Ähm, können wir etwas zu trinken bestellen?» – «Wenn sie nicht Mitglied sind, müssen sie leider wieder gehen.»

Denn die Regeln sind klar: Nur wer jemanden im Club kennt, kann Mitglied werden. Wir respektieren das. Vielleicht auch nur deshalb, weil wir noch nie so sanft aus einem Club geworfen wurden. Mindestens zehnmal entschuldigte sich der Bedienstete, dass wir jetzt wieder gehen müssen. Vor dem Verlassen geleitete er uns auf unseren Wunsch hin sogar noch durch das Heiligtum des Haute, das gepflegte Restaurant ein Stockwerk höher.

Hochstapler

Weiter gehts an die Bahnhofstrasse. Die Dame am Empfang der Privatbank EFG bemühte sich redlich um einen Kundenberater, der uns in die Welt des Privatbanking einführen sollte. Das gab uns sofort das Gefühl, wertgeschätzt und willkommen zu sein. Wir gaben vor, ein Konto eröffnen zu wollen. Doch als die Dame wiederum äusserst freundlich erklärte, dass die Höhe des benötigten Kapitals für eine Kontoeröffnung 500 000 Franken betrüge, verabschiedeten wir uns diskret wieder – nicht ohne Broschüren mitzunehmen und so zu tun, als ob wir uns die Sache redlich überlegen würden. Die Einsicht aus unserem Besuch: um die Wertschätzung der Bank unsererseits für längere Zeit aufrecht erhalten zu können, fehlte uns ein kleines Detail: Geld.

500 Franken in 30 Minuten

Liess den Drink dreimal zurückgehen: Dame im Baur Au Lac

Liess den Drink dreimal zurückgehen: Dame im Baur Au Lac

Besässen wir eine der Hochglanz-Limousinen, die auf der Talstrasse vor dem Baur Au Lac verkehrten, dachten wir, wir wären uns auf der Privatbank weniger wie Hochstapler vorgekommen. Denn ein solcher war auch unser Nachbar an der Bar im Garten des Edel-Hotels nicht. In einer halben Stunde – in der wir Eiskaffee und einen Rhabarber-Sommerdrink für insgesamt 33 Franken schlürften – verscherbelte der Mittfünfziger mit der rot umrandeten Hornbrille und der erheblich jüngeren weiblichen Begleitung Unsummen. Champagner, Kaviar mit Mini-Omeletten und Saucen, Edel-Wodka und wieder Champagner und wieder Wodka, der übrigens wurde in einem vorgeeisten Glas serviert. «Die Millionäre wissen eben, wie man lebt», kommentiert Sarasin etwas neidisch die Geschwindigkeit, in der der Kaviar im Millionärs-Rachen verschwand. «Gutes Leben ist eine innere Haltung, kein Kaviarwettessen», philosophiert El Arbi mit der banalen Weisheit seiner Hippiezeit. Eine andere Dame, gut gewandet und frisiert, gab gerade zum dritten Mal ihren mit Kumquats angereicherten Sommerdrink zurück. Nach jedem Schluck tupfte sie sich die mit einer Serviette die Lippen ab. Denn, dies wurde klar: das Leben ist ein Klischee, also muss man sich auch so verhalten. Die Atmosphäre im Baur Au Lac gestaltete sich übrigens für uns trotzdem angenehm entschleunigt und dies, obwohl direkt vor dem penibel gepflegten Garten der General-Guisan-Quai konstant rauscht.

«Wir müssen leider draussen bleiben»

David Sarasin interviewt die Yachtclub-Member. Vom Wasser aus (der kleine schwimmende Kopf).

So sieht eine Interview-Situation mit dem Yacht Club aus.

In Pflastersteinwurfnähe zum Baur au Lac-Garten liegt der Zürcher Yachtclub, das nächste Ziel auf unserer Suche nach den Millionären in Zürich. Der mehr als hundertjährige Altherren-Verein mit dem schwimmenden Clubhaus ist bekannt für seine rigiden Aufnahmeverfahren und seine ausgesprochene Fähigkeit, sich vor der Öffentlichkeit hermetisch abzuschotten. Natürlich wollten wir deshalb umso mehr rein. Und natürlich klingelten wir an der dicken Tür. Trotz SOS-Morsezeichen-Gong öffnete uns niemand, nicht mal die Gegensprechanlage erwachte zum Leben. So leicht wollte Sarasin die Yachtkapitäne aber nicht davonziehen lassen und stieg selber in die Badehosen um zwischen den Booten hindurch zum Clubhaus zu schwimmen, um zumindest einen Blick ins Leben dieses maritimen Exklusivclubs zu erhaschen. Und tatsächlich: da standen sie, etwa zehn Männer in Hemden, gewaltige Weissweingläser schwenkend.

