Beiträge mit dem Schlagwort ‘Bern’

Die Barbaren kommen!

Réda El Arbi am Dienstag den 8. August 2017
Unausprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins umland!

Unaussprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins Umland!

Es gibt in der Menschheitsgeschichte viele Beispiele, in denen eine friedliche Bevölkerung von unzivilisierten Massen überrannt wurde: Die Türken vor Wien, die mongolischen Horden, die Kreuzritter in Jerusalem – und eben die Spasszombies, die jedes Jahr im August über Zürich herfallen. Man kann keinen Widerstand leisten, die Überzahl ist unbezwingbar. Aber man kann fliehen, wenn man sich früh genug vorbereitet. Hier ein paar sichere Horte, an denen Sie diesen Samstag verbingen können:

Die andere Zürcher Stadt

Nur 16 Minuten vor den Toren der Stadt gibts ein Städtchen, das eine eigene, blühende Kulturszene aufweist. Wer Musik mag, die wirklich noch von Menschen an Instrumenten gespielt wird, wird sich an den Musikfestwochen Winterthur wohlfühlen. Je nach Wetter verbringt man den Nachmittag in einem der kleinen Cafes mit dem Lesen eines guten Buchs oder planscht mit den Kids in der Töss, um sich am Abend dann von verschiedenen Konzerten unterhalten zu lassen.

Nordwärts!

Wer dem Niederdorf nachtrauert und wissen will, wie eine lebendige Altstadt aussieht, sollte sich ans Stars in Town in Schaffhausen begeben. Neben verschiedenen Konzerten gibt ein Streetfood-Festival und ein riesiges Nebenprogramm.  Nachmittags kann man sich in Neuhausen am Rheinfall von der Gischt besprühen lassen. Schliesslich war man seit der Schulreise nicht mehr da.

In die Boote!

Wenn wir schon im Norden sind, ist eine kleine Gummibootfahrt auf dem Rhein von Stein am Rhein bis Diessenhofen zu empfehlen. Dazu gibts jede Menge Kultur und Unterhaltung: eine Burg, Wandmalereien aus dem Mittelalter, Pfahlbau-Überreste – und als grossen Joker: Die Minieisenbahn, mit denen man die Kids unterhalten kann. Abends isst man dann Fisch und schaut dem Strassenprogramm des Theaterfestivals nordArt zu.

Zum Feind überlaufen

Für einmal kann man die alte Fehde zwischen Zürich und Basel vergessen und bei den Bäppis um Asyl bitten. Die sind gar nicht so schlimm. Und dieses Wochenende lohnt es sich, Basel einmal zu besuchen: Man kann noch den letzten Tag des Basel Openair miterleben und sich davon überzeugen, dass fremde Kulturen (ja, sogar Basler!) durchaus auch ihren Charme haben.

Gemütlich nehmen

Wer dem Stress der Grossstadt entfliehen will, kann sich nach Bern absetzen. Neben Aareschwimmen und Kaffee in der Altstadt findet man in Bern unter jedem Pflasterstein eine Band. Was in Zürich die Clubs sind, ist in Bern Live-Musik. Von Klassik bis Blues und Rock – in Bern gibts am nächsten Samstag alles.

Ab in die Agglo

Verbringen Sie einen ruhigen, friedlichen Nachmittag am Greifensee und lassen Sie den Abend im Openair Kino in Uster ausklingen. Wir garantieren, dass die Gegend sicher ist, da sich alle ansässigen Barbaren schon früh morgens mit der SBahn in Richtung Stadt aufgemacht haben.

Also, fliehen Sie! Retten Sie sich und ihre Lieben!

Tibet-Demo nein, aber Nazi-Konzert ja?

Réda El Arbi am Montag den 16. Januar 2017
Die hätten sich auch diskret treffen können, wie diese Nazis in der Ostschweiz.

Die hätten sich auch diskret treffen können, wie diese Nazis in der Ostschweiz.

Heute verlassen wir mal die Grossstadt Zürich und begeben uns nach Bern, ins politische Herz unseres Landes, in den Hort unserer freiheitlichen Werte, wie es so schön heisst.

