Beiträge mit dem Schlagwort ‘Basel’

Die Barbaren kommen!

Réda El Arbi am Dienstag den 8. August 2017
Unausprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins umland!

Unaussprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins Umland!

Es gibt in der Menschheitsgeschichte viele Beispiele, in denen eine friedliche Bevölkerung von unzivilisierten Massen überrannt wurde: Die Türken vor Wien, die mongolischen Horden, die Kreuzritter in Jerusalem – und eben die Spasszombies, die jedes Jahr im August über Zürich herfallen. Man kann keinen Widerstand leisten, die Überzahl ist unbezwingbar. Aber man kann fliehen, wenn man sich früh genug vorbereitet. Hier ein paar sichere Horte, an denen Sie diesen Samstag verbingen können:

Die andere Zürcher Stadt

Nur 16 Minuten vor den Toren der Stadt gibts ein Städtchen, das eine eigene, blühende Kulturszene aufweist. Wer Musik mag, die wirklich noch von Menschen an Instrumenten gespielt wird, wird sich an den Musikfestwochen Winterthur wohlfühlen. Je nach Wetter verbringt man den Nachmittag in einem der kleinen Cafes mit dem Lesen eines guten Buchs oder planscht mit den Kids in der Töss, um sich am Abend dann von verschiedenen Konzerten unterhalten zu lassen.

Nordwärts!

Wer dem Niederdorf nachtrauert und wissen will, wie eine lebendige Altstadt aussieht, sollte sich ans Stars in Town in Schaffhausen begeben. Neben verschiedenen Konzerten gibt ein Streetfood-Festival und ein riesiges Nebenprogramm.  Nachmittags kann man sich in Neuhausen am Rheinfall von der Gischt besprühen lassen. Schliesslich war man seit der Schulreise nicht mehr da.

In die Boote!

Wenn wir schon im Norden sind, ist eine kleine Gummibootfahrt auf dem Rhein von Stein am Rhein bis Diessenhofen zu empfehlen. Dazu gibts jede Menge Kultur und Unterhaltung: eine Burg, Wandmalereien aus dem Mittelalter, Pfahlbau-Überreste – und als grossen Joker: Die Minieisenbahn, mit denen man die Kids unterhalten kann. Abends isst man dann Fisch und schaut dem Strassenprogramm des Theaterfestivals nordArt zu.

Zum Feind überlaufen

Für einmal kann man die alte Fehde zwischen Zürich und Basel vergessen und bei den Bäppis um Asyl bitten. Die sind gar nicht so schlimm. Und dieses Wochenende lohnt es sich, Basel einmal zu besuchen: Man kann noch den letzten Tag des Basel Openair miterleben und sich davon überzeugen, dass fremde Kulturen (ja, sogar Basler!) durchaus auch ihren Charme haben.

Gemütlich nehmen

Wer dem Stress der Grossstadt entfliehen will, kann sich nach Bern absetzen. Neben Aareschwimmen und Kaffee in der Altstadt findet man in Bern unter jedem Pflasterstein eine Band. Was in Zürich die Clubs sind, ist in Bern Live-Musik. Von Klassik bis Blues und Rock – in Bern gibts am nächsten Samstag alles.

Ab in die Agglo

Verbringen Sie einen ruhigen, friedlichen Nachmittag am Greifensee und lassen Sie den Abend im Openair Kino in Uster ausklingen. Wir garantieren, dass die Gegend sicher ist, da sich alle ansässigen Barbaren schon früh morgens mit der SBahn in Richtung Stadt aufgemacht haben.

Also, fliehen Sie! Retten Sie sich und ihre Lieben!

Basel ist nicht Zürich

Alex Flach am Montag den 22. Mai 2017
Es lebt! Basler Nachtleben an der Heuwaage, Früher Techno , heute RnB und Hiphop.

Oft Totgesagte leben öfter länger: Basels Nachtleben lebt!