«Ist das der Yacht Club?» – «Ja» – «Kann man bei ihnen etwas trinken?» – «Nein» – «Wie werde ich Mitglied?» – «In dem sie segeln lernen.» – «Kann ich sie mal kennenlernen» – «Nein. Ausserdem ist es verboten da zu schwimmen, wo sie es gerade tun.»

Der Rest bleibt wie immer Vorstellung von zarter Musik und wattierter Atmosphäre, von köstlichem Wein, gepflegter Konversation und hochwertigem Essen. Und, damit behandelten wir unsere Wunden, die uns das Ausgeschlossen sein verursachte: sicher auch Langweile. Zudem vermitteln die «Yachten» keinen besonders glamourösen Eindruck. Die Boote könnten auch im Greifensee schaukeln, dachten wir und zogen davon.

Luxus für Jedermann

Dorthin nämlich, wo wir glaubten, erwünscht zu sein: ins Grandhotel Dolder. Dort sei man seit dem Umbau 2008 froh um Kundschaft, haben wir gehört. Es ist längst kein Tabu mehr, das Dolder auch als Nicht-Hotelgast (der nicht für die Nacht 1500 Franken hinblättert), zu betreten – viele Sonntagsspaziergänger machen das jede Woche samt Kinderschar, haben wir gehört. Auf der Terrasse werden wir freundlich empfangen. Wir bestellen einen Snack (Cäsar-Salat und Rindscarpaccio für je 33 Franken). Im Preis inbegriffen sind Bedienstete, die uns den Stuhl zurechtrücken, die Taschen von den Schultern hieven und uns auch sonst jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Der Kellner ist freundlich, unaufdringlich und verhält sich sehr professionell, eine Merkmal in der Welt der Reichen, das wir inzwischen nicht mehr missen wollen. Keine Selbstdarstellung, keine Schlampigkeit, blosse Dienstleistung.

Uns dämmerte: Millionäre investieren viel Geld, um sich den Lärm der Welt und den ganzen Dreck, den das Leben bisweilen verursacht, vom Leib zu halten. Man kann es sich leisten, sich nicht mit den normalen Menschen, die im Denner sackweise gefrorenes Geflügel kaufen und sich um die nächste Miete sorgen machen müssen, beschäftigen zu müssen.

Während wir vor uns hin sinnieren, verdüstert ein anrückender Sturm den Himmel – einzelne Gläser bläst der Sturm bereits von den Tischen, sie zerschellen am Boden. Die anderen Gäste flüchten ins klimatisierte Restaurant, während wir als Neulinge darauf pochen, diesen wie mit Marshmallows gepolsterten Pfad des Luxus weiterhin für uns Anspruch nehmen zu dürfen – wenn wir schon 33 Franken für einen Salat und 13 Franken für ein Wasser bezahlen! Und tatsächlich: das Gewitter zieht vorbei. «Geld versetzt sogar Sturmwolken», sagt Sarasin in einem Anflug von seltsamer Esoterik.

Kunst von Sylvester Stallone: Ist das Dolder schon so weit gesunken?

Kunst von Sylvester Stallone im Dolder.

Millionäre gehen nicht zu Fuss

Beim Rausgehen bestaunen wir noch das leicht chaotische Gemälde von Sylvester Stallone (mit dem für diesen Ort sinnigen Spruch «The Best Of Life») und schreiten durch den Hauptausgang die Einfahrt hinunter, die für Autos und nicht für Fussgänger gedacht ist. Hinunter in eine Stadt, die unsere bleibt, auch ohne viel Geld im Sack. Kein einziger Fussgänger kreuzt in diesem Quartier der Wohlhabenden und des teuer motorisierten Stillstandes unseren Weg.

Wir haben zwar nicht all die Millionäre gefunden, die es in Zürich geben soll, aber wir waren für einen kurzen Moment in ihren Biotopen, an ihren Futterplätzen und in ihrem Revier. Das wohl nie unser Revier werden wird.