Archiv für die Kategorie ‘Geld verdienen in Zürich’

Die gelbe Pest verbreitet sich

Réda El Arbi am Dienstag den 15. August 2017
Sind nur Vorwand, um Daten zu sammeln: Die Bikes von oBike.

Sind nur Vorwand, um Daten zu sammeln: Die Bikes von oBike.

Ich könnte Kaugummi-Automaten auf öffentlichem Grund in der Stadt verteilen und ich bekäme wohl richtig grossen Ärger, wenn ich keine Bewilligung dafür hätte. Ich kann mich noch erinnern, was für ein Gschiss es damals gab, als die verschiedenen Verlage begannen, ihre Boxen für die Gratiszeitungen aufzustellen.

Trotzdem vermüllt der asiatische «Velovermieter» oBike den öffentlichen Raum mit seinen Mietautomaten.  Die grottenhässlichen Bikes sind nichts anderes als Verkaufsautomaten. Dass die Zahlung per App erfolgt und dass die Automaten nicht am Boden festgeschraubt sind, ist nebensächlich. Und inzwischen metastasiert die gelbe Pest in die Vororte und in die kleineren Städte.

oBike benutzt öffentlichen Grund in der Stadt und im ganzen Kanton, um gewerbsmässig Fahrzeuge zu vermieten. Die Stadt und die betroffenen Gemeinden stellen Infrastruktur aus Steuergeldern zur Verfügung und das Unternehmen macht daraus Geld. Wenn ich einen mobilen Glacestand oder ein Crepe-Mobile, einen Foodtruck oder sonst ein kommerzielles Angebot auf Stadtgrund stelle, dauert es meist kaum fünf Minuten, bis ein Polizist der Abteilung Wirtschaft dasteht und eine Genehmigung sehen will.

Der international tätige  Anbieter der plumpen Drahtesel hat in einem kleinen Kaff ausserhalb Genfs seinen Schweizer Firmensitz. Dort würde er wohl Steuern zahlen, wenn das Geschäft mit dem Veloverleih Gewinn abwerfen würde. Das tuts sicher noch nicht. Das ist aber wohl auch nicht der Hauptzweck der Velos. Das Geschäftsmodell ist das Sammeln von Daten.

Immer überwacht dank oBike.

Immer überwacht dank oBike.

10 000 Mal wurde die App im Grossraum Zürich nach Angaben des Unternehmens bereits heruntergeladen. Die meisten werden die App nicht benutzen. Aber das ist völlig egal. Die App verlangt Zugriff auf Bewegungsdaten AUCH WENN MAN DIE APP GERADE NICHT BENUTZT. Wenn man sich mit Facebook anmeldet, kommen die Freundesliste und die Einsicht in die da gemachten Onlinebewegungen dazu.

Aus den in der App nicht ersichtlichen Datenschutzrichtlinien auf der Homepage von oBