Archiv für die Kategorie ‘Stadtleben’

Eine Glacegeschichte (8)

Thomas Wyss am Samstag den 19. August 2017

Eigentlich hatten wir vorgehabt, heute in dieser Zürcher Glacekulturgeschichte das wichtige Kapitel «Die obszönen 80er-Jahre» aufzuschlagen. Und en détail darüber zu berichten, wie damals, durchaus passend zum klinisch gesüssten Synthie-Pop-Sound, eine Flut an artifiziellen, exklusiv im Labor kreierten Versuchungen über uns hereinbrach. Weshalb wir fortan nicht mehr herzhaft in Bireweggli oder Prussiens bissen, sondern stundenlang an «Schleckmüscheli» herummachten. Oder, der Gipfel der juvenilen Perversion, sogenannte Plattfüsse ableckten das war ein Eiscremestängel in Fussform, der aussah, als hätte er grad die Masern.

Ja, das war der Plan. Doch weil wir als städtische Gebrauchsanleiter selbstverständlich nicht nur der Chronik, sondern auch der Aktualität verpflichtet sind, müssen wir umdisponieren. Es ist nämlich am Dienstagabend etwas passiert, das zwar auf den ersten Blick mutig und offen wirkte, unserer Meinung nach jedoch fahrlässig unklug war warum, dürfte, nein müsste man bei der gleich folgenden Lektüre unschwer erkennen –, weshalb wir von einer Nachahmung in dieser oder jener Form dringend abraten möchten.

Es geht um SRF-Sportmoderator Dani Kern. Der anlässlich des Champions-League-Qualifikationsmatchs zwischen den Berner Young Boys und ZSKA Moskau ab Minute 90.17 bis Minute 90.33 – sprich in handgestoppten 16 Sekunden –, wortwörtlich rief (im Video ab Minute 5.08): «Oh. Nein! Neeeiiin! Neeeeeiiiiiiiin! Nein! Neeeeiinn! Ich werd verrückt. Ich werd veerrüückt. Ich werd verrückt. Iiich werd veerrüückt!»

Uns Zuschauer machte das natürlich betroffen, manch einer dachte womöglich gar: «Armer Kerli! Und das jetzt, da er endlich mal ein richtig wichtiges Spiel begleiten darf… ach, ach, der Herrgott, äxgüsi, ist manchmal einfach ein Lump!» (Wobei trotz Empathie betont sei, dass das Livegeständnis wegen Kerns «Mostindien»-Dialekt, den er – unbeabsichtigt, das waren die Gefühle! – in Quietschferkelfrequenzen hochtrieb, in den Ohren eher wehtat.)

Dennoch blieb da eine Skepsis, was Qualität und Wahrheitsgehalt dieser Selbstanalyse anbelangte. Vor allem darum, weil Kern das, was er von seinem Jobprofil her eigentlich können sollte – also einigermassen fehlerlos, packend und unparteiisch ein Fussballspiel einschätzen und kommentieren –, in der Regel nicht restlos souverän kann… weshalb es unwahrscheinlich ist, dass ihm in einer Disziplin wie der Psychiatrie, in der er, anders als im Fussball, nicht mal Grundkenntnisse besitzt, eine Diagnose von solcher Tragweite gelingen kann. (Gleichwohl ist es sicher nicht verkehrt, wenn die vom Fernsehen Kerns in Abertausende Deutschschweizer Stuben hineinposaunte Behauptung fachmedizinisch abklären – umso mehr, als der Auslöser dafür ein läppisches Eigentor war.)

Klar, nicht jeder hat, wie Dani Kern, im Augenblick, in dem er meint, das Unsagbare sagen zu müssen, ein bedeutendes Mikrofon vor sich stehen. Doch das ist im Social-Media-Zeitalter auch gar nicht nötig: Es reicht ein vorlaut formulierter Tweet, ein unbedarfter Facebook-Post, und man hängt auf Wochen, wenn nicht auf Monate hinaus belämmert in den Seilen. Und davor möchten diesen Zeilen warnen; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 18. August 2017

«Oft kommt der Alltag in die Quere.»

Radio- und TV-Moderatorin Mona Vetsch hat für die Sendung «Auf und davon» Auswanderer ­besucht, die ihre Freiheit in fernen Ländern suchen. Finden sie diese? (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Die Street Parade hat uns sehr geholfen.»

In der Voliere am Zürcher Mythenquai sind just zur Street Parade ein paar besonders bunte Vögel geschlüpft – nicht zum ersten Mal. Das frohe Ereignis hat Folgen. Welche, weiss Elisabeth Schlumpf, Leiterin der Voliere Zürich. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Ich habe den Hund geholt und bin rausgerannt.»

Karl E. hat während Jahrzehnten mit Leidenschaft Dinge gesammelt. Dann kam die Brandkatastrophe. Er steht in den Trümmern seines Hauses, welches abgebrannt ist. Nun möchte er retten, was noch zu retten ist. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Das ist wie Isebähnle.»