Dort wollten einige Tibeter mit ein paar Freunden gegen die Besetzung Tibets demonstrieren. Sie hätten gerne vom Recht auf Versammlungs- und Meinungsäusserungsfreiheit Gebrauch gemacht. Hätten. Konnten aber nicht. Weil sie mit ihrer Meinung das chinesische Staatsoberhaupt gestört hätten, das gerade zu Besuch ist.

Und ehrlich, das wollen wir doch nicht. Wir machen so viele Geschäfte mit den Chinesen, wir können da zu Sklavenbedingungen produzieren, billigst einkaufen und können den neureichen Chinesen auch gleich noch unseren Luxusplunder steuerfrei andrehen. Allein alt Bundesrat Blocher soll (wie er auf seiner Homepage sagt) 117 Fabriken in China haben, seine Tochter schwärmt von den Vorzügen der Einheitspartei.

Das sind BEZIEHUNGEN, die man pflegen muss. Höchst sensible Angelegenheiten, Ehrewort! Da wollen wir doch nicht Dinge wie Menschenrechte, Tibet oder freiheitliche Werte so offen zur Sprache bringen. Da könnte der Chinese sich doch unwohl fühlen.

Nein, das wollen wir sicher nicht. Sonst könnten unsere Prinzipien uns noch Geld kosten. Und da hört also diese sogenannte Freiheit auf! Für Demokratie stehen wir ja schon ein! Aber es darf uns nichts kosten, das ist doch klar. Oder?

Ausserdem: Was sind unsere tiefst demokratischen Werte schon wert? Damit kann man keinen Gewinn machen, die kann ich nicht teuer exportieren. Wir sind schliesslich neutral! Wir haben keine Meinung zu Meinungsfreiheit und Unterdrückung woanders. Schon gar nicht, wenn wir damit Geld verdienen.

Alles war so schön auf das Treffen vorbereitet, mit Röteli und Kirsch! So richtig gmüetlich schweizerisch. Und da kommen diese unhöflichen Tibeter und ihre Freunde (einer wollte sich sogar anzünden, pfui bäh) und wollen uns unanständigerweise mit Plakaten auf Ungerechtigkeiten hinweisen. Das geht doch nicht! Die hätten doch in Zürich demonstrieren können, die Banken da können gut mit solchen Sachen leben.

Dabei sind wir doch eigentlich auf ihrer Seite! Wir gehen als geschlossene politische Gruppe zu Fototerminen mit dem Dalai Lama! Und dann posten wir das auf Twitter und Facebook! Wir haben wirklich Mitgefühl mit den Tibetern und all diesen Leuten. Ehrlich.

Und natürlich dürfen sie demonstrieren und sich versammeln. Aber doch nicht da, wo es wirtschaftlich weh tun könnte! Um Himmels willen, haben die denn kein Gespür für unsere Realitäten?

Diese Tibeter sollen sich ein Vorbild an den Neonazis nehmen! Die haben sich auch irgendwo in Hinteroberpfupfikon versammelt. Da haben sie auch niemanden gestört. Und wir können stolz sagen, dass unsere Meinungsäusserungsfreiheit auch den Hitlergruss, das Hakenkreuz und Nazi-Uniformen schützt!

Also, wenn diese Tibeter auch so anständig wären wie diese Nazis, dann hätte es auch keinen so grossen Polizeieinsatz gegeben! Und alles wäre friedlich und ruhig über die Bühne gegangen, wie es sich hierzulande gehört.

Feiern mit Freunden

Alex Flach am Montag den 31. Oktober 2016
Mehr Gastgeber und Glucke als Clubbetreiber: Pädu Anliker.

Gastgeber, Glucke und Clubbetreiber: Pädu Anliker.

Pädu «MC» Anliker ist tot, und Thun trauert. Aber nicht nur in Thuner Herzen hängen die Flaggen seit letzter Woche auf halbmast, auch viele Schweizer Nachtleben-Macher, ob sie ihn nun kannten oder nicht, zeigen sich betroffen vom Tod des Café-Mokka-Betreibers, der so viel mehr war als nur ein Clubchef.

