Archiv für die Kategorie ‘Nachtleben’

Mas Ricardos letzte Party

Alex Flach am Montag den 21. August 2017
Rici legt in den 90ern auf.

Diese Frisur war tatsächlich mal in.

Die Afterhours im Oxa, die Feten im Rümlanger Grodoonia, das Partylabel Tarot und der Club Sensor – das sind allesamt 90er-Meilensteine des Zürcher Nachtlebens, die zwei Köpfen entsprungen sind. Der eine gehört Ramesh Pednekar, der sich längst aus dem Nachtleben zurückgezogen hat, der andere Ricardo Abenojar Giralte, besser bekannt unter seinem DJ-Pseudonym Mas Ricardo.

Im Gegensatz zu Pednekar ist er heute noch da und sein Name prangt immer wieder mal von einem Party-Line Up. In diesen Tagen wird er 50 Jahre alt und am kommenden Freitag organisiert er im Supermarket seine allerletzte Party. Auflegen wird er zwar weiterhin, aber als Veranstalter wird «Rici» seine persönliche Zürcher Partygeschichte abschliessen: Es ist das Ende einer Ära.

Angefangen hat alles 1991, als er zusammen mit seinem damaligen WG-Kumpel Ramesh seine erste Party organisierte. Es folgten die ersten Tarot-Partys in der Magic Factory, der Alten Börse und auch im Kaufleuten, das damals noch kein Club, sondern eine Eventlocation war. Zur Afterhour, die erste ihrer Art in der Schweiz, wurde Tarot erst 1993 und in seinem finalen Zuhause, dem Oxa.

Mas Ricardo erinnert sich: «Zu Beginn hatten wir nicht gross Zulauf. Damals stand noch der legendäre Helikopter im Oxa, den auch DJ Hell geliebt hat. Es war alles recht familiär: DJs wie Westbam und Sven Väth sind nach ihren Zürcher Sets am Vorabend zu uns nach Oerlikon feiern gekommen. Damals gingen die Partys ja nur bis 4 Uhr morgens, wir haben dann ab 5 übernommen».

Der grosse Durchbruch für Tarot kam etwas später, als das Oxa umgebaut und der Helikopter entsorgt wurde. Ab dann standen die Clubber am Sonntagmorgen in Scharen (sie reisten aus Deutschland, Frankreich und Österreich an) an der Oxa-Kordel und Mas Ricardo war plötzlich einer der wichtigsten Macher in der Pionierzeit des Zürcher Nachtlebens – ein König dem man hofiert.

1994 organisierte er mit Partnern seine erste Afterafterhour im Grodoonia, Partys die jeweils dann startete, wenn die Afterhours im Oxa am Sonntagnachmittag endeten. Kurz danach gründete er zusammen mit Bruno Schiavone, Thomas Noser und Ramesh Pednekar den Sensor, ein Club in Oerlikon für mehr als tausend Gäste in einem Gebäude, das 1999 abgerissen wurde.

Bereits 1996 war  mit den Partys im Grodoonia Schluss und das Oxa hat er dann 2002 verlassen. Mit Folgeprojekten wie dem Partylabel Flinke Finger vermochte Mas Ricardo nicht an seine alten Erfolge anzuknüpfen, zu eng war sein Name mit seinen Marken verbunden die nun unter «Nostalgie» abgelegt waren – neue Partylabels und Clubs hatten ihren Platz eingenommen.

Sollte er deshalb mal verbittert gewesen sein, so hat man ihm das ausserhalb des Kreises seiner Engsten nie angemerkt. Selbst wenn er das Heute mit dem Früher vergleicht schwingt bei ihm keine Wehmut mit: «Klar ist heute die Euphorie der Anfangszeit weg, die nährte sich ja aus einem Pioniergeist, den es heute nicht mehr braucht. Aber ‘professioneller’ bedeutet keineswegs auch ‘schlechter’. Die Jungen haben heute am Nachtleben bestimmt genauso viel Freude wie wir damals.»

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

 

Die Barbaren kommen!

Réda El Arbi am Dienstag den 8. August 2017
Unausprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins umland!

Unaussprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins Umland!

Es gibt in der Menschheitsgeschichte viele Beispiele, in denen eine friedliche Bevölkerung von unzivilisierten Massen überrannt wurde: Die Türken vor Wien, die mongolischen Horden, die Kreuzritter in Jerusalem – und eben die Spasszombies, die jedes Jahr im August über Zürich herfallen. Man kann keinen Widerstand leisten, die Überzahl ist unbezwingbar. Aber man kann fliehen, wenn man sich früh genug vorbereitet. Hier ein paar sichere Horte, an denen Sie diesen Samstag verbingen können:

Die andere Zürcher Stadt

Nur 16 Minuten vor den Toren der Stadt gibts ein Städtchen, das eine eigene, blühende Kulturszene aufweist. Wer Musik mag, die wirklich noch von Menschen an Instrumenten gespielt wird, wird sich an den Musikfestwochen Winterthur wohlfühlen. Je nach Wetter verbringt man den Nachmittag in einem der kleinen Cafes mit dem Lesen eines guten Buchs oder planscht mit den Kids in der Töss, um sich am Abend dann von verschiedenen Konzerten unterhalten zu lassen.