Bevor an der grossen Central-Haltestelle wieder Trams verkehren, werden alle Gleise getestet. Vorwärts, rückwärts, vorwärts. 25 Manöver insgesamt. Markus Humbel, Abteilung Fachlead Fahrweg, freute sich, dass alles nach Plan verlief. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Bestechend schön. Umwerfend.»

Nur sieben Tage nach dem Ende der Sonnenschirme auf dem Sechseläutenplatz präsentiert Stadtrat Filippo Leutenegger einen neuen Sonnenschutz über dem nächsten Zürcher Platz. Und er ist auch von diesem Projekt dermassen begeistert, dass er sich ähnliche Installationen auch an anderen Orten in Zürich vorstellen kann. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Ist der Ruf erst ruiniert,
lebt es sich ganz ungeniert.»

Die Krankheit Demenz geht uns alle an. Die 82-jährige Brigitta Schröder kümmert sich seit Jahren um Menschen mit Demenz – und eckt mit ihren Ansichten an. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Der Bus soll mal runterkommen.»

Verschiedene Senioren kritisieren in Zürich das Verhalten der VBZ-Buschauffeure. Der Absenkmodus werde viel zu selten betätigt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Die Vögel landen sogar auf meinem Kopf.»

In der Furttaler Gemeinde Boppelsen gibt es Zoff wegen der Rotmilane, weil die 77-jährige Marion Grüter diese Greifvögel regelmässig mit Pouletflügeli füttert. Nun gipfelt der Streit in einem Abschuss. (Foto: Stefan Hohler) Zum Artikel

 

«Ich bin ein Mann und habe
Frauen, aber keine Mädchen.»

Das Bezirksgericht Zürich verurteilt den ehemaligen Zirkus-Knie-Clown Larible wegen sexueller Handlungen (Zungenküsse) mit einem 14-jährigen Mädchen. (Foto: Keystone/Ennio Leanza) Zum Artikel

 

«Wenn nicht in der Schweiz, wo dann?»

Kerem Adigüzel hat einen gewagten Traum: Eine Moschee in der Region Zürich, die alle willkommen heisst – auch Homosexuelle. (Foto: Werner Schüepp) Zum Artikel

 

«Rosengartenstrasse ist eine Riesenschande.»

Sie sind allgemein zufrieden, die Bewohner in Wipkingen. Wäre da nicht die Sorge um die Gentrifizierung des Quartiers und die Rosengartenstrasse. Der «Kaiserschnitt» wie ihn SP-Nationalrätin Jacqueline Badran bezeichnet, der das Quartier brutal in zwei Teile trennt. (Foto: Lea Blum) Zum Artikel

 

«Unser Vorgehen in Zürich war falsch.»

Noch Fragen zur gelben Plage? Die knallgelben Mietvelos stehen in Zürich an jeder Ecke – und bald auch in anderen Schweizer Städten. Sis Timberg nimmt Stellung zu den Vorwürfen gegen ihre Firma O-Bike. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

«Sie war schön»

Alex Flach am Montag den 14. August 2017
    Fast wieder wie 1997: Die Street Parade gewinnt an Qualität.Fast wieder wie 1997: Die Street Parade gewinnt an Qualität.

Sie war schön, sie war die schönste seit vielen Jahren: Die Street Parade in diesem Jahr stand wahrlich unter einem guten Stern. Am Anfang stand der erstaunliche Wetterumschwung, just auf Beginn des Umzugs. Wer immer schon den Verdacht hegte, dass Petrus ein alter aber nach wie vor leidenschaftlicher Raver sei, der hat nun ein Indiz mehr das seine Mutmassung stützt.

Meine erste Street Parade habe ich 1994 besucht und bis Ende der Neunziger habe ich dem Umzug alljährlich entgegengefiebert, eine Vorfreude vergleichbar mit jener auf Weihnachten im Vorschulalter. Dann, ab der Jahrtausendwende, franste alles aus. Der Sound an der Parade wurde kommerziell und entsprach nicht mehr jenem, der in den Zürcher Clubs läuft. Sie verabschiedeten sich folgerichtig vom Konvoi und ich mich mit ihnen. 2002, das Jahr in dem es in Strömen regnete und in dem die Temperaturen einem miesen Schweizer Herbst alle Ehre gemacht hätten, war mein letztes auf einem Lovemobile: Damals bin ich auf Höhe des roten Schlosses vom Lastwagen gehüpft und zum Partysan Boot gerannt, in der Hoffnung der Kapitän hätte in weiser Voraussicht einen Vorrat an Heizöl beiseitegelegt.

Nach diesem, auch für das Street Parade-OK, tristen Jahr war die Street Parade nicht mehr dieselbe. Der Zauber war weg und sie hatte einen neuen Lover, die Masse der Eintagesraver, die House nicht von Techno unterscheiden können und die denken, die Swedish House Mafia sei das Nonplusultra in Sachen Danceflooring.