Pedro Lenz sagt in der «Berner Zeitung», Anliker sei ihm vorgekommen wie eine italienische Mama, und er sei ein unvergleichlicher Gastgeber gewesen. Viele streichen sein Engagement für die Jugend heraus, andere loben, wie rührend er sich um die Musiker und Bands gekümmert hat, die seine Mokka-Bühne ihrer Bestimmung zugeführt haben. Eine immer liebenswürdige und stets engagierte Glucke sei der Pädu gewesen.

Anlikers Auffassung vom guten Nachtleben erfährt in der Schweiz gerade eine Renaissance, wenn auch in etwas anderer Auslegung. Noch vor einigen Jahren stand hinter erfolgreichen Partys, insbesondere im kommerziellen Bereich, oftmals ein Trupp von Spammern, die nichts anderes gemacht haben, als unablässig Facebook-Fakeprofile zu erstellen, die sie dann benutzten, um im Netz Abertausende Zielpersonen mit Partyinfos zuzumüllen.

Ihre Maxime hiess «Quantität vor Qualität», und der Zulauf an ihren Feten war lediglich ein Resultat ihres penetranten Auftretens im Netz. Ganz ausgestorben sind sie noch nicht (zumindest anhand der Freundschaftsanfragen, die man so kriegt), aber mittlerweile haben die meisten dieser gesichtslosen Labels wegen Erfolglosigkeit den Betrieb einstellen müssen, und um sie trauert niemand.

Aber nicht nur in diesem Bereich hat der Berufsstand des Gastgebers mit den Jahren arg gelitten: Seit den 90er-Jahren ist die Anzahl der Clubs in Zürich geradezu explodiert. Mit der sich dadurch verschärfenden Konkurrenzsituation hat ein gegenseitiges Sich-Übertrumpfen bei den Line-ups eingesetzt, das die ausländischen Headliner längst dutzendweise nach Zürich bringt – und das Wochenende für Wochenende.

Dadurch wurden die Clubber zu Vergleichskonsumenten, die dorthin gehen, wo der namhafteste DJ spielt. Sprich: Die Leute gehen nicht mehr zu Jean-Pierre ins Roxy, zu Oli an die Blushin’ Pink, zu Gasi an die Plastique oder zu Vitamin S ins Luv, sie gehen zu Dixon, zu Ricardo Villalobos oder zu Koze.

Seit einigen Jahren ist jedoch eine Umkehr dieser Entwicklung zu beobachten. Mittlerweile hat sich weit herumgesprochen, dass auch die Schweiz über eine Vielzahl hervorragender DJs und Produzenten verfügt, und etliche Clubs mögen sich nicht mehr am Line-up-Poker beteiligen.

Bei den Clubbern ist ein Umdenken zu beobachten: Sie gehen an Partys von Labels wie Wundertüte, Kuchenfabrik, Kinky Beats und Rakete, ganz egal, wer da spielt, und ohne vorher auf Facebook von einer Chanel Dior Prada im Bikini eingeladen worden zu sein. Weil sie wissen, dass da Musik gespielt wird, die sie mögen, und auch weil sie dort etwas finden, das sie offenbar vermisst haben: das Familiäre.

Möchte man als Nachtlebender Pädu Anlikers Andenken nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten ehren – was gäbe es Passenderes, als diesen Weg weiterzugehen. Vielleicht gibt es dann bald wieder mehr Figuren, wie er eine war.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Politisiertes Nachtleben?

Alex Flach am Montag den 30. März 2015
Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Das Berner «Bündnis inexistenter Partykapitalisten» hat zu einer Demonstration gegen die Umnutzung der dortigen Markthalle aufgerufen. Vor zwei Jahren mussten die Bars und Restaurants in der Markthalle mangels Rentabilität schliessen. Die Eigentümer sanierten in der Folge das Gebäude, um es weitervermieten zu können. Am vergangenen Donnerstagabend fanden sich nun mehrere hundert Aktivisten zu einer Protestaktion vor der gleichentags dort eröffneten Media Markt-Filiale ein, um dort alten Elektroschrott zu deponieren. Die Angestellten des Discounters verriegelten die Türen, die Demonstranten begannen Gegenstände in Richtung der Schaufenster zu werfen und die Polizei damit, die Demo aufzulösen.