Nordwärts!

Wer dem Niederdorf nachtrauert und wissen will, wie eine lebendige Altstadt aussieht, sollte sich ans Stars in Town in Schaffhausen begeben. Neben verschiedenen Konzerten gibt ein Streetfood-Festival und ein riesiges Nebenprogramm.  Nachmittags kann man sich in Neuhausen am Rheinfall von der Gischt besprühen lassen. Schliesslich war man seit der Schulreise nicht mehr da.

In die Boote!

Wenn wir schon im Norden sind, ist eine kleine Gummibootfahrt auf dem Rhein von Stein am Rhein bis Diessenhofen zu empfehlen. Dazu gibts jede Menge Kultur und Unterhaltung: eine Burg, Wandmalereien aus dem Mittelalter, Pfahlbau-Überreste – und als grossen Joker: Die Minieisenbahn, mit denen man die Kids unterhalten kann. Abends isst man dann Fisch und schaut dem Strassenprogramm des Theaterfestivals nordArt zu.

Zum Feind überlaufen

Für einmal kann man die alte Fehde zwischen Zürich und Basel vergessen und bei den Bäppis um Asyl bitten. Die sind gar nicht so schlimm. Und dieses Wochenende lohnt es sich, Basel einmal zu besuchen: Man kann noch den letzten Tag des Basel Openair miterleben und sich davon überzeugen, dass fremde Kulturen (ja, sogar Basler!) durchaus auch ihren Charme haben.

Gemütlich nehmen

Wer dem Stress der Grossstadt entfliehen will, kann sich nach Bern absetzen. Neben Aareschwimmen und Kaffee in der Altstadt findet man in Bern unter jedem Pflasterstein eine Band. Was in Zürich die Clubs sind, ist in Bern Live-Musik. Von Klassik bis Blues und Rock – in Bern gibts am nächsten Samstag alles.

Ab in die Agglo

Verbringen Sie einen ruhigen, friedlichen Nachmittag am Greifensee und lassen Sie den Abend im Openair Kino in Uster ausklingen. Wir garantieren, dass die Gegend sicher ist, da sich alle ansässigen Barbaren schon früh morgens mit der SBahn in Richtung Stadt aufgemacht haben.

Also, fliehen Sie! Retten Sie sich und ihre Lieben!

Summertime and the living is easy …

Alex Flach am Sonntag den 30. Juli 2017
Rücksicht auf Anwohner und kein Littering: Party on!

(Random picture): Rücksicht auf Anwohner und kein Littering. Party on!

Der Sommer ist in Zürich die Zeit der illegalen Outdoor-Partys. Zwar existiert seit einigen Jahren eine Jugendbewilligung für Draussen-Feten, für die kann aber nur ein Gesuch stellen wer nicht älter als 25 Jahre ist. Diese Praxis scheint sich trotzdem bewährt zu haben und selbst wenn sich der Vorsteher des Polizeidepartements der Stadt Zürich, Richard Wolff, der Ausweitung dieses Bewilligungsverfahrens auf ältere Ravebürger und –bürgerinnen gegenüber nicht unaufgeschlossen zeigt, dringenden Handlungsbedarf scheint er hier keinen zu erkennen.

Also halten sich die älteren Veranstalter mit Faible fürs Feiern unter blauem Himmel an die Tradition der illegalen Durchführung, suchen sich ein Plätzchen ohne unmittelbare Anwohnerschaft und stellen einen laufstarken Freund an die Kasse mit der Anweisung, bei einer allfälligen Sichtung von Ordnungshütern mit dieser die Flucht zu ergreifen.

Ein Vorfall an diesem Wochenende hat hingegen gezeigt, dass das gar nicht nötig ist, wenn man seinen Veranstaltungsort umsichtig wählt und wenn man es bezüglich Lautstärke und Littering nicht an Rücksicht mangeln lässt. Es war ein prächtiger Samstagnachmittag und seit einigen Wochen ist die Ankündigung eines Outdoor-Events durch die sozialen Medien gegeistert, der bereits im vergangenen Jahr für viel Furore in der Szene gesorgt hat, ein House- und Techno-Rummelplatz samt Wahrsagern und mit viel Liebe arrangierten Aufbauten mit nostalgischem Charakter.

Die Adresse des Austragungsortes wurde erst kurz vor Beginn der Party durchgegeben, ein sicherer Hinweis darauf, dass ein Anlass auf ziemlich wackligen Bewilligungsbeinen steht. Und einen ganz kurzen Moment lang hat es auch so ausgesehen, als ob diese Beine einknicken würden: Auf dem Weg von der Tramhaltestelle zum Festplatz (Die Feier war bereits in vollem Gange) wurden meine Begleitung und ich von einem Kastenwagen in Weiss und Orange überholt, der just auf der Höhe des Partygeländes die Fahrt verlangsamte und dann mitten auf der Strasse stoppte. Einen kurzen Augenblick dachten wir darüber nach auf dem Absatz kehrt zu machen und wieder nach Hause zu fahren, gingen aber trotzdem weiter, wenn auch etwas mutlos.

Aber dann: Als wir den Polizeiwagen fast schon erreicht hatten, sahen wir wie ein Arm aus dem Fahrerfenster gestreckt wurde, samt einer sich im Takt der Beats reckenden Faust. Ein Rudel Ordnungshüter grinste uns aus dem Wagen an: «Wie lange macht ihr hier?» fragte der Fahrer. «Bis Zehn oder so. Sonst kommt Richi Wolff und zieht höchstpersönlich den Stecker!», grinsten wir zurück, beides nur Angaben ohne Gewähr (die Party soll dann doch etwas länger gedauert haben und Stadtrat Wolff hatte am Samstag sicher Besseres zu tun als irgendwelche Stecker zu ziehen). Ohne ein weiteres Wort wurde der Motor des Polizeiautos angelassen und die Polizisten fuhren von dannen. Der letzte Clip vom Fest wurde um halb zehn Uhr abends auf Facebook gepostet und schaut nach würdigem Auslaufen samt Wunderkerzen aus.

Nun … bei einem dermassen umsichtigen Vorgehen seiner Leute liegt Richard Wolff vollkommen richtig, wenn er bei einer Ausweitung der Jugendbewilligung für Outdoor-Feste auf ältere Partygänger keinen Handlungsbedarf sieht.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Partypatrioten vs Hudigäggeler

Alex Flach am Montag den 17. Juli 2017
Kann man den 1. August auch ohne kitschiges Brauchtum feiern?

Kann man den 1. August auch ohne kitschiges Brauchtum feiern?

In zwei Wochen feiert die Schweiz Geburtstag. Ein ziemlich in die Jahre gekommenes Guetzli ist sie mit ihren 726 Jahren mittlerweile. Viel anzuhaben scheint ihr die Zeit aber nicht zu können, genau so wenig wie der Helvetia: Auf dem Einfränkler sieht die mit Schild und Lanze bewehrte Dame immer noch frisch und wehrhaft aus wie eh und je: Würde sie die soldatischen Accessoires zuhause lassen, sie hätte keine Probleme an den Selekteuren der Zürcher Clubs vorbeizukommen.

Dennoch tut sich das städtische Nachtleben traditionellerweise schwer damit, den 1. August zu feiern. Auf eine politische Botschaft wird verzichtet und auch auf alles, das den Verdacht der Volkstümelei erwecken könnte. Eigentlich ist der zusätzliche freie Tag nur eine Gelegenheit das Wochenende um eine Partynacht zu erweitern: Im Club Bellevue heisst die Party am 31. Juli Martin Buttrich (ein Verweis auf den Headliner, der da spielt), im Exil ist der unverwüstliche Nik Bärtsch zugange, Friedas Büxe bleibt geschlossen, im Mascotte findet eine reguläre Cool Monday statt und im Hive ein Bisschen Schweizfeiern unter dem Namen Nationale Feierei.

Wer sich den nationalstolzgeschwellten Bauch trotzdem mit einem ordentlichen Stück Geburtstagskuchen in Rot und Weiss füllen möchte, der kann sich an Extellent halten. Seit 2006 stellen die Macher des Partylabels alljährlich am Vorabend des 1. August eine Nationalfeier für Clubber auf die Beine. Dieses Jahr abermals mit einem Strassenfest beim und einer Feier im Plaza, samt Konzerten und DJ-Sets. Dabei wird nicht an Folklore gespart, auch nicht bei den Plakaten, die derzeit in den Trams hängen: Fahnenschwinger, Trachten und Alpenromantik.

Auch das offizielle Zürcher Bundesfeierkomitee, das in diesem Jahr eng mit Extellent kooperiert, spart nicht an Reminiszenzen an die Schweiz von Heidi und Knecht Ueli: Nebst der Rede von Stadtpräsidentin Corine Mauch ist das «Fest mit volkstümlichen Darbietungen» beim Pavillon in der Stadthausanlage und mit der Moderatorin Monika Fasnacht das Highlight, inklusive des Alphorntrios Bärgfridä, der Fahnenschwinger Kerns, der Jodlergruppe Schlierätal und des Ländlertrios Echo vom Hittlidach.

An dieser Stelle ein paar rhetorische Fragen: Was zum Alpöhi haben die Stadtzürcherin und der Stadtzürcher mit dem Programm der offiziellen Zürcher Bundesfeier 2017 am Sennenhut? Wann hört man hier unter dem Jahr mal einen Jodler oder sieht einen Trachtenträger eine Fahne schwingen? Warum wird an der offiziellen 1. August-Feier in der Stadt Zürich die Schweiz der Land- und nicht der Stadtbevölkerung gewürdigt (wobei auch etlichen auf dem Land wohnenden Schweizern bei so viel Haudrauf-Folklore etwas kötzlig werden dürfte)? Und: Gibt es wirklich nichts kulturell Passendes wofür man die Schweiz hochleben lassen könnte, etwas das nichts mit volksdümmlichem Judihui zu tun hat?

Ich denke, ich streck an dem Tag die Füsse in den Zürisee und lass Monika Fasnacht Fasnacht sein. Und freue mich darüber, dass Techno jetzt Zürcher UNESCO-Kulturerbe ist.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Hartes Pflaster

Alex Flach am Montag den 3. Juli 2017
Begeisterung alleine reicht nicht, um einen Club zu führen.

Begeisterung alleine reicht nicht, um einen Club zu führen.

In Zürichs Nachtleben sorgen derzeit diverse Clubs mit Schlagseite und drohenden Schliessungen für Gerede. Sorgen um die hiesige Clublandschaft muss sich deswegen aber keiner machen: Die Stimmen, die von einer Anpassung des Angebotes an die Nachfrage sprechen, verdienen grössere Aufmerksamkeit als jene, die bereits wieder das mottenzerfressene Leintuch des Clubsterben-Gespenstes durch die Gassen geistern sehen.

Dass die Zeiten für Clubbetreiber rauer geworden sind stimmt zwar, aber das hat nur wenig mit dem Nachlassen eines zwar wankelmütigen, sich aber dennoch stets auf hohem Niveau bewegenden Ausgehbedürfnisses urbaner Schweizer zu tun. Das Geld ist da, der damit verbundene Stress ebenfalls und somit auch der erfüllbare Wunsch nach Verdrängung der Alltagssorgen. Und der entlädt sich seit jeher in Wein, Tanz und Gesang.

Nach der Liberalisierung des Zürcher Gastgewerbegesetzes 1998 kam eine Zeit der Experimente und des Erkundens. Plötzlich durfte jeder eine Bar oder einen Club eröffnen und das Risiko dabei zu scheitern war geringer als heute: Die Nachfrage überstieg das Angebot bei weitem und beinahe alle Mitbewerber um die besten Nightlife-Plätze waren ebenfalls Autodidakten, die sich während des Sammelns von Erfahrung bisweilen im Dickicht verirrten und sich dabei auch mal eine giftige Beere in den Mund steckten. Viele von ihnen agierten zuvor in der Freiheit der Illegalität und mussten sich nun plötzlich mit Widrigkeiten wie Sozialabgaben und Bewilligungen herumschlagen.

Von Chaplins «Gold Rush» zu «Modern Times»: Wer heute als Nightlife-Neuling einen Club eröffnet, trifft in seinem wirtschaftlichen Umfeld nicht auf Laien mit denen er sein Leid teilen und damit halbieren könnte, sondern auf Profis mit teilweise 15 Jahren und mehr Berufserfahrung. Und die denken in der Regel nicht im Traum daran dieses Know How mit Newbies zu teilen und sich so ernstzunehmende Mitbewerber zu schaffen.

Einige von ihnen sind an mehreren Clubs beteiligt und die schauen sich jede Option auf eine Neueröffnung erst genau an und lassen sie beim kleinsten Zweifel an ihrer Wirtschaftlichkeit fallen. Ganz anders Neueinsteiger, welche die erste sich bietende Möglichkeit ohne zu zögern ergreifen, die auch grösste Bedenken bezüglich Lage, Konkurrenzsituation oder Raummiete beiseiteschieben, bloss weil sie sich schon immer einen eigenen Club gewünscht haben. Sie eröffnen dann das Lokal ihrer Clubber-Träume und keines das ein Marktbedürfnis deckt: „So schwierig kann das nicht sein: Ich gehe seit Jahren aus und konnte das Ganze auf diese Weise zur Genüge studieren“ – als ob jeder Vielflieger zum Piloten taugen würde …

Und siehe da: Die meisten der Clubs, die nun ins Schlingern geraten sind, wurden von Leuten eröffnet, die vor deren Eröffnung keine Erfahrung mit Führung oder Strategie eines Betriebes der Nachtgastronomie vorweisen konnten und wenn, dann haben sie diese nicht im speziellen und nach eigenen Gesetzen funktionierenden Zürcher Nachtleben gesammelt. Sie sind wie Cockerspaniel unter Wölfen.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Turntable-Sexismus

Alex Flach am Montag den 26. Juni 2017
DJ Konstantin hält Platten auflegen für einen Männerberuf. Wegen des Barts?

DJ Konstantin hält Platten auflegen für einen Männerberuf. Wegen des Barts?

«Ich empfinde es als ungerecht, dass weibliche DJs zurzeit so sehr gefördert werden, obwohl sie meist schlechter auflegen als Männer. Für Frauen ist es wesentlich einfacher, als DJ erfolgreich zu werden, da die wenigen Frauen, die sich für das Auflegen interessieren, unverhältnismässig gepusht werden. Frauen, die eine Karriere in dem von Männern dominierten DJ-Business anstreben, verlieren ihre ‘weiblichen Qualitäten’ und ‘vermännlichen’ zusehends.»

Es ist eine Weile her, dass im Nachtleben Sätze für ähnlich viel Furore gesorgt haben wie diese von DJ Konstantin, Mitgründer des Weimarer Technolabels Giegling, die er einer Groove Magazin-Autorin ins Notizbuch diktiert hat. Die Entschuldigung Konstantins, die Journalistin hätte ihn und seinen schlechten Humor missverstanden, wirkt reichlich verlogen, haben die beiden Giegling-Mitglieder Dustin und Frauke die Ansichten ihres Kollegen doch bereits im selben Artikel bestätigt, in dem dieser seinen sexistischen Nonsense zum Besten gegeben hat:

Diese seien «im Kollektiv eine explizite, wenn auch nicht unbekannte, Einzelmeinung, die nichts mit den Ansichten der restlichen Labelmitglieder zu tun hat». Warum DJing ein Männerberuf sein soll, geht aus seinen bisherigen Statements nicht hervor (von hanebüchenen Aussagen zur Inhärenz des männlichen Macht- und Geltungsdrangs abgesehen): Es gibt keine zentnerschweren DJ-Koffer mehr zu schleppen und zwei, drei Stunden am DJ-Pult stehen und sich zwischendurch einen Drink einschenken kann man nun wirklich nicht als körperliche Schwerstarbeit taxieren. Bleibt also nur die Erklärung, dass in Konstantins klitzekleiner Welt Frauen weniger Sinn und Gespür für die Musik und den Umgang mit ihr haben. Das zu beweisen dürfte Konstantin angesichts der vielen weiblichen Turntable-Grössen wie beispielsweise Magda, Black Madonna, Anja Schneider, Ellen Allien oder Monika Kruse allerdings schwer fallen.

Ein bisschen Kopfnuss-Shitstorm hätte dem Ewiggestrigen also bestimmt ganz gut getan. Was da aber über ihn und sein Label hereingebrochen ist, ist ein brauner Online- und Fachpresse-Tornado, inklusive vereinzelter Buchungsstornierungen von Festivals für Giegling – im Clubbing existiert die Kollektivstrafe offenbar noch. Das wiederum zeugt nun von ziemlicher Verlogenheit seitens Nightlife-Community, denn auch die erdrückende Mehrheit der Schweizer Clubs wurde von Männern erdacht, von Männern gebaut, werden von Männern geführt und nicht zuletzt auch mehrheitlich von Männern bespielt. Konstantin hat eigentlich nur ausgesprochen, womit sich Frauen Wochenende für Wochenende konfrontiert sehen, mit der Tatsache, dass sie vor allem Konsumations-Anheizerchen für paarungswillige Männchen sind, ob vor oder hinter der Bar.

Die Aufregung um Konstantins Chauvinisten-Geseiere in Ehren, aber wenn sich die Herren Clubmacher, Veranstalter, etc. abgeregt haben, könnten sie das Ganze doch zum Anlass nehmen, sich des bisweilen irritierenden Frauenmangels in ihrem direkten Umfeld anzunehmen. Wenn weibliche Gäste doch so gut fürs Geschäft sind … könnte man da nicht mal einer Frau strategische Verantwortung übertragen?

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Aus der Gerüchteküche

Alex Flach am Montag den 19. Juni 2017
«Ui nei! .. und dann hat der Vujo ... »

«Ui nei! .. und dann hat der Vujo … »

Im Nachtleben dauert die Sauregurkenzeit von circa Ende Mai bis Anfang September: Wenn das Thermometer auch nachts nicht mehr unter 18 Grad sinkt bringt man die Leute nicht mehr in den Club.

In dieser Zeit hält das Nachtleben die Füsse still, respektive hält sie in den Zürichsee oder in die Limmat: Neueröffnungen im Sommer sind eine Rarität, ebenso Umstrukturierungen und andere potenzielle Quellen für aufregende Neuigkeiten.

Der Nightlife-Sommer 2017 scheint jedoch die grosse Ausnahme von der Regel zu werden. Angefangen hat alles mit der 20minuten-Meldung, dass Bachelor Vujo Gavric bald eine eigene Bar eröffnen werde. Dabei handelt es sich um die Valmann-Bar, die für kurze Zeit der Microcosmos des ehemaligen Revier-Betreibers Sven Schirmer war, ein im Nachhinein leider als eher kurzlebig zu taxierendes Kreis 1-Subkulturexperiment.

