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Der Lüstling 2. Teil

Réda El Arbi am Samstag den 15. Juli 2017
Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

«Männer sind Schweine», musste ich mir nach dem letzten Post über den Badi-Besuch als Mann vorhalten lassen. Männer würden glotzen, sabbern und sich unangemessen benehmen, wenn sie Frauen in Bikinis sähen. Ich ging daraufhin tief in mich und erinnerte mich, wie der erste Badi-Besuch der Saison war, als ich noch nicht verheiratet und noch stärker hormongesteuert war. Hier ein Gedächtnisprotokoll:

Cool die Arme schlenkern. COOL schlenkern, nicht schwingen wie ein Gorilla! Dann bemerkt niemand, dass die Beine noch viel weisser sind. Ich hätte trainieren sollen. In diesen weiten Shorts sehen meine Beine aus wie Storchenstelzen. Himmel! NICHT auf die eigenen Beine starren. Cool schlendern, den Blick selbstsicher auf den Horizont gerichtet.

Hm, wo setz ich mich hin? Shit, ich hätte nicht das Snoopy-Badetuch mitnehmen sollen. Daniela meinte, es sei «süss». Um Himmels willen! Wie konnte ich nur? Ich will nicht «süss» rüberkommen. Männlich, ja. Stark. Suverän (oder wie das heisst).

Da ist noch Platz. Und da drüben sitzen drei Frauen in meinem Alter. Ha! Beute! Chrchrchr. Nah genug, um zu flirten, und weit genug weg, dass sie mein Badetuch nicht wirklich sehen können. So.

T-Shirt ausziehen. Ou, keine hat geschaut. Hm. Ich kann ja noch etwas posen, so als würde ich nachdenken. Ernst in die Weite blicken, als hätte ich gerade schwere, wichtige Gedanken.

Buch auspacken. Kafka. Da können alle gleich sehen, dass ich auf innere Werte stehe. Intellekt ist sexy! Hm, die sitzen zu weit weg, um den Buchtitel lesen zu können. Ich hätte Sartre mitnehmen sollen. Da erkennt man den Umschlag schon aus 50 Metern.

Erst mal Kaffee und Aschenbecher holen. Der Weg zum Kiosk ist ein Laufsteg und ich bin der Grösste. Hm, die beiden Typen da links sind grösser. Und stärker gebräunt. Und haben mehr Muskeln. Sch****, die sehen einfach besser aus und wirken entspannter. Keine Chance. Ahhh. Sie küssen sich. Gut. Keine Konkurrenz.

Nehm ich jetzt einen leckeren Latte oder wirkt das zu feminin? Seufz. Dann halt einen doppelten Espresso, schwarz, ohne Zucker. Wäk. Aber DAS ist männlich. Glaub ich.

Ui, da hat sich jemand in meine Nähe gesetzt. Eine Frau. Eine FRAU! Jesses Gott. Wie setz ich mich elegant hin mit heissem Kafi und dem Aschenbecher in den Händen? Tief durchatmen. TIEF durchatmen.

Hm, die ist hübsch. Sehr hübsch sogar. Nicht hinstarren. Sonst denkt sie, du hättest es nötig oder seist so ein Lüstling. Aber sie ist hübsch. Süsse Nackenlinie mit diesen kleinen, gekringelten Löckchen hinter dem Ohr. Sie schaut! Nicht auf ihren Hals starren! Nain! Auch nicht auf ihre Brüste. In den Himmel, in den Himmel!

Ich war glaubs kurz bewusstlos. Sie hat mir in die Augen geschaut und gelächelt. Und der elektrische Schlag, den das in meinem Gehirn ausgelöst hat, liess mein Gesicht sicher so geistreich wirken wie nach einem Gehirnaneurisma. Aber sie ist immer noch da. Immerhin. Und sie lächelt in meine Richtung.

Sie flirtet mit mir. Oh Gott, was mach ich jetzt? OhGottOhGottOhGott! Zigarette. Sofort. Jetzt zurücklächeln. Sie schaut nicht weg! Sie räkelt sich.

Hallo Erektion. Wo warst du vor drei Wochen, als ich dich da nach dieser Party so dringend benötigt hätte? Jetzt will dich niemand hier. Ehrlich. Geh weg. Schnellstens auf den Bauch legen. Zum Glück hab ich mich gegen die engen Speedo entschieden.

Sie steht auf und kommt in meiner Richtung. Ich muss meine Panik niederringen. Tief atmen.

«Hast du Feuer?»

Sie steht da, als Schattenriss gegen den hellen Himmel. Ich kann ihr kaum ins Gesicht sehen, da ich mich aus blutverteilungstechnischen Gründen nicht auf den Rücken legen kann.

«Klar. Schön, dass du rauchst …»

Himmel, gehts noch? ‘Schön, dass du rauchst’? Hab ich nichts Debileres gefunden?

«Was?»

«Öh, ich dachte nur, dass kaum jemand mehr raucht. Man unterstellt Rauchern immer gleich Todessehnsucht. Haha. Nein, ich bin nicht suizidal, nur weil ich eine Zigarette rauche. Haha. Du bist sicher auch nicht suizidal. Haha. Nicht dass ich sagen wollte, du würdest irgendwie suizidal wirken. Haha.»

«Äh. Danke. Tschüss.»

Wär ich im Ehrenkodex der Samurai erzogen, ich würde mich jetzt ohne ein Zögern ins Schwert stürzen. Wenigstens ist die Erektion weg, da meine Schamesröte alles Blut im Gesicht benötigt.

Sie sitzt wieder an ihrem Platz, meidet meinen Blick und räkelt sich auch nicht mehr. Ich muss jetzt stark sein. Ich darf jetzt nicht weinen. Meine Flirt-Künste sind erbärmlich. Ich bin erbärmlich.

Hätte ich die richtigen Worte gefunden, würden wir jetzt beisammensitzen und locker plaudern. Ich würde mit meinem Wissen brillieren. Sie würde mich bewundern. Ich würde sie zum Lachen bringen. Und vielleicht würde sie mich irgendwann küssen. Und dann wären wir glücklich. Und wir würden irgendwann heiraten. Und wir hätten ein kleines Häuschen und Freunde. Viele Freunde.

So bleibt mir nur, die spärlichen Reste meiner Selbstachtung und mein Snoopy-Tuch zu packen, auf dem Weg nach Hause am Kiosk noch ein Heft mit Sylvia Saint zu kaufen und daheim die Rolläden zu schliessen, um mich dann meiner Depression hinzugeben.

Ja, liebe Leser. So war das damals. So fühlt es sich an, als Single-Mann allein in die Badi zu gehen.

Der Lüstling

Réda El Arbi am Dienstag den 27. Juni 2017
Man ist der Übermacht hilflos ausgeliefert.

Man ist der Übermacht hilflos ausgeliefert.

Es ist die Hölle, wochentags als Mann alleine in die Badi zu gehen, wie ich letzte Woche wieder mal  herausfinden musste. Man findet zwar Platz, vorallem wenn man als Frühaufsteher wie ich schon bei Türöffnung seinen Platz sucht. Dann ist der Spass aber auch schon vorbei.

Als alleinbadender Mann macht man sich verdächtig. Das Personal schaut schief, fragt sich «Ist der arbeitslos?» und zählt beim Kassieren des Kaffees das Münz besonders genau. Offenbar gibts immer noch nicht genug Männer, die Teilzeit arbeiten oder sich ihre Zeit selbst einteilen. Ein männlicher Badegast ohne Begleitung ist noch immer anrüchig, wenn er nicht klar als Student erkennbar ist.

Mit dem Kaffee wieder bei meinem Platz beginnt dann die wahre Tortur. Inzwischen haben sich Mütter und alleinbadende Frauen rund um mein Tüchli verteilt. Ich schlürfe Kaffee und blicke geistesabwesend in die Weite. Die mittelalte Dame, die in Blickrichtung sitzt, verzieht den Mund angewidert, bedeckt ihre Blösse mit einem Batik-Dings und dreht mir den Rücken zu. Botschaft klar: «Du glotzender Lüstling.»

Als ich den Blick abwende und in eine andere Richtung schaue, sind da zwei Mütter, die sich angeregt unterhalten. Bis sie mich (beziehungsweise meinen Blick) bemerken, um dann die Köpfe – mit Seitenblick auf mich – näher zusammenzustecken und abzulästern.

Ich stecke meinen Kopf in mein Buch und versuche, nicht in irgendwelche Richtungen zu schauen. Man(n) will ja kein falsches Bild abgeben. Vergeblich. Die Badi ist inzwischen voller Frauen, alleine, zu zweit, zu dritt. Mit und ohne Kinder. Ich bin der einzige Mann. Egal wohin ich blicke, ich seh Frauen in Bikinis. Nicht, weil ich das will, sondern, weil das in Badis nun mal so ist. Und auch wenn mich Bikinis gerade nicht interessieren, fühlen sich die Damen beglotzt.

Gehe ich ins Wasser, denken die Damen, die vor mir ins Nass steigen, ich folge ihnen. Verlasse ich das Wasser, halten die, die Richtung Ufer unterwegs sind, mich für einen Stalker.

Sie verhalten sich, als sei ich eine Art Fuchs im Hühnerstall. Ich bin der gefährliche Fremdkörper. Ich trage die Erbschuld aller Penisträger der letzten tausend Generationen. Nicht mal mein Ehering schützt mich. Die Blicke sagen: «Und verheiratet ist das Schwein auch noch. Wenn das seine Frau wüsste …»

Es gibt natürlich auch eine Minderheit unter den Damen, die sich nicht gestört, sondern herausgefordert fühlt. Man(n) wird gemustert, taxiert und angeflirtet. Reagiert man nicht drauf, ist man(n) ein arroganter Bastard. Antwortet man höflich mit einem freundlichen Lächeln, nicken zweihundert umliegende Frauen befriedigt mit dem Kopf: «Wir habens doch gewusst! Der Sau!»

Nach eineinhalb Stunden ins Buch starren und in den Himmel schauen (ist unverfänglich), zünde ich mir eine Zigarette an. Was natürlich die Dame neben mir zu demonstrativem Husten mit Blick auf ihren Nachwuchs veranlasst. Nicht zu erwähnen, dass ich zuerst hier war und kein Rauchverbot herrscht. Aber ich bin ja ein umgänglicher Zeitgenosse und stehe auf, um mit meiner Zigarette einen kleinen Spaziergang zu machen. Was mit dem Blick in den Himmel gerichtet gar nicht so einfach ist.

Auf meinem Rundgang lande ich in der Nähe des Kinderbeckens. Grosser Fehler. GROSSER FEHLER. Ein alleinstehender Mann beim Kinderbecken ist sowas wie die Bombendrohung der Badeanstalten. Überall scheinen lautlose Alarme loszugehen und die Mütter schieben sich zwischen ihren Nachwuchs und die drohende Gefahr. Ein Mann beim Kinderbecken muss ein pädophiler Perverser sein. Wenn ich mich jetzt auch noch über die ausgelassene Schar von Kids sichtbar gefreut hätte. würden sie mich wohl am Sprungturm aufhängen. Als Warnung für alle anderen Männer, die es wagen, beim Kinderbecken herumzustehen.

Nach zwei Stunden gebe ich auf. Ich suche meine Sachen zusammen und gehe Richtung Ausgang. Hinter mir kehrt Ruhe ein im Matriarchat.

Badis sind wochentags eine NoGo-Area für alleinbadende Männer. Vielleicht sollte ich das nächste Mal mit einem Freund kommen. Dann denken die Damen, wir wären schwule Künstler, die es sich leisten können, tagsüber zwischen den Frauen abzuhängen.

Endlich fertig Sommer!

Réda El Arbi am Montag den 5. September 2016
Fertig lustig. Jetzt gilts wieder ernst.

Fertig lustig. Jetzt gilts wieder ernst.

Gestern ging der Sommer zu Ende. Endlich. Bemerkt hab ich es gestern früh im Tram. Alles fühlte sich so besonders an, so frei, so hygienisch. Es dauerte einen Augenblick, bis ich drauf kam, dass es an der Geruchskulisse lag. Keine grusig verschwitzten Leute links und rechts. Keine Jugendlichen, die ihr grusig Verschwitztsein mit Tonnen von kampfstofffähigen Deowolken überdecken wollen. Keine älteren Herren, die denken, Rasierwasser im Gesicht sei proportional zu den Schweissflecken unter den Achseln anzuwenden.

