Archiv für die Kategorie ‘Höflichkeit’

Eine Glacegeschichte (7)

Thomas Wyss am Samstag den 12. August 2017

Zuerst, dachte ich, entledige ich mich der Jacke (damit man mein cooles Che-Guevara-Shirt sehen kann), recke martialisch die Faust in die Luft, rufe «Sin perdón!» und steche ihm mit einem Rambo-Messer beide Pneus auf. Während es dann elend röchelnd die Luft verliert, zerschlitze ich den Sattel, malträtiere mit dem mitgebrachten Vorschlaghammer Pedalen, Rahmen und Speichen bis zur Stufe «irreparabel», und schliesslich übergiesse ich das, was von diesem scheusslichen O-Bike noch übrig ist, mit Benzin und zünde es an.

Dazu entrolle ich trotz der Hitze möglichst feierlich mein im Hausbesetzerstyle gestaltetes Transparent, auf dem steht: «Singapore! If I spit a spearmint chewing gum on your ground, I get penalized as I if were an outlaw… and now you think you can spit – figuratively speaking – a giant yellow-grayblack O-Bike chewing gum on my town without getting punished? Forget it!» (Auf Deutsch: «Singpur! Wenn ich bei dir einen Spearmintkaugummi auf den Boden spucke, werde ich gebüsst, als ob ich ein Gesetzloser wäre… und jetzt meinst du, du könntest – bildlich gesprochen – einen gigantischen gelbgrauschwarzen O-Bike-Kaugummi auf meine Stadt spucken, ohne bestraft zu werden? Vergiss es!») Dieses Transpi halte ich minutenlang grimmig dreinblickend in die mich filmenden Smartphones der deppert bis schockiert dreinblickenden Touristen – und all das am helllichten Tag, mitten in Zürich!

Dann dachte ich, dass es echt ziemlich krank wäre, so was zu tun. Umso mehr, als ich ja in letzter Zeit richtiggehend stolz war, endlich meine innere Mitte gefunden und diese auch in ansprechend gesunder Balance gehalten zu haben. Weiter dachte ich, dass ein Velo ja wahrscheinlich auch so was wie einen Astralleib oder zumindest eine Integrität besitzt, die zu verletzen unter einem ethisch-moralischen Gesichtspunkt betrachtet einer schweren Sünde gleichkommen würde.

Ein nächster, sehr bitterer Gedanke: Wie bünzlig meine Haltung doch war – bloss weil das eine oder andere O-Bike seit einer Woche meinen angestammten Veloparkplatz vor der Tamedia besetzte, wäre ich bereit gewesen, einen kleinen Velo-Jihad loszutreten? Pervers peinlich! Aber noch weit schlimmer: Mit dieser Attitüde lag mein Ich, das sich auf der Leinwand des Lebens immer gern in der Rolle des eigenwilligen Modern Hippie gesehen hat, plötzlich voll auf der aktuellen Mainstream-Züri-Linie… mich schauderte kurz, aber gründlich, wohl im Wissen, dass man so was nicht einfach mit gut duschen wieder wegbringt.

Ja, all das dachte ich. Und plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich heute doch mit dieser Glacekulturgeschichte hatte weitermachen wollen (deshalb auch der Titel), und dass es glaub Teil 3 gewesen war, in dem ich Variationstipps des legendären Aeschlimann-Eiskaffees versprochen hatte. Les voilàs.

Tipp 1: Statt dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace nehme man zwei Kugeln Kaffeeund eineinhalb Kugeln Schoggiglace, alles andere bleibt gleich – die Creme wird etwas süsser, farblich entsteht ein hübscher Zebraeffekt.

Tipp 2: Man gibt 4 cl Zuger Kirsch in die fertige Glacecreme und rührt nochmals kräftig um. Auf süssere Art kann der «Ouuii, ich han es Schwippsli»-Zustand kaum erreicht werden.

Eine Glacegeschichte (4)

Thomas Wyss am Samstag den 22. Juli 2017

Ein zeitgeistiger Zeitungsredaktor würde jetzt stöhnen: «Ach Leute, bitte, so geht das nicht, so kommen wir mit dieser Sache nie ins Ziel… es gibt doch wirklich noch andere und vor allem wichtigere Themen… wieder und wieder auf dieser Sache rumzureiten – Pardon: an dieser Sache rumzuschlecken –, ich weiss nicht, das ist doch nicht nötig, das wird echt langsam öde.»

Ein Vertreter der guten alten Schule würde dagegen erst mal betont höflich sagen: «Merci villvillmal!» Danach würde er aus schierer Freude am Leben eine (natürlich rein imaginäre; die echte könnte er sich gar nicht leisten, zudem sei Rauchen ja glaub ungesund) Habano anzünden – notabene aus dem Anbaugebiet Vuelta Abajo – und diese Scheinzigarre würde er genauso genüsslich paffen, wie der grosse FCZ-Präsident Edi Nägeli selig nach den sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen seine realen Triumph-Stumpen paffte (ich bin übrigens ziemlich sicher, dass er das morgige Derby, Fliege, Hornbrille und Hut inklusive, von der himmlischen Ehrentribüne aus mitverfolgen wird). Und wenn der fette Glimmstängel beendet wäre – also wohl ungefähr jetzt –, würde er für alle Leserinnen und Leser, die bislang nur dezent amüsiert die Stirn runzelten, endlich Klarheit in dieses textliche Dunkel bringen… ja, und genau das will ich alter Schüler nun tun.