Im Basler Nachtleben drücken sich Champagnerlaune und Katerstimmung im Wechselspiel die Klinke in die Hand. Derzeit – wegen des Closings der Hinterhof Bar an diesem Wochenende – scheint dort die allgemeine Gemütsverfassung gerade wieder auf «düster» zu stehen. Nicht auf «zappenduster» wie vor rund anderthalb Jahren, als die Basler Nightlife-Affinen fürchten mussten in Bälde ihre gesamte Clublandschaft zu verlieren, aber doch genug, um Thom Nagy und Olivier Joliat zu einem ausführlichen Beitrag in der Basler Tageswoche zu animieren, der auch in der Zürcher Community Aufsehen erregt hat.

Das Problem verorten die beiden Autoren in der Einwohnerzahl Basels: «Im Jahr zwei nach dem grossen Clubsterben spielt das Basler Nachtleben auf Weltklasseniveau. In einer Stadt mit 200’000 Einwohnern ist das ein Problem».

Auch Zürich kann bezüglich Grösse nicht mit Metropolen wie Berlin, Paris oder London mithalten und auch hier stehen die Untergangspropheten an den Clubecken und prophezeihen das nahe Ende. Andere verkünden bei jeder Gelegenheit, wie man es besser machen könnte. In Tat und Wahrheit, gibt es nicht viel zu verbessern: Die Politik ist dem Nachtleben wohlgesonnen wie nirgendwo sonst, nicht wenige behaupten Zürich hätte die grösste Clubdichte Europas und selbst in diesem, bis auf den letzten Platz besetzten, Umfeld kann man mit einer Neueröffnung noch reüssieren, wenn man beim Publikum die richtigen Knöpfe zu drücken weiss – die Macher des Klaus Clubs haben das eben erst eindrücklich bewiesen.

Das Zürcher Nachtleben ist immens facettenreich und vom Ultrakommerz-Club bis zum Musik-Club für höchste Ansprüche, wird hier jeder Gusto bedient. Natürlich: Es ist kein Geheimnis, dass ein paar der Club-Eröffnungen der letzten Jahre Rohrkrepierer waren und dass ein, zwei neue Clubs gerade auf dem «besten» Weg sind welche zu werden. Die Schuld für all diese Havarien ist aber meist nicht bei einem rückläufigen Ausgehbedürfnis des Zielpublikums zu suchen, sondern bei den jeweiligen Betreibern: Oft sind sie Hasardeure mit einer erschreckenden Ignoranz gewissen (sprichwörtlich existenziellen) Punkten wie Rahmenbedingungen oder Finanzplanung gegenüber.

Nichtsdestotrotz: Das Zürcher Nachtleben ist im Markt angekommen, ist ein Teil desselben wie alle anderen Wirtschaftsfelder ebenfalls, und nun spielen halt Angebot und Nachfrage. Wer Rückschlüsse von den aktuellen Zuständen in Basel auf Zürich zieht, der vergleicht Leckerli mit Tirggeln und übergeht auch nonchalant die Tatsache, dass Zürich tatsächlich über doppelt so viele Einwohner verfügt wie die Stadt im äussersten Nordwesten des Landes.

Zudem kämpft Basels Nachtleben mit einem weiteren Standortnachteil, den Nagy und Joliat in ihrem Beitrag nicht erwähnen, einem stark eingeschränkten Einzugsgebiet nämlich. Die Zürcher Clubs würden ohne die Gäste aus dem Aargau, aus Schwyz, Luzern und dem Zürcher Norden nicht laufen. Basler Clubs hingegen haben gegen Norden und Westen kein Publikum, weil sich die Deutschen und Franzosen die hiesigen Eintritts- und Getränkepreise nicht leisten können.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof Basel, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Rot ist meine Lieblingsfarbe

Beni Frenkel am Donnerstag den 11. Mai 2017

Teilnehmer eines öffentlichen Vortrags über Farben in der ETH Zürich. (Foto: Beni Frenkel)

Während meiner Schulzeit war ich nie das beliebteste Kind in der Klasse. Als ich zehn Jahre alt wurde, hat mir meine Mutter ein Freundschaftsbuch zum Geburtstag geschenkt. Die Lehrerin hat reingeschrieben und dann ich. Die anderen Seiten blieben leer. Auf die Frage «Was ist deine Lieblingsfarbe habe ich notiert: «Rot». Frau Bachmann, meine Lehrerin: «Violett».