Man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Nur trockene, ruhige Passagiere, die bereits mit ihren Gedanken beim Arbeiten sind, anstatt sich zu überlegen, wie sie möglichst früh aus dem Büro abhauen könnten, um sich als Statisten für dieses sommerliche Baccardi-Feeling zwischen die arbeitsscheuen Studenten in eine Badi zu drapieren. Niemand hält sich heimlich für einen Surferboy oder eine Strandqueen, die zur Arbeit versklavt wurden. Jeder wird sich seiner Verantwortung für Unternehmen und Gesellschaft wieder bewusst.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Ich hasse den Sommer nicht, wirklich. Auch dann nicht, wenn sich in der Schlange am Badikiosk ein dicker, haariger, verschwitzter Bauch an meinem Rücken reibt. Ich denke nur, die Lebensqualität in der Schweiz nimmt mit jedem Sommertag über 24 Grad Celsius ab. Die Leute können mit dem eingedickten Blut im Gehirn nicht mehr denken. Die Arbeitsmoral sinkt. Ab dem 1. September kann man wieder davon ausgehen, dass die Mails innerhalb von 24 Stunden beantwortet werden, und man kann den darin formulierten Inhalt auch wieder einem Menschen und nicht einem Schimpansen zuordnen.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Die Menschen sind wieder anständig gekleidet und ihr Denken nicht von ihren Trieben beherrscht. Es käme zum Beispiel niemand auf die hirnlose Idee, im tiefsten Winter, wenn alle bis zu den Augen in Wollschals gepackt sind, ein Burkaverbot zu diskutieren – wegen der kulturellen Werte. Im Sommer hingegen werden Frauen, die nicht in kurzen Sommerkleidchen unterwegs sind, als kulturfremd empfunden.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Und jetzt im Herbst ersetzt emotionale Tiefe den oberflächlichen, optischen Hormonrausch zwischen den Geschlechtern. Man stellt sich vor, wie man mit jemandem einen Abend zu zweit mit einer Tasse Tee oder einem Glas Rotwein verbringen kann, ohne sich zu langweilen, und wird nicht von Bikinis und Sixpacks von den bleibenden Werten eines möglichen Partners abgelenkt.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Man bekommt auch wieder etwas Anständiges zu essen: Fertig Alibi-Salate, Grillklumpen und Fleischersatzwürste für vegane Vegetarier. Pasta mit raffinierten Saucen, liebevoll hergerichtete Wildgerichte, frisches Herbstobst, Trauben ersetzen halb verkohlte Tierleichen vom Balkon. Speck, Butter, Rahm und Kohlenhydrate ersetzen den Diätwahn der halbnackten Jahreszeit.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Natürlich brauchts den Sommer, sonst würden wir die anderen Jahreszeiten gar nicht zu schätzen wissen.

Aber man ist auch immer wieder froh, wenn die Sonne ihre krebserregenden Strahlen etwas zurücknimmt und die Gehirne wieder in den dafür vorgesehenen Parametern funktionieren.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

PS: Bitte postet eure liebsten Herbstsongs in den Kommentaren, damit wir gemeinsam eine hübsche kleine Playlist für die nächsten Wochen zusammenstellen können.

Die Hausfrauen-Hölle

Réda El Arbi am Montag den 18. Juli 2016
Ein Hort der Finsternis: Mamis in Badis

Ein Hort der Finsternis: Mamis in Badis

Eigentlich finden ja die grossen Sexismus-Debatten immer über Männer statt. Aber vielleicht sollte man einfach mal einen Nachmittag in einem beliebigen Zürcher Freibad verbringen, um sich einer anderen, tiefgreifend sexistischen Struktur in unserer Gesellschaft bewusst zu werden. Für mich waren die letzten Tage ein Blick in einen Abgrund.

«Die hat recht zugenommen seit der Schwangerschaft. Früher haben ihr alle hinterhergeguckt», ist einer der Sätze, die vor ein paar Tagen am Nachbartisch zwischen zwei Müttern bei der Begutachtung einer etwas abseits stehenden anderen Mutter fielen. Ein anderer Satz über eine andere Mutter von anderen Müttern: «Die machts sichs leicht. Die gibt ihre Kinder jeden Tag in die Krippe, obwohl sie nur sechzig Prozent arbeitet.»

Dazu kommt natürlich das Augenverdrehen, wenn eine Mutter sich nicht Meute-konform verhält. Bisher bin ich immer mit dem Vorurteil durch die Welt, dass Frauen grundsätzlich sozialer sind. Vielleicht, weil ich mich bisher mehr oder weniger von den Hausfrauen-Höllen in ganz bestimmten Teilen der Freibäder  ferngehalten habe.

Nur, was ich an bitterer Abwertung von Frauen gegenüber anderen Frauen die letzten Tage gesehen und gehört hab, erschreckt mich. Natürlich sind nicht alle so. Es gibt auch verständnisvolles Lächeln, wenn  ein Mami mal mit ihrem laut täubelnden Kind an die nervliche Belastungsgrenze kommt. Aber das sind immer einzelne Mütter, die sich mit anderen einzelnen Müttern solidarisieren.

In Gruppen scheint die Hauptaufgabe von Müttern die Be- und Verurteilung anderer Frauen zu sein. Es scheint einen unausgesprochenen Kodex für ideales Muttersein zu geben. Und natürlich erfüllt ihn keine der Mütter, die gerade nicht zur Gruppe gehören. Und es trifft nicht nur andere Mütter. Es trifft auch Frauen ohne Kinder, Singles und junge Mädchen. «Die kann sich halt nicht festlegen. Wenn die mal Kinder hat, reicht die Zeit auch nicht mehr fürs Fitness.» Oder: «Die geniesst ihr Leben aber in vollen Zügen» – in einem Ton, der bitter andeutet, dass die junge Dame zu viel Spass an Männern hat, sich gefälligst schwängern lassen und ihren Dienst an der Gemeinschaft antreten soll.