Fakt nämlich ist: Obwohl diese Beiträge zur Zürcher Glacekultur offenkundig geprägt sind durch eine ( je nach Sichtweise bedenkliche oder erstaunliche) Brisanzarmut, haben sie Post bewirkt. Emotionale Post sogar, auf die ich selbstverständlich eingehen will. Was wiederum weitreichende Folgen hat. Die erste: Das für heute angekündigte Programm wird – wie bereits die Programme der letzten Wochen – kurzfristig über den Haufen geschmissen. Die zweite: Die Serie, ursprünglich als Zweiteiler angedacht, wird lang und länger. Die dritte: Die Begeisterungsstürme, die diese Spontanverlängerung auslöst, sind (charmant formuliert) nicht überall gleich hemmungslos. Die vierte: Statt zu kuschen, rufe ich «Watsky!» (das ist vergleichbar mit Trumps «covfefe», bloss konkreter) und versuche nun, die längste Glacekultur-Serie in der langen Geschichte dieser Stadt zu bewerkstelligen. YEAH! (Okay, yeah! genügt auch).

So, genug aufgeklärt, reden wir über die zuvor erwähnte Post. Die zuerst in Form eines Mails von Herrn Rothenhäusler eintrudelte. Er schrieb, er liebe «nur die weisse Glace vom altmodischen Cassata (die mit den kandierten Früchten)», doch keine einzige Gelateria weit und breit habe Cassata im Angebot («nicht mal die mit 100 Sorten»), er verstehe das nicht. Echt wahr? Ist dieser italienische Klassiker, der im Original «Cassata alla siciliana» heisst, in Zürich nicht mehr erhältlich? Wer anderes weiss, bitte melden!

Ja, und dann kam der Brief von Frau Spieler. Das kindliche Eiskaffee-Erlebnis, das sie darin schildert, ist derart herzig und köstlich, dass es sünd und schad wäre, damit die wenigen hier verbleibenden Zeilen zu füllen; wir machen das lieber ausführlich in Teil 5 am nächsten Samstag – und rufen jetzt stattdessen nochmals alle Zürcher Wurstsalat-Könner dazu auf, unsere Farben heute Abend an der Wusa-WM in Frick AG würdig zu vertreten!

Der letzte Eindruck

Thomas Wyss am Samstag den 3. Juni 2017

Im Geschäftsleben, heisst es, habe man keine zweite Chance, um einen ersten Eindruck zu machen. Stimmt wohl. Selbe Regel sollte aber auch am anderen Ende der Skala gelten – also beim letzten Eindruck, dem Adieu beim Stellenwechsel oder Erreichen des Rentenalters. Dieser Abgang sollte stilvoll und adäquat, sprich den kulturellen und sozialen Umständen angepasst sein.

Wir nehmen an, dass jetzt vielerorts zustimmend genickt wird (wir können das nicht überprüfen, wir sind drum im Piemont, wo wir heute Abend beim Genuss eines fantastischen Achtgängers zusehen werden, wie in Cardiff eine elegante «Alte Dame» einer Gang von Lackaffen die Gelfrisuren zerzausen wird… o ja, bitte-bitte-bitte, grosser Fussball-Manitu, lass es so sein, lass uns gewinnen! Ich werde zum Dank die nächste Saison nichts Herablassendes über Basel und die Bayern schreiben, heiliges Ehrenwort! Oder wenigstens in der Vorrunde, das schaff ich!); da und dort wird nach diesem Intro aber bestimmt auch einer maulen: «Also echt jetzt, das versteht sich doch von selbst, diese Züricher Gebrauchsdingens hier ist auch nicht mehr, was sie mal war, und dafür bezahlt man teures Abogeld! Damit könnten wir uns auch Gescheites leisten, vielleicht Sylt, oder einen Jahresvorrat Spreewald-Gurken, es gäbe da zweifellos gute Optionen.»

Wir erwidern darauf: Diese Züricher Gebrauchsdingens hier war noch nie richtig gut (und darum früher auch kaum je besser), doch wahrscheinlich war sie noch nie so wichtig wie heute! Weil sie heute – siehe PS – wirklich Wichtiges zu verkünden hat. Weiter erwidern wir, dass sich das tatsächlich von selbst verstehen müsste, dass die Realität (die folgenden drei Beispiele sind nämlich wahrhaftig passiert!) jedoch dramatisch anders aussieht.