Doch in diesem Jahr war Vieles anders. Nicht ganz so wie früher (noch nicht), aber ein kleines Bisschen schon. Zu Beginn stand das Statement des Street Parade Bookers Robin Brühlmann, dem man entnehmen konnte, dass er die Schnauze voll hat von Beat-gestütztem Saxophongedudel. Es soll wieder mehr Techno werden, weg mit dem als Clubmusik getarnten Pop.

Als nächstes wurde dann verkündet, dass mit dem Klaus nach zig Jahren endlich wieder ein angesagter Zürcher Club ein Lovemobile stellen wird. Natürlich, das Klaus… Alain Mehmann, einer der Chefs da, ist ein Street Parädler der ersten Stunde, einer dem die Liebe zum Umzug auch in den erzkommerziellen Nullerjahren nie abhandengekommen ist.

Dennoch: Über zehn Jahre akustischer Zwiespalt lassen einen trotz dieser Schwalben noch nicht an den Sommer glauben. Erst als mir am Samstag auf dem Sechseläutenplatz von der Hauptbühne der kompromisslose Techno mit 160 bpm entgegendonnerte und erst als ich danach die Superszenis auf dem Klaus-Mobile wie Honigkuckenpferde (Mehmann und seine Partner würden sagen wie Einhörner) grinsen sah, da wusste ich, dass ein Stück des Zaubers zurückgekehrt ist.

Der Rest des Tages war Chaos und Tohuwabohu, vermengt mit reichlich Bier und Vodka Martini. Aber wenn mich die Erinnerung nicht trügt, war 2017 tatsächlich ein wenig wie 1997. Mit dem Unterschied, dass der Kater 1997 nicht ganz so garstig und nachhaltig gewesen sein dürfte.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Eine Glacegeschichte (7)

Thomas Wyss am Samstag den 12. August 2017

Zuerst, dachte ich, entledige ich mich der Jacke (damit man mein cooles Che-Guevara-Shirt sehen kann), recke martialisch die Faust in die Luft, rufe «Sin perdón!» und steche ihm mit einem Rambo-Messer beide Pneus auf. Während es dann elend röchelnd die Luft verliert, zerschlitze ich den Sattel, malträtiere mit dem mitgebrachten Vorschlaghammer Pedalen, Rahmen und Speichen bis zur Stufe «irreparabel», und schliesslich übergiesse ich das, was von diesem scheusslichen O-Bike noch übrig ist, mit Benzin und zünde es an.

Dazu entrolle ich trotz der Hitze möglichst feierlich mein im Hausbesetzerstyle gestaltetes Transparent, auf dem steht: «Singapore! If I spit a spearmint chewing gum on your ground, I get penalized as I if were an outlaw… and now you think you can spit – figuratively speaking – a giant yellow-grayblack O-Bike chewing gum on my town without getting punished? Forget it!» (Auf Deutsch: «Singpur! Wenn ich bei dir einen Spearmintkaugummi auf den Boden spucke, werde ich gebüsst, als ob ich ein Gesetzloser wäre… und jetzt meinst du, du könntest – bildlich gesprochen – einen gigantischen gelbgrauschwarzen O-Bike-Kaugummi auf meine Stadt spucken, ohne bestraft zu werden? Vergiss es!») Dieses Transpi halte ich minutenlang grimmig dreinblickend in die mich filmenden Smartphones der deppert bis schockiert dreinblickenden Touristen – und all das am helllichten Tag, mitten in Zürich!

Dann dachte ich, dass es echt ziemlich krank wäre, so was zu tun. Umso mehr, als ich ja in letzter Zeit richtiggehend stolz war, endlich meine innere Mitte gefunden und diese auch in ansprechend gesunder Balance gehalten zu haben. Weiter dachte ich, dass ein Velo ja wahrscheinlich auch so was wie einen Astralleib oder zumindest eine Integrität besitzt, die zu verletzen unter einem ethisch-moralischen Gesichtspunkt betrachtet einer schweren Sünde gleichkommen würde.

Ein nächster, sehr bitterer Gedanke: Wie bünzlig meine Haltung doch war – bloss weil das eine oder andere O-Bike seit einer Woche meinen angestammten Veloparkplatz vor der Tamedia besetzte, wäre ich bereit gewesen, einen kleinen Velo-Jihad loszutreten? Pervers peinlich! Aber noch weit schlimmer: Mit dieser Attitüde lag mein Ich, das sich auf der Leinwand des Lebens immer gern in der Rolle des eigenwilligen Modern Hippie gesehen hat, plötzlich voll auf der aktuellen Mainstream-Züri-Linie… mich schauderte kurz, aber gründlich, wohl im Wissen, dass man so was nicht einfach mit gut duschen wieder wegbringt.