Des weiteren wird über die Männer der anderen Frauen gesprochen: «Sie ist wieder alleine. Ihr Typ hat sie verlassen, ohne ein Wort. Aber (in wissendem Ton) wir wissen ja nicht, was sich da abgespielt hat.»

Die Häufung solcher Dialoge in letzter Zeit hat mich unvorbereitet getroffen und wirklich deprimiert. Mein durchaus positives Frauenbild beginnt zu wackeln. Jede andere Frau wird gemustert, taxiert, kommentiert. Und nicht mit liebevollem Spott, sondern oft in unterschwelliger, giftiger Bösartigkeit.

Nun könnte man das unter «Stutenbissigkeit» abhaken, wenn da nicht die andere Seite wäre: Natürlich gibts inzwischen auch jede Menge Männer, die mit Nachwuchs in der Badi rumhängen. Und wenn einer von denen so mit seinem Handy beschäftigt ist, dass er nicht bemerkt, wenn er seinen Zweijährigen  in der Sonne rösten lässt, kommen die Harpyien freundlich und tragen den Kleinen in den Schatten.

Männer, die ohne kleinen oder grossen Anhang in der Badi rumhängen, sind sowieso Hähne in Körben. Selten kriege ich so viele flirtende Blicke wie in der Hausfrauenecke. Natürlich nur, bis ich meinen Ehering  aufblitzen lasse wie der Bösewicht seinen Goldzahn im Hollywoodfilm.

Also, in Gruppen beurteilen Frauen andere Frauen nur unter dem Aspekt ihrer Attraktivität oder ihrer Mutterschaftsskills. Männer hingegen sind grundsätzlich in Ordnung.

Bitte, liebe Frauen und Mütter, bestätigt mir, dass dies nur eine zufällige Häufung solcher Dialoge in meiner Wahrnehmung war. Dass ihr nicht jedesmal zu giftspritzenden Schlangen werdet, wenn ihr in Gruppen unter euch seid.

Ihr seid nicht alle böse, oder?

Gezeichnet fürs Leben

Réda El Arbi am Mittwoch den 12. August 2015
Irgendwo hat das jeder schon mal gesehen. ZUm Beispiel bei Rihanna.

Irgendwo hat das jeder schon mal gesehen. Zum Beispiel bei Rihanna.

Es ist Sommer, die Menschen leicht bekleidet und man sieht wieder mehr Haut. Und so natürlich auch mehr Tattoos.  Fast jeder unter 63 trägt Tinte unter der Haut, also sollte die Vielfalt dieses Körperschmucks eigentlich unendlich sein. Ist sie aber nicht. Die Tätowierungen in den Badis unterliegen denselben Modeströmungen wie man sie in Fashionmagazinen findet.

«Ich will mit meinem Tattoo meine Persönlichkeit unterstreichen», ist eine der häufigsten Aussagen zu Tätowierungen. Erstaunlich ist, dass man dazu Motive aus dem Internet herunterlädt, oder grad beim Tätowierer aus dem Katalog wählt.

Versteht mich nicht falsch! Ich bin selbst tätowiert, auch ich hab «meine Persönlichkeit» unterstreichen wollen, bevor ich überhaupt wusste, was meine Persönlichkeit auszeichnet. Aber ich habe mir individuelle Motive ausgewählt, keine Sternchen oder Schmetterlinge oder sonstwas aus dem Katalog oder der Modestrecke im «Friday».

Eine Tätowierung ist kein Modestatement, wie viele Mütter in ihren 40ern mit einem Arschgeweih bestätigen können. Obwohl die meist noch individuell waren, einfach alle am selben Platz. Doch war ein Arschgeweih in den 90ern immerhin noch eine krasse Aussage, während die massentauglichen, kleinen Mainstreamtattoos eigentlich nicht aussagekräftiger sind als Modeschmuck aus dem «Claires». Wenn also diese massenweise auftretenden Tätowierungen die Persönlichkeiten unterstreichen, dann teilen sich sehr viele Menschen ein und dieselbe Persönlichkeit. Da bleibt für den Einzelnen dann nicht mehr so viel.

Die eigene Individualität mit einem Symbol zu unterstreichen, das man wie ein T-Shirt von der Stange kauft, funktioniert irgendwie nicht. Genauso wenig, wie wenn man mit 20 eine Persönlichkeit unterstreichen will, die sich erst am Beginn ihrer Entwicklung befindet. Natürlich haben solche Tattoos irgendwann dann auch einen pädagogischen Wert. Spätestens wenn 20 Jahre später im Sommer jeder genau weiss, in welchem Jahr man seine wilde Zeit hatte. Man muss dann zu seinen Jugendsünden stehen. Und mit einer Mainstream-Clubnight-Tätowierung Jahrgang 2014/2015 bleibt einem auch gar nichts anderes übrig.

Deshalb hab ich auch Respekt vor den Frauen, die heute stolz in der Badi ihr Arschgeweih tragen, und es alle fünf Jahre nachstechen lassen, anstatt sie verschämt unter T-Shirt und hochgezogenen Badehosen zu verstecken.

Wenn ihr dazu in ein paar Jahren nicht bereit seid, überlegt euch ein wirklich persönliches Motiv. Oder kauft am Freitagabend für den Clubbesuch besser einen Kaugummi mit Gratistätowierung. Abwaschbar.

T*****, Tattoos & Tragödien

Réda El Arbi am Mittwoch den 11. Juni 2014
Was Jersey Shore kann, können wir schon lange: Titten, Tattoos & Tragödien am Wasser.

Was Jersey Shore kann, können wir schon lange: Titten, Tattoos & Tragödien am Wasser.

Eigentlich hab ich mir geschworen, nie mehr über die Badi am Oberen Lettensteg zu schreiben. Aber man soll ja nie nie sagen.

Und diesmal will ich nicht über diese Badi herziehen. Sozusagen. Der obere Letten hat nämlich eine neue Qualität entwickelt, die mich immer wieder da hinzieht. Die meisten Leute, die ich kenne, würden lieber nackt in den Bahnhofsbrunnen springen, als sich im Oberen Letten erwischen zu lassen. Das ist elitär. Ich hingegen mische mich jetzt regelmässig da unters Volk.