Wenn eine kleine Angestellte über die Hälfte des Essens, das sie für ihren Abschiedsapéro kaufte, zur Heilsarmee tragen muss, weil über die Hälfte der angekündigten Kolleginnen und Kollegen unentschuldigt fernbleibt, ist das – sorry – beschissen. Wenn sich ein KMU-Manager etwa zwei Monate nach der freiwilligen Kündigung von Mitarbeiter XY beim Personalchef erkundigt, wies eigentlich um Mitarbeiter XY bestellt sei, er habe den länger nicht mehr gesehen, ist das – nochmals sorry – nochmals beschissen. Und wenn man einer treuen Seele, die 42 (!) Jahre im Unternehmen tätig war, das Dienstaltersgeschenk in Form des doppelten Lohnes verweigert, bloss weil der Verwaltungsrat knapp zwei Wochen vor der Pensionierung der treuen Seele die Abschaffung solcher Geschenke beschlossen hat, ist das… ach, echt.

Auch unsere Zeitung hat was abgeschafft, nämlich die Erwähnung «Mit diesem Artikel verabschiedet sich…». Die ultimative Würdigung passte wohl einfach nicht mehr so zu unserem hektisch fluktuierenden Zeitgeist, schade ist es allemal. Tja.

PS: Mit diesem Artikel möchten wir unsere liebe Kollegin Denise Marquard verabschieden, sie geht in den sehr verdienten Ruhestand, und wir werden sie sehr vermissen.

PPS: Ich hatte das schon mal publik gemacht, aber ein Reminder schadet nie: Möchte man mir dann bei meinem Abschied einen guten letzten Eindruck machen, schenke man mir am besten einen Chariot de Fromage. Mässi.

Der lokale Lauschangriff

Thomas Wyss am Samstag den 20. Mai 2017

Wir kennen das ja alle: Hocken am Samstagnachmittag mit den Eltern im Honold, mampfen Butterbretzeli, Lachscanapés, Mohrenköpfe (ist es nicht seltsam, dass man diverse Kinderbuch-Klassiker wegen Rassismus umgeschrieben hat, diesen Patisserie-Klassiker-Rassismus aber locker ignoriert, so à la «Isch doch wurscht, Hauptsach, d Vanillefüllig isch fein!») und anderes Köstliches, das der Hausarzt nicht eben wärmstens empfiehlt, und klagt dabei laut über Gott und die Welt, im Stile von «Ich sage euch, unsere Firma wird immer knausriger, jetzt machen die sogar auf ‹Ich bin auch ein Tram›, sprich, die haben uns die Abfallkübel weggespart – und glaubt man dem jüngsten Gericht, ääääh, Gerücht, wirds bald noch vernichtender» (Anmerkung: Das Zitat ist frei erfunden, etwaige Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig), und während die Eltern bedächtig nicken – sie haben solchen Quatsch schon oft genug gehört –, werden die Ohren an den Nebenplätzen im selben Verhältnis grösser, wie der Monolog an Brisanz zulegt.

Yep, wir sind beim Thema Lauschangriff – was einerseits eine üble Zürcher Saumode beschreibt und andrerseits eine faszinierende Zürcher Band war. Die vor zehn Jahren am Taktlos-Festival in der Roten Fabrik spielte. In der Vorschau war zu lesen: «Trickreiche und abgefahrene Psychedelik kann in eine Persiflage von Björk münden.» Oder: «Sie fräsen durch ungerade Metren, lassen die Musikgeschichte ungehobelt vorbeiziehen und zerdehnen die Beats wie einst Captain Beefheart und seine Magic Band.» Was zeigt, dass man a) diese Band unbedingt mal hätte live erleben müssen, und dass man b) hierzulande einst ganz ordentlichen Journalismus fabrizierte.

Damit zum Lauschangriff als Unsitte. Die nicht allein im Honold zu beobachten ist, nein: Davon betroffen sind alle In-Bars, Plaudertaschen-Cafés, Gartenbeizen, Szene-Badis, Nobelrestaurants etc. auf Stadtgebiet mit tendenziell leiser Grundgeräuschkulisse, tendenziell interessantem Publikum und tendenziell enger Tischordnung (im Kanton, dies als Randbemerkung, sind Lauschangriffe kaum bekannt; da sorgen Buschtelefone und Stammtische dafür, dass heisses Zeugs die richtigen Empfänger findet). Bene, kommen wir zu vier zentralen Aspekten im Kontext des Zürcher Lauschangriffs.

1. Je teurer und/oder trendiger das Lokal, desto besser die Infos. Konkret: In der Kronenhalle ergattern Lausch­angreifer meist qualitativ guten Gossip; lohnenswerte Lokale sind derzeit auch das Co Chin Chin im Kreis 5 und das Binz & Kunz an der Räffelstrasse.

2. Nicht mehr neu, aber noch immer in 93 von 100 Fällen erfolgreich: Wenn man beim Fremdhören so tut, als sei man grad mit einem guten Kumpel mitten in einem Handygespräch.

