Archiv für die Kategorie ‘Geld verdienen’

Die gelbe Pest verbreitet sich

Réda El Arbi am Dienstag den 15. August 2017
Sind nur Vorwand, um Daten zu sammeln: Die Bikes von oBike.

Sind nur Vorwand, um Daten zu sammeln: Die Bikes von oBike.

Ich könnte Kaugummi-Automaten auf öffentlichem Grund in der Stadt verteilen und ich bekäme wohl richtig grossen Ärger, wenn ich keine Bewilligung dafür hätte. Ich kann mich noch erinnern, was für ein Gschiss es damals gab, als die verschiedenen Verlage begannen, ihre Boxen für die Gratiszeitungen aufzustellen.

Trotzdem vermüllt der asiatische «Velovermieter» oBike den öffentlichen Raum mit seinen Mietautomaten.  Die grottenhässlichen Bikes sind nichts anderes als Verkaufsautomaten. Dass die Zahlung per App erfolgt und dass die Automaten nicht am Boden festgeschraubt sind, ist nebensächlich. Und inzwischen metastasiert die gelbe Pest in die Vororte und in die kleineren Städte.

oBike benutzt öffentlichen Grund in der Stadt und im ganzen Kanton, um gewerbsmässig Fahrzeuge zu vermieten. Die Stadt und die betroffenen Gemeinden stellen Infrastruktur aus Steuergeldern zur Verfügung und das Unternehmen macht daraus Geld. Wenn ich einen mobilen Glacestand oder ein Crepe-Mobile, einen Foodtruck oder sonst ein kommerzielles Angebot auf Stadtgrund stelle, dauert es meist kaum fünf Minuten, bis ein Polizist der Abteilung Wirtschaft dasteht und eine Genehmigung sehen will.

Der international tätige  Anbieter der plumpen Drahtesel hat in einem kleinen Kaff ausserhalb Genfs seinen Schweizer Firmensitz. Dort würde er wohl Steuern zahlen, wenn das Geschäft mit dem Veloverleih Gewinn abwerfen würde. Das tuts sicher noch nicht. Das ist aber wohl auch nicht der Hauptzweck der Velos. Das Geschäftsmodell ist das Sammeln von Daten.

Immer überwacht dank oBike.

Immer überwacht dank oBike.

10 000 Mal wurde die App im Grossraum Zürich nach Angaben des Unternehmens bereits heruntergeladen. Die meisten werden die App nicht benutzen. Aber das ist völlig egal. Die App verlangt Zugriff auf Bewegungsdaten AUCH WENN MAN DIE APP GERADE NICHT BENUTZT. Wenn man sich mit Facebook anmeldet, kommen die Freundesliste und die Einsicht in die da gemachten Onlinebewegungen dazu.

Aus den in der App nicht ersichtlichen Datenschutzrichtlinien auf der Homepage von oBike:

«  1. oBike sammelt und speichert die Informationen, die Sie in der oBike App eingegeben haben, oder die Informationen, die Sie uns in anderen Quellen zur Verfügung gestellt haben. Wir werden auch Ihre persönlichen oder gruppenbezogenen Informationen von kooperierenden Unternehmen, Geschäftspartnern und anderen unabhängigen Drittquellen sammeln. »

Das Unternehmen verfügt also bereits über Bewegungsprofile von 10 000 Schweizern. Die Daten können an Dritte weitergegeben werden, also zum Beispiel an die Muttergesellschaft in Singapur. Diese Dritten dürfen dann mit den Daten machen, was immer sie wollen. Die Schweizer Gesetzgebung greift da nicht mehr.

Datenhandel steht aber nicht im Handelsregistereintrag der oBike Schweiz AG.

Nachdem wir den Sklavenbetrieb UberPOP losgeworden sind, haben wir einen neuen Player, der die der Realität hinterherhinkende Gesetzgebung ausnutzt. Die Stadt hätte es in der Hand, da den Riegel zu schieben. Die Regulierungen, die für Marroni-Stände und andere Geschäfte auf öffentlichem Grund so hart sind, sollten auch auf den Datenkraken oBike angewandt werden.

Wir persönlich haben es in der Hand, unsere Daten nicht diesem Unternehmen in den Rachen zu werfen. Und uns zu weigern, deren Gewinn auf Kosten der Allgemeinheit zu finanzieren.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 11. August 2017

«Wer Geld hat, wird bewundert.»

Der Zürcher Glücksforscher Bruno S. Frey sagt, dass es mehr brauche als viel Geld, um zufrieden zu werden. Viel besser wäre es, wenn man aufhören würde, sich ständig zu vergleichen. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Der Stadt sollte kein
finanzieller Schaden entstehen.»

Zwei Monate lang hätten die 20 Sonnenschirme im heissen Sommer Schatten spenden sollen. Nach fünf Tagen wurden sie bereits wieder abmontiert, weil sie dem Wind nicht standhielten. Stadtrat Filippo Leutenegger versichert, dass die Herstellerfirma die Schirme wieder zurücknehme. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich nähere mich dem Gaga-Zustand.»

Max Richter hat in Zürich sein achtstündiges Werk «Sleep» aufgeführt – TA-Redaktor Thomas Wyss und 120 andere Menschen durften zur Musik schlafen – was gar nicht so einfach war. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Das Nachtleben ist für
viele Frauen nicht attraktiv.»