Die Antikapitalisten in der Hauptstadt geben ihrem Wirken ganz gerne einen Nightlife-Anstrich: Die Reclaim the Streets vom 25. Mai 2013 fand unter dem Motto «Tanz Dich frei» statt. Aber nicht nur die Berner Aktivisten machen auf Nachtleben, auch ihre Zürcher GenossInnen schmücken ihr Tun gerne mit Discokugeln, so auch die ehemaligen Binz-Besetzer, deren «Tanz durch die Stadt» Anfang März 2013 mehr mit Sachbeschädigung oder gar Plünderung zu tun hatte als mit Tanz.

Dank der Verknüpfung solcher Demonstrationen mit Nightlife-Begriffen wirft ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Clubber und Links-Aktivisten in einen Topf, so auch nach der Zürcher Reclaim The Streets von Mitte Dezember.

Das ist Blödsinn, denn politischer Aktivismus und die Gastro-Szene haben nichts miteinander zu tun: Nach der Reclaim The Streets vom vergangenen Dezember zählten Lokale wie das Le Chef von Meta Hiltebrand und das Neo von Gregory Schmid und Pius Portmann zu den Hauptbetroffenen, einer von Hiltebrands Angestellten wurde gar verletzt. Das überwältigende Mehr der Schweizer Gastronomen sieht sich als leidenschaftliche Teilnehmer am freien Markt und damit keineswegs als Antikapitalisten. Sie müssen Löhne, Lieferanten und Mieten bezahlen und haben oft eine Familie zu ernähren. Sie wollen Gewinn machen und ihre Statements sind meist kreativer und keineswegs politischer Natur.

Den ehemaligen Mietern der Berner Markthalle ist es nicht gelungen, ihre Betriebe in die Gewinnzone zu führen und dass sie schliessen mussten war nichts weiter als das logische Resultat wirtschaftlichen Misserfolges. Hätten all die Leute die nun dem Media Markt die Scheiben eingeworfen haben früher regelmässig in den Lokalen der Markthalle ein Bierchen getrunken oder gegessen, dann würden diese vielleicht noch existieren.

Einsicht ist eine Frage des Alters und der aus ihr erwachsenden Weisheit, gut abzulesen am Werdegang der Roten Fabrik. Das Areal in Wollishofen wurde 1980 und nach den Opernhauskrawallen der Jugendbewegung als Autonomes Jugendzentrum zu Verfügung gestellt. Ein bisschen Politik betreibt die IG Rote Fabrik heute noch, aber primär dirigiert sie heute eine Kultur-Institution, die nach marktwirtschaftlichen Regeln funktioniert, wenn auch mit basisdemokratischen Strukturen. Die Rote Fabrik ist ein gutes Beispiel dafür, wie revolutionäre Ideen irgendwann halt doch in der marktwirtschaftlichen Realität landen. Man kann das vielleicht mit etwas politischer Schminke übertünchen, aber wer auf lange Sicht bestehen will, kommt um den freien Markt nicht herum.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Ein Zürcher in Bern

Réda El Arbi am Freitag den 6. September 2013
Die schönsten Frauen in entspannter Umgebung: Bern ist einen Besuch wert.

Die schönsten Frauen in entspannter Umgebung: Bern ist einen Besuch wert.

Nachdem wir letzte Woche bereits bis ans Ende der Stadt gereist sind, hat uns der Übermut gepackt und wir entschieden uns, ein Abenteuer zu wagen und unseren Autoren aus Zürich hinauszuschicken, bis ins weit entfernte Bern. Hier sein Reisebericht.

Aus dem Zugfenster beobachte ich, wie Zürich langsam hinter mir zurückbleibt. Strassen weichen zurück,  grünere Flächen ziehen vorbei, durchsetzt mit kleineren Ortschaften. Mein Zug rumpelt  auf Bern zu. Als ich auf der rechten Seite auf die berühmt-berüchtigte Reitschule herunterblicke, weiss ich, dass ich angekommen bin.