Ja, all das dachte ich. Und plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich heute doch mit dieser Glacekulturgeschichte hatte weitermachen wollen (deshalb auch der Titel), und dass es glaub Teil 3 gewesen war, in dem ich Variationstipps des legendären Aeschlimann-Eiskaffees versprochen hatte. Les voilàs.

Tipp 1: Statt dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace nehme man zwei Kugeln Kaffeeund eineinhalb Kugeln Schoggiglace, alles andere bleibt gleich – die Creme wird etwas süsser, farblich entsteht ein hübscher Zebraeffekt.

Tipp 2: Man gibt 4 cl Zuger Kirsch in die fertige Glacecreme und rührt nochmals kräftig um. Auf süssere Art kann der «Ouuii, ich han es Schwippsli»-Zustand kaum erreicht werden.

Eine Glacegeschichte (6)

Thomas Wyss am Samstag den 5. August 2017

Bei einer Stadt, die erstmals auf einem 185 n. Chr. gemeisselten Grabstein erwähnt wird – die aus dem Lateinischen übersetzte Inschrift lautet: «Den Manen. Hier liegt Lucius Aelius Urbicus begraben, der ein Jahr, fünf Monate, fünf Tage lebte. Unio, von Augustus freigelassen, Vorsteher der turicensischen (zürcherischen) Zollstation, [des Zollbezirks] Quadragesima Gallia, und Aelia Secundina, die Eltern ihrem liebsten Sohn» –, die also schon eher lang existiert, darf man sich nicht wundern, dass sie auch die eine oder andere Klatsche einstecken musste.

Zum Beispiel bei der «Schlacht bei St. Jakob an der Sihl» vom 22. Juli 1443 (die in der Nähe des Tamedia-Sitzes stattfand, nämlich da, wo sich heute die Tramhaltestelle Stauffacher befindet… wir hatten also Dusel, dass unser schönes Holzhaus noch nicht stand, das wäre bestimmt abgefackelt worden), bei der sieben der Acht Alten Orte der Eidgenossenschaft auf Zürich losgingen, weil sich Zürich aus Expansionslüsten seines Bürgermeisters Rudolf Stüssi, einer verwegenen Kriegsgurgel, mit den Habsburgern verbündet hatte. Am Schluss der Schlacht habe Stüssi allein die Sihlbrücke verteidigt – dazu gibts übrigens tolle Actionbilder von Werner Schodoler (1514) und Johannes Stumpf (1548) –, wobei er dann von einem pervers feigen Eidgenossen hinter- beziehungsweise unterrücks (sprich mittels Speer mitten ins Gemächt!) zu Tode gebracht worden sei.

Oder, auch das tat elend weh: die 5:6-Niederlage im Cuphalbfinal vom 3. März 2004 im Hardturm gegen die Grasshoppers. Und, nicht zu vergessen, der Verlust des Titels «Die Stadt mit der höchsten Lebensqualität» an Wien.

Doch wie schmerzhaft diese Pleiten auch sein mögen – sie sind auszuhalten, weil sich Zürich in allen erwähnten Fällen der gebotenen Herausforderung stellte. Und just darum ist das, was am 22. Juli an der Wurstsalat-WM passierte, unerträglich! Und mit «die Schande von Frick» noch viel zu nett betitelt!!!

Dammisiech, echt! Dabei hatten wir die Züribieter Wusa-Talente mehrfach dazu aufgefordert, bitte die Messer zu wetzen, um die letzte relevante Lücke im städtischen Titelpalmarès zu stopfen… und dann berichtete unser Aargau-Korrespondent völlig verstört, er habe unter den rund 40 bewerteten Tellern keine einzige Zürcher Kreation entdeckt. Ein solcher Menefreghismo könnte sogar in Italien bestehen!

Als wir dachten, schlimmer gehts nimmer, meldete sich Frau Ammann und meinte, sie hätte mit ihrem Rezept – «Cervelat, Tomaten aus dem Garten, gelbe Peperoni, hart gekochte Eier und Gürkchen in zierliche Würfel schneiden, in einer grosszügig angesetzten Vinaigrette mit Zwiebeln und etwas Knoblauch lange genug ziehen lassen, mit slowfoodmässig in Butter gebratenen Pommes rissolées im selben Grössenverhältnis und Spinatsalat servieren; der Kalt-warm-Effekt und das kunterbunte Aussehen: immer wieder der Renner!» – das Wurstsalatdesaster womöglich verhindern können. Warum sie es nicht versuchte? Hat sie leider nicht erwähnt.

PS: Stimmt, der heutige Titel hat mehr versprochen, als er einlösen konnte. Sorry. Gleichwohl sind wir dem Ziel, die längste Zürcher Glacekulturgeschichte ever zu fabrizieren, wieder einen Schritt näher gekommen. Cool.

Summertime and the living is easy …

Alex Flach am Sonntag den 30. Juli 2017
Rücksicht auf Anwohner und kein Littering: Party on!

