Archiv für die Kategorie ‘Geschichte’

Eine Glacegeschichte (7)

Thomas Wyss am Samstag den 12. August 2017

Zuerst, dachte ich, entledige ich mich der Jacke (damit man mein cooles Che-Guevara-Shirt sehen kann), recke martialisch die Faust in die Luft, rufe «Sin perdón!» und steche ihm mit einem Rambo-Messer beide Pneus auf. Während es dann elend röchelnd die Luft verliert, zerschlitze ich den Sattel, malträtiere mit dem mitgebrachten Vorschlaghammer Pedalen, Rahmen und Speichen bis zur Stufe «irreparabel», und schliesslich übergiesse ich das, was von diesem scheusslichen O-Bike noch übrig ist, mit Benzin und zünde es an.

Dazu entrolle ich trotz der Hitze möglichst feierlich mein im Hausbesetzerstyle gestaltetes Transparent, auf dem steht: «Singapore! If I spit a spearmint chewing gum on your ground, I get penalized as I if were an outlaw… and now you think you can spit – figuratively speaking – a giant yellow-grayblack O-Bike chewing gum on my town without getting punished? Forget it!» (Auf Deutsch: «Singpur! Wenn ich bei dir einen Spearmintkaugummi auf den Boden spucke, werde ich gebüsst, als ob ich ein Gesetzloser wäre… und jetzt meinst du, du könntest – bildlich gesprochen – einen gigantischen gelbgrauschwarzen O-Bike-Kaugummi auf meine Stadt spucken, ohne bestraft zu werden? Vergiss es!») Dieses Transpi halte ich minutenlang grimmig dreinblickend in die mich filmenden Smartphones der deppert bis schockiert dreinblickenden Touristen – und all das am helllichten Tag, mitten in Zürich!

Dann dachte ich, dass es echt ziemlich krank wäre, so was zu tun. Umso mehr, als ich ja in letzter Zeit richtiggehend stolz war, endlich meine innere Mitte gefunden und diese auch in ansprechend gesunder Balance gehalten zu haben. Weiter dachte ich, dass ein Velo ja wahrscheinlich auch so was wie einen Astralleib oder zumindest eine Integrität besitzt, die zu verletzen unter einem ethisch-moralischen Gesichtspunkt betrachtet einer schweren Sünde gleichkommen würde.

Ein nächster, sehr bitterer Gedanke: Wie bünzlig meine Haltung doch war – bloss weil das eine oder andere O-Bike seit einer Woche meinen angestammten Veloparkplatz vor der Tamedia besetzte, wäre ich bereit gewesen, einen kleinen Velo-Jihad loszutreten? Pervers peinlich! Aber noch weit schlimmer: Mit dieser Attitüde lag mein Ich, das sich auf der Leinwand des Lebens immer gern in der Rolle des eigenwilligen Modern Hippie gesehen hat, plötzlich voll auf der aktuellen Mainstream-Züri-Linie… mich schauderte kurz, aber gründlich, wohl im Wissen, dass man so was nicht einfach mit gut duschen wieder wegbringt.

Ja, all das dachte ich. Und plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich heute doch mit dieser Glacekulturgeschichte hatte weitermachen wollen (deshalb auch der Titel), und dass es glaub Teil 3 gewesen war, in dem ich Variationstipps des legendären Aeschlimann-Eiskaffees versprochen hatte. Les voilàs.

Tipp 1: Statt dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace nehme man zwei Kugeln Kaffeeund eineinhalb Kugeln Schoggiglace, alles andere bleibt gleich – die Creme wird etwas süsser, farblich entsteht ein hübscher Zebraeffekt.

Tipp 2: Man gibt 4 cl Zuger Kirsch in die fertige Glacecreme und rührt nochmals kräftig um. Auf süssere Art kann der «Ouuii, ich han es Schwippsli»-Zustand kaum erreicht werden.

Liebe Schweizerinnen und Schweizer ….

Réda El Arbi am Montag den 31. Juli 2017
Die Schweiz ist eine grosse Idee, kein Museum mit hohem Gartenhag.

Die Schweiz ist eine grosse Idee, kein Museum mit hohem Gartenhag.

 … liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe in der Schweiz Lebende

«Wenn’s Ihnen nicht passt, können Sie ja wieder dahin gehen, wo Sie geboren sind!», ist einer der Sätze, die ich seit einiger Zeit in Kommentaren und in den sozialen Medien hören darf.

Das ist nicht nett. Ich stelle mir dann immer vor, wie ich nach langem, staubigen Marsch, mit zwei alten Koffern, abgetragenem, staubigen Mantel und löchrigen Schuhen traurig vor der Tür der Maternité des Zürcher Triemlispitals stehe und um ein Zimmer bitte.

Ich verbrachte mein ganzes Leben mit einem arabischen Namen in der Schweiz. Eigentlich ist mein Nachname sogar der Prototyp des arabischen Namens: «El Arbi» bedeutet wörtlich «von Arabien». Natürlich würde man annehmen, der Name sei eine Steilvorlage, um als Kind oder Jugendlicher angefeindet zu werden. Aber ich habe erst in den letzten zehn Jahren effektiv Fremdenfeindlichkeit erfahren müssen.

Heute muss ich in Diskussionen anführen, ich sei in der Schweiz geboren. Darauf werfen findige Fremdenfeinde ein, ich solle halt dahin gehen, wo meine Vorfahren herkämen. Aber ehrlich, ich will nicht wieder in die Aargauer Provinz. Da hat der Schweizer Zweig meiner Familie in den letzten zwei Jahrhunderten gelebt. Vielen dieser Hurra-Patrioten scheint nicht bewusst zu sein, dass es Gegenden gibt, in denen Vater und Mutter verschiedene Stammbäume aufweisen und nicht aus derselben Familie stammen.