30 Jahre später ist Rot immer noch meine Lieblingsfarbe. Mit Rot verbinde ich a) feurige Ekstase und b) unzähmbare Leidenschaft. Sogar beim Essen achte ich auf die Farbe. So esse ich meine Pommes frites praktisch nie ohne Ketchup.

Wer sich so intensiv mit Farben beschäftigt wie ich, der ist natürlich dankbar, wenn die ETH Zürich einen öffentlichen Vortrag über Farben anbietet. Am Dienstagabend bin ich zum Hönggerberg gefahren. Der Vortrag hiess: «Geschichte(n) zwischen Grün und Blau – von giftigen Tapeten, blutigen Maya-Ritualen und tibetischen Lebermitteln

Soll ich es verraten? Ja, doch. Bevor ich mich in den 69er-Bus setzte, habe ich im Internet nach «Testen Sie kostenlos Ihren IQ» gesucht. Ich habe zwei verschiedene Tests gemacht. Ich weiss, in der Schweiz redet man nicht gern über das Thema Hochintelligenz. Ich will dieses Tabu heute umstossen: Ich habe einen IQ von 104. Das bedeutet: Ich bin überdurchschnittlich intelligent. Ich darf an die ETH.

Übrigens: Auch Albert Einstein war überdurchschnittlich intelligent. Sowie Mozart, Bundesrat Johann Schneider-Ammann und Stephen Hawking.

Ich gebe aber zu: Ein bisschen Angst hatte ich davor, dass einer der 30 Rentner während des Vortrags Amok läuft. Was mache ich dann? Zum Glück stand auf der Tür des Hörsaals, wie man clever reagiert, wenn plötzlich jemand mit der Axt herumrennt. Der erste Schritt: Türe verbarrikadieren, dann die Alarmzentrale anrufen. Der nächste Schritt: nicht sprechen (also nach dem Anruf ). Der letzte Schritt: Polizeianforderungen befolgen. Mit meinem IQ von 104 habe ich sämtliche vier Schritte verstanden. Aber was mache ich, wenn jemand im Hörsaal herumballert? Dann auch die Tür verbarrikadieren?

Gott sei Dank kam es während des Vortrags aber zu keinen Handgreiflichkeiten. Stattdessen erzählte eine Frau über die geschichtlichen Hintergründe von Grün und Blau. Das hört sich jetzt furchtbar langweilig an. Andererseits: Was kann man Spannendes zwischen 18 und 19 Uhr erleben? Für einen Blitzkrieg gegen Polen ist es längst zu spät und für ekstatische Leidenschaft noch ein bisschen zu früh.

Ich habe zum Beispiel gelernt, dass die Menschen aus Basel tatsächlich nicht unbedingt die Klügsten sind. Sie haben es einfach nicht auf die Reihe gebracht, sich auf eine Tramfarbe zu einigen. Bis 1920 waren die Basler Tram hellgrün, bis 1935 Cellini-Grün, ab dann graugrün, dunkelgrün, mitteldunkelgrün, helleres Grün und seit 2017 mittelgrün. Da ist sogar meine Frau unkomplizierter.

Jeden Abend zwingt sie mich, ihr zuzuhören. Welche Stühle passen zum neuen Tisch? Hm, was denkst du? Buche oder Eiche? Oder lieber einen Farbkontrast? Hm? Es muss auch dir gefallen, Schatz.

Ein Zürcher in Basel

Réda El Arbi am Mittwoch den 25. September 2013
Man merkt an manchen Stellen, das Albert Hoffmann in Basel das LSD erfand. Graffiti in der Nähe des Lunique.

Man merkt an manchen Stellen, dass Albert Hoffmann in Basel das LSD erfand. Graffiti gegenüber der Bar Lunique.

Bei unserem Stadtblog-Blick über den Tellerrand zu anderen Städten und Städtchen der Schweiz darf natürlich Basel nicht fehlen. Ja, Sie erwarten jetzt sicher, dass wir als Zürcher über Basel lästern. Aber nein, das ist uns zu billig. Aber lesen Sie selbst.