Kennen Sie Jersey Shore, oder eines dieser Privatfernseh-Formate wie «Köln 50667»,  «Berlin Tag & Nacht» oder X-Diaries? In  denen sehr einfache, junge, tätowierte Menschen in ihren WGs bei ihrem Paarungsverhalten beobachtet werden? Drama, Muskeln, Wodka, schlechte Musik und Titten? Ja, ich weiss, das ist Scripted Reality. Da muss sich noch irgendwer hinsetzen und sich das ausdenken. Aber ein Nachmittag am Letten würde reichen, um den Pilotfilm und vier Folgen für «Letten 8005» zu schreiben. Und natürlich sitzt man so eng, dass man alles mithören kann. Ich steck mir zur Tarnung meist die Kopfhörer rein, einfach ohne Musik.

Kostprobe gefällig?

Sie heult seit einer Stunde, während ihre Freunde ihr Wodka einflössen.

Sie: «Er so: Ich bin treu. Und ich so: Glaub ich dir. Und dann macht er mit dieser Schlampe rum, dabei sind wir erst eine Woche zusammen. Und sie so: Ey, ich bin seine Freundin, dich hat er nur so gef****.»

Alle rundherum nicken verständnisvoll mit dem Kopf, flössen ihr weiter Wodka ein und hoffen wohl, sie werde bald bewusstlos, damit sie sich wieder der Partyplanung hingeben können. Aber nein, sie wird lauter und schwört (Ich schwör!), dass sie dieser Schlampe eine reinhauen will.

Ein Typ kommt, Muskeln, Muskel-Shirt, Muskel-Tattoos und wirkt ganz betreten. Er versucht die junge Frau zu trösten und sagt: «Komm Baby, ach komm, Baby.» Und jedes Mal, wenn er sie an der Schulter berührt, kreischt sie und dreht sich einen Schritt weg.

Wer sich jetzt denkt, ich hab mir das ausgedacht, liegt leider falsch. Das ist vielleicht das dramatischste Gespräch, dass ich mitverfolgen durfte, aber sicher nicht das dümmste. Da gabs Gespräche darüber, wie frau einen Mann an sich fesselt (du musst ihm im Bett was bieten, das er nicht so leicht woanders bekommt), Karriere-Tipps (Ich mach mit einem Freund ein Soundsystem, du kannst als DJane mitmachen, das wird geil) und auch Tiefsinniges (Ich will was Sinnvolles machen in meinem Leben. Sowas mit Natur und Tieren, aber nicht so wie die Grünen). Meist jedoch gehts darum, wer letztes Wochenende mit wem was gemacht hat. Es ist beeindruckend.

Diese Gespräche haben auf mich dieselbe Wirkung wie RTL II. Ich zappe rein und bin fasziniert, auch wenns mir kalt den Rücken runterläuft und ich mich fremdschäme. Natürlich machens die knackigen Hintern (männlich und weiblich), die fantasievollen Tattoos (Sternchen oder Sternchen oder Sternchen mit Schmetterlingen oder Blumen) und die allem innewohnende Dramatik schwer, nicht süchtig zu werden.

Ich werde im Sommer also weiterhin immer mal wieder in den Oberen Letten gehen – um mich besser zu fühlen und mein Ego aufzubauen und natürlich, um meine eigenen Dramen in der Reality-Show «Letten 8005» zu vergessen.

Endlich wieder trüb und grau!

Stadtblog-Redaktion am Mittwoch den 9. Oktober 2013
Keine Blätter, die die Sicht aufs Wesentliche versperren. Herbst.

Keine Blätter, die die Sicht aufs Wesentliche versperren. Herbst.

Der Sommer ist kaum vorüber und die Zürcher jammern bereits wieder über den Hochnebel, das Wetter und den ganzen Rest. Dabei ist der Herbst mit seinem Nebel und der angenehm nasskalten Witterung wie eine Offenbarung: Es tummeln sich keine Menschenmassen im Freien, im Tram schwitzen die Leute nicht mehr aufdringlich (oder versuchen den Schweiss mit Umnengen billigem Deo zu vertreiben), die Grossanlässe sind endlich vorbei und man wird nicht mehr zu entfernten Bekannten auf die Dachterrasse genötigt, um billige Würste zu grillieren – kurz, der Herbst ist eine Wohltat. Wir vom Stadtblog haben einige Dinge herausgesucht, die den Herbst in Zürich zur besten Jahreszeit machen:

Wärme tanken
Erinnern Sie sich noch? Vor ein paar Wochen pilgerten noch Alle wie Lemminge in die Badis, um dort mittels Sonne und Hautkrebs langsam gemeinsam über die Klinge zu springen. Und für Sie hatte es natürlich keinen Platz mehr. Jetzt können Sie Wärme und Wasser ohne schädliche UV-Strahlung und fern jeglicher gebräunter Massen geniessen: Gehen Sie ins Stadtbad oder in die Sauna in der Badi Enge und tun sie etwas für Ihre Seele.

Winterspeck anfressen
Die Diätzeit ist endlich vorbei. Die Damen dürfen mit dem Kalorienzählen aufhören und müssen sich nicht mehr um eine Bikinifigur kümmern, die Männer können endlich ausatmen und müssen den Bauch nicht mehr einziehen. Die Zeit, in der man sich Takeaway etwas mitehmen musste, um mit Kollegen irgendwo in der Wildnis (Park, Seeufer, am Fluss) an der Sonne essen musste, ist vorbei. Jetzt kann man sich gemütlich in eine Beiz setzen und Wild oder Metzgete essen.
Aber nicht nur das: nichts zwingt Sie mehr, Ihre Abende in Gartenbeizen zu verbringen: Sie können Kürbisse direkt bei der Stadt kaufen und ihrer/m Liebsten eine Suppe zum Znacht köcheln. Rezepte finden Sie hier (mit Salbei) und hier (klassisch).