Kaum bin ich aus dem Bahnhof raus, spüre ich bereits die beruhigende Wirkung der Hauptstadt. Ich bin voller positiver Vorurteile über die Berner: Sie sind gemütlich, freundlich, ja richtig knuddlig. Für mich sind sie der Inbegriff des Schweizers. Und so empfinde ich den breiten, behäbigen Dialekt rund um mich herum als Seelenbalsam. Ich bin in der Fremde und trotzdem fühle ich mich aufgehoben und daheim.

Der erste Kulturschock

Ich mache mich auf, am Bundeshaus vorbei, hinunter zum Zytglogge, wo ich in der Caffé Bar «Adrianos» (vielseits empfohlen) einen ersten Halt einlege. An der Bar bestelle ich einen «Latte mit zwei Espressi», worauf ich gefragt werde, ob ich mit «Latte» wohl einen «Macchiato» meine. Ich nehme mir meinen Kaffee und will mich draussen unter die Lauben setzen, wos aber keinen freien Tisch mehr hat. Und hier trifft mich der erste Kulturschock: Eine Dame macht mir unaufgefordert an ihrem Tischchen Platz. Eine Fremde! Irgendwie bin ich einen Augenblick überfordert. Zu Fremden an einen Tisch sitzen wirkt auf mich dann schon gar etwas intim. Sowas macht man doch nicht. Ich wage es trotzdem und erfahre mehr über die Stadt.

Das Thema, das zur Zeit die Berner hauptsächlich beschäftigt, ist eine Baustelle an der Marktgasse, die offenbar sämtliches Leben in der Innenstadt lahmlegt. Man ist empört und die Stadt Bern hat nach Beendigung der Bauarbeiten ein grosses Volksfest versprochen, um die Gemüter zu beruhigen. Ja, liebe Zürcher, EINE Baustelle. Nicht über 100, wie diesen Sommer in Zürich. Wenn wir in Zürich für jede nervige Baustelle ein Fest spendiert bekämen, wären wir nur noch am Feiern.

Hipsterdichte gleich Null

Inzwischen ist meine erste Stadtführerin eingetroffen, eine Bernerin, die eigentlich in Zürich lebt. Sie schleppt mich zu einem «In-Place», nur ein paar Schritte weiter (in Bern ist eigentlich das Meiste nur ein paar Schritte weiter), in die «Turnhalle». Und ich verliebe mich gleich in diese zur Bar umgebaute alte Turnhalle mit einigen Tischen draussen auf dem kleinen Platz. Es ist der pure Geist der Neunziger, etwas alternativ (ein Mädchen sitzt barfuss auf einem Tisch und lässt verspielt die Beine baumeln). Ich schaue mich um, und mir fallen sofort die fehlenden Dutts und Hornbrillen auf. Die Hipsterdichte tendiert hier zu Null. Es hat zwar drei Nerds, aber das sind Jazzmusiker vom Konsi gegenüber, und die sahen schon immer nerdig aus. Ich fühl mich wohl. Es ist wie in der Roten Fabrik, einfach mit freundlichem Service und ohne See.

Hier sieht Kunst noch nach etwas aus, das beim Machen Spass bereitet.

Hier sieht Kunst noch nach etwas aus, das beim Machen Spass bereitet.

Weiter gehts, geführt von meiner zweiten Stadtführerin, die mich ins Lorraine-Quartier lotst. Früher sei hier so ein bisschen sozialer Brennpunkt gewesen, viele Ausländer, Studenten-WGs und so. Aber inzwischen könne man kaum mehr die Mieten bezahlen. Seefeldisierung also auch in Bern (obwohls nicht so schlimm wie in Zürich sei, meinen die Kollegen vom hochgeschätzten Hauptstädter). Wir machen Halt im «Kairo», einer kleine Beiz mit Konzertkeller (Konzertkeller sind in Bern ein Muss für jede Bar) und ich bekomme kein Coca Cola, sondern ein «no-brand» Colagetränk mit wenig Zucker. Ich erlebe wieder ein 90er-Deja-vu, nur offenbar gehts hier nicht um anti-imperialistische Konsumgewohnheiten, sondern um die Gesundheit.