Die Schweizer Identität

Zur Zeit ist dieser abwertende und ausgrenzende Nationalismus gerade wieder in Mode. Lange war es in der Schweiz verpönt, zu patriotisch aufzutreten. Eine Schweizer Fahne zu schwingen war für viele ein Unding, selbst an Fussballmeisterschaften. Inzwischen hat sich das zum Glück geändert. Heute darf man sein Heimatland wieder loben, ohne gleich als ewiggestriger Nationalist dazustehen. Trotzdem sollte man politischen Patriotismus und Nationalismus nicht einfach mit der Liebe zur Heimat gleichstellen.

Während die Heimatliebe ein positives Gefühl für ein real existierendes Gebilde ausdrückt, ist politischer Patriotismus immer ein Instrument, um andere abzuwerten. Er wird eingesetzt, um die Unterschiede hervorzuheben. Während Patriotismus im letzten Jahrhundert von politischen Kräften hauptsächlich dazu benutzt wurde, um andere Länder als minderwertig darzustellen, wird er heute vor allem instrumentalisiert, um dem politischen Gegner im Inland die Heimatliebe abzusprechen. Man ist nicht mehr Schweizer, man ist «Eidgenoss». Die ethnische Herkunft scheint wichtiger zu sein als die Nationalität.

«Fühlst du dich mehr als Nordafrikaner oder als Schweizer?», fragten mich die Leute früher oft. Für mich war die Antwort wohl einfacher als für viele meiner italienischstämmigen oder türkischen Freunde. Ich verbrachte kaum Zeit im Heimatland meines Vaters, während meine Freunde ihre Schulferien in den Herkunftsländern ihrer Eltern verlebten, die Sprache sprachen und ihr Herz natürlich für den Fussballclub des jeweiligen Landes schlug. Hier fühlten sie sich nicht heimisch, und im Süden waren sie die «Schweizer».

Ich selbst fühlte mich nie zerrissen. Für mich war immer klar, dass ich der westlich-abendländischen Kultur entsprang, Mitteleuropa, der Schweiz. Aber fühlte ich mich als Schweizer? Lange fühlte ich mich als Zürcher, mit einer Identität, die nicht über die Stadtgrenzen hinausreichte. Die Stadt war cool, das Land spiessig.

Erst meine Reisen in andere Länder haben mir gezeigt, wie privilegiert wir Schweizer sind, wie unglaublich grossartig es ist, in einem Land mit direkter Demokratie und funktionierendem Staat zu leben. Erst nach drei Jahren globetrotten von unheimlichem Heimweh nach meinem Dialekt, pünktlichen Zügen, der Gemächlichkeit, der höflichen Zurückhaltung und dem knurrigen Stolz geplagt, fand ich meine Heimatliebe. Das Reiben an anderen Kulturen – auch europäischen – hat mir gezeigt, wie sehr ich Schweizer bin.

Ab wann ist man Schweizer?

«Du als halber Ausländer kannst nicht stolz sein, ein Schweizer zu sein! Das ist nicht wirklich deine Heimat», höre ich da von selbsternannten Eidgenossen. Dann frage ich mich, worauf diese Patrioten wirklich stolz sind. Dieses Gefühl muss ja irgendwo in der realen Welt verwurzelt sein. In den drei Urkantonen? Und bei den Kriegen zwischen den einzelnen Kantonen, wer waren da die «richtigen» Eidgenossen? Und wie sah es bei den Schweizern aus, die sich auf den Schlachtfeldern Europas als Söldner gegenseitig für Geld und verschiedene Herren abschlachteten? Ab wann darf man sich Schweizer nennen?

Man ist Schweizer durch Kultur. Die gesellschaftliche Mentalität hat wenig mit dem genetischen Erbe zu tun. Ich hab hier gelernt, dass man bei Streitigkeiten so lange diskutiert, bis beide gelangweilt und genervt einem Kompromiss zustimmen. Man macht die Dinge hier nicht «halbpatzig», man ist Teil der Gemeinschaft, und nimmt Verantwortung wahr. Man jammert über Steuern, aber entscheidet gemeinsam, wofür sie ausgegeben werden. Hier in der Sicherheit und im Wohlstand der Schweiz wurde mir mitgegeben, dass eine Gesellschaft daran gemessen wird, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Hier habe ich meine grundsätzlichen ethischen Werte und mein soziales Verantwortungsgefühl verinnerlicht.

Vielleicht sollte ich hier erwähnen, dass die ersten dokumentierten Stocker – so hiess meine Mutter vor der Heirat – aus meinem Familienzweig 1386 das erste Mal erwähnt wurden. Sie kämpften und fielen in der Schlacht von Sempach. Ich bin kein Historiker, deshalb ist mir nicht ganz klar, ob sie auf der richtigen Seite standen. Aber egal, damals kämpften eh noch alle heutigen Kantone kreuz und quer durcheinander. Also, nach jedem irgendwie denkbarem Massstab bin ich dann wohl Urschweizer.

Meine Schweiz, deine Schweiz

Das Verhältnis zwischen Patriotismus und Geschichte ist sowieso immer etwas zerrüttet. So fand vor einiger Zeit eine mediale Auseinandersetzung um die Deutung der Schlacht bei Marignano statt. Als ob ein primitives Gemetzel zwischen mittelalterlichen Schlächtern im Jahre 1515 irgendetwas mit der Identität als Schweizer zu tun hätte. Als ob «DIE FREIHEIT» damals mit blutigem Schwert und organisiertem Morden erkämpft worden wäre. Das Blutvergiessen scheint vielen Patrioten denn auch wichtiger als elementare Meilensteine der Schweizer Geschichte. Zum Beispiel kennt kaum einer die von einem Freimaurer mitentworfene Verfassung von 1848, die auf die Sonderbundskriege – sich gegenseitig umbringenden «Eidgenossen» – folgte und erst die heutige Schweiz mit ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum möglich machte. Danach gabs keinen Krieg mehr auf Schweizer Boden. Das wär doch mal ein Grund, stolz zu sein.