Trinken
Fertig mit den Drinks, die von wässrigen Gurken oder Crushed Ice verdünnt werden. Es ist Zeit für Heissgetränke! Gönnen Sie sich eine heisse Schoggi zuhause, kuscheln Sie sich auf dem Sofa ein und nippen Sie in der frühen Dämmerung an einer Tasse mit heisser Milch und einem Schoggitaucherli. Oder Sie bereiten sich einen Tee zu, langsam, wie in diesen japanischen Filmen. Das passende Gerät und die Kräuter kriegen Sie im LaCucina oder direkt hier.
S
ie sind noch nicht bereit für heisse Gemütlichkeit? Kein Problem, die Natur hat vorgesorgt! Herbst ist die Zeit, in der man Süssmost und Sauser trinkt. Frisch und aus städtischem Anbau bekommt man auf dem Hof von Herr Meyer an der Grenze zu Schlieren am Pestalozziweg Süssmost, für 1.40 Franken den Liter, frisch ab Automat.  Lecker! (Und beschleunigt die Verdauung.)

Geld ausgeben
Endlich kann man sich wieder mit mehr als zwei Kleidungsstücken vernünftig und modisch kleiden. Keine dünnen Männerwaden mehr, die aus Billabong-Shorts hervorstechen, keine Sommerfähnchen mehr, die mehr zeigen, als dass sie verhüllen. Und da wir natürlich die Freunde zu unterstützen wollen, die ihren Traum wahr gemacht und eine eigene Boutique in den Kreisen 3, 4 oder 5 eröffnet haben, kaufen wir ebendort ein.

Gescheites Zeugs
Auf unbequemen Stühlen draussen vor dem Xenix im Openair Kino sitzen und versuchen etwas vom Film mitzukriegen während die Sitznachbarn mental noch auf Barbetrieb laufen? Sich um die letzten Tickets fürs Orange Cinema am See prügeln? Nein, jetzt kann man wieder INS Kino, sich in weiche, grosse Sessel lümmeln und im Dunkeln mit der Begleitung knutschen. Oder jede Menge Kultfilme schauen. Oder wenn wir schon dabei sind: wollten sich nicht auch noch die Ausstellung von Martin Parr im Museum für Gestaltung ansehen? Nichts wie los.

Sich zu Hause einsperren
Endlich Schluss mit schlechtem Gewissen, dass einem zuhause beim Faulenzen überkommt, wenn draussen bei Sonenschein die Plätze und Badeanstalten vor lauter Menschen überquellen. Endlich mit gutem Gewissen Stunden im Pyjama vor der Glotze verbringen und Chips essen. Der Gang in die Videothek ist Auslauf genug. Und ja, Läden sind immer besser als ein Online Shops. Unsere Lieblinge in Zürich? Filmriss, Les Videos, Sphinx, Leihfilm.

Musik hören
Fertig mit Openairs voller Schlamm, verbrannten Nasen und unausprechlichen Drogen in fremden Leuten, die einem über die Füsse erbrechen. Die echte Konzert-Saison geht endlich wieder richtig los. Ein paar unserer Live-Highligths in den nächsten Tagen:

– 13.10.: Die Siebzigerrocker von Fleetwood Mac im Hallenstadion.
–  14.10: Der One-Man-Haudegen Bob Log III im El Lokal.
– 17.10.: Die sympathischen Allie im La Catrina.
– 20.10.: Jigga Jay-z im Hallenstadion
– 21.10.: Die warm groovenden Fat Freddy’s Drop im Komplex.
– 23.10.: Die Foals, volkshaus zürich
– 26.10.: Goldfrapp im Kaufleuten
– 27.10.: Mos Def im Stall 6

Und jetzt Sie! Warum genau geniessen sie den Herbst in Zürich? Und welches sind ihre liebsten Orte/Unternehmungen/Gewohnheiten? Diskutieren sie mit!

Werdinsel: Familien, FKK und Toleranz

Réda El Arbi am Sonntag den 28. Juli 2013
Egal welche Religion, welche sexuelle Ausrichtung, welche politischen Einstellungen, welches Einkommen, welchen IQ oder welche Badehose: Vor dem Fluss sind alle Menschen gleich.

Egal welche Religion, welche sexuelle Ausrichtung, welche politischen Einstellungen, welches Einkommen, welcher IQ oder welche Badehose: Vor dem Fluss sind alle Menschen gleich.

In unserer Serie über Zürcher Badis besuchte unser Autor die Badi auf der Flussinsel Werd. Und offenbar hat er dabei sein Lieblingsschwimmbad entdeckt.

Die Betonbrücke über die Limmat, über die man von der Tramhaltestelle  bei der Europabrücke die Werdinsel erreicht, lässt noch nichts Gutes ahnen. Offenbar durfte sich da in den Achzigern einer dieser Stadtplaner/Architekten/Künstler austoben. Hat man dann aber dieses hässliche Stück Schaumstein hinter sich gebracht, findet man sich in einem der angenehmsten Flusschwimmbäder der Stadt wieder.

Ich suche mir einen Platz am linken Ufer, wo der Fluss, der die kleine Insel umspült, etwas breiter und flacher fliesst. Auf der anderen Seite springen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die das Kind in sich wiederentdeckten, von der Brücke in den kanalisierten, schnell fliessenden Fluss und lassen sich quietschend von der Strömung treiben.

Ich installiere mich, hole einen der bereitstehenden Aschenbecher und einen Kaffee am Kiosk. Auf dem Rückweg staune ich über die Durchmischung der Badegäste. Auf der Südseite meines Badetuchs turtelt eine Gruppe Gymischüler unbeholfen, während nebenan eine islamische Familie picknickt, deren Töchter in T-Shirt und halblangen Hosen Spass im flachen Wasser haben. Eine Zürcher Kleinfamilie, ich tippe auf Kreis 6, sitzt im Schatten, Papa schaukelt das Baby, während Mama die Sonntagszeitung liest.

Ein paar jugendliche Secondos mit ausgearbeiteten Muskeln schlendern vorbei und versuchen die einige Jahre älteren blonden Back-Officeassistentinnen (schätz ich mal) mit coolen Posen zu beeindrucken. Dazwischen immer wieder Gruppen von Kindern, die herumrennen und spielen. Niemand nervt sich, und der Fussball, der immer mal wieder in einer Gruppe von Sonnenbadenden landet, wird immer freundlich zurückgespielt. Man hilft sich aus, mit Federball, Frisbee und Flaschenöffnern.