Das Meiste, was ich über Basel zu wissen glaube, hat mir sicher ein FCZ-Fan erzählt, und gilt so nicht als vertrauenswürdig. Als ich am Bahnhof Basel aussteige, fällt mir als Erstes auf, wie gepflegt die Basler gekleidet sind. Klar, ich bin mitten in der Rushhour eingetroffen, und viele sind sicher auf dem Heimweg von der Arbeit. Trotzdem, irgendwie fehlt ein wenig die abgefuckte Schlampigkeit, die zu jeder Tages- und Nachtzeit in Zürich am HB anzutreffen ist. Sogar die Randständigen rechts neben dem Bahnhofsausgang sind sauber gekämmt und die Bärte schimmern wie nach einer Pflegespülung.

Adrettes Grossbasel

Nun, «adrett» ist der Begriff, der den ersten Eindruck, den ich von diesem Teil Basels bekomme, am Besten umschreibt. Ich werde von einer Baslerin abgeholt, die sich bereit erklärt hat, mich ein wenig durch die Stadt zu führen. Zuerst will ich einen Kaffee. Der erste Kaffee sagt für mich vieles über eine Stadt aus. Ich werde aus dem Bahnhof in einen kleinen Park geführt. «zum ehemaligen «Totehüsli», das jetzt «Zum Kuss» heisst. Beides sehr vielversprechende Namen.

Der Park, die Elisabethenanlage, entpuppt sich als ein aufgewerteter Ort, an dem früher  Penner und Junkies rumgegammelten. Inzwischen sauber aufgeräumt und durch eine recht schöne Cafébar geschmückt. Witzig sind die Liegestühle, die auf eine kleine Wiese und den Weg ausgerichtet sind. Ich bestelle einen «Latte» mit zwei Espressi, worauf nachgefragt wird, ob ich einen Latte Macchiato meine. Das kenn ich ja schon aus Bern. Die Bedienung ist freundlich, aber ein wenig langsam, der Kaffee gut und bezahlbar. Nach Zürcher Verhältnissen. Ich kann sogar mein Handy an der Bar abgeben und aufladen lassen. Sehr freundlich. Und wir gehen weiter.

Atlantis ruiniert

Wir kommen am Atlantis vorbei, dass ich noch aus meiner Jugend zu kennen meinte. Aber vom alten Tis ist nichts mehr übrig. Das Lokal sieht aus, als ob zwei «Miami Vice»-Fans mit zuviel Geld ihren feuchten Traum eines 80er-Jahre-Clubs verwirklicht hätten – und das nicht in «Retro». Pfirsichfarbenes Neon, gemischt mit cremefarbenen Bezügen würgen jedes Geschmacksgefühl ab. Drin sitzen ein paar Expats, die sich in Englisch unterhalten, nebenan einige Leute, die sich im Kaufleuten vor 15 Jahren auch wohl gefühlt hätten. Schnell weiter.

Wir kommen am Restaurant «Brauner Mutz» vorbei, nach Aussagen meiner Basler Quellen, ein Aufenthaltsort des Basler Daigs. Ich werfe einen Blick hinein und finds eigentlich recht gemütlich. Eine alte Beiz mit viel dunkelm Holz auf der einen Seite, eine kleine Bar mit Yuppies auf der anderen. Die älteren Gäste der Beiz könnte man ohne weiteres auch in einer Altersheim-Cafeteria antreffen, wäre da nicht der teure Schmuck und die exquisiten Kleider.

Basler Daig

Ich erkundige mich nach dem Basler Daig (Teig, Knetmasse), der einflussreichen Klique der reichen Basler. Nun niemand wisse irgendwas Genaues, erklärt mir meine Führerin. Es ist nicht wie beim Zürcher «Who is Who», wo jährlich die 200 einflussreichsten Zürcher die 200 einflussreichsten Zürcher nominieren. Wer dazugehöre und wer nicht, habe mit Familienzugehörigkeit zu tun, aber reich sein alleine reiche nicht aus. Nicht alle aus der Familie gehören dann auch dazu (Nein, unser Stadtblogger Sarasin gehört NICHT zum Teig). Es sei so, dass der innere Kreis (Gigi Oeri und Gigi Oeri) schon bekannt sei, aber der Rest sei nicht so einfach zu definieren. Aber es helfe, wenn der Urgrossvater eine Bank oder eine Pharmafirma (was für ein schönes Wort) gegründet habe.