3. Früher fragte man enttarnte Lauscher: «Und, alles verstanden? Oder soll ich Ihnen eine Zusammenfassung schicken? Falls ja, bräuchte ich einfach die Adresse.» Heute ists leider gang und gäbe, dem in flagranti ertappten «Sünder» die halbe Zuckerdose übers Cordon bleu zu kippen (souveräner wäre es, sofort nach dem Bemerken Hugo Balls Lautgedicht «Gadji beri bimba» oder Ähnliches zu rezitieren).

4. Menschen, die sichtbar angestrengt in der Gegend rumhorchen, sind im Normalfall keine Lauschangreifer, sie haben wahrscheinlich bloss das Hörgerät zu Hause vergessen.

Das Glossar zum 1. Mai

Thomas Wyss am Samstag den 29. April 2017

Das mag erstaunen, doch in diesem Beitrag geht es tatsächlich um Respekt. Sogar um die De-luxe-Variante, den sogenannten «gegenseitigen Respekt». Auf der einen dieser Gegenseiten steht die Polizei (respektlos auch Bullen, Polente, Tschugger etc. genannt), auf der anderen die Demonstranten des Schwarzen Blocks (respektlos auch Cha- oder Idioten, Gesindel, Luusbuebe etc. genannt).

Wer sich jetzt sorgt, sei beruhigt: Natürlich greift das Gebrauchsanleitungsteam nicht aktiv in den 1.-Mai-Strassenkampf ein (weder mein Kollege Brusa noch ich verfügen über genügend Shaolin-Kung-Fu-Skills, auch sind wir beide keine Moses-ähnlichen Erscheinungen, die Massen beruhigen und Wasser teilen könnten), nein, wir möchten durch Worte – siehe Glossar – Hand bieten, damit sich die Rivalen die Hände reichen können, wenigstens verbal.

Oder ganz ohne Pathos: Es ist kaum ein Nachteil, wenn der Demonstrant den offiziellen Namen des Polizeifahrzeugs kennt, das ihn über den Haufen fährt (damit er es dann korrekt verfluchen kann, und nicht fälschlicherweise einen Gitterwagen mit «Du Scheiss-MTW-Karre!» anschreit). Und wenn der Polizist dem Kärli, der dem ungünstig parkierten BMW grad die Frontscheibe zertrümmert, zuruft: «Das gibt fünf Ultra-Punkte, Bro!», zeichnet das allenfalls ein mildes Lächeln aufs vermummte Gesicht.

So, und hier nun das Glossar

Gemeine Kabelbinde: Synonym für Plastik-Handschellen.
Gitterwagen: Polizeijeep mit Gitter.
Greifer: Speziell geschulte Polizisten, die gezielt Demonstranten aus dem Schwarzen Block herausholen.
– Gummischrot: Hartgummimunition, kann Augen zerstören.
– Kessel: Mediale Bezeichnung für eine Polizeiumzingelung. Berühmt ist der «Kessel von Altstetten», bei dem 2004 427 FC-Basel-Fans am Bahnhof Altstetten eingekesselt wurden (die Allschwil-Posse hat darüber einen Rap gemacht).
Konservativer Abbau: Ironisch angelehnt an Revolutionärer Aufbau; meint die von Entsorgung & Recycling nach der Strassenschlacht mit Besen, Kehrichtwagen etc. geleistete Müll- und Scherbenbeseitigung.
Mehrzweckwerfer: Waffe für Gummischrot und Tränengas.
– MTW: Mannschaftstransportwagen, er bringt grössere Polizeieinheiten zum Einsatzort.
Neptun: Polizei-interner Funkbegriff für den Wasserwerfer.
Revolutionärer Aufbau: Eine antikapitalistische, marxistisch-leninistische Organisation. Vereinfacht gesagt: das politische Fundament des Schwarzen Blocks.
Reizstoff: Euphemismus für das nicht wirklich freudige Tränengas.
Rote Welle: Die auf Radio Lora ausgestrahlte monatliche Sendung des Revolutionären Aufbaus.
Stauffacher: a) zentraler Ort im Kreis 4, am 1. Mai oft Schauplatz von Strassenkämpfen; b) unverwüstliche Linksaktivistin, Mitgründerin des Revolutionären Aufbaus; c) Pseudonym für ältere 1.-Mai-Gaffer, angelehnt an Rütlischwur-Protagonist Werner Stauffacher.
Ultra-Punkte: Anerkennungswährung unter Ultras (beispielsweise gibts acht Ultra-Punkte, wenn man sich «FCZ» auf die Eichel tätowieren lässt). Ob am 1. Mai auch Ultra-Punkte verteilt werden (und falls ja, wofür), konnten wir bis Redaktionsschluss nicht herausfinden.
– Unfriedlicher Ordnungsdienst: Polizeibegriff für Einsätze an unbewilligten Demos.
Wawe: Kurzform für den Wasserwerfer 9000; das unrühmlich berühmte Zürcher Polizeigefährt, das es gar als Bastelauto (im Massstab 1:87) gibt, und das Vermummte mit harten Wasserstrahlen beschiesst.
Zivi: Kurzform für Zivilpolizist; er trägt fancy Outdoor-Kleidung ( Jack Wolfskin, Northface) und mischt sich gern unter die Gaffer, um von da den Kampfmonturkollegen Hinweise zu geben. Sieht VBZ-Kontrolleuren sehr ähnlich.