Eine junge Frau mit Audrey-Hepburn-Sonnenbrille und iPhone-Kopfhörern unterstreicht mit Leuchtstift Passagen in einem Reklam-Büchlein. Etwas weiter Richtung Kinderbad mit Rutschbahn bereiten einige alte Szeni-Familien einen Znacht aus mitgebrachten Tupperwareschüsseln, einer der Männer mutig in einer Badehose, die wohl aus einem 70er-Jahre-Duschvorhang geschneidert wurde. Daneben zwei Mütter, vielleicht alleinerziehend, die sich bei einer Flasche Bier irgendwelche offenbar lustigen Geschichten erzählen.

Es ist, als ob man aus jeder Zürcher Badi eine Handvoll Besucher genommen und  auf der Insel in entspannter Gemeinsamkeit ausgesetzt hätte. Es ist ein friedliches Nebeneinander, keine Wettbewerbe in Coolness (nur bei Teenagern, und da ist es entschuldbar), kein Gemotze wegen Kindern, niemand steckt sein Terrain ab und bewacht es.  Man hört verschiedene Dialekte, darunter viel Züridütsch, aber auch Portugiesisch, Thai, Serbisch, Kroatisch, Deutsch und Englisch. Cosmopolitischer als alle anderen Bäder, die ich kenne.

Natürlich könnte der Grund für dieses tolerante Zusammensein auch ein paar Meter weiter unten auf der Insel liegen. Da geniessen nämlich die Anhänger der Freiluftgenitalien die Sonne, braten ihre nackten Hintern in der natürlichen UV-Strahlung, sowohl Männer wie Frauen. Dieser Teil der Insel ist ja weithin als Begegnungszone für kopulierbereite Homosexuelle bekannt. Normalerweise ist das für Verfechter von Sitte und Anstand, sowie für prüde Moralisten und Berufs-Engstirnige, nicht unbedingt ein Ort, an dem man seine Freizeit verbringt. Denn in den unteren Teil der Werdinsel gehen und da verbal die Moralkeule zu schwingen, ist in etwa so, wie wenn ein Veganer in einer Metzgerei predigt.

So hat die Werdinsel einen leicht anrüchigen Ruf. Was das bedeutet? In erster Linie bedeutet es offenbar, dass sie Menschen anzieht, die damit leben können, dass die Stadt ein heterogener, bunt gemischter Raum ist, und dass die Badi ein Abbild einer weltoffenen, toleranten Gesellschaft ist. Man muss nicht leben wie die Anderen, aber man teilt gerne den Fluss mit ihnen. Meine Lieblingsbadi.

PS: Was mich aber noch immer beschäftigt, ist, warum man in den Seebädern Eintritt bezahlen muss, während die Flussbäder trotz Infrastruktur gratis sind. Fragen über Fragen.

Männerbadi: Den Testosteron-Spiegel drosseln

David Sarasin am Freitag den 26. Juli 2013

So entspannd wie hier badet Mann in Zürich nirgendwo.

Eigentlich ist die Männerbadi eine Badi, in der abends eine Bar gastiert. Wer aber um elf Uhr morgens, wenn die Badi öffnet, das Bad im Schanzengraben betritt, glaubt das Gegenteil. Es ist eine Bar, die tagsüber auch als Badi fungiert. Denn überall sind Überreste des Gastrobetriebs zu erkennen: zahlreich zusammnengeklappte Stehtischlein, eine Gruppe Standaschenbecher, Harrassen, Kühlboxen. Zudem im Wasser schwimmende Bojen, aus denen am Abend offenbar Fontänen spritzen. Das ist schade.

Denn die Männerbadi (offiziell: Flussbad Schanzengraben) ist das, wofür man generell das etwas abgelutschte Wort Oase benutzt. Wobei es hier in mehrfacher Hinsicht zutrifft. Versteckt zwischen der barocken alten Stadtmauer und dem Klotzbau der Neuen Börse, erstreckt sich diese schmucke Holzbadi, von Passanten fast unbemerkt, entlang des schattigen Schanzengrabens. Versteckt hinter zahlreichen Bäumen. Seit 1864 baden hier die Zürcher.

Ein Rückzugsort ist die Männerbadi auch, weil hier – der Name lässt es erahnen – nur Männer Zutritt haben. Die Frau des Bademeisters, die bei der Eröffnung noch mithalf, den Holzrost mit einem Schlauch abzuspritzen, verschwand bald irgendwann im Büro oder sonst wo. Übrig bleiben alleine Männer – und das ist einzigartig in der Stadt Zürich.

Während sich in vielen Zürcher Badis Frauen in einer eigens für sie reservierten Zone zurückziehen können, auf Frauendecks und dergleichen, gibt es dasselbe für Männer nicht. Was uns das sagt? Frauen sind schutzbedürftig und müssen auch mal unter sich sein können, Männer nicht. Wir haben einst darüber berichtet. Wer jedoch die einzige Männerbadi der Stadt besucht, lernt die ihre Vorzüge schnell kennen: Wenig Gebahren, entspannte Gespräche, kein Szene-Talk über aussergewöhnliche Pläne. Stattdessen: Männer bei sich. Oder anders gesagt: im Schanzengraben haben Männer Gelegenheit, nicht nur den verschwitzten Körper, sondern auch den überhitzten Testosteron-Haushalt herunterzukühlen. Das ist in Zeiten luftiger Röcke und knapper Bikinis eine willkommene Alternative.

Das Schwimmen gestaltet sich zudem ebenfalls angenehm: mal gehts gegen die sanfte Strömung, mal mit ihr. Meistens findet sich für diejenigen, die die Sonne meiden möchten, ein Schattenstreifen. Wer mit Schwimmbrille durch die Fluten driftet, kann am Boden Fische erkennen, darunter die eine oder andere Schleie, die sich am Grund durch den Sand bewegt. Die wenigsten Gäste sind am Mittag unseres Besuchs wegen des Sports gekommen, nur einer trägt eine Schwimmbrille. Alle anderen reden, lachen und geniessen die seltsam intime Atmosphäre in diesem schattigen Flussbad.