Hinter dem Tresen sind Frauen im Ausgang omnipräsent. In den Führungspositionen dafür sehr selten und das in einer Branche, die als jung und innovativ gilt. Weshalb ist das so? Die Unternehmerin Vania Kukleta kennt die Gründe. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Gegen die Konkurrenz aus China
sind wir chancenlos.»

Schweizer Hersteller waren dem Staatsbetrieb für die Fassade bei der Zürcher Europaallee zu teuer. Wäre das auch anders gegangen? Fassadenbauer Roman Aepli findet, es herrsche ein völlig ungleicher Wettbewerb in der Branche. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Kommen weitere Anbieter, werden wir
die Situation neu beurteilen.»

Während andere Städte hart gegen sie vorgehen, duldet Zürich die Velos von O-Bike. Das Unternehmen expandiert nun. Und die Velos sind überall in der Stadt zu sehen. Derzeit gebe es noch keine grossen Beschwerden, sagt Mike Sgier vom Tiefbaudepartement. (Foto: Keystone/Ennio Leanza) Zum Artikel

 

«Manche dieser Typen sind gewohnt,
immer alles zu bekommen.»

Diese Woche wurde das Urteil gegen den Küsnachter gefällt, der im Rausch getötet hat (zwölfeinhalb Jahre Gefängnis). In Internaten und Luxuskliniken weiss man, warum manche Zöglinge des Geldadels auf die schiefe Bahn geraten. Und setzt man ihnen Grenzen, dann flippen sie aus, sagt ein Internatspädagoge. (Foto: Franziska Scheidegger) Zum Artikel

 

«Die Langstrasse hat sich
leider zur Partymeile entwickelt.»

Sie sind allgemein zufrieden, die Menschen in den Kreisen 4 und 5. Wäre da nicht die Sorge, dass die Langstrasse etwas verlieren könnte. Tagsüber werde man an der Langstrasse oft angebettelt, sagt André Bleiker, der seit 27 Jahren im Kreis 4 wohnt.  (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Vor allem Frauen und Kinder winken mir zu.»

Was ist denn das? Ein Hochrad, eine Brücke und ein überraschter Mann. Die Geschichte hinter einem 50-jährigen Foto oder wie Hans Keller 1965 mitten durch Zürich fuhr. (Foto: Pfändler, ATP, RDB) Zum Artikel

 

«Die grössten Flops Zürichs.»

Die Stadtregierung meint es ja gut und greift doch ab und zu doch völlig daneben – wie FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger (siehe auch weiter oben) mit den filigranen Sonnenschirmen. Hier sind sie, die sieben peinlichsten Flops der Stadt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich strebe nach Perfektion im Einfachen.»

Aubergine mit Fenchelpollen oder Rüebli mit Himbeeren: Margaretha Jüngling, die einstige Privatköchin von Rockmusiker Neil Young, will mit viel Gemüse und viel Fantasie das Zürcher Publikum begeistern. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 19. Mai 2017

«Ich bin auf nichts stolz.»

Was aus dem Tausendsassa Dieter Meier sonst noch hätte werden können: Der Yello-Boss über fiktive Biografien und sein reales Lebenswerk. Das Endresultat heisst «30 Possible Beings», es ist in der Galerie Baviera zu sehen. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Der Fuchs bedeutet etwas Subversives.»

Tausende Pendler fahren in Zürich jeden Tag an dem riesigen Gemälde vorbei. Ein Zeitraffer-Video zeigt die Aktion der Künstlerin Maja Hürst auch bekannt unter ihrem Künstlernamen Tika. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Wir bleiben in der Stadt Zürich präsent.»

Schock an der Bahnhofstrasse. Nach über 100 Jahren: Der Uhren- und Juwelierhändler Türler schliesst im September. Und eine neue Uhren-Boutique zieht ein. Die Swatch Group übernimmt. Dennoch gibt sich Franz A. Türler (auf dem Bild links mit seinem Vater) optimistisch. (Foto: Tamedia) Zum Artikel

 

«Ich will mir in die Augen schauen können.»

Bauer Kurt Brunner züchtet auf seinem Hof in Wernetshausen Hühner. Trotzdem ruft er dazu auf, weniger oder gar keine Eier mehr zu essen – oder massiv mehr dafür zu bezahlen. Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«Dieser Schwumm war mein Energiestoss.»

Wer wissen will, wie Zürich auch sein könnte, musste am Tag der Saisoneröffnung in die Badi. Wo man dann Leute wie Frau Hefti und Frau Stolz trifft. Oder Frank Koomen im Seebad Enge (nicht auf dem Bild). (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Wir sind wie alle anderen.»

Fahrende stoppen in Zürich. Sie kämpfen bis heute mit alten Vorurteilen. Ein Besuch bei einer unsichtbaren Minderheit. Alfred Werro findet, Politik und Gesellschaft ignoriere nach wie vor die Anliegen den Fahrenden. Das müsste nicht sein. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Der Trick mit dem Klick.»

Ganz bitter für die einstige «Brillenkönigin» und «Vorzeige-Unternehmerin» Die Zürcher Prominenten-Optikerin Nicole Diem (auf dem Bild  in einem ihrer Geschäfte im Jahr 1998) muss ins Gefängnis. (Foto: TA) Zum Artikel

 

«Beerli, da muesch jetzt dure.»