Weiter gehts. Meine Stadtführerin klärt mich auf, dass wir durch die Steinen über die Brücke nach «Chlaibasl», «Glaibasel» oder wie immer man das in korrekter Schreibweise wiedergibt,  gehen. Auf dem Weg seh ich ein Lokal, dass sich «Fumare Non Fumare» nennt und in mir die Sehnsucht nach einer Zigarette weckt. Wir gehen rein und ich stehe in einer Halle voller Nerds, Studenten und wahrscheinlich auch Mitarbeiter der Tageswoche-Redaktion eine Tür weiter. Die Dreitagebärte und die Wollmützen sind ähnlich intensiv gestreut wie in Zürich. Ich gehe durch die sehr schöne Halle runter zum Fumoir. Da wiederum versammeln sich vom Teenager bis zu den drei griechischen Opas alle, sehr gemütlich.

Grossbasel vs «Glaibasel» (oder wie man das schreibt …)

Mir fällt auf, dass die Trams (Drämmli) hier nach der gleichen Logik nummeriert sind, wie in Zürich. nach gar keiner. Es gibt einige Nummern, andere nicht. Wir gehen auf jedenfall weiter über die Brücke ins andere Basel.  Ein Zürcher Freund, der seit Jahren in Basel lebt, hat mir verraten, wie er sich schützt, wenn seine Basler Freunde wieder mal über Zürich lästern. Er macht einfach eine Bemerkung, wie viel besser Kleinbasel als Grossbasel sei, oder umgekehrt. Der Streit, der dann unter den Baslern losgeht, lasse sie sofort Zürich vergessen. Offenbar ist Kleinbasel sowas wie unser Kreis 4, während man Grossbasel mit dem Seefeld gleichsetzen könnte. Jedenfalls soweit ich das verstanden habe.

Die nächtliche Skyline über dem Rhein.

Die nächtliche Skyline über dem Rhein.

Ich werfe einen Blick über die Brücke zurück und sehe die Skyline Basels über dem nächtlichen Rhein. Und ehrlich, das hat schon was. Könnte man sich dran gewöhnen. Wir schlendern weiter am Rhein entlang, vorbei an den «Buvetten», alten Eisencontainer, die zu temporären Beizen umfunktioniert wurden. Ein wenig bedauere ich, dass ich nicht an einem Sommerabend vorbeigekommen bin. Hier scheints recht gemütlich zu sein. Aber das kann ich ja mal wiederholen. Wir gehen ein paar weitere Schritte bis zur Kaserne.

Diese wiederum wirkt mir sehr vertraut. Die Kaserne müsste man sich als grosse Gessneralle vorstellen, ungefähr dieselbe Klientel und auch ein Mix aus Kultur und gemütlicher Lebensfreude. Hierher könnte ich also jede Zürcher Grafikerin ausführen, ohne dass sie irritiert wär. Und so gehts gleich weiter.

Gemütlicher Ausklang

Vorbei am Gatto Nero, einem Café, das man gut auch am Idaplatz hätte ansiedeln können, gehts runter zum Hafen. Ich müsse mir unbedingt die Zwischennutzung des alten Hafens ansehen, haben mir alle Exilbasler ans Herz gelegt. Wir wandern eine Weile, offenbar gehts zu Fuss bis ins Dreiländereck (nächstes Mal nehm ich mein Velo mit), bis wir vor ein paar kleinen Holzhütten stehen, in denen eine kleine Bar eingerichtet ist. Pärchen und kleine Gruppen trinken Bier und blicken über den nächtlichen Rhein. Es kommt etwas Urlaubsstimmung auf. Die Hütten, so lasse ich mit sagen, seien die gleichen Favelas, wie die, welche die Polizei neben der Art Basel brutal und ohne Grund geräumt habe. Naja, für mich sehen sie weniger wie Favelas und mehr wie Marronistände aus, aber ich sag nichts. Ich sitze einfach friedlich da und lasse den Abend ausklingen.

