Beiträge mit dem Schlagwort ‘Festtage’

Feiern über die Feiertage

Alex Flach am Montag den 19. Dezember 2016
Die Sugarhill Gang an Weihnachten in der Amboss Rampe.

Die Sugarhill Gang an Weihnachten in der Amboss Ramp (Bild ganz rechts: Der 2014 leider verstorbene Big Bank Hank)

Irgendwann in den 90er Jahren in irgendeiner Halle, in der nie zuvor und nie wieder danach eine Party stattgefunden hat, stand Urs Kind auf einer Leiter und liess sich Lametta und Christbaumkugeln hochreichen um damit einen Nadelbaum von stattlicher Grösse zu schmücken. Draussen vor der Tür legte sich langsam die Nacht über Zürich und wer dem “Fest” in Festtage Tribut zollen wollte für den war Urs Kind auch Christkind, denn es war Tanzverbot und ausser ihm bot keiner Bass und Beats. Man müsste eigentlich annehmen können, dass es dafür eine ganz besonders gute Party wurde, wenn alle mangels Alternativen dort feierten, aber es war bestimmt keines von Kinds besten Feten – dafür war zu viel Platz auf der Tanzfläche.

Alljährlich steigt in der Adventszeit die Vorfreude auf Weihnachten und Silvester, nicht zuletzt weil da eigentlich die opulentesten Partys des Jahres stattfinden müssten. Was sie aber nie geschieht: Der Clubbetrieb an Heilig- und am Weihnachtsabend ist gar etwas lauer als üblich und an Silvester macht jeweils die überhöhte Erwartungshaltung den Clubbern einen Strich durch die Rechnung. Man geht in Erwartung der Nacht der Nächte aus dem Haus – und wenn man dann am Morgen des ersten Januars nach Hause kommt, war’s wie immer nur voller.

Auch in diesem Jahr findet sich in Party-Weihnachtsangebot nicht viel Extraordinäres. Einzig die Amboss Rampe trumpft an Heiligabend mit einem Act, dessen Gastspiel zumindest das Prädikat «überraschend» verdient: Dort spielt The Sugarhill Gang, die 1979 mit ihrem Song Rapper’s Delight dem Hip Hop erstmals international Gehör verschafft haben. Abseits davon gehen die Clubs ihrem ganz normalen, musikalisch tadellosen Nachtwerk nach und tun das was sie immer tun: Gute Konzerte bieten, ihren erfahrenen Resident-DJs Auslauf geben und ihre Line Ups mit den vertrauten Namen bekannter ausländischer DJs schmücken. Der einzig markante Unterschied zu den restlichen Wochenenden des Jahres ist, dass auch sonntags die meisten Clubs Gäste empfangen.

An Silvester verlegen sich die Partymacher ebenfalls auf das Bieten von Erprobtem und da dann insbesondere international bekannte DJs an Silvester ihre Gagen zu verdoppeln pflegen, wird die Zürcher Neujahrsnacht vor allem von Zürchern vertont. Einzig die New Yeah-Party im Volkshaus mit Alle Farben, Tube & Berger, Chocolate Puma und Revolution und die Maagic auf dem Maag Areal mit Alan Walker, Flic Flac, DC Breaks und DJ Flip bieten Sets von diversen international bekannten DJs, wobei sich beide Sausen an ein eher jüngeres Publikum wenden.

Meist sind die besten Weihnachts- und Silvester-Feten jedoch eben jene, an denen die Musik von den Resident-DJs eines Clubs stammt, denn Eines haben Club- und Wohnzimmerpartys gemein: Die besten sind die, die man im Kreise jener feiert die man kennt und die man mag. Das gilt ganz besonders für die festlichste Zeit des Jahres und daher empfiehlt es sich dann nicht das Ausgefallene zu erzwingen, sondern im Gegenteil dorthin zu gehen wo man einen kennt und mit Namen begrüsst.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

 

Feiern als Sicherheitsventil

Alex Flach am Montag den 21. Dezember 2015
Nicht alle verkraften die emotionale Dichte an Weihnachten gleich gut.

Nicht alle verkraften die emotionale Dichte an Weihnachten gleich gut.

Zuerst mit den biologischen Verwandten besinnlich unter den Baum sitzen und Geschenke auspacken, dann in den Club und mit Wahlverwandten bis zur Besinnungslosigkeit feiern. Das hat Tradition, zumindest seit in Zürich das Tanzverbot an hohen Feiertagen abgeschafft wurde. Keine Selbstverständlichkeit: Die Stimmbürger des Kantons Aargau dürfen am 28. Februar 2016 an der Urne entscheiden, ob sie dieses Relikt aus uralten Tagen nicht ebenfalls endlich aus der Welt schaffen wollen (aktuell ist dort an hohen religiösen Feiertagen und den Folgetagen jeweils um 00:15 Sperrstunde).

Ein Festhalten am Tanzverbot macht vor allem aus einem Grund keinen Sinn: Alljährlich und zur Weihnachtszeit häufen sich die die Fälle häuslicher Gewalt. Familienpsychologen machen hierfür die «emotionale Dichte» verantwortlich, die in diesen Tagen mit die höchste im Jahr sei – viele Menschen seien es einfach nicht gewohnt den ganzen Tag mit der Familie zu verbringen.

Doch wohin soll man vor einer Überdosis Familie fliehen wenn alle Bars, Pubs und Clubs geschlossen sind, respektive bereits um Mitternacht schliessen? Ganz zu schweigen von all den einsamen Menschen, die an Weihnachten besonders alleine sind: Ihnen wird durch das Tanzverbot die Möglichkeit genommen, sich unter Leute zu mischen und Abstand von ihren Sorgen zu nehmen.

Dem kann man entgegenhalten, dass auch die Gewaltbereitschaft auf der Strasse an Weihnachten besonders hoch sei; mit einem Wegfall des Tanzverbotes würde das Problem also nur von der Stube nach draussen getragen. In der Tat beklagen sich die Club-Türsteher während der letzten Wochen eines Jahres vermehrt über Beleidigungen oder gar tätliche Auseinandersetzungen und es stimmt auch, dass die Polizei in dieser Zeit öfter ausrücken muss als üblich. Dies wiederum liegt nicht zuletzt am erhöhten Alkoholkonsum an Weihnachten: Man ist ständig am süffeln und jeden Tag an irgendeinem Festessen samt Feuerzangenbowle und Glühwein.

Jedoch entsteht der Eindruck, dass es während der Adventszeit in und vor den Clubs zu besonders vielen gewalttätigen Zwischenfällen kommt auch vor dem Hintergrund, dass viele Leute nach wie vor nicht zwischen Clubszene und Milieu unterscheiden. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Beitrag im Blick mit dem Titel «Wochenende der Gewalt in Zürich» vom 7. Dezember: Nach dem reisserischen Einstiegssatz «Die Zürcher Partymeute tickte an diesem Wochenende komplett aus» publiziert das Blatt eine Liste von neun Gewaltdelikten, von denen gerade mal einer oder zwei zweifelsfrei der «Partymeute» zugeordnet werden können – ausser natürlich man zählt Taschendiebe, Prostituierte und Kleinstgangster auch zu den Partypeople.

Nichtsdestotrotz: Auch im Musik-orientierten Nachtleben ein Anstieg der Gewaltbereitschaft an Weihnachten nicht von der Hand zu weisen. Dennoch ist es ziemlich befremdend, wenn der Staat dem Bürger vorschreiben möchte, wann, wo und wie er feiern darf und das auch noch aus religiösen Motiven – immerhin leben wir 2015 und nicht 1517.

Frohe Festtage!

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.