Aber auch in der jüngeren Geschichte pflegen die selbsternannten Patrioten eine selektive Wahrnehmung. So wärmen sie sich heute nostalgisch an der Reduit-Romantik der Kriegsjahre und ignorieren gleichzeitig, dass wir damals auch die Juden an der Grenze wieder in die Lager der Deutschen zurückschickten und in Nazi-Gold badeten. Das Bild der Schweizer Geschichte, die blutige Romantik, ist nicht natürlich entstanden, sondern wurde vor dem 2. Weltkrieg sorgfältig konstruiert, um aus einem Land, das aus den verschiedensten regionalen Identitäten besteht, eine Einheit zu schmieden. Patriotischer Theaterdonner.

Ironischerweise kommt aber die stärkste Abwertung der heute real existierenden Schweiz aus den Reihen der rechten Patrioten. Durch die Angst, ihr konstruiertes Bild der Schweiz könne widerlegt werden, fokussiert sich die Ablehnung auf alles in der realen Schweiz, das nicht ihrem Bild entspricht. In erster Linie ist das der Staat, der ihnen Sicherheit und Wohlstand garantiert, danach kommen die anderen politischen Kräfte, die in den letzten 150 Jahren die Schweiz mitgestaltet haben. Man sieht selten soviel Hass gegenüber der altehrwürdigen Schweizer Institutionen wie aus den Reihen der selbsternannten Patrioten. Offenbar liebt man nur kleine Teile der Schweizer Identität und spricht den anderen das Schweizerische ab.

Patriotismus und Heimatliebe unterscheiden sich wie Verliebtsein und Liebe. Während das Eine auf Projektion der eigenen Vorstellungen auf das Objekt der Zuneigung beruht, benötigt das Andere die volle Kenntnis des Geliebten. Man kann nur lieben, was man auch wirklich kennt.

Die Nestbeschmutzer

Viele meiner linken Kollegen in meinem Alter haben Mühe damit, zu ihrem Heimatland zu stehen. Es ist für viele noch immer anrüchig, die Schweiz als Staat und als Heimat zu lieben und zu loben. Gerade in intellektuellen Kreisen und unter Kulturschaffenden fokussiert man sich gerne auf die Dinge, die in der Schweiz schieflaufen.

Es ist erstaunlich, dass viele Schweizer Künstler und Kulturschaffende sich des Dialekts und der helvetischen Wurzeln bedienen, aber trotzdem Mühe haben, offen ihre Verbundenheit mit der Schweiz zu formulieren. Es ist, als ob man mit der klaren Zusage an die Schweiz gleich im anrüchigen Kreise der Nationalisten stehe. Nur eben: Heimatliebe ist nicht gleich Nationalismus.

Geistige Landesverteidigung 2017

Natürlich werde ich wegen meines arabischen Namens (ich bin Ex-Katholik und sowas wie ein atheistischer Lifestyle-Buddhist) in letzter Zeit auch auf die Terrorattacken und den sogenannten «Kampf der Kulturen» angesprochen.

Und natürlich gibt es nur eine Schweizerische Antwort darauf: Der Kampf findet zwischen antidemokratischen Kräften und der freiheitlichen Demokratie statt, nicht zwischen Kulturen. Wer immer demokratische Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Trennung von Kirche und Staat, Menschenrechte und Mitbestimmungsrecht des Bürgers in Frage stellt, ist ein Feind der Schweiz. Egal, an was er glaubt, wie überlegen oder wie demokratisch legitimiert er sich fühlt.

Die Schweiz ist keine romantische Ansammlung von Geschichten, die durch einen Grenzzaun zusammengehalten wird. Die Schweiz ist eine funktionierende Idee. Sie kann nur dann sterben, wenn die Menschen nicht mehr in sie vertrauen.

(Da ich zur Zeit in den Ferien bin, habe ich Ihnen einen Text geliefert, den ich schon 2016 geschrieben hab. Er wurde damals von einem stv. Chefredaktor einer Printzeitung als «zu links» abgelehnt. Jänu. Ich hoffe, er gefällt Ihnen, liebe LeserInnen, trotzdem.)

Eine Glacegeschichte (5)

Thomas Wyss am Samstag den 29. Juli 2017

Wir würden ja gern gemütlich beginnen, wie es sich für einen Sommerferienmorgen gehört. Einen Schluck kalten Kaffee nehmen (ganz früher sagte man, das sei Schnee von gestern, später behaupteten Forscher, das steigere die Attraktivität, und heute heisst das Zeugs «Cold Brew» und gilt als Trendgetränk – ob sich die Welt allenfalls doch eher rückwärts entwickelt?). Dazu würden wir zum Stück «La Mirada» («Umoja Remix») von Nicola Cruz durch die Wohnung tänzeln und daran denken, dass in den letzten zwei Tagen gleich drei wichtige Menschen Geburtstag hatten («Happy Hippie Birthday Stöffeler, Leuli und Oeschgi!»), dann unter die Dusche schwofen und dort, dem erfrischenden Nass ausgeliefert … tja, leider nein: Wir haben eine Traktandenliste abzuarbeiten. Sie umfasst zwar bloss zwei Punkte, ist aber dennoch ziemlich gewichtig. Los gehts.