(Random picture): Rücksicht auf Anwohner und kein Littering. Party on!

Der Sommer ist in Zürich die Zeit der illegalen Outdoor-Partys. Zwar existiert seit einigen Jahren eine Jugendbewilligung für Draussen-Feten, für die kann aber nur ein Gesuch stellen wer nicht älter als 25 Jahre ist. Diese Praxis scheint sich trotzdem bewährt zu haben und selbst wenn sich der Vorsteher des Polizeidepartements der Stadt Zürich, Richard Wolff, der Ausweitung dieses Bewilligungsverfahrens auf ältere Ravebürger und –bürgerinnen gegenüber nicht unaufgeschlossen zeigt, dringenden Handlungsbedarf scheint er hier keinen zu erkennen.

Also halten sich die älteren Veranstalter mit Faible fürs Feiern unter blauem Himmel an die Tradition der illegalen Durchführung, suchen sich ein Plätzchen ohne unmittelbare Anwohnerschaft und stellen einen laufstarken Freund an die Kasse mit der Anweisung, bei einer allfälligen Sichtung von Ordnungshütern mit dieser die Flucht zu ergreifen.

Ein Vorfall an diesem Wochenende hat hingegen gezeigt, dass das gar nicht nötig ist, wenn man seinen Veranstaltungsort umsichtig wählt und wenn man es bezüglich Lautstärke und Littering nicht an Rücksicht mangeln lässt. Es war ein prächtiger Samstagnachmittag und seit einigen Wochen ist die Ankündigung eines Outdoor-Events durch die sozialen Medien gegeistert, der bereits im vergangenen Jahr für viel Furore in der Szene gesorgt hat, ein House- und Techno-Rummelplatz samt Wahrsagern und mit viel Liebe arrangierten Aufbauten mit nostalgischem Charakter.

Die Adresse des Austragungsortes wurde erst kurz vor Beginn der Party durchgegeben, ein sicherer Hinweis darauf, dass ein Anlass auf ziemlich wackligen Bewilligungsbeinen steht. Und einen ganz kurzen Moment lang hat es auch so ausgesehen, als ob diese Beine einknicken würden: Auf dem Weg von der Tramhaltestelle zum Festplatz (Die Feier war bereits in vollem Gange) wurden meine Begleitung und ich von einem Kastenwagen in Weiss und Orange überholt, der just auf der Höhe des Partygeländes die Fahrt verlangsamte und dann mitten auf der Strasse stoppte. Einen kurzen Augenblick dachten wir darüber nach auf dem Absatz kehrt zu machen und wieder nach Hause zu fahren, gingen aber trotzdem weiter, wenn auch etwas mutlos.

Aber dann: Als wir den Polizeiwagen fast schon erreicht hatten, sahen wir wie ein Arm aus dem Fahrerfenster gestreckt wurde, samt einer sich im Takt der Beats reckenden Faust. Ein Rudel Ordnungshüter grinste uns aus dem Wagen an: «Wie lange macht ihr hier?» fragte der Fahrer. «Bis Zehn oder so. Sonst kommt Richi Wolff und zieht höchstpersönlich den Stecker!», grinsten wir zurück, beides nur Angaben ohne Gewähr (die Party soll dann doch etwas länger gedauert haben und Stadtrat Wolff hatte am Samstag sicher Besseres zu tun als irgendwelche Stecker zu ziehen). Ohne ein weiteres Wort wurde der Motor des Polizeiautos angelassen und die Polizisten fuhren von dannen. Der letzte Clip vom Fest wurde um halb zehn Uhr abends auf Facebook gepostet und schaut nach würdigem Auslaufen samt Wunderkerzen aus.

Nun … bei einem dermassen umsichtigen Vorgehen seiner Leute liegt Richard Wolff vollkommen richtig, wenn er bei einer Ausweitung der Jugendbewilligung für Outdoor-Feste auf ältere Partygänger keinen Handlungsbedarf sieht.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Eine Glacegeschichte (5)

Thomas Wyss am Samstag den 29. Juli 2017

Wir würden ja gern gemütlich beginnen, wie es sich für einen Sommerferienmorgen gehört. Einen Schluck kalten Kaffee nehmen (ganz früher sagte man, das sei Schnee von gestern, später behaupteten Forscher, das steigere die Attraktivität, und heute heisst das Zeugs «Cold Brew» und gilt als Trendgetränk – ob sich die Welt allenfalls doch eher rückwärts entwickelt?). Dazu würden wir zum Stück «La Mirada» («Umoja Remix») von Nicola Cruz durch die Wohnung tänzeln und daran denken, dass in den letzten zwei Tagen gleich drei wichtige Menschen Geburtstag hatten («Happy Hippie Birthday Stöffeler, Leuli und Oeschgi!»), dann unter die Dusche schwofen und dort, dem erfrischenden Nass ausgeliefert … tja, leider nein: Wir haben eine Traktandenliste abzuarbeiten. Sie umfasst zwar bloss zwei Punkte, ist aber dennoch ziemlich gewichtig. Los gehts.