Die Jodlerin Luise Beerli (75) wurde in einer Tiefgarage entdeckt. «In Höngg isch öppis los» ist nur ein Highlight ihrer Karriere. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ich war unterernährt an Aufmerksamkeit.»

Im Nachgang zum Fall Jegge meldeten sich bei einer Zürcher Beratungsstelle weitere Opfer von sexuellen Übergriffen. Darunter auch Joana A. Die Geschichte mit ihrem Lehrer beeinflusste ihr ganzes Leben. (Illustration: Robert Honegger) Zum Artikel

 

«Nierli, Kutteln, diese Schweinereien
schmecken einfach zu gut.»

Der Musiker, Komponist und Musikpädagoge Daniel Fueter auf die Frage, weshalb er kein Veganer ist. (Foto: Sabina Bobst)

USRIII für Dummies

Réda El Arbi am Montag den 23. Januar 2017
Bei einer Ablehnung der USR III landen wir alle arbeitslos in Suppenküchen. Ich schwör!

Bei einer Ablehnung der USR III landen wir alle arbeitslos in Suppenküchen. Ich schwör!

Der Finanzdirektor des Kantons Zürich findet die USR III super. Die Stadtregierung ist nicht so begeistert. Zitat: «Die erwarteten Einnahmeausfälle von rund 300 Millionen Franken werden vom Kanton nur bedingt kompensiert. Um die Defizite zu decken, ist mit einer Steuererhöhung für Private zu rechnen».

Ich bin ja kein Fachmann für Steuern. Ich schaffs gerade mal, meine eigene Steuererklärung auszufüllen. Und trotzdem sitz ich jetzt vor meinen Abstimmungsunterlagen und soll über die USR III entscheiden. Da Steuerrecht nicht meine Stärke ist, hab ich mich mal mit den Argumenten aus der Befürworter-Kampagne auseinandergesetzt. Mit Kommunikation kenn ich mich schliesslich aus.

Zuerst mal wollte ich wissen, warum wir überhaupt eine Unternehmenssteuerreform brauchen. Hm, offenbar sind die EU, die OECD und die G20-Staaten ungehalten über die Steuervorteile, die ausländische Unternehmen in der Schweiz geniessen. Auf deren Druck hin wurde die USR III entworfen. Die wollen kein Geld von uns, die wollen, dass diese Unternehmen mehr Geld an die Schweiz bezahlen.

Augenblick, EU, OECD und G20? Irgendwie hab ich den SVP-Entrüstungssturm über fremde Richter verpasst.

Aber zurück: Die USR III sollte diese Unternehmen stärker besteuern, ohne den Standortvorteil der Schweiz zu schwächen. Das wäre doch eigentlich ein Nullsummenspiel, bei dem am Ende keine Steuerausfälle nötig wären? Aber weiter.

Als Hauptargument führen die Befürworter an, dass diese Unternehmen abwandern, wenn wir die USR III nicht annehmen. Moooooment. Die Unternehmen wollen also unbedingt MEHR Steuern bezahlen, sonst wandern sie ab?

Nein, natürlich nicht.

Zwar behaupten die Fans der USRIII, dass 24 000 Unternehmen in der Schweiz stärker besteuert werden. Das stimmt auf den ersten Blick, stellt sich aber beim zweiten Blick als eigentliche Lüge heraus: Wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass zusätzlich zur Besteuerung noch einige, extra auf diese Unternehmen zugeschnittene Hintertürchen geöffnet wurden.

«Patentbox» und «zinsbereinigte Gewinnsteuer» heissen diese Instrumente. Sie sind kompliziert, aber am Ende zählt die Wirkung: Die internationalen Grossunternehmen haben nach der USR III effektiv mehr Gewinne auf dem Konto und zahlen noch weniger an den Staat. Nicht exakt das, was die Weltgemeinschaft fordert. Aber natürlich können wir hoffen, dass die OECD und restlichen Wirtschaftsnationen sehr dumm sind, nichts merken und auf Sanktionen verzichten. Ansonsten müssen wir vor 2021 die USR IV in Angriff nehmen.

Aber schauen wir uns mal die Wirkung für uns Schweizer an: Grossunternehmen zahlen weniger Steuern. In der Stadt Zürich 300 Millionen Franken. Das heisst, die Unternehmen haben nach Steuern 300 Millionen Franken mehr Gewinn.

Nun, wer bezahlt diesen Gewinn? Richtig. Sie. Und ich. Mit unserer Einkommenssteuer. Während die Unternehmen die Gewinne aus Dividenden zu 60 Prozent versteuern, müssen wir unsere Arbeit zu 100 Prozent versteuern und dazu noch eine Steuererhöhung in Kauf nehmen. In Dübendorf würde die Steuererhöhung rund 13 Prozent ausmachen, wie die Gemeinde angibt. Es trifft alle Gemeinden, ausser ein paar Steueroasen, die vielleicht, aber nur vielleicht, neue Unternehmen anziehen können.

Ehrlich, ich hab nichts dagegen, mehr Steuern für unsere Infrastruktur zu bezahlen. Echt nicht. Komisch finde ich es aber, wenn meine Steuern mehr oder weniger direkt auf den Konten von Unternehmen landen. Sie nicht?

Gehen wir zurück zur drohenden Abwanderung:  Die Abwanderungsdrohung ist das Burka-Plakat der Wirtschaftsabstimmungen. Es wird ein Bild der Schweiz gemalt, in der wir alle arbeitslos in Lumpen vor Suppenküchen stehen und Vorbeigehende um einen Job anbetteln.

Hm. Google, als eines der grössten und innovativsten Unternehmen der Welt, hat gerade neue Arbeitsplätze in Zürich geschaffen. Die sind nicht wegen der Steuern hier. Viele andere Grossunternehmen auch nicht. Die Holdings, deren einziger Zweck es ist, andere Firmen zu besitzen, beschäftigen oft nur einen Anwalt, der den Briefkasten leert. Und die Post. Und genau diese Holdings erwirtschaften Gewinne hauptsächlich aus Dividenden und Kapitalgewinnen. Ah ja, Kapitalgewinne werden gar nicht besteuert, Dividenden mit der USRIII dann um einges weniger.

Also, wenn Sie die Gemeinden und den Kanton schwächen wollen, wenn Sie der Stadt Zürich mit ihrem Einkommen die 300 Millionen bezahlen wollen, die die Unternehmen dann mehr auf ihren Konten haben, dann stimmen Sie JA.

Ansonsten schicken Sie dieses Gesetz zurück in den National- und Ständerat.

Der Berg ruft und die Zürcher kommen

Alex Flach am Montag den 12. Dezember 2016
Partys in den Bergen sind Tourismusattraktionen.

Partys in den Bergen sind Tourismusattraktionen.

Dass das Alphorn in früheren Jahrhunderten von Alphirten zur Signalisierung ihres Standortes benutzt worden sei, ist im wortwörtlichen Sinn des Ausdrucks eine urban legend: Die Schall reflektierenden Bergwände verunmöglichen eine exakte Ortung. Trotzdem benutzten die Hirten das Alphorn damals als Kommunikationsmittel, beispielsweise um abends die Kühe von der Weide zu rufen oder um den Leuten im Tal oder den Kollegen von der benachbarten Alp Nachrichten zu übermitteln. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor das Alphorn seine kommunikative Funktion und wurde immer mehr zur Folklore.

Schade eigentlich, denn etwas gepflegte Alphornkonversation hätte verhindern können, dass sich an diesem Wochenende gleich drei grosse elektronische Bergfestivals konkurrieren, das Polaris in Verbier, die Modernity in Davos und der Rave on Snow im österreichischen Saalbach-Hinterglemm.

Überall mittendrin statt nur dabei: Die Zürcher. In Verbier spielten, neben ausländischen Stars wie Richie Hawtin und Dixon, auch Alex Dallas und Kalabrese. An der Modernity wurde die Zürcher Szene von Patrischa vertreten und am Rave on Snow unter anderem von Animal Trainer. Da all diese DJs über eine stattliche Entourage verfügen, wurden dem Nachtleben-affinen Zürcher die hochalpinen Gruppenfotos am Wochenende gleich im Dutzend in die Filterblase gespült.

Die winterlichen Berg- und Pistenausflüge der Zürcher House- und Techno-Clubber haben Tradition. Waren es in den 90er Jahren noch mehrheitlich Trips verschworener Gruppen wie die Val Sinestra-Happenings bei Scuol im Engadin, so sind die Zürcher DJs und Clubber seit der Entdeckung der elektronischen Musik durch alpine Tourismusverantwortliche Teilnehmer an bisweilen riesigen Sausen, die Besucher aus der ganzen Schweiz und dem benachbarten Ausland anziehen. Und es scheinen jährlich mehr zu werden: Neben den drei genannten Berg-Raves gibt’s ja auch noch das Arosa Electronica, das Caprices in Crans-Montana und einige mehr.

Ob diese Partys zur Annäherung zwischen Berg- und Tal-Bevölkerung beitragen ist fraglich: Die Veranstalter legen bei der Bewerbung der Anlässe den Fokus auf die urbanen Regionen und von den Line Ups prangen die Namen von DJs und Clubmusikern, die dem Gusto von Städtern entsprechen. Und selbst wenn die für Aufruhr sorgenden Zürich-Hasskleber, mit denen vor ein paar Jahren ganz Davos verklebt wurde, von einem Schaffhauser mit spartanisch möbliertem Oberstübchen stammten, so wird die Abneigung der Bergbewohner ihren städtischen Eidgenossen gegenüber von diesen doch weiterhin gehegt und gepflegt – auch wenn die Tourismusverantwortlichen der Skigebiete nicht müde werden dies händeringend und mit aller Vehemenz zu dementieren.