1. Wie wir letzte Woche schrieben, bedauerte Leser Rothenhäusler, dass die einzige Eiscreme, die er liebe – die Cassata siciliana – in Zürich nirgendwo erhältlich sei. Wir konnten das kaum glauben – und wir hatten recht! Leser Schikowski teilte netterweise mit, dass eine feine Cassata im Ristorante Tramblu im Kreis 6 auf der Dessertkarte stehe. Grazie per l’informazione!

2. Es gibt Erzählungen, die sind herzerwärmend. Und es gibt solche, die sind noch ein wenig mehr als das; im aktuellen Kontext würde das Adjektiv (oder ists ein Adverb? Ich kann die Dinger einfach nie auseinanderhalten) «glaceschmelzend» gut passen.

Eine solche Erzählung hat uns Frau Spieler geschickt. Im Brief stand, sie sei in Wollishofen aufgewachsen, weshalb das in Teil 3 dieser Glacegeschichte publizierte Rezept des Eiskaffees, der im Aeschlimann serviert wurde (also in der Wollishofer Beiz meiner Grosseltern), bei ihr eine schlummernde Erinnerung wachgeküsst habe.

Frau Spieler, damals acht oder neun Jahre jung, sass an einem heissen Sommertag im Garten des Aeschlimann und löffelte im Beisein ihrer Mutter besagten Eiskaffee aus einem eisgekühlten Silberbecher. Wegen der Sonne entschied die Mutter, den Platz zu wechseln, und stand auf. Frau Spieler tat es ihr gleich, griff nach den beiden Eisbechern, klemmte einen unter den Arm und dann… hier der O-Ton des Briefs: «Das war wohl keine so gute Idee gewesen – lief doch der Inhalt des Eiskaffees über mein schönstes Sommerkleid und tropfte auf meine weissen Söckchen und in die Sandalen. Das Kleid war rosa Organza und mit Blümchen bestickt – dazumal was ganz Spezielles.» Dem dürfen wir beipflichten; dem Brief war nämlich ein herziges Foto aus dem Familienalbum beigefügt, das Klein Frau Spieler im adretten Gewand zeigt.

Danach passierte das, was anno dazumal bei solchen Vorfällen halt einfach gang und gäbe war: Es gab schlimm Schimpfis vom Mami – vor allen Leuten –, und zu Hause gabs viel Trost vom Grossmami, die, wie im Brief zu lesen war, das Kleid wieder tadellos sauber brachte.

Molto bene. Und nächsten Samstag, in Teil 6, kommen wir nebst weiterer Glacekulturgeschichte dann auch noch auf das kollektive Zürcher Versagen an der 5. Wurstsalat-WM vom vergangenen Samstag (bereits geläufig als «Die Schande von Frick») zu sprechen.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 19. Mai 2017

«Ich bin auf nichts stolz.»

Was aus dem Tausendsassa Dieter Meier sonst noch hätte werden können: Der Yello-Boss über fiktive Biografien und sein reales Lebenswerk. Das Endresultat heisst «30 Possible Beings», es ist in der Galerie Baviera zu sehen. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Der Fuchs bedeutet etwas Subversives.»

Tausende Pendler fahren in Zürich jeden Tag an dem riesigen Gemälde vorbei. Ein Zeitraffer-Video zeigt die Aktion der Künstlerin Maja Hürst auch bekannt unter ihrem Künstlernamen Tika. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Wir bleiben in der Stadt Zürich präsent.»

Schock an der Bahnhofstrasse. Nach über 100 Jahren: Der Uhren- und Juwelierhändler Türler schliesst im September. Und eine neue Uhren-Boutique zieht ein. Die Swatch Group übernimmt. Dennoch gibt sich Franz A. Türler (auf dem Bild links mit seinem Vater) optimistisch. (Foto: Tamedia) Zum Artikel

 

«Ich will mir in die Augen schauen können.»

Bauer Kurt Brunner züchtet auf seinem Hof in Wernetshausen Hühner. Trotzdem ruft er dazu auf, weniger oder gar keine Eier mehr zu essen – oder massiv mehr dafür zu bezahlen. Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«Dieser Schwumm war mein Energiestoss.»

Wer wissen will, wie Zürich auch sein könnte, musste am Tag der Saisoneröffnung in die Badi. Wo man dann Leute wie Frau Hefti und Frau Stolz trifft. Oder Frank Koomen im Seebad Enge (nicht auf dem Bild). (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Wir sind wie alle anderen.»

Fahrende stoppen in Zürich. Sie kämpfen bis heute mit alten Vorurteilen. Ein Besuch bei einer unsichtbaren Minderheit. Alfred Werro findet, Politik und Gesellschaft ignoriere nach wie vor die Anliegen den Fahrenden. Das müsste nicht sein. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Der Trick mit dem Klick.»

Ganz bitter für die einstige «Brillenkönigin» und «Vorzeige-Unternehmerin» Die Zürcher Prominenten-Optikerin Nicole Diem (auf dem Bild  in einem ihrer Geschäfte im Jahr 1998) muss ins Gefängnis. (Foto: TA) Zum Artikel

 

«Beerli, da muesch jetzt dure.»

Die Jodlerin Luise Beerli (75) wurde in einer Tiefgarage entdeckt. «In Höngg isch öppis los» ist nur ein Highlight ihrer Karriere. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ich war unterernährt an Aufmerksamkeit.»

Im Nachgang zum Fall Jegge meldeten sich bei einer Zürcher Beratungsstelle weitere Opfer von sexuellen Übergriffen. Darunter auch Joana A. Die Geschichte mit ihrem Lehrer beeinflusste ihr ganzes Leben. (Illustration: Robert Honegger) Zum Artikel

 

«Nierli, Kutteln, diese Schweinereien
schmecken einfach zu gut.»