Gut durchmischt

Wir gehen ein paar Schritte weiter zur Brasserie Lorraine, genannt «Kuhhof», über deren Eingang in ernsthaften Lettern irgendetwas über «Kämpfe, die wir nicht kämpfen» gesprayt ist. Und ja, es ist auch hier ein wenig wie in der Roten Fabrik, ebenfalls ohne See und dafür mit freundlichem Service. Nächster Stopp ist dann die Serini Garage, eine umgebaute Garage, die mit Sofas und einem offenen Feuer im Hof und einem Töggelikasten im Innern punktet. Es ist sehr gemütlich, und die Bar weckt in mir Heimweh nach dem Xenix vor dem stylischen Umbau. Überhaupt hab ich bisher erfreulich wenig stylische Londoner oder Berliner Konzepte für Bars oder Beizen gesehen. Eins zu null für Bern, muss ich da anmerken.

Was auch sehr entspannend ist: Es ist durchmischt, sowohl alters- wie auch stilmässig. Mir fällt ein Althippie mit langen grauen Haaren, Bart und Hendrix-T-Shirt auf. Drei Generationen sitzen unter bunten Lichterketten zusammen, überall ist etwas gebastelte Kunst zu sehen.

Rotlicht, Singles und eine Beiz für Gölä-Fans

Wir begeben uns zurück in die Innenstadt, und ich erkundige mich nach dem Rotlichtmillieu. Stirnrunzeln bei meiner Führerin, dann führt sie mich an die Aarbergerstrasse. Hier soll es einen schmuddligen Füdliclub geben, habe sie mal gehört. Der Strassenstrich sei eher ausserhalb. Den Club finden wir nicht. Wahrscheinlich hat Bern einfach kein so grosses Rotlichtmillieu nötig, da hier bekanntermassen die schönsten Frauen herkommen (wie das Magazin mal eindrücklich belegte) und die Geschlechter irgendwie viel entspannter miteinander umgehen. Ich lasse mir sagen, dass in Bern die Single-Dichte im Verhältnis zur Bevölkerung die Höchste der Schweiz ist.

Wir schlendern am «Pyri» (Les Pyrenées) vorbei, wo, wie ich mir sagen lasse, die SVP-Wähler ihr Bier trinken. Eine willkommene Abwechsung nach all dem vertrauten Links-Alternativen der letzten Stunden. Und wirklich, die Leute im «Pyri» sehen genau so aus, wie ich mir das durchschnittliche Publikum an einem Gölä-Konzert vorstelle.

Little Züri und «Abigverchauf»

Am «Du Theatre» sehe ich den ersten Türsteher des Abends, die ein paar aufgebretzelte junge Damen in Begleitung von Anzugträgern mit offenen Hemden in die Bar lassen. Ein wenig erinnerts ans Kaufleuten vor zehn Jahren. «Irgendein Zürcher hat den Laden übernommen», klärt mich meine Begleitung auf, «Alle VIP-Anlässe von den Sportclubs werden hier gefeiert». Little Züri also.

Ich beende den Abend da, wo ich ihn begonnen hab, im «Adrianos». Ich staune, wieviel Leute noch unterwegs sind. Meine Begleitung klärt mich auf, dass am Donnerstag Abendverkauf ist und deshalb die ganze Stadt noch unterwegs sei. Abendverkauf! Da werd ich gleich wieder nostalgisch. Für alle, die sich nicht mehr erinnern können: Das war früher der Tag, an dem die Läden länger als bis halb Sieben geöffnet haben durften. Da traf man sich auch gleich für Kino und soziale Interaktion.

Auf dem Heimweg lasse ich den Abend nochmals Revue passieren. Die Langsamkeit der Berner ist heilend für eine gestresste Zürcher Seele. Und die Langsamkeit zeigt sich nicht nur in der Sprache. Offenbar macht der Lebensrhythmus auch etwas auf den Zeitfluss aus: Die Berner leben noch in den 90ern. Sie leben da friedlich, kreativ und entspannt. Und ermöglichen mir so eine kleine Zeitreise in meine Jugend, hier falle ich nicht mal mit meinem Unterlippenbärtchen auf. Ich komme sicher zurück. Schliesslich will ich endlich mal Kuno Lauener in freier Wildbahn sehen.