Solange die Hirten keine Subwoofer den Hang hochschleppen um die Kühe mit Techno von der Weide zu rufen, bleiben diese Festivals was sie sind: Euphorisierende Tourismusmassnahmen für städtische Clubber, die auch in den Bergen ihrem primären Hobby nachgehen möchten, einfach ohne Hochnebel über dem Scheitel und besserer Luft in der Lunge.

alex-flach2-150x150-1-1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Die dreiste Wasser-Masche von Zürcher Beizern

Simon Eppenberger am Donnerstag den 30. Juni 2016
Ein Mann fuellt sich das neue Souvenir von Zuerich, die Wasserflasche ZH2O, an einem Brunnen auf in Zuerich am Dienstag, 4. April 2006. Mit der Wasserflasche ZH2O will Zuerich Werbung für das hochwertige Trinkwasser machen, an welchem sich Heimische und Reisende an staedtischen Wasserhahnen sowie den 1200 sprudelnden Brunnen gleichermassen laben. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Aus Wasser mach Geld: Ein Liter H2O aus dem Hahn kostet in Zürich 0,2 Rappen, in der Beiz auch mal knapp zehn Franken. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Dies ist eine Story, wie man sie wohl nur in Zürich erlebt. Ein neues Restaurant geht auf und positioniert sich mit “ökologischer Verantwortung, heimischen Produkten und einfacher Zubereitung” irgendwo zwischen chic und hip. Das hat seinen Preis, aber dieser ist “der Qualität angemessen”, wie sich die Geschäftsführung zur Eröffnung zitieren lässt.

Für den Gast bedeutet das folgendes: Bestellt man zu Fisch und Weisswein zusätzlich Hahnenburger (heimisches Produkt), dann wird man kommentarlos aus einer Mehrweg-Flasche mit Bügelverschluss bedient (einfach und ökologisch). Zum Espresso ist die Flasche leer, man bestellt nochmals Hahnenwasser – und staunt dann bei der Rechnung nicht schlecht: “Wasser ohne, 19 Franken”. Auch wenn das Wasser einwandfreie Qualität hat, diesen Preis halten wir nicht für angemessen – und das Ganze deshalb für einen Irrtum.

Auf den Hinweis, man habe explizit Hahnenwasser und nicht Mineralwasser bestellt, erklärt einem die Bedienung, dass das Hahnenwasser sei. Für fast zehn Franken den Liter? Ja, man wolle auch was für den Service. (Die Rechnung belief sich auf deutlich über 100 Franken für zwei Personen). Wir machen so grosse Augen, dass sie hastig erklärt, dass dies so üblich sei am See, das würden auch andere Beizer so machen. Und “Wasser mit” in Beizen sei ja auch nur Sprudel aus dem Sodaclub.  

Nett, diese Ehrlichkeit. Zürcher Gastronomen ziehen ihre Gäste also gleich reihenweise über den Tisch und verwandeln Züri-Wasser in flüssiges Geld. Es sprudelt in Karaffen oder fliesst aus hippen Bügelflaschen. Und weil es alle machen, sollen wir das akzeptieren? Das Wasserwerk liefert 1000 Liter für 1 Franken 85 in jede Küche. Macht nicht mal 0,2 Rappen pro Liter. Und da war ja auch noch die Diskussion über die Preise für Zürcher Hahnenwasser.

Sie sorgte bereits vor sechs Jahren für Schlagzeilen. Damals enervierten sich viele Restaurantbesucher, wenn sie vier, fünf Franken für einen Liter berappen mussten. Wir haben einen Aufwand und bieten Service!, riefen die Wirte. Die Gäste arrangierten sich damit. Und Beizer, welche sich Ärger ersparen wollen, haben zwei simple Lösungen etabliert: Sie servieren Wasser gratis oder der Gast holt es sich selber. Dem Rest bleibt, die Preise zu kommunizieren.

Ob dem Konzept, für Hahnenwasser klammheimlich beinahe zehn Franken für einen Liter zu verlangen und das am Ende als “Wasser ohne” zu deklarieren, darüber kann man als Gast nur staunen. Übrigens kostet der halbe Liter 6 Franken 50.

Es ist interessant zu sehen, ob sich diese Masche am Ende auszahlt. Statt chic und hip am See kehren wir lieber einmal mehr in unserem Stammlokal ein. Dort ist das Wasser genauso frisch. Und das erst noch zu einem angemessenen Preis: Einem Lächeln und der Weinempfehlung des Tages. Darauf gehen wir gerne ein. Flaschenweise.

Mach das Radio an!

Alex Flach am Montag den 25. April 2016
Clubmusic on Air: KLeine Sender füllen diese Marktlücke.

Clubmusic on Air: Kleine Sender füllen diese Marktlücke. (gettyimages)

Gds.fm hat an diesem Wochenende mit einem rauschenden Fest im Stall 6 seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Der vom Zürcher Christian Gamp gegründete Internet-Radiosender erfreut sich zeit seines Bestehens stetig wachsender Beliebtheit und der enorme Publikumszuspruch an der Jubiläumfsfeier war Ausdruck der Sympathien die gds.fm geniesst.

Dass dem Kleinsender die Herzen nur so zufliegen ist nicht weiter erstaunlich, erfüllt er doch den innigsten Wunsch vieler Radiohörer nach einem lokalen Schweizer Sender, der die endlos ausgetrampelten Pfade der ewiggleichen Hitmeierei verlässt und der ein anspruchsvolles Musikprogramm auf die Beine stellt.

Dies gelingt Gamp und seinem Sender-Partner Adrian Hoenicke auf beeindruckende Weise: Neben subkulturell gefärbter Clubmusik wird hier auch viel Sound von noch weitgehend unbekannten Bands und Musikern gespielt, mit Fokus auf die Schweizer Szene. Diese will gds.fm nun auch im Ausland bekannter machen. Adrian Hoenicke: «Wir planen eine Sendung in englischer Sprache mit Schweizer Musik, die wir ausländischen Sendern in aller Welt anbieten. Auf diese Weise wollen wir einen weiteren Beitrag zur Förderung der Schweizer Musik leisten».