Der Musiker, Komponist und Musikpädagoge Daniel Fueter auf die Frage, weshalb er kein Veganer ist. (Foto: Sabina Bobst)

Hitler am 1. Mai?

Réda El Arbi am Dienstag den 2. Mai 2017
Auch ein Hitler-Transparent wäre passend.

Auch ein Hitler-Transparent wäre passend.

Wenn wieder mal Neonazis oder Rassisten in den Reihen der SVP oder bei ihren Anlässen auftauchen, fordere ich immer, dass sich die Parteiexponenten klar distanzieren und diese Widerlinge aus der Partei und aus den Veranstaltungen werfen.

Beim 1. Mai – der dieses Jahr ironischerweise unter dem Motto «Gegen Faschismus» stattfand – marschieren jedes Mal Leute mit, die mit grosser Begeisterung und voller Stolz Portraits von Stalin und Mao herumschleppen. Unbehelligt.

Vergleichen wir doch mal. Bei einem Diktatoren- und Schlächter-Kartenspiel wären die Karten «Hitler», «Stalin» und «Mao» gleichwertig. Asse, die alle anderen Diktatoren mit Opfern im zweistelligen Millionenbereich übertrumpfen. Franco, Mussolini und die paar afrikanischen Unmenschen sind dagegen Pipifax. Der an diesem 1. Mai kritisierte M-Budget-Autokrat Erdogan spielt dabei nicht mal in der gleichen Sportart.

Wenn man es so betrachtet, müssten auch Gruppen mit Hitler-Plakaten am 1. Mai mitmarschieren dürfen. Schliesslich nannte sich Hitler auch irgendwie «Sozialist» und hatte mit unseren heutigen linken Werten genausoviel zu tun wie Mao oder Stalin.

Natürlich ginge das nicht. Das 1. Mai-Komitee würde dies niemals zulassen. Bei den Massenmördern Mao oder Stalin schafft es das Komitee aber nicht mal, sich glasklar von den Schlächter-Transparenten zu distanzieren. Es wird darauf verwiesen, dass jede mitlaufende Organisation selbst für ihre Transparente verantwortlich ist.  Nun ja, vielleicht sollte man sich dort mal etwas genauer überlegen, mit wem man da gemeinsam demonstriert. Vielleicht sollte man sich die Brüder in der internationalen Solidarität etwas besser aussuchen.

Oder vielleicht sollte man einfach laut sagen, dass man mit diesen widerlichen Typen nichts gemeinsam haben will. Es ist erbärmlich, wenn man sich nicht von Stalinisten und Maoisten distanziert, wenn man die Massenmörder-Groupies an einem Anlass mitmarschieren lässt, der für eine menschlichere, solidarischere Welt steht.

Noch schlimmer aber ist die Heuchelei, wenn man so tut, als wären Maoisten und Stalinisten in Gesinnung und Ethik weniger schlimm als die Neonazis. Es ist völlig egal, unter welchem Deckmantel ideologischer Sch***** man Massenmorde begeht. All diese menschenverachtenden Vollidioten gehören mit ihren Ideologien in den Lokus der Geschichte.

Liebes 1. Mai-Komitee, wenn ihr nächstes Mal eine Nacht lang bei Rotwein, Bier und politischen Gesprächen die Welt verbessert, nehmt doch als Thema mal die 20 Millionen Opfer von Stalin oder die 70 Millionen von Mao.

Und dann, bitte, lasst euch Eier wachsen und bezieht klar Stellung: «Mit Vollidioten, die diese Schlächter verehren, wollen wir nichts zu tun haben!»

Es ist nicht so schwer, ehrlich. Und dieses Jahr müsst ihr euch ja nicht mal um eine Distanzierung von der Gewalt des schwarzen Blocks winden.

Hardcore-Sechseläuten

Alex Flach am Montag den 24. April 2017
Saufen, bis der Kopf platzt .- das andere Sechseläuten.

Saufen, bis der Kopf platzt – das andere Sechseläuten.

Die Zürcher Jungzünfter trinken, mit kleineren oder grösseren Pausen, bis und mit heute Montag fünf Tage lang durch. Gestartet sind sie bereits am Donnerstag mit der Itrinketä im Riesbach-Quartier, am Freitag waren sie mit Vertretern des Gastkantons Glarus auf dem Lindenhof bechern und am Samstag waren für sie die Zunftbälle Pflicht.

Für den Sonntag planten zwar viele Greenhorns einen Ruhetag, dabei kamen ihnen aber die sehr grosszügig gefassten Club-Öffnungszeiten in Zürich ins Gehege – gute Vorsätze und ein üppiges Nightlife vertragen sich halt schlecht. Heute Montag nun das grosse Abschluss-Feuerwerk mit Apéros morgens um 9 Uhr und bis Dienstagmorgen brechend vollen Sechseläuten-Partys wie der Use It im Kaufleuten oder jener im Mascotte. Manch einen Jungzünfter überwältigt Morpheus nach diesen sportlichen Tagen mit Gewalt und es soll vorkommen, dass einer schnarchend und noch immer in Vollmontur neben dem abgebrannten Scheiterhaufen aufgefunden wird.

Einige der älteren Zünfter mögen ein solch unsittliches Gebaren ihrer Nachwuchsleute nicht gutheissen, vergessen dabei aber, dass die mit ihrer ausufernden Feierei eigentlich nur die wahre Fest-Tradition ehren: Im Gegensatz zum gesitteten Bourgeoisie-Stadtspaziergang mit finaler Pferdchen-Hoppelei von heute, waren das früher wilde Feten mit bisweilen subversivem Anstrich, bei denen auf diversen Scheiterhaufen in der Innenstadt die unterschiedlichsten allegorische Figuren verbrannt wurden. Gar der entflammbaren Version eines Börsenspekulanten soll einmal genüsslich der Schädel vom Rumpf gesprengt worden sein und das verruchte Kratzquartier war lange Zeit das Epizentrum der Sechseläuten-Exzesse – der Kinderumzug, der Schneemann und die Pferde kamen erst später.