Dann schwenkte das Spotlicht aber schon bald auf den Club Babette, dem Nachfolge-Club des Café Gold, von Mirjam Fuchs in ihrem entsprechenden Tages Anzeiger-Beitrag das verhexte Haus genannt. Eine treffende Bezeichnung, vermochte doch noch niemand einen Club an dieser Adresse über längere Zeit erfolgreich zu führen. Das Babette bricht auf der Strecke zwischen Opening und Untergang aber sämtliche Rekorde: Obschon die Clubmacher mit dem Vermieter langfristige Verträge abgeschlossen hatten, purzelten die Negativmeldungen schon kurz nach Eröffnung im Stakkato auf die Langstrasse, sodass schon nach kurzer Zeit klar war, dass Babette nicht lange in Zürich verweilen und schon bald von dannen ziehen wird.

Und siehe da: Patrique Etter hat den Posten des Geschäftsführers abgegeben, das Babette wurde bereits für geschlossen erklärt, wird jedoch weiterhin künstlich am Leben erhalten, aber ohne die ursprünglich vollmundig angekündigte, feine Technoschiene. Aber nicht nur das Babette und das ehemalige Valmann sorgen für Geschnatter: Das Alice Choo scheint sich endgültig aus dem Zürcher Nachtleben zu verabschieden.

Die Betreibergesellschaft hat scheints Konkurs angemeldet, der Geschäftsführer hat in letzter Zeit gleich mehrmals gewechselt und glaubt man dem städtischen Gemunkel, macht das Gros der Zürcher Clubberschaft einen Bogen um das Lokal. Ebenso das Gallery an der Talstrasse: Auch von dort hört man nicht eben viel Euphorisierendes (Personal- und Leitungswechsel, ändernde Öffnungszeiten, Konzeptänderungen, etc.), das die Hoffnung auf eine lange Bestehenszeit nähren würde. Das Gallery hat erst vor einigen Monaten den Rohrkrepierer King’s Club abgelöst, kurze Zeit beheimatet im vorherigen Stripclub gleichen Namens – die Talstrasse 25 scheint der Langstrasse 83 Konkurrenz um den Rang des verhextesten Hauses Zürichs machen zu wollen.

Wer nun denkt noch mehr Tohuwabohu sei nicht möglich, der ist gut beraten den Traditionsclub Flamingo in den Fokus zu rücken. Gut möglich, dass sich auch dort demnächst bezüglich Clubführung und -konzept etwas tut … Alles in allem eine gute Zeit für Nachtlebende, die zwischendurch mal gerne ein «Ich hab’s doch geahnt» von sich geben.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Der Glanz alter Tage

Alex Flach am Montag den 12. Juni 2017
Stolze Flügel an der Zürcher Pride 2017.

Stolze Flügel an der Zürcher Pride 2017.

Gestern Sonntag ging bei strahlendem Wetter die Pride-Woche zu Ende. Höhepunkt war der Umzug am Samstag, an dem 19‘000 Menschen für gleiche Rechte für alle und insbesondere für lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Flüchtlinge einstanden – Rekord.

Tradition hat auch das Pride-Festival auf dem Kasernenareal, das am Wochenende die Besucher ebenfalls in stattlicher Zahl zu mobilisieren vermochte und wem Massenaufläufe zuwider sind, der konnte auf die alternative «Eyduso? The queer thing Festival» auf dem Kochareal zurückgreifen. Auch wenn der Zuspruch und das Interesse der Zürcher Bevölkerung im Vergleich zu jener in anderen Städten wie beispielsweise Berlin nach wie vor in Grenzen hält, so dürfen die Veranstalter die diesjährige Pride doch getrost als Erfolg verbuchen.

Für viele Pride-Besucher sind jedoch weder der Umzug noch die offiziellen und inoffiziellen Festivals die eigentlichen Highlights sondern die begleitenden Partys. Mit der Kiki-Party in Friedas Büxe, der Ride im Lexy, der Super-Blutt im Kauz und vielen weiteren Feten konnte sich auch diese Seite der diesjährigen Pride sehen lassen. Diese Partys haben aber auch offengelegt, wie sich die Rolle der Queers im Zürcher Nachtleben im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre verändert hat, denn sie waren häufig kaum von den üblichen Clubnächten zu unterscheiden.