So finden Sie eine Wohnung

Nicola Brusa am Samstag den 25. März 2017

 

In dieser Stadt reisst eine Klage seit Jahren nicht ab: Es gibt da draussen keine zahlbaren Wohnungen. Aus dem kämpferischen «Wo-Wo-Wohnige!» wurde irgendwann ein resigniertes «Wo? Wo? Wohnige?»

Wenn dann doch mal eine frei wird, die man sich ohne auf das Auto und den Parkplatz und ein bisschen Spass im Leben zu verzichten leisten kann, dann kriegt man sie sicher nicht. Nach langen Recherchen können wir Ihnen heute aber eine Anleitung präsentieren, die zumindest in einem gesicherten Fall zum Zuschlag einer schönen, zahlbaren 2-Zimmer-Wohnung an guter Lage geführt hat. Sie können es natürlich auch nach meiner ganz persönlichen Methode machen und darauf vertrauen, dass Dumme Glück haben. Wenn Sie bis hierhin gelesen und alles verstanden haben, besteht allerdings eine erhebliche Gefahr, dass Sie sich unterschätzen.

Zurück zur 2-Zimmer-Wohnung. Es herrschten bei der Besichtigung nicht gerade Zustände wie damals, als die Türen der Neu-Überbauung an der Kronenwiese für Interessenten offen- und die Interessenten einmal um den Block anstanden. Aber auch in unserem Beispiel haben sich an jenem Tag gefühlte 200 Personen in der Wohnung eingefunden. Was der Druck auf dem Markt mit Wohnungssuchenden macht, zeigt unser Beispiel übrigens auch: Gemäss der zuständigen Verwaltung waren «nur» rund 100 und bei weitem nicht 200 Personen interessiert.

Eine von ihnen hat schliesslich den Zuschlag erhalten. Die Frage, die sie fortan umtrieb: Weshalb gerade ich?

Bewerber schrecken für gewöhnlich vor nichts zurück, um die Liegenschaftenverwaltung von ihren Mieterqualitäten zu überzeugen. Sie kratzen nicht selten an der Grenze zur Bestechung, wenn sie die Unterlagen persönlich vorbeibringen («Ich war gerade in den Nähe») statt sie per Post einzureichen. Und auch noch einen Blumenstrauss oder ähnliches mitbringen («Sie haben ja sicher einen wahnsinnig strengen Job!») und ein Foto der ganzen Familie auf der Coach auf dem Trottoir vor dem Haus anheften («Wollen Sie wirklich, dass es soweit kommt?»).

Von all diesen Strategien hat unsere glückliche Mieterin keinen Gebrauch gemachte. Sie hatte ihrer Bewerbung weder Kinderzeichnungen beigelegt noch selbergemachte Pralinen mitgeschickt. Ja, noch nicht mal einen Motivationsbrief schrieb sie, der darüber Auskunft gab, weshalb nun gerade sie unglaublich geeignet wäre, diese Wohnung zu bewohnen. Und sie sah als kinderlose Unverheiratete auch davon ab, ein Foto ihrer beiden Patenkinder in Afrika beizulegen («Was dank der vernünftigen Miete übrigbleibt, kommt ihnen zugute. Sind sie nicht süss?»). Sie konzentrierte sich auf das Nötigste: Formular ausfüllen, Betreibungsauskunft besorgen, fertig.

Nach der Unterzeichnung des Mietvertrags begann sie nach der Antwort auf ihre Frage zu suchen: Weshalb habe ausgerechnet ich diese Wohnung erhalten? Die Antwort war so einfach wie diskriminierend: «Sie haben eine schöne Handschrift.» Ob sie gegen eine kleine Aufmerksamkeit wohl auch für dritte Formulare ausfüllen würde? Selber gemachte Pralinen vielleicht? Blumenstrauss? Essigmutter? Kinderzeichnung? Eine Wurst am vorderen Sternen?

Saunaregeln (4 bis 10)

Thomas Wyss am Samstag den 4. März 2017

Dass die Sauna ein heisses Pflaster ist (ungefähr jedenfalls), war uns bekannt. Dass gewisse Gemüter jedoch bereits bei einer Lektüre über regelkonformes Schwitzen derart überhitzen, dass sie die Contenance verlieren und eine wüste Schlammschlacht veranstalten (und das quasi mitten in der Sauna! Beim Sequel von Monty Pythons «The Meaning of Life», würde er je realisiert, wäre diese Szene Pflicht!), nein, damit hätten wir nicht gerechnet.

Konkret spielte sich die «Debatte» in der Zone der Onlinekommentare ab, wo ja seit längerem eine Art verbales Faustrecht gilt. Es begann letzten Samstag mit der weiblichen Attacke auf «erbärmliche Würstchen» und unkontrollierbare «Wurmfortsätze», es folgten derbe männliche Konter; Sexismus-Theorie inklusive. Weiter wurde erklärt, was im Kopfkino tatsächlich (ab)läuft, ein Mann gab uns ungefragt Saunaregel Nr. 11 mit auf den Lebensweg (für die er andernorts wohl erbarmungslos verprügelt worden wäre), und schliesslich war da noch der Exil-Finne, der unsere mitteleuropäischen Saunaregeln verhöhnte.