Tempi passati: Dort wo sich früher das Kratzquartier befunden hat, stehen heute die Fraumünsterpost und die Nationalbank und die Menschen der Langstrasse, des derzeitigen Zürcher Jubeltrubel-Quartiers, scheren sich keinen Deut um das Sechseläuten: Für sie ist das bloss der Tag, an dem die Mehrbesseren wieder mal aus ihren Villen am Züriberg in die Strassen der Innenstadt purzeln um dort in seltsame Textilien gehüllt den niederen Chargen zu zeigen, wer in Zürich die Fäden in der Hand hält. Volksfest? Mitnichten: Ein elitäres Manifest des monetären Grabens in der Stadt. Nicht einmal zum Vorzeigeobjekt für ausländische Gäste taugt das Sechseläuten: Als ich es vor Jahren in Begleitung einer bezaubernden, australischen Freundin besucht habe, war ihr Fazit nach Inspektion der um das Feuer trabenden Rösser und des explodierenden Bööggs ein verstörtes „What is wrong with you people?“.

Es bedürfte nicht mal eines Anti- Sechseläutens – wie die Fuckparade zur Street Parade –  um den Anlass wieder in einem Volksfest zu machen. Man bräuchte dazu den Humor vergangener Tage und die Zünfter bräuchten sich bezüglich Feiergebaren nur an ihren Nachwuchs zu halten: Die wissen noch wie man abseits des Umzugs die Sechse nach alter Väter Sitte läutet. Oder sie tun’s einfach.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof Basel, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Wie man Promis meistert (2)

Thomas Wyss am Samstag den 15. April 2017

Am letzten Samstag konnten wir ja trotz des weiten Umwegs über die frühere Fernsehsendung «Teleboy» imposant aufzeigen, dass heutige Zürcherinnen und Zürcher oft dramatisch überfordert sind, wenn sie unverhofft einem Star nahe kommen.

Als Beweis führten wir die grundsätzlich gut geerdete Frau F. (Name d. Red. bekannt) ins Feld, die in einem Zugabteil plötzlich vis-à-vis von Stephan Eicher landete – er ist im Genre «Schöne Chansons mit Tiefgang plus fast ausnahmslos geglückte Mani-Matter-Coverversionen» ihr grösster Heroe – und darob so sehr die Bodenhaftung verlor (sitzend!, und übrigens in der 2. Klasse, was wiederum zeigt, dass Eichers Bodenhaftung absolut intakt ist), dass sie einer Freundin eine «SOS!»-SMS zukommen lassen musste.

Diese schlug F. vor, sie solle doch Eichers Lied «Déjeuner en paix» summen (natürlich möglichst «gut», damit er tatsächlich eine Chance auf Wiedererkennung bekäme), also poetisch gesagt eine Brücke legen, auf der ihr Eicher mitsummend oder gar redend entgegenkommen könnte.

Der Schlusssatz des Beitrags versuchte dann den Cliffhanger, er lautete: «Warum der Rat doppelt bescheuert war, und wie man solche und ähnlich ‹heisse› Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag». Das ist heute, genau. Damit sind wir jetzt buchstäblich up to date und können fortfahren. Und das tun wir mit der durchaus bemerkenswerten Bemerkung, dass man im Journalismus – anders als in der Literatur – ersten und letzten Sätzen nie zu viel Bedeutung beimessen sollte. Weil sie häufig mehr versprechen, als sie letztlich einzulösen vermögen. In unserem Fall ist das aber erfreulicherweise grad andersrum: Es wird nämlich noch viel besser, als wir (und Sie!) erwartet hätten!

Grund dafür ist der von uns hochgeschätzte Jack Stark. Wem der Name kein Begriff ist: In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1967 – vor präzis 50 Jahren! – führte Jack die Rolling-Stones-Member Mick Jagger und Brian Jones, die nach ihrem wilden Gig im Hallenstadion noch den Drang nach Party verspürten, zum Privatclub High-Life an der Lessingstrasse. Dort amtete der ältere Securitas Stöckli als Türsteher; die Stones kannte er nicht, doch er wusste, wie Anstand aussieht – weshalb er dem für seinen Geschmack viel zu exzentrischen Jüngling (also Jagger) den Eintritt verwehrte, die attraktive «Blondine» mit Federboa und Schlapphut (also Jones) jedoch passieren liess.

Der hübschen Episode kurzer Sinn: Dr. iur. Herbert «Jack» Stark, der damals als erster Schweizer People-Journalist und Promikenner wirkte, hat spontan zugesagt, uns zu berichten, mit welchen Tricks er sich die Jetsetter und Stars für ein offenes Gespräch oder Interview «gewogen» machte. Es sind wenige goldene Regeln, doch wer sie befolgt, kann jeden Promi meistern.

Dazu aber mehr nächste Woche in Teil 3, hier gibts jetzt die Auflösung des Rätsels, wieso der Rat der Freundin an Frau F. «doppelt bescheuert» war.

1. Eicher trug Kopfhörer, er hätte das Summen also gar nicht gehört.

2. Wenn schon summen, dann sicher keinen seiner Hits (das ist anbiedernd), sondern vielmehr eines der nach wie vor eher unbe- bis ver-kannten Stücke, beispielsweise «Ce soir (je bois)».

Der Bennato-Moment

Thomas Wyss am Samstag den 11. März 2017


Da sich die Zürcher Sauna und deren Regeln zum Dauerbrenner entwickelte, der online klickte, wie ein einarmiger Bandit im Las-Vegas-Casino Münzen spuckt, hätten wir das Thema hier gern noch weitergedreht und -gedrechselt – doch wie es halt passieren kann: Die Aktualität machte uns einen Strich durch die Rechnung.