Das war früher einmal anders: Clubs wie das Labyrinth, das Aera und diverse queere Partylabels waren in den 90er- und den Nullerjahren die Motoren und unablässig sprudelnde Inspirationsquellen der Szene, der kreative Pool aus dem sich sämtliche Club- und Partymacher die Ideen fischten. Die grossen Schwulenclubs sind längst aus dem Stadtbild verschwunden: Kleine Lokale wie der Heaven Club im Niederdorf oder die Heldenbar am Sihlquai haben ihren Platz eingenommen und queere Events von Partylabels wie Kiki oder Behave sind (von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen) bezüglich Look und Line Up deckungsgleich mit ihren heterosexuellen Pendants.

Einige verorten den Grund für den Rückzug der Schwulen aus der Führungsrolle des Nachtlebens beim Aufkommen von Dating-Plattformen, andere sind der Ansicht, dass es im Clubbing nichts Neues mehr auszuprobieren gibt, dass alles schon einmal gemacht wurde.

Der DJ, Veranstalter und ehemalige Mitbetreiber der Clubs Pfingstweide und Café Gold Patrick Juen vermag dieser Entwicklung aber auch Positives abzugewinnen: «Die Zeiten, als die Queers das Nachtleben dominierten und sich dort ihre eigenen Nischen schafften, sind vorbei, denn wofür viele gekämpft haben, ist heute zumindest teilweise Realität: Nämlich eine offene Clubbing-Kultur in der jeder und jede sich selber sein kann». Dennoch kommt auch bei ihm bei der Erinnerung an die glorreichen Sturm- und Drangjahre des Zürcher Nachtlebens etwas Wehmut auf: «Das Pride-Wochenende eröffnet die Chance sich wieder einmal so richtig auszuleben und damit auch die alten Zeiten hochleben zu lassen».

Glaubt man dem Feedback der Clubschaffenden, so hat die Pride 2017 auch dieses Ziel erreicht. 

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

«Wääk, Sommer!»

Alex Flach am Montag den 29. Mai 2017
Wozu Club, wenn man draussen tanzen kann?

Wozu Club, wenn man draussen tanzen kann? Zumindest bis um 22 Uhr der Stecker gezogen wird.

Der Sommer ist nach Zürich zurückgekehrt und alle freuen sich. Alle ausser jenen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Betrieb eines Fonduestüblis oder eines Clubs bestreiten.

Derweil sich die professionellen Zürcher Käseschmelzer immerhin auf die Witterungsunabhängigkeit der kulinarischen Neugier ausländischer Touristen verlassen können, mussten die Zürcher Nachtmacher erstmals in diesem Jahr Bekanntschaft mit der meteorologisch motivierten Sommer-Fahnenflucht ihres Stammpublikums machen: Petrus, hierzulande meist ein zuverlässiger Verhinderer von wochenendlichen Outdoor-Aktivitäten, war den Zürcher Club-Cäsaren der mit Grillzange meuchelnde Brutus auf der Senatstreppe.

Die städtischen Clubberinnen und Clubber hat es wenig gekümmert, denn mit Partys am Oberen Letten, auf dem Üetliberg, der Allmend oder in einem direkt an der Limmat gelegenen Lokal, standen ihnen genügend Frischluft-Alternativen zu Verfügung um sich die so dringend benötigte Dosis Beats und Bass zu verabreichen.

Jedoch scheinen sich die Veranstalter dieser (tagsüber stattfindenden) Feste bisweilen gegenseitig das Wasser abgegraben und potenzielle Gäste abgezwackt zu haben: Die eine oder andere Party scheint die Erwartungen in ernüchternder Manier unterboten zu haben. Aber die Macher nur mässig besuchter Draussenfeste waren an diesem Wochenende nicht die am ärgsten Gebeutelten, sondern die Chefs von Clubs ohne akzeptablen Aussenbereich, wie ihn beispielsweise das Hive oder der Supermarket ihr Eigen nennen.

Wenn auch die beiden genannten Lokale ihre Gäste nicht in gewohnter Anzahl zu mobilisieren vermochten, im Vergleich zu den reinen Indoor-Clubs waren sie klar im Vorteil: Dort gerieten selbst einige «todsichere» Nummern, Partys bei denen die Konstellation aus Club, Veranstalter und Line Up üblicherweise Garant für eine rappelvolle Tanzfläche ist, zu melancholischen Einsamkeiten mit eremitärem Anstrich.

Nun ist es aber nicht so, dass sich die Clubchefs wegen des wetterbedingten Umsatzeinbruchs an diesem Wochenende in Selbstmitleid suhlen und der Verzweiflung ergeben: Im Unterschied zu der auch durch Unerfahrenheit geprägten Aufbruchzeit elektronischer Clubs in den 90er Jahren, verfügen professionell agierende Nachtleben-Treibende heute über genügend monetäre Mittel und Know How um die Baisse der heissen Sommermonate unbeschadet zu überstehen.