Dabei, dies sei nochmals in Erinnerung gerufen, ging es einzig darum, einem Zürcher, der gemerkt hatte, dass er durchs Saunieren die Midlife-Crisis lindern kann, aber keine Kenntnis vom Schwitzhütte-Knigge hatte, die drei Saunagrundregeln zu vermitteln. Tja.

Dennoch folgt nun das Saunawissen für Fortgeschrittene, direkt aus Finnland eingeflogen – gekoppelt mit dem Wunsch, es im Onlineforum (bildlich gesagt) doch mal mit dem Schmeissen von Wattebäuschen zu versuchen.

4. «Das Billett sichert dir die Fahrt, der Knoblauch den Platz»: Ein cleveres Sprichwort, doch in der Sauna ist der Trick tabu, da die Hitze die widerliche Ausdünstung in jeder Hinsicht intensiviert. Kurz: Das Pollo Ajo oder das Chnoblibrot essen wir Zürcher danach.

5. Die Finnen sagen: «In der Sauna verhält man sich wie in der Kirche.» Da in Zürich keine finnische Kirche steht, hilft das wenig weiter. Wir nehmen an, dass gemeint ist, beim Saunieren eher zu meditieren statt zu referieren.

6. Finnen sagen auch: «Wichtige Entscheidungen werden in Finnland eher in der Sauna als im Sitzungszimmer getroffen.» Will man sich vorstellen, wie Freddy Burger und Rudi Bindella kürzlich in einer Höngger Sauna sassen und heftig triefend entschieden, gemeinsam die Café-Bar Bank am Helvetiaplatz zu übernehmen? Nein, will man nicht.

7. Männer, die beim Anblick von Nacktheit zur Spontanerektion tendieren, sollten Saunas meiden… und übrigens nicht nur die gemischten.

8. Wer in der Sauna zufällig den Chef (oder Mitarbeiter, Drogendealer, Automech, Gemüsehändler, Ex-Lehrer et cetera pp.) trifft, ist verdattert. Voll okay. Nicht okay ist, bei dieser Begegnung hysterisch loszukreischen/loszupinkeln oder in Ohnmacht zu fallen.

9. Menschen, die sich beim Saunieren mit Vasta – das sind frische Birkenzweige – auf Beine, Arme, Po usw. hauen, sind nicht (zwingend) pervers: Angeblich führt diese Selbstkasteiungsmethode zu weicher Haut.

10. Wenn jemand eine sogenannte Aufgusszeremonie beginnt, bleibt man a) hocken (auch wenn man vor Hitze fast verreckt) und spendet am Schluss b) dem «Zeremonienmeister» Applaus (auch wenn er echt voll peinlich war).

Wertschätzung, die andere

Thomas Wyss am Samstag den 12. November 2016

Schaad Märkli bellevue Stehsatz Autor: Thomas Wyss
«Moin, moin und herzlich willkommen in einer Trump-freien Zone, liebe Leserinnen und Leser!»: Diese nervenberuhigende Phrase hätte eigentlich die Glocke zum Auftakt dieses jüngsten Gefechts bimmeln sollen. Selbstverständlich hätten wir auch konsequent aufs grenzenlose Gejammer und auf tumbe Blondinenwitze («What does the Donald and a pornstar have in common? They are both experts in switching positions in front of a camera.» Oder, noch mieser: «How does Trump plan on deporting 12 million illegal immigrants? Juan by Juan.») verzichtet. Ja, das war die Idee.

Bis wir perplex konstatieren mussten, dass das heutige Thema – obwohl es von einer Zürcher Verhaltensauffälligkeit handelt – doch ziemlich viel mit dem neuen US-Präsi zu tun hat. Sorry for that.

Jedenfalls: Der Ursprung der besagten Verhaltensauffälligkeit, das mag erstaunen, ist ein simples Wort. Und dieses Wort döste bildlich gesprochen seit dem Spätmittelalter als harmloses, geschätztes und samtpfotenes Tier in einer Höhle an der lauschigen Peripherie der Realität vor sich hin. Bis es entweder durch eine genetische Fehlfunktion oder evolutionären Druck – die Experten sind sich noch uneins – Charakter und Gestalt änderte, die Höhle verliess und fortan als Monster seine spitzen Klauen verletzend in unseren urbanen Alltag hackte und . . .

Genug der Fabeln! Nennen wir das Biest beim Namen, es heisst Wertschätzung. Im Duden wird der Begriff nach wie vor so definiert: Wertschätzung, die (Substantiv). Der Sachverhalt, dass Menschen jmdm. Achtung, Bewunderung und Respekt entgegenbringen.