Was nicht weiter schlimm ist, weil ich besagte Aktualität eigentlich ganz gut mag. Früher, als ich mit Kumpels in den Sommerferien im (schlimmerweise japanischen!) Auto durch Süditalien cruiste, als wir tagsüber in Torre dell’Orso badeten und abends in Otranto den Bellezzas nachstarrten, mochten wir sie noch lieber, weil sie uns damals mit Liedern wie «Viva la mamma» oder «OK Italia» mitten aus dem pochenden Herzen sang. Das tut sie heute nicht mehr, aber eben, die Sympathie für diese Aktualität namens Edoardo Bennato, – er tritt am Dienstag im Kaufleuten auf–, ist ungebrochen.

Und das ist – nun kommen wir zur Sache! – durchaus erstaunlich. Denn obwohl ich, wie die meisten Menschen, mit dem Cantautore und Rock ’n’ Roller jahrzehntelang eine klassische Fernbeziehung pflegte – er sang ins italienische Studiomikrofon, ich hörte ihm später ab Kassette oder Schallplatte zu –, teilten wir diesen einen, sehr intimen Augenblick. In einem Hotelzimmer in Glattbrugg. Und der ging voll in die Hose. Weil ich damals als Jungjourni, anders als heute, noch kein «Broken Italian» sprach, sondern nicht mal ein Bröckchen dieser Bella Lingua beherrschte. Und Edoardo sich mangels Lust oder mangels Können weigerte, Englisch zu reden. Was die Plattenfirmafrau dummerweise vergessen hatte zu erwähnen.

Weshalb wir uns dann bei laufendem Aufnahmegerät wortlos und verklemmt lächelnd (ich) und wortlos und genervt lächelnd (er) gegenübersassen. Nach den längsten fünf Minuten meines Lebens drückte ich die Stopptaste, sagte «Adios» (erleichtert, das mir wenigstens die korrekte Abschiedsformel eingefallen war – die tatsächlich korrekte lernte ich dann Jahre später im Italienischunterricht) und ging, er blickte dabei zum Fenster hinaus; es wirkte wie schlussmachen, nur peinlicher. Jedenfalls: Seit dem Film «Pulp Fiction» nennt man solches Schweigen offiziell «uncomfortable silences», ich jedoch bevorzuge die Bezeichnung «einen Bennato-Moment haben».

Man kann sich natürlich fragen, warum das jetzt in dieser Gebrauchsanleitung thematisiert wird – schliesslich werden die wenigsten Leser je in die Situation geraten, ein Bennato-Interview führen zu müssen. Stimmt. Doch Achtung: Bennato-Momente drohen immer und überall! Sei es nach der Autopanne in den Türkeiferien. Oder wenn man in der Sauna dem Chef begegnet (yep, sorry, hatten wir schon). Oder wenn die Präsidentin des Schwamendinger «Sex and the City»-Fanclubs auf der Jubiläumsreise in Bangkok ihrem Loverboy erklären müsste, dass er sie eigenartigerweise an ihren Sohn erinnere und dass das drum nichts werde, was sie ihm aber natürlich nicht erklären kann.

Und die Lösung, damit es nicht so blöd endet wie bei mir und Edoardo? Gibt es nicht! Da muss man durch, das gehört zur Lebensschule.

Tibet-Demo nein, aber Nazi-Konzert ja?

Réda El Arbi am Montag den 16. Januar 2017
Die hätten sich auch diskret treffen können, wie diese Nazis in der Ostschweiz.

Die hätten sich auch diskret treffen können, wie diese Nazis in der Ostschweiz.

Heute verlassen wir mal die Grossstadt Zürich und begeben uns nach Bern, ins politische Herz unseres Landes, in den Hort unserer freiheitlichen Werte, wie es so schön heisst.

Dort wollten einige Tibeter mit ein paar Freunden gegen die Besetzung Tibets demonstrieren. Sie hätten gerne vom Recht auf Versammlungs- und Meinungsäusserungsfreiheit Gebrauch gemacht. Hätten. Konnten aber nicht. Weil sie mit ihrer Meinung das chinesische Staatsoberhaupt gestört hätten, das gerade zu Besuch ist.

Und ehrlich, das wollen wir doch nicht. Wir machen so viele Geschäfte mit den Chinesen, wir können da zu Sklavenbedingungen produzieren, billigst einkaufen und können den neureichen Chinesen auch gleich noch unseren Luxusplunder steuerfrei andrehen. Allein alt Bundesrat Blocher soll (wie er auf seiner Homepage sagt) 117 Fabriken in China haben, seine Tochter schwärmt von den Vorzügen der Einheitspartei.

Das sind BEZIEHUNGEN, die man pflegen muss. Höchst sensible Angelegenheiten, Ehrewort! Da wollen wir doch nicht Dinge wie Menschenrechte, Tibet oder freiheitliche Werte so offen zur Sprache bringen. Da könnte der Chinese sich doch unwohl fühlen.

Nein, das wollen wir sicher nicht. Sonst könnten unsere Prinzipien uns noch Geld kosten. Und da hört also diese sogenannte Freiheit auf! Für Demokratie stehen wir ja schon ein! Aber es darf uns nichts kosten, das ist doch klar. Oder?

Ausserdem: Was sind unsere tiefst demokratischen Werte schon wert? Damit kann man keinen Gewinn machen, die kann ich nicht teuer exportieren. Wir sind schliesslich neutral! Wir haben keine Meinung zu Meinungsfreiheit und Unterdrückung woanders. Schon gar nicht, wenn wir damit Geld verdienen.