«Unsere Beweggründe», kurz ubwg.ch, ist eine weitere junge Clubmusik-Plattform mit Zürcher Wurzeln. Wie auch auf gds.fm findet auch auf dem Event- und Newsportal ubwg.ch Musik ausländischer Komponisten und Produzenten statt, doch auch hier liegt das Hauptaugenmerk auf der Schweizer Szene. Hinter der Plattform ubwg.ch, die am 21. Mai im Hive ihr viertes Bestehensjahr feiert, steht Patrick Geering, Verteidiger bei den ZSC Lions.

Trotz seiner Zürcher Wurzeln versteht sich ubwg.ch als Clubbing-Plattform für die gesamte deutsche Schweiz. Ein vollständiger Eventkalender, wie ihn beispielsweise usgang.ch anbietet, gibt’s hier nicht: Bei ubwg.ch dreht sich alles um Künstler-, Label- und Clubportraits, um Podcasts von DJs und Produzenten wie Alex Dallas und Trinidad und um Hintergrundberichte über das Schweizer Nachtleben. Die Beiträge sind sehr aufwändig gemacht und man sieht ihnen auf den ersten Blick an, dass viel Zeit in sie investiert wurde.

Dies haben ubwg.ch und gds.fm mit traditionsreicheren Plattformen, wie beispielsweise dem Berner Bewegungsmelder, gemein: Sie leben von Redaktoren, die zumeist auf ehrenamtlicher Basis, sprich ohne angemessene Entlohnung, arbeiten. Sie alle werden von Leuten gemacht, die von ihrer Hingabe für die Musik und fürs Nachtleben und nicht von Geld angetrieben werden.

Leider ist es jedoch so, dass sich das auf lange Sicht stets erschöpft: Die meisten früheren Medien in diesem Bereich, wie das 90er-Onlinemagazin pulp.ch, die Printpublikationen Heft.li, Affekt und auch das grössere Forecast, sind am Ende am Umstand gescheitert, dass man vom Enthusiasmus alleine nicht leben kann. Aber vielleicht liest das hier ja der Marketingchef einer Firma mit Budget, die sich mit ihren Produkten an ein junges, hippes Publikum wenden möchte und die dafür geeignete Plattformen sucht.

Alex-Flach2-150x150Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

DJs als Lohnsklaven?

Alex Flach am Sonntag den 17. Januar 2016
Manchen DJs sind die Hände gebunden: Mit Clubverträgen gefesselt.

Manchen DJs sind die Hände gebunden: Mit Clubverträgen gefesselt.

Vergangene Woche hat ein Basler Club für ein Rauschen im Blätterwald gesorgt, weil er einem regelmässig dort spielenden DJ untersagt hat, für einen Konkurrenten aufzulegen. Der betreffende DJ ist damit zu 20minuten und die Zeitung hat das Thema aufgegriffen. Dabei ist es beileibe nicht neu und beschränkt sich auch keineswegs nur auf Basel.

Ganz im Gegenteil: Wie diverse DJs bestätigen, ist für sie die Situation in St. Gallen besonders unerträglich. Viele Club-Betreiber dort scheinen sich spinnefeind zu sein. Dani Bondt, der Macher des Backstage Clubs, macht keinen Hehl daraus: «Wir haben mit einem Grossteil der DJs exklusive Verträge, vor allem im Hip Hop- und RnB-Bereich. Wir wollen die für uns beste DJ-Crew und wir wollen sie ausschliesslich, um uns von den anderen Clubs abzuheben. Als Fussballer kannst du ja auch nicht für die AC Milan auflaufen und für Inter Mailand».

In Zürich scheint die Lage etwas entspannter zu sein. Dominik Müller von der Zukunft: «Wir erlassen keine Einschränkungen bezüglich Auftrittsorten von unseren Residents, die zwar oft, aber stets nur für einen Bruchteil der Gage eines international bekannten Namens spielen. Resident DJs brauchen einen Nebenjob, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Umso absurder fänden wir es da, ihnen vorzuschreiben, wo sie spielen dürfen und wo nicht und damit in einer der teuersten Städte der Welt (negativen) Einfluss auf ihr Einkommen zu nehmen». Paolo Manduca vom Alice Choo sieht es ähnlich: «Ich finde es sogar gut, wenn DJs in anderen Clubs spielen und sich so Know How aufbauen. Wir überlassen dem DJ die Entscheidung, ob er exklusiv für uns spielen will».

Dennoch kommt es hinter vorgehaltener Hand auch in Zürich vor, dass DJs von Clubs das Spielen bei Mitbewerbern mit einer ähnlichen Programmierung untersagt wird – und zwar ohne dass sie dafür mit einer höheren Gage entschädigt würden. DJs, die sich nicht an diese Auflagen halten, müssen damit rechnen, von ihrem angestammten Lokal nicht mehr gebucht zu werden.