Genau diese wird durch den Gerümpel der Rimini-Bar teilweise gestört. Irgendwer sollte sich darauf besinnen, dass das Flussbad in erster Linie ein Bad und keine Bar mit überteuertem Aperol-Sprizz sein soll – und es dementsprechend behandeln.

Doch noch was Erfreuliches: Auf Holzrosten kommt es vor, dass man dann und wann kleine Holzsplitter abbekommt. So geschehen – zum ersten Mal – bei unserem Besuch gestern. Der gewiefte, leicht untersetzte Bademeister zeigte sich jedoch selbstsicher und schaffte Pinzette, Sicherheitsnadel, Feuerzeug und Desinfektionsmittel heran, womit er den Spiisse im Nu aus dem Fuss des Schreibenden operierte. Muss man auch können.

11.00-19.00 Uhr, Sa geschlossen
Geöffnet vom 2. Juni – 15. September 2013
Website der Stadt

Badi Enge: Bikini-Yoga und der Dalai Lama

Réda El Arbi am Sonntag den 14. Juli 2013
Eines der schönsten Bäder der Stadt, leider müssen die Kinder auf der Holzfläche hinter dem Fotografen ruhig mit den iPads spielen.

Eines der schönsten Bäder der Stadt. Leider müssen die Kinder auf der Holzfläche hinter dem Fotografen ruhig mit den iPads spielen.

In unserer Serie über Zürcher Badeanstalten (Links am Ende des Artikels) hat sich unser Autor heute ins Seebad Enge begeben. Und offenbar waren die sieben Franken Eintritt jeden Rappen wert.

Die Badi Enge ist sicher eines der schönsten Stadtbäder und die Angestellten sind freundlich, was in Zürich hoch anzurechnen ist! Hier fühle ich mich wohl. Hier sind Menschen wie ich, die sich bei dem Versuch lächerlich machen, ihren jetzigen Mainstream-Erfolg mit ihrem Selbstverständnis als kreative Underdogs aus den 90ern in Einklang zu bringen.

Hier gibt man sich weltoffen und spirituell aufgeschlossen: Gefühlte 51 Mal höre ich «Berlin», 31 Mal «Ibiza», 67 Mal «Projekt» und, natürlich, am Sonntagmorgen nach dem Samstagabendabsturz, 42 Mal «Yoga». Auch geht das Gerücht, dass in der Badi Enge die höchste Dichte an Dalai Lama-Zitaten pro Stunde gemessen wurde. Hier ist sogar der Bademeister gutaussehend, langhaarig und spirituell, womöglich ist der Job sogar gut fürs Karma.

Frauen wickeln sich auf dem Weg zur Kioskbar in ihre Bali-Tücher, Männer zeigen ihre Sensibilität mit Hippie-Schmuck und geflochtenen Lederarmbändern. Endlich fühlt sich mein fussbemaltes Thai-Badetuch nicht mehr einsam. Es verträgt sich hervorragend mit dem Batik-Tüchli aus Goa und dem indio-gemusterten Kleidchen einer Badetuchnachbarin. Status zeigt sich hier nicht durch den Preis der Dinge, sondern dadurch, dass sie an einem kleinen Markt irgendwo in Hippieland gekauft wurden.  Hier findet man übrigens auch die letzten Che Guevarra-Käppchen, die vor etwa 5 Jahren aus dem Stadtbild verschwunden sind.

Auf die Frage nach meinem Yoga (ja, ich gebs zu, ich hab auch mal Yoga gemacht) antworte ich mit einer klassischen Zen-Verteidigung aus dem Konversationsbuch für spirituellen Schlagabtausch: «Yoga ist Eins werden. Der wahre Schüler soll aber das Nichts anstreben. Das ist Zen.» Verständnisvolles Kopfnicken in der Runde, obwohl nicht mal ich genau weiss, was ich da gerade von mir gegeben habe. Aber es hört sich weise und spirituell an, nicht?

Auch kann man hier offen und sensibel seine aktuellen Beziehungsprobleme («…so auf Distanz, Berlin-Zürich ist das halt schwierig.») mit Freunden zu besprechen. Was aber irgendwie  auch nicht völlig gefahrlos ist, da in dieser Szene bereits jeder der Ex-Partner eines guten Freundes ist und umgekehrt. Auch werden hier im Smalltalk alte Rechnungen mit Freundlichkeit beglichen: «Du siehst heute so viel jünger aus als sonst.» – «Dein Schwangerschaftsbauch ist ja auch beinahe weg! Wie lange ist das jetzt her? Drei Jahre?»

Nur, die Badi Enge ist auch eins der schrägsten Familienbäder in der Stadt. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Kinder mit Namen wie Johannes, Maximilian («Ja nicht Max!») und Ann-Sophie oder Lena (wahlweise Magdalena oder Marlene) wie altkluge Projektionen ihren Eltern als Accessoir dienen. Je erwachsener ein Fünfjähriger auf irgendwas antwortet, um so mehr Stolz der Eltern und Anerkennung der Erwachsenen ist ihm sicher.

Überhaupt ist das ganze Bad zwar voller Kinder, aber nicht wirklich kindgerecht. Weder hat es einen Spielplatz, noch überhaupt Platz zum Spielen, oder, Gott behüte, mal rumzurennen oder zu schreien. Die kleine Badi ist schon um zwölf Uhr mittags vollgepackt. Die Kids werden mit iPads und Smartphone-Spielen sediert, während die Erwachsenen Badetüechli-Tetris spielen, sobald jemand seinen Platz wechselt. Mütter leisten sich Bikini-Figur-Shootouts mit ihren halbwüchsigen Töchtern, während fremde Männer ungefragte als stumme Schiedsrichter fungieren.

Nun, mir wird es bald zu eng in der Enge (was für ein passender Name!) und ich mache mich auf zur Rentenwiese, wo ein Mann mit seinem Hund rumtobt, während anwesende Kinder kreischen und ein Fussball in einer grillierenden Gruppe landet. Da passe ich irgendwie doch besser hin. Batiktuch hin oder her.

Hier gehts zu den den Erfahrungen im Tiefenbrunnen und im Oberen Letten.