Alles war so schön auf das Treffen vorbereitet, mit Röteli und Kirsch! So richtig gmüetlich schweizerisch. Und da kommen diese unhöflichen Tibeter und ihre Freunde (einer wollte sich sogar anzünden, pfui bäh) und wollen uns unanständigerweise mit Plakaten auf Ungerechtigkeiten hinweisen. Das geht doch nicht! Die hätten doch in Zürich demonstrieren können, die Banken da können gut mit solchen Sachen leben.

Dabei sind wir doch eigentlich auf ihrer Seite! Wir gehen als geschlossene politische Gruppe zu Fototerminen mit dem Dalai Lama! Und dann posten wir das auf Twitter und Facebook! Wir haben wirklich Mitgefühl mit den Tibetern und all diesen Leuten. Ehrlich.

Und natürlich dürfen sie demonstrieren und sich versammeln. Aber doch nicht da, wo es wirtschaftlich weh tun könnte! Um Himmels willen, haben die denn kein Gespür für unsere Realitäten?

Diese Tibeter sollen sich ein Vorbild an den Neonazis nehmen! Die haben sich auch irgendwo in Hinteroberpfupfikon versammelt. Da haben sie auch niemanden gestört. Und wir können stolz sagen, dass unsere Meinungsäusserungsfreiheit auch den Hitlergruss, das Hakenkreuz und Nazi-Uniformen schützt!

Also, wenn diese Tibeter auch so anständig wären wie diese Nazis, dann hätte es auch keinen so grossen Polizeieinsatz gegeben! Und alles wäre friedlich und ruhig über die Bühne gegangen, wie es sich hierzulande gehört.

Liebi Meitli,

Thomas Wyss am Samstag den 26. November 2016

Schaad Märkli bellevue Stehsatz Autor: Thomas Wyss

Liebi Meitli, genau. Und das wars dann auch schon. Im ersten Moment zumindest (doch der dauerte fast dreieinhalb Stunden). Die Krux: Anders als beim Verhaltensappell an die Buben – siehe Gebrauchsanleitung vom letzten Samstag –, wo wir instinktiv die richtigen Themen anpirschten und die Pfeile mitten in die darkdunklen Herzen der Probleme jagten (wie etliche Väter per entzücktem SMS mitteilten), waren wir bei den frühpubertären Girls absolut nicht «fly», um es mit dem Jugendwort 2016 zu formulieren. Für ältere Leser: Wir hatten null Ahnung, welch altklugen Rat man den jungen Meitli in ihren Lebensweg-Rucksack packen könnte.

Einerseits lag das natürlich an der falschen genetischen Stammeszugehörigkeit: Ein Männchen kann ja bestenfalls das Triebverhalten anderer Männchen begreifen, das Wesen des Weibchens zu entschlüsseln, bleibt ihm jedoch verwehrt (gewisse Männchen sagen auch: erspart). Dass das schon vor 790 000 Jahren der Fall war – damals gelang es dem Homo-erectus-Männchen, erstmals ein Feuer zu entfachen, worauf das Homo-erectus-Weibchen aufgeregte Grunzlaute ausstiess, die das Männchen fälschlicherweise als akute Erregung statt als weitsichtige Warnung vor diesem Höllenzeugs deutete, das Weibchen flachlegte und es danach an den Herd (also an die Feuerstelle) befehligte –, macht die Sache fast noch schlimmer.

Anderseits war das Scheitern auch einem Mangel an «Anschauungsmaterial» geschuldet. Konkret: Im persönlichen Umfeld dieser Gebrauchsanleitung existiert gerade mal ein Gör in besagtem Alter; es spielt oft mit einer Selbstdarstellungs-App, findet Buebe «kindisch» und sucht in sozialen Medien nach «BFF» (Best Friends Forever); repräsentativ geht anders.

Und doch: Versprochen ist versprochen. Drum reichen wir das Mikrofon nun in fremde Hände, will sagen, wir rezitieren für den Appell weise Aussagen von vier bedeutenden (Wahl-) Zürcherinnen. Meitli, welche diese Worte beherzigen, werden – im Jugendwortslang gesprochen – Uhrensöhne und derbe Tintlinge künftig zu meiden wissen, auf Banalverkehr oder Vollpfostenantennen verzichten, isso.

1. «Ich habe mich früh für Zeitungen zu interessieren begonnen. Ich weiss, dass ich schon in der zweiten Klasse den ‹Tages-Anzeiger› las.» (Emilie Lieberherr, SP-Politikerin und erste Frau in der Zürcher Stadtregierung)

2. «Heute werden wir Frauen alt, wir werden sehr alt. Wir haben alt zu werden, und dies in einer Welt, die auf ihren Märkten Jugend, Schönheit, Liebe anbietet. Diese Diskrepanz fühlt heute jede Frau, bewusst oder unbewusst, wenn sie 50 Jahre alt geworden ist.» (Laure Wyss, Medienpionierin und Schriftstellerin)

3. «Ich denke, dass wir aufgezeigt haben, dass man einfach machen soll, wozu man Lust hat, auch wenn die Idee keinem Trend entspricht, auch wenn man zu Beginn etwas unbedarft ist. Dieser Do-it-yourself-Geist ist heute vielleicht noch wichtiger als zu unsrer Zeit. Weil man heute nur noch eine Chance hat, wenn man wirklich seinen eigenen Weg geht.» (Marlene Marder, Punkpionierin und Gitarristin bei den Bands Kleenex und Liliput)

4. «Wenn man in gewissen Bereichen diszipliniert und korrekt ist, kann man sich andernorts auch ungehörige Dinge erlauben.» (Ludmila Vachtova, Kunstkritikerin und Publizistin)