Bei der Neuinterpretation des Begriffs würde der Wörterbucheintrag etwa so lauten: Wertschätzung, die andere (Substantiv). Der Sachverhalt, dass Menschen jmdm. nur nach dessen Wert (gesellschaftlich, pekuniär etc.) bemessen – und dann je nach Befund akzeptieren oder ablehnen.

Drastisch ausgedeutscht: Ähnlich wie der Gutachter eine zufällig auf dem Estrich gefundene Uhr fachmännisch emotionslos begutachtet und einschätzt, stellen Frau und Herr Zürcher jegliche Empathie auf Pausenmodus und beurteilen den Mitmenschen ausschliesslich nach potenziellem Nutzen (Ist sie bekannt? Attraktiv vernetzt? Hat er Kohle? Wenigstens viele FB-Freunde? etc.), und lässt sich je nachdem auf sie ein – oder halt nicht. Beziehungsweise in bestehenden Beziehungen/Freundschaften: Schreibt ihn ab und ersetzt ihn durch was Besseres oder Passenderes . . . wobei die Wertüberprüfung nicht einmal im Leben, sondern eher einmal pro Woche stattfindet. ( Jene, die jetzt «Bullshit!» und «Frechheit!» keifen, bitte die abgelaufene Dekade offen und ehrlich Revue passieren lassen – und immer bedenken: Wer nicht Täter war, war ja allenfalls Opfer.)

Warum sich diese «andere», respektlose Wertschätzung gerade in dieser Stadt ausbreiten konnte (und das nicht bloss im Privat-, sondern ebenso im Businessbereich), ist allerdings ein Rätsel: Wie beim Fondue und den Käsen cheese-fondue-13wars doch auch in unserer Gesellschaft stets die Mischung aus rezenten und milden, harten und weichen Leuten, die zum Erfolg führte.

Tja, wer weiss, eventuell wirkt der Schock aus Übersee ja heilsam – und führt zur Rückbesinnung auf die «alte» Wertschätzung. Trump makes Züri great again? Klingt gar nicht so übel.

Die Online-Burka

Réda El Arbi am Dienstag den 4. Oktober 2016
So sehen die anonymen Trolle zuhause vor dem Rechner aus.

So sehen die anonymen Trolle zuhause vor dem Rechner aus.

«Viele dieser rechten Hasskommentare sind anonym. Das ist doch eigentlich nichts anderes als eine virtuelle Burka», fiel einem Freund letzthin auf. Und wirklich, viele der übelsten Kommentare im Netz kommen von Menschen, die ihr Gesicht nicht zeigen und ihren Namen nicht zu erkennen geben wollen. Gerade bei der Burka-Diskussion wurden die widerlichsten Einträge von Fake-Accounts und Fantasienamen abgesetzt.

Diese Feiglinge sind Täter. Sie benutzen ihre Online-Burka, um anderen Menschen Schlechtes zu wünschen und sie zu verletzen. Und mir wurde klar, dass diese Typen von sich auf andere schliessen: Sie gehen davon aus, dass Menschen, die ihr Gesicht verhüllen, grundsätzlich so bösartig sind, wie sie selbst. Sie gehen davon aus, dass Anonymität dazu da ist, andere Menschen zu verletzen und seine widerlichste Seite zu zeigen.

Anonymität bedeutet bis zu einem gewissen Grad Schutz. Man stellt sich nicht aus, man gibt kein Ziel ab. Das ist in verschiedenen Fällen durchaus berechtigt: So kann man sich die Ex-Frau, den Stalkerfreund oder den Chef vom virtuellen Hals halten. Wer aber aus dem Versteck verbal feige auf andere schiesst, ist nichts anderes als ein mieser Heckenschütze. Jemand, der nicht den Mut hat, mit dem eigenen Gesicht zu seiner Meinung zu stehen.

Witzig ist, dass dieser Schutz zum Beispiel in dem Kommentarfeeds dieses Blogs nicht wirklich funktioniert.

Erstens richten sich die Antworten nicht an einen unbekannten Namen, sondern an die Person dahinter. Wenn ich also jemanden «Voll******* oder Ar*******» nenne, wenn ich ihn mit Argumenten alt aussehen lasse oder – am Häufigsten – ihn einfach für seinen Kommentar auslache, dann meine ich nicht den falschen Namen oder die erfundene Email-Adresse, dann meine ich die Persönlichkeit dahinter. Wie sie sich nennt, ist mir völlig egal. Und das trifft durch alle Fakeprofile hindurch die Person.

Zweitens können die meisten Admins von privaten Homepages die IP-Adresse der Benutzer einsehen und, wenn sie wollen, mit Echtzeit-Analytics meistens den Ort des Zugriffs erkennen. Ich persönlich mach das nur, wenn mir wieder mal ein paar feige Fussballfans anonym den Tod wünschen oder meine Familie bedrohen.

Aber zurück zur Burka: Grundsätzlich ist nichts gegen anonyme Accounts einzuwenden. Solange Sie nicht für Hetze und Hass benutzt werden. Dann würde sogar ich, als Gegner des Burkaverbots, anonyme Accounts – also virtuelle Burkas oder Niqabs – verbieten. Sie verursachen in unserer Gesellschaft viel mehr Leid und Verletzungen als die paar verschleierten, übertrieben religiösen Frauen, die in der Kriminalstatistik nicht mal mit Ladendiebstahl auffallen.