Das Ausbleiben der Gäste während der heissen Wochenenden zwischen Mai und September ist einkalkuliert und einige Lokale, wie beispielsweise die Friedas Büxe in der zweiten Junihälfte, schliessen gar für ein paar Wochen im Wissen, dass sie mit 30 Grad Aussentemperatur nicht konkurrieren können. Jedoch gibt es auch den einen oder anderen Club der wider Erwarten noch nicht im Zürcher Nachtleben angekommen ist, dessen Betreiberschaft noch auf kein genügendes finanzielles Polster zurückgreifen kann und der sich deshalb leider kaum in den Herbst retten können wird: Der Sommer 2017 wird mit grosser Wahrscheinlichkeit einigen Spreu vom Weizen trennen.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Sehen und übersehen werden

Thomas Wyss am Samstag den 27. Mai 2017

Der Mensch, das liest man nun, da die künstliche Intelligenz ihren Latschen ins globale Torportal gestellt hat, auffallend oft, sei die beste und komplexeste Maschine, die seit Menschengedenken konstruiert worden sei (vielleicht hegen die, die es schreiben, die Hoffnung, es wirke wie autogenes Baldrian und würde unsere geplante Meuterei gegen die Algorithmen verhindern oder so).

Und wenn das für Menschen ganz allgemein gilt, gilt das für Zürcher Menschen selbstverständlich im Besonderen – als Stadt mit der zweithöchsten Lebensqualität verfügen wir über die schlicht optimalen Triple-B-Reproduktionsbedingungen: Bio-Natura-Fleisch (mit vielen feinen Proteinen für die Virilität), Bico-Matratzen («für ä tüüfä gsundä Biischlaaf») und Bugaboos (für genügend Frischluftzufuhr; mit diesen Kinderwagen können die Dadster die gedeihende Brut gar joggend ins Lieblingscafé und zurück in den gentrifizierten Loft verfrachten).

Dennoch, wir wollen das nicht beschönigen, ist selbst die formidable Zürcher Menschmaschine bisweilen überfordert (zumindest jene in der Standardausführung) – und wenn das passiert, dann oft in Situationen wie am vergangenen Mittwoch an der fidelen Geburtstagsfeier der Rio-Bar.

Denn die famose Rio-Bar ist eines der wenigen lokalen Lokale, dessen Partys man (und frau, die Damen sind bei uns immer mitgemeint, Ehrensache!) selbst dann nicht verpasst, wenn man nicht mal eingeladen ist. Darum hat es an diesen Sommerfeten stets entsprechend viel Volk, darum gibt es da entsprechend viel zu sehen: Achseln, Bäuche, Chnüü, Décolletés, Ellen, Füsse, Glatzen, Hintern, Iriden, Jesussandalen, Knorpelschäden, Lippen (mit Botox, Gloss oder Herpes), Muskeln, Nasen, Ohren, Patellasehnen, Rücken, Schnäuze, Taillen, Unterschenkel, Verstauchungen, Wangen, X-Beine, Yin- und-Yang-Tattoos, Zähne (notabene häufig in exzellenter Ausführung) – und all die fancy Kleider, Smartphones, Velos und so weiter und so fort sind da noch nicht einmal inbegriffen!

Entweder ist man im Augenblick dieses Anblicks bereits entspannt betrunken und bekommt all das nur noch ungefähr mit. Oder man gehört zum inneren Kreis, hat schon vier bis fünf Rio-Geburtstage mitgemacht und weiss, wie man sich in einem solchen Menschenmeer psychisch wie optisch über Wasser hält (zu diesem Thema gibt es dann in unserer Gebrauchsanleitung mal noch einen Sonderbeitrag). In allen anderen Fällen jedoch erleidet man dasselbe Schicksal wie einst der Flipperkasten, dem man aus Wut über den Kugelverlust in die Seite trat, nämlich den Tilt, das ins Gesicht geschriebene «Game over». Weshalb das Los des Abends fortan «sehen und übersehen werden» lautet; so sind sie, die ungeschriebenen Gesetze des Zürcher Ausgangs.

Was tun? Schwierig, auf diese Frage einen nachhaltigen Rat zu geben (wir empfahlen bislang immer, in solchen Schieflagen einfach so zu tun, als würde man sich bestens amüsieren, aber eine souveräne Lösung ist das natürlich nicht). Dafür war am Mittwoch in der Rio-Bar mitzuerleben, was eher nicht getan werden sollte: Ein Menefreghista im Sommeranzug meinte, er könne mit dem Spruch «Ich bin ein VIP» die überlange Schlange zu den Toiletten ignorieren. Als er vom Klo zurückkam, sagte eine Frau: «Hey, würdest du ein Shirt mit der Aufschrift ‹Ich bin auch ein arrogantes Arschloch› tragen, wär Deine Aktion eben fast noch originell gewesen.» Hohn und Spott der Umstehenden war derart immens, dass der «VIP» dann rasch das richtig Weite suchte. Ja, in solchen Momenten ist unsere friedliche kleine Stadt gnadenloser, als es der sagenumwobene Wilde Westen war.