Fazit: Basel ist auf jeden Fall einen weiteren Besuch wert, das kleine Geplänkel zwischen unseren Städten macht es eigentlich nur noch reizvoller. Ich habe noch nicht mal an der Oberfläche gekratzt und doch schon einige Orte und Atmosphären gefunden, an und in denen ich mich wohl, ja fast schon zuhause fühlte. Fussball war weder während der Vorbereitungen noch während des Aufenthaltes ein Thema, was mich beruhigt. Natürlich werde ich Basel während der (überall unterschwellig anwesenden) Fasnacht meiden. Aber eben, jede Stadt hat ihre Bürde zu tragen. Die Basler haben die Fasnacht, wir müssen uns mit der Street Parade auseinandersetzen. Für mich ist das in etwa das Gleiche.

Rechtsnationale an der Street Parade?

Réda El Arbi am Donnerstag den 11. April 2013
Swissness mit schalem Beigeschmack: «Eidgenoss» aus Basel

Swissness mit schalem Beigeschmack: «Eidgenoss» aus Basel

Heute machte folgende Nachricht die Runde: «Eidgenoss», das  freundliche Label mit der (in der rechtsnationalen Szene beliebten) gotischen Schrift, hat eine provisorische Zusage erhalten, mit eigenem Love Mobile an der Street Parade teilzunehmen, die in diesem Jahr das Motto «Dance for Freedom» trägt.

Doch denkt man beim Event- und Kleider-Label «Eidgenoss» nicht zuerst an Freiheit oder  abgespacte Raves und tanzende Nakedeis, sondern eher an Marschmusik, nationales Getümmele und an träfe Burschen mit Glatzen. Doch DJ Roger M., der Mann hinter «Eidgenoss», sieht das ganz anders. Er wehrt sich vehement dagegen, dass sich irgendwelche Rechtsradikalen, Nazis oder Fremdenhasser mit seinen Kleidern schmücken. Er betreibt ja schliesslich nicht nur ein Kleiderlabel, sondern organisiert auch Techno-Partys und legt selbst auf.

Naja, ein Blick in seine Facebook-Likes zerstreut unser Befürchtungen nicht. Folgende Gruppen und Seiten findet er besonders gut:

– Ich bin stolz auf das JA zur Ausschaffungsinitiative,
– Ausschaffungs Initiative – Unsere grosse Chance
– Wir stehen zu unserer Schweiz und sind stolz darauf!
– Alle kriminellen Ausländer müssen ausgeschafft werden!
– *Schwiiz*-mini Heimat, mis Läbe..ich blieb Dir treu!
– Burka? NEIN! Sharia? NEIN! Minarett? NEIN!-Und dazu steh ich!!!

Joel Meier von der Street Parade sieht indes keinen Zusammenhang von «Eidgenoss» und einem rechtsnationalen Umfeld: «Natürlich haben wir die Anmeldungen sorgfältig geprüft. Wir wollen keine politische Propaganda an der Street Parade. Bis jetzt haben wir keine Verbindungen zwischen dem Label «Eidgenoss» und rechtsradikaler Propaganda gefunden.»

Nun gut. Wir könnten den Street Parade-Machern  Ignoranz vorwerfen, aber vielleicht gehts ja auch nur noch ums Geld bei dem Grossanlass. Und vielleicht kriegen wir das Label, das bei uns ein wirklich ungutes Gefühl verursacht, von einer anderen Seite her zu fassen. Denn selbst wenn man von einer möglichen Rechtsaussen-Verbindung von Roger M. absieht, zeigen sich da Unvereinbarkeiten mit dem grössten Zürcher Anlass: Eine weitere Seite, die der Basler M. auf Facebook geliked hat, und die ihm die Teilnahme an der Street Parade ebenfalls erschweren müsste, war folgende: «I HATE ZURICH» In der Stadt wird sich der Basler DJ damit wohl wenig Freunde machen.