Aber halt! Die meisten, die fürs Burkaverbot waren, haben ja auch fürs neue Nachrichtendienstgesetz gestimmt. Eigentlich nur konsequent, da sie damit ja quasi ihr eigenes, virtuelles Burkaverbot durchgesetzt haben. Niemand ist mehr wirklich anonym. Und bei Verstoss gegen die Rassismusstrafnorm, bei Ehrverletzung oder Verdacht auf Mitgliedschaft in einer staatsfeindlichen Gruppierung, können unsere Sicherheitsbeamten ja leicht den Schleier lüften, ohne erst mühsam mit Facebook & Co verhandeln zu müssen.

Ach, ich liebe ironische Gerechtigkeit.

«Ey, glotz nicht so!»

Réda El Arbi am Dienstag den 28. Juni 2016
Im Sommer angenehm, ziehen aber auch Blicke an.

Im Sommer angenehm, ziehen aber auch Blicke an.

«Hast du gesehen, wie der geglotzt hat? Der Sabber lief ihm schon aus dem Maul!» – vor mir zwei junge Frauen, so um die 20, die sich über einen Typen unterhalten, der gerade ausgestiegen ist. Und ja, ich muss zugeben, der Typ hat die beiden Frauen angestarrt. Sie trugen beide Hotpants, diese lächerlichen Riemchensandalen, die an Ben Hur erinnern, und eher knappe Blusen.

Sogar ich habe einen Blick riskiert. Oder zwei.

Eine meiner feministischen Bekannten meinte später, bei der Hitze hätten die Frauen das Recht, sich knapp bekleidet in der Öffentlichkeit zu bewegen und nicht angestarrt zu werden. Das Verhalten der Männer zeige nur wieder, wie stark die Frauen als Objekte herhalten müssten.

Nun, nein. Jeder Mensch hat das Recht, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, ohne sexuell belästigt zu werden. Blicke gehören nicht dazu. Man kann es widerlich finden, man darfs sogar mit einem «Glotz nicht so» ansprechen. Aber sexuell motivierte Blicke sind nicht Ausdruck der Unterdrückung der Frau. Sie sind Ausdruck des Menschen als sexuelles Wesen. Solche Blicke werden nicht vom Bewusstsein gesteuert, sondern kommen reflexartig und sind Teil des evolutionären Programmes.

Sie zu verdammen hiesse, die sexuelle Natur, den kategorischen Imperativ, den der Fortpflanzungsdruck in den Menschen gepflanzt hat, zu verleugnen. Wir können nicht sexuelle Botschaften aussenden und erwarten, dass diese keine Reaktion hervorrufen. Solange die Reaktionen die persönliche Freiheit nicht verletzten, muss man damit leben. Und Blicke sind nicht verboten.

Was viele Frauen nicht wissen: Es ist vielen Männern extrem unangenehm, wenn ihnen «das Auge ausrutscht». Die Muskelbewegung im Auge ist oft schneller als der zivilisatorische Kontrollmechanismus im Hirn. Wir reagieren auf nackte Haut und auf erotische Ausstrahlung. Sonst würde niemand Werbung damit machen (was wiederum in manchen Fällen wirklich sexistisch ist). Sonst wären wir als Spezies ausgestorben. Wir sind deswegen nicht schwanzgesteuert. Wir verhalten uns anständig, wir drängen uns nicht auf. Wir haben oft nicht mal den Mut, ein freundliches Lächeln hinter dem Blick herzuschicken. Wir haben nur geglotzt.

Wenn wir gegen diese urmenschlichen, sexuellen Impulse vorgehen, verleugnen wir nicht nur unsere Natur, wir bewegen uns – wenn auch auf der anderen Seite – auf dem gleichen Pfad wie die islamistischen Sittenwächter, die diese Blicke und ihre sexuelle Implikation mit einer Burka unterbinden wollen. Die sexuelle Anziehung zu zensieren ist wider die Natur. Zivilisation bedeutet, angemessen mit Sexualität umzugehen – nicht, sie zu verdammen.

Die Freiheit, sich im öffentlichen Raum zu kleiden wie man will, ist nicht ohne Preis. Man setzt sich so der Freiheit der anderen aus, auf das Äussere so zu reagieren, wie diese wollen. Solange dies nicht die Integrität verletzt, müssen beide Seiten mit der Freiheit des Anderen leben.

Drei Minuten später im Tram. Junger Mann steigt ein, gross, Muskeln unter dem Vintage-T-Shirt, Stoppeln im Gesicht und halblange Surferfrisur.

Junge Frau 1 stupst junge Frau 2 mit dem Ellbogen an und nickt mit dem Kinn in seine Richtung. Beide mustern den Typen von oben bis unten.

Junge Frau 2: «Der bemerkt uns nicht mal …»