Die Meinungen der DJs zu diesem Vorgehen variieren stark. Einige haben Verständnis für dieses Vorgehen, so auch der Hip Hop-Pionier Avni Saiti alias Aystep: «Eine Residency kann auch für einen DJ was sehr bequemes sein, kann ihm Sicherheit vermitteln. Ich finde, man sollte als DJ abwägen können, wie ähnlich sich die Clubs sind, in denen man spielt». Ein DJ, der nicht namentlich genannt werden will, stösst sich hingegen daran, dass nicht alle DJs gleich behandelt werden: «Einige dürfen spielen, wo sie wollen, andere nicht. Insbesondere Newcomer werden ausgenutzt und für ein Butterbrot an Clubs gebunden». Auch Domi “Doobious” Baumann hat insbesondere zu Beginn seiner Karriere solche Erfahrungen gemacht, dennoch ist seine Sicht auf die Dinge eine moderate: “Ich finde man sollte das Ganze mit ein Bisschen Menschenverstand angehen. Warum sollte ein Clubmacher/Veranstalter Verständnis aufbringen oder gar Freude haben, wenn du für seinen unmittelbaren Konkurrenten spielst?”.

Dass die Clubs kein einheitliches und im ganzen Land gültiges Vorgehen einführen müssen, liegt auch daran, dass sie sich mit keinem DJ-Verband auseinandersetzen müssen. Die DJs sind Einzelkämpfer und solange es so bleibt, werden sie auch als solche behandelt. Und wer sich nicht zu formieren vermag, um mit einer Stimme zu sprechen, der muss sich mit Kunden auseinandersetzen, die sich bisweilen wie Könige verhalten.

….und im Nachtleben gibt es viele Könige, gekrönte und selbsternannte.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Sack zu, Fifa weg.

Réda El Arbi am Donnerstag den 3. Dezember 2015
Nein, das ist nicht Sepp Blatter, das ist der Fifa-Schutzheilige Al Capone.

Nein, das ist nicht Sepp Blatter, das ist der Fifa-Schutzheilige Al Capone.

Bei den Fifa-Verhaftungen sieht man wieder mal, wie unkoordiniert die Behörden vorgehen. Es hätte sich vom Aufwand her gelohnt, bei der letzten Fifa-Versammlung einfach eine Mauer um den Haupstitz zu machen und es als Gefängnis zu beschriften. Natürlich nachdem man die Mitarbeiter rausgelassen hätte, die weniger als 100 000 Franken im Jahr verdienen. Also die Empfangsdame, der Hauswart und die Typen, die die Post im Haus verteilen. Jetzt muss das Personal des Baur au Lac jedes Mal die Teppiche reinigen, nachdem die Polizisten für eine Razzia reingetrampelt sind.

Natürlich sind noch viele Fifa-Offizielle, Consiglieri und Lieutenants auf der Welt verteilt, die es zu fassen gilt. Aber auch das wäre keine Problem, wenn man richtig aufräumen will. Es würde reichen, einen Eimer voll Bargeld auf ein Fussballfeld zu stellen und nach zehn Minuten ein Netz darüber zu werfen.

Es ist schon erstaunlich, dass der grösste Zürcher Kriminalfall des neuen Jahrtausends nicht unter der Führung Zürcher Behörden, oder wenigstens der Schweizer Behörden, über die Bühne geht. Es ist so, dass immer zuerst die US-Behörden zuschlagen, worauf die Bundesanwaltschaft meint «Ah, lueg au da! Jesses Gott. Korruption! Aber nei au!» und auch noch ein paar Fragen stellt.

Natürlich ist das nicht der Vetterliwirtschaft geschuldet, sondern  einfach der Tatsache, dass in Zürich Verbrecher, die mehr als eine Million verschieben, als wichtige Wirtschaftsfaktoren gelten. So fallen sie einfach aus dem Fokus der Strafverfolgungsbehörden. Also Leute wie Fifa-Offizielle, Vertraute von Diktatoren, Bankiers von Unterdrückungsregimen und generell Verbrecher mit einflussreichen Freunden.

Und bei der Fifa war ja kein Anfangsverdacht da. Niemals. Nie! Die WM in Katar durchzuführen war so überaus logisch, dass niemand auf die Idee hätte kommen können, dass es da vielleicht nicht mit rechten Dingen zuging. Auch wenn man die bereits bekannten Korruptionsfälle berücksichtigte. Ehrlich! Aber da offenbar JEDER Offizielle der Fifa plus ihre Cousinen und Grossmütter irgendwie mit im Korruptionssumpf steckten, überrascht es dann doch ein wenig, dass niemals niemand nichts davon gehört hat.

Nun haben wir aber noch ein anderes kleines Problem: Die Fifa baut gerade für Millionen eine Museum in der Stadt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass das Museum in der Zeit nach der Eröffnung gleich auf viele Besucher hoffen kann. Aber das wird sicher in den nächsten 20 Jahren mit dem Fifa-Tourismus kommen. Chicago hat ja schliesslich auch ein Al Capone-Museum.

Ein feministischer Dialog

Réda El Arbi am Donnerstag den 29. Oktober 2015
Ältere Männer führen ein Gespräch zu Feminismus, ohne dazu gezwingen zu werden.

Ältere Männer führen ein konstruktives Gespräch über Feminismus, ohne dazu gezwungen zu werden.