Nachtrag: Eben erreichte uns seitens der Street Parade-Organisation die Nachricht, dass «Eidgenoss» sein Love Mobil von der Street Parade zurückgezogen hat – ganze vier Monate vor dem tatsächlichen Start des Umzuges. Nicht schlecht. Ob das was mit unseren Recherchen zu tun hat, wissen wir nicht. Wir gratulieren aber der Marke zum klügsten Schritt ihrer stolzen Firmengeschichte.

Nachtrag II: Wie das Label «Eidgenoss» heute abend auf seiner Homepage bekannt gibt, wollen die Macher das Label umbenennen. Hauptsächlich, weil man es immer mit «politischer Motivation» in Verbindung bringt. (Wir denken, dass es eher die politischen Statements des Machers sind, die es mit politischer Motivation in Verbindung bringt). Hier der Link zur Seite.

Die süssen Vorboten der Lärm-Hölle

Réda El Arbi am Freitag den 25. Januar 2013
Die Dämonen des Lärm bräuchten keine Masken, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Die Dämonen des Lärms bräuchten keine Masken, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Seit Weihnachten stehen sie rum, anfangs unauffällig, inzwischen schon zu grossen Türmen aufgebaut: Fasnachtschüechli im Migros und Coop, die süssen Vorboten der Lärm-Hölle. So gern ich Fasnachstchüechli hab, so sehr fürchte ich mich vor der Fasnacht. Vielleicht ist das ein Stadtzürcher Erbe, da ich nur ganz vereinzelte Zürcher über sechs Jahren kenne, die Fasnacht mögen.

Und es sind nicht die Masken oder das Saufen. Das Vereinsleben wird zwar scheel betrachtet, erklärt aber auch nicht den Widerwillen der Zürcher gegen die Fasnacht. Was wirklich Schmerzen bereitet, ist der Lärm. Ab Fasnachtsbeginn terrorisieren Guggen die Menschen mit unaufgeforderter und immens lautstarker Fröhlichkeit. Ein einzelner Strassenmusiker ist in Ordnung, ja sogar wünschenswert, selbst wenn er ein Blasinstrument spielt (am Liebsten Saxophon). Aber Horden von mehr oder minder begabten Tröten, brutal unterstützt von Trommelterroristen, wecken nur Aggressionen. Und die ersten vermummten Lärmterroristen sind bereits in der Stadt aufgetaucht.

Da ist zum Einen die Lautstärke, zum anderen die Tonhöhe, die immer genau um einen Viertelton danebenliegt. Man biegt um eine Ecke und wird plötzlich orkanartig in eine scheppernde Kackophonie aus Brass, Piccolo und Pauken getaucht. Es ist kein Gespräch mehr möglich und man wartet, bis die Truppe weitergeht. Was die natürlich nicht machen, sie bleiben freudestrahlend stehen und wippen im Takt ihrer Teufelsmusik, so dass man selbst die Flucht ergreifen muss.

Und die Auswahl des Lärms ist genauso brutal wie die Lautstärke. Alle Guggen halten sich für ungeheuer modern, wenn sie die Popsongs nachspielen, die man schon das ganze Jahr über im Radio bis zum Erbrechen hören musste. Letztes Jahr hab ich sicher 300 Mal «Nossa, Nossa» in einer blechernen Guggenversion hören müssen, davor war es irgendwann mal «Seven Nation Army» von den White Stripes. Was die Guggen dem wirkich schönen Song «Somebody that i used to know» von Gotye angetan haben, will ich gar nicht wieder in Erinnerung rufen.

Kurz, selbst in Zürich, wo es Beizen gibt, die ab Ende Januar «Guggen verboten»-Schilder raushängen, sind es noch immer zuviel. Am Schlimmsten ist es in der Halle am Hauptbahnhof, wo jede Guggenmusik, die durchreist, noch ein kleines Ständchen bringen will. In einer Stadt, in der ein paar Raucher vor einer Beiz bereits eine Lärmklage auslösen, kann es doch nicht sein, das Blechtöne und Trommelfeuer ungestraft die Gehörgänge verletzen!

Liebe Guggen, geht doch nach Basel oder Luzern. Da liebt man euch! Da werdet ihr verköstigt und bewirtet. Und wir besuchen euch da und hören euch zu. Versprochen!