1. Wie wir letzte Woche schrieben, bedauerte Leser Rothenhäusler, dass die einzige Eiscreme, die er liebe – die Cassata siciliana – in Zürich nirgendwo erhältlich sei. Wir konnten das kaum glauben – und wir hatten recht! Leser Schikowski teilte netterweise mit, dass eine feine Cassata im Ristorante Tramblu im Kreis 6 auf der Dessertkarte stehe. Grazie per l’informazione!

2. Es gibt Erzählungen, die sind herzerwärmend. Und es gibt solche, die sind noch ein wenig mehr als das; im aktuellen Kontext würde das Adjektiv (oder ists ein Adverb? Ich kann die Dinger einfach nie auseinanderhalten) «glaceschmelzend» gut passen.

Eine solche Erzählung hat uns Frau Spieler geschickt. Im Brief stand, sie sei in Wollishofen aufgewachsen, weshalb das in Teil 3 dieser Glacegeschichte publizierte Rezept des Eiskaffees, der im Aeschlimann serviert wurde (also in der Wollishofer Beiz meiner Grosseltern), bei ihr eine schlummernde Erinnerung wachgeküsst habe.

Frau Spieler, damals acht oder neun Jahre jung, sass an einem heissen Sommertag im Garten des Aeschlimann und löffelte im Beisein ihrer Mutter besagten Eiskaffee aus einem eisgekühlten Silberbecher. Wegen der Sonne entschied die Mutter, den Platz zu wechseln, und stand auf. Frau Spieler tat es ihr gleich, griff nach den beiden Eisbechern, klemmte einen unter den Arm und dann… hier der O-Ton des Briefs: «Das war wohl keine so gute Idee gewesen – lief doch der Inhalt des Eiskaffees über mein schönstes Sommerkleid und tropfte auf meine weissen Söckchen und in die Sandalen. Das Kleid war rosa Organza und mit Blümchen bestickt – dazumal was ganz Spezielles.» Dem dürfen wir beipflichten; dem Brief war nämlich ein herziges Foto aus dem Familienalbum beigefügt, das Klein Frau Spieler im adretten Gewand zeigt.

Danach passierte das, was anno dazumal bei solchen Vorfällen halt einfach gang und gäbe war: Es gab schlimm Schimpfis vom Mami – vor allen Leuten –, und zu Hause gabs viel Trost vom Grossmami, die, wie im Brief zu lesen war, das Kleid wieder tadellos sauber brachte.

Molto bene. Und nächsten Samstag, in Teil 6, kommen wir nebst weiterer Glacekulturgeschichte dann auch noch auf das kollektive Zürcher Versagen an der 5. Wurstsalat-WM vom vergangenen Samstag (bereits geläufig als «Die Schande von Frick») zu sprechen.

Eine Glacegeschichte (4)

Thomas Wyss am Samstag den 22. Juli 2017

Ein zeitgeistiger Zeitungsredaktor würde jetzt stöhnen: «Ach Leute, bitte, so geht das nicht, so kommen wir mit dieser Sache nie ins Ziel… es gibt doch wirklich noch andere und vor allem wichtigere Themen… wieder und wieder auf dieser Sache rumzureiten – Pardon: an dieser Sache rumzuschlecken –, ich weiss nicht, das ist doch nicht nötig, das wird echt langsam öde.»

Ein Vertreter der guten alten Schule würde dagegen erst mal betont höflich sagen: «Merci villvillmal!» Danach würde er aus schierer Freude am Leben eine (natürlich rein imaginäre; die echte könnte er sich gar nicht leisten, zudem sei Rauchen ja glaub ungesund) Habano anzünden – notabene aus dem Anbaugebiet Vuelta Abajo – und diese Scheinzigarre würde er genauso genüsslich paffen, wie der grosse FCZ-Präsident Edi Nägeli selig nach den sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen seine realen Triumph-Stumpen paffte (ich bin übrigens ziemlich sicher, dass er das morgige Derby, Fliege, Hornbrille und Hut inklusive, von der himmlischen Ehrentribüne aus mitverfolgen wird). Und wenn der fette Glimmstängel beendet wäre – also wohl ungefähr jetzt –, würde er für alle Leserinnen und Leser, die bislang nur dezent amüsiert die Stirn runzelten, endlich Klarheit in dieses textliche Dunkel bringen… ja, und genau das will ich alter Schüler nun tun.

Fakt nämlich ist: Obwohl diese Beiträge zur Zürcher Glacekultur offenkundig geprägt sind durch eine ( je nach Sichtweise bedenkliche oder erstaunliche) Brisanzarmut, haben sie Post bewirkt. Emotionale Post sogar, auf die ich selbstverständlich eingehen will. Was wiederum weitreichende Folgen hat. Die erste: Das für heute angekündigte Programm wird – wie bereits die Programme der letzten Wochen – kurzfristig über den Haufen geschmissen. Die zweite: Die Serie, ursprünglich als Zweiteiler angedacht, wird lang und länger. Die dritte: Die Begeisterungsstürme, die diese Spontanverlängerung auslöst, sind (charmant formuliert) nicht überall gleich hemmungslos. Die vierte: Statt zu kuschen, rufe ich «Watsky!» (das ist vergleichbar mit Trumps «covfefe», bloss konkreter) und versuche nun, die längste Glacekultur-Serie in der langen Geschichte dieser Stadt zu bewerkstelligen. YEAH! (Okay, yeah! genügt auch).

So, genug aufgeklärt, reden wir über die zuvor erwähnte Post. Die zuerst in Form eines Mails von Herrn Rothenhäusler eintrudelte. Er schrieb, er liebe «nur die weisse Glace vom altmodischen Cassata (die mit den kandierten Früchten)», doch keine einzige Gelateria weit und breit habe Cassata im Angebot («nicht mal die mit 100 Sorten»), er verstehe das nicht. Echt wahr? Ist dieser italienische Klassiker, der im Original «Cassata alla siciliana» heisst, in Zürich nicht mehr erhältlich? Wer anderes weiss, bitte melden!

Ja, und dann kam der Brief von Frau Spieler. Das kindliche Eiskaffee-Erlebnis, das sie darin schildert, ist derart herzig und köstlich, dass es sünd und schad wäre, damit die wenigen hier verbleibenden Zeilen zu füllen; wir machen das lieber ausführlich in Teil 5 am nächsten Samstag – und rufen jetzt stattdessen nochmals alle Zürcher Wurstsalat-Könner dazu auf, unsere Farben heute Abend an der Wusa-WM in Frick AG würdig zu vertreten!

Eine Glacegeschichte (3)

Thomas Wyss am Samstag den 15. Juli 2017

Bevor wir hier weitermachen mit der Zürcher Glacekultur, noch eine wichtige Mitteilung in fremder, aber irgendwie doch auch in eigener Sache. Es geht um Wurstsalat. Und darum, dass am kommenden Samstag auf dem Golfplatz Frick im Aargau die 5. Wusa-WM (das ist die Kurzform für Wurstsalat-Weltmeisterschaft) stattfindet. Und dabei um die sehr, sehr beschämende Tatsache, dass Zürich an diesem Wettkampf noch nie den Titel geholt hat (wenn ich recht informiert bin, reichte es nicht mal für Silber oder Bronze).

Bei der Premiere gewannen Anja und Julia Müller aus Basel. 2014 wars Metzger Schmid aus dem Fricktal, 2015 Stefan Buser aus dem Oberbaselbiet, und im letzten Jahr setzte sich Daniel Felice aus Gipf/Oberfrick gegen eine 38-köpfige Konkurrenz durch.

Hallooo??? In unserer Stadt wird Food aus der ganzen Welt aufgetischt, etliche Cracks schwingen hier den Kochlöffel, auch bei der währschaften Küche sind wir erstklassig aufgestellt, man denke nur an die Schützenruhe, ans Muggenbühl oder Burgstein’s Gasthaus Penalty. Und trotz diesem Gastropotenzial kriegen wir keinen begeisternden Wurstsalat hin? Sorry, aber das ist doch nicht zu glauben!

Darum ist dies hier irgendwie auch ein Aufruf an Zürcher Wusa-Spezialisten, am 22. Juli an diesem Titelkampf unsere blau-weissen Farben zu vertreten (es geht auch als Team, Infos findet man unter www.wurstsalat-weltmeisterschaft.ch). Das Startgeld beträgt 10 Franken, man bringt 200 Gramm Wurstoder Wurst-Käse-Salat mit (da machen die Veranstalter keinen Unterschied), bewertet werden das Aussehen, der Geruch, der Geschmack, die Verarbeitung und letztlich der Gesamteindruck.

Wem das zu kompetitiv ist, kann ja beim sogenannten Publikumspreis mitmachen, in dieser Kategorie wird allein die Kreativität bewertet. Sollte, was wir eigentlich erwarten, jemand aus Zürich – der Kanton gilt ausnahmsweise auch – in die Ränge kommen, würden wir das in dieser städtischen Gebrauchsanleitung gross abfeiern! (Yep, die Sache ist uns tami wichtig.)

So, damit zum eigentlichen Thema. Und da lösen wir jetzt das letzten Samstag gegebene Versprechen ein und verraten (kostenlos!) das famose Eiskaffeerezept aus dem ehemaligen Restaurant Aeschlimann in Wollishofen: Man nehme eine grosse Schüssel (kein Plastik!), gebe dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace hinein, danach schöpfe man so viel Schlagrahm (nicht aus dem Bläser, selbst gemacht) dazu, dass die Kugeln rundherum zugedeckt sind. Nun vermenge man Glace und Rahm mit einem nicht zu grossen Schwingbesen sanft, aber doch druckvoll zu einer dickflüssigen Glacecreme. Womöglich denken Sie jetzt: So what? Wegen dieses banalen Gemischs macht der Typ so ein Gschiss?

Nein, macht der Typ nicht. Die wichtigste «Zutat», die wurde nämlich noch gar nicht genannt – der eisgekühlte Silberbecher! In diesen lässt man sorgfältig die Creme einfliessen und garniert sie mit einem adretten Gupf Rahm, drapiert eine stolze Kaffeebohne oben drauf – voilà!

Am nächsten Samstag, in Teil vier, gibts noch ein paar Variationstipps plus weitere tolle Kapitel der langjährigen Zürcher Glacekulturgeschichte.

Alleine im Zoo

Beni Frenkel am Donnerstag den 13. Juli 2017

Poetry-Slam im Zürcher Zoo: Eine der Teilnehmerinnen beim Vortrag. (Foto: Beni Frenkel)

Meine drei Lieblingshefte von früher waren: «Mad», «Bravo Girl» und «Musenalp». Letztgenanntes kennen nur Menschen über 30 Jahre. Also müssen wir das kurz erklären: «Musenalp», das war früher so eine Jugendzeitschrift, vor allem von und für Mädchen geschrieben. Die Melanie (12) aus Baden hat zum Beispiel gerade ein Meerschweinchen verloren. Die Trauer muss irgendwie verarbeitet werden. Also schickte sie ein Gedicht an die «Musenalp»-Redaktion: Früher hast du viel geschissen / so dünne, kleine schwarze Böhnchen / Das hat mein Herz gar sehr zerrissen / Ich erzähls dereinst noch meinem Söhnchen.

Diese Plattform gibt es leider nicht mehr. Wer heutzutage einen Gedanken mitteilen will, wird in der Regel Slam-Poet. Das bleibt er dann, bis er etwa 25 ist. Er oder sie steht vor dem jugendlichen Publikum und liest ein Gedicht vor. Am Ende gewinnt der Dichter, der am meisten Applaus einheimst.

Am Montagabend fand so ein Poetry-Slam ausnahmsweise im Zoo statt. Drei junge Dichterinnen und ein junger Poet wählten ein Tier aus und widmeten ihm ein Gedicht. Bevor die Dichter loslegen konnten, bat der Moderator um Aufmerksamkeit. Es gebe eine wichtige Regel für das Publikum: Während der Vorträge soll man nicht nach links oder rechts gucken, sondern aufmerksam in Richtung Dichter. Dann las der Moderator selber ein Gedicht über einen Zitteraal vor: Das hier ist ein Zitteraal / nennen wir ihn Hannibal / So sprach er denn vor langer Zeit / Nun, ich denke, es ist so weit.

Während der Rezitation blickte ich nie nach links oder rechts. Ich weiss, wie schlimm das ist, wenn das Publikum nicht mitmacht. Ich habe selber drei schlimme Lesungen hinter mir.

Die erste Dichterin führte uns zum Teich. Als Inspiration wählte sie die Mandarin-Enten aus: «Mandarin-Enten sind die besseren Menschen.» Eine zweite junge Frau las einen Text über Kamele vor: «Wenn ein Kamel bumst, gibt es neue Kamele. Kamele können in alle Richtungen urinieren.» Die kleinste Slam-Poetin hielt die ganze Zeit eine Bierdose in der Hand.

Nichts liegt mir ferner, als die Darbietungen zu kritisieren. So etwas mache ich nicht. Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas – «Wenn auch die Kräfte fehlen, ist der Wille dennoch zu loben.» Nach dieser Maxime habe ich als Lehrer stets gehandelt. Ich habe immer das Positive gesucht und manchmal auch entdeckt.

Ich will eigentlich über etwas anderes schreiben: Der Zoo Zürich ist am Abend ein Erlebnis. Keine tausend Kinder, die Glace, Ponyreiten oder auf die Toilette wollten. Wir waren ganz alleine im Zoo. Und plötzlich prasselte der Regen auf uns nieder. Mannomann.

Der Himmel verdunkelte sich, Blitze schlugen ein, der Wind blies uns in die Gesichter. Jurassic Park 1, 2 & 3! Jetzt fehlte eigentlich nur noch ein Riesendino, der mich platt drückte.

Der Moderator war sich uneins. Weiter zu den Papageien, damit die kleine Slam-Poetin (die mit der Bierdose) dort ihr Gedicht vortragen konnte? Nein, bitte nicht. Es regnete einfach zu stark. Unter strömendem Regen rannte ich zur Tramstation. Heute hätte ich Ja gestimmt für eine Gondelbahn bis zum Zoo.