Gestern besuchte ich einen Flashmob der jungen Feministinnen von aktivistin.ch zum Thema Lohnungleichheit. Ich hab eine Mitteilung über Twitter bekommen und wollte mal sehen, was die jüngere Generation so auf die Beine stellt. Natürlich fühlte ich mich gebauchpinselt, dass sie mich einluden und – auch natürlich – wollte ich meine Solidarität zeigen. Auf dem Weg dahin traf ich einen Bekannten und es entspann sich folgender Dialog:

Er: «Feminismus? Gibts das noch? Ich dachte, diese Gleichmacherei sei inzwischen überwunden. Frauen und Männer sind einfach unterschiedlich. Und Frauen können doch heute schon alles, was wir auch können. Meine Tochter studiert Elektrotechnik, das ist doch wohl schon der Beweis. »

Ich: «Es geht nicht um Gleichmacherei. Das ist wirklich überwunden. Wir sollen um Himmels Willen auch nicht gleich werden, gleichwertig aber schon. Und du verwechselst die individuelle mit der gesellschaftspolitischen Ebene. Auf persönlicher Ebene gehts um Autonomie, da kann jede/r sein Leben so gestalten, wie es ihren/seinen Fähigkeiten, seinem/ihrem Mut und seiner/ihrer Entschlossenheit entspricht. Nicht jede oder jeder kann alles erreichen. Dafür kann man aber kaum mehr die fehlende Emanzipation verantwortlich machen.»

Er: «Sag ich doch!»

Ich: «Ja, aber auf gesellschaftspolitischer Ebene haben wir die Realität, dass Frauen in der Schweiz im Durchschnitt rund 20 Prozent weniger als Männer verdienen. Das sind  rund 7.7 Milliarden Franken jährlich, um die die weibliche arbeitende Bevölkerung beschissen wird. Wenn du als Frau also auf individueller Ebene deinen Traum umsetzt, ist es sehr wahrscheinlich, dass du weniger Geld dafür bekommst als ein Mann, der dasselbe macht.»

Er: «Ja, aber diese Zahlen sind auch nicht wirklich aussagekräftig, weil da Babypausen und Unterbrüche im Arbeitsleben nicht eingerechnet wurden. Der Lohnunterschied wird auf Grund des Alters und nicht auf Grund des Dienstalters berechnet, der Ausfall an Berufserfahrung fällt nicht ins Gewicht.»

Ich: «Du kommst doch aus dem Freisinn. Ihr plädiert doch immer dafür, dass Leistung bezahlt wird. Jetzt forderst du aber gerade, dass nicht  mehr an der Leistung gemessen wird. Ich kenn Leute mit 20 Jahren Berufserfahrung, die in ihrem Job mittelmässig sind, und ich kenn Leute mit 5 Jahren Erfahrung, die Spitzenkräfte sind. Wenn ich also einen Job zu vergeben habe, mach ich mir ein Budget für die Stelle und vergeb sie dann an die Person, von der ich glaube, dass sie ihn am Besten ausfüllen kann.

Er: «Ja, aber woran, wenn nicht am Dienstalter, soll ich als Arbeitgeber dann die Qualifikation messen? So bekommt einfach eine Frau mit weniger Berufserfahrung den Job nicht.»

Ich: «Das würde den niedrigeren Anteil an Frauen in Führungspositionen erklären, nicht aber den Lohnunterschied. Der Lohnunterschied ist real. Die Frauen werden wirklich eingestellt, sie bekommen einfach weniger Geld für den Job. Deiner Argumentation nach hätte ein Mann mit mehr Berufserfahrung den Job bekommen müssen. »

Er: «Hm. Hat vielleicht was. Ich denk das nochmals durch. Aber es ist nun mal Fakt, dass nur Frauen Kinder bekommen und so den Arbeitsausfall haben.»

Ich: «Jep, das liegt auch daran, dass wir in der Schweiz noch im Mittelalter stecken, was den Vaterschaftsurlaub angeht. So werden Frauen auch noch indirekt, über die Arbeitsverhältnisse des Mannes, diskriminiert. Sie müssen zuhause bleiben, weil es wirtschaftlich keine andere Möglichkeit gibt.»

Er: «Ok, ich seh deinen Punkt. Aber selbst wenn, muss sich das Feminismus nennen? Die meisten Feministinnen, die mir bekannt sind, sind sowas von unsympatisch.»

Ich: «Ich mag auch nicht alle Feministinnen, viele haben das Problem aller IdealistInnen: Sie sind völlig ironie- und humorbefreit und kommunizieren in einer Kampfsprache, die meist eh nur Leute erreicht, die schon ihrer Meinung sind. Aber das hat nichts mit der Sache zu tun. Die Ungerechtigkeit ist real, egal ob ich die Botin mag, die die Botschaft verkündet.»

Wir verabschieden uns und ich treff mich am Bürkliplatz mit einer Gruppe junger, engagierten Frauen, die diskutieren, Schilder halten und sich darauf vorbereiten, auf dem Paradeplatz eine Minidemo mit Schildern und Sprechchören zu veranstalten. Ich hab einen der schweren Scheinwerfer geschleppt.

Viele würden vielleicht sagen, dass so ein Flashmob doch eh nichts bringt. Aber nur schon die Tatsache, dass dadurch zwei gestandene Männer ihre Zugfahrt mit einem Gespräch über Feminismus und Gleichstellung verbringen, ohne dass man sie dazu zwingt, zeigt, dass solche Aktionen langsam Wirkung zeigen.

Ein kleines Zeichen gegen eine grosse Ungerechtigkeit.

Ein kleines Zeichen gegen eine grosse Ungerechtigkeit. (Bild: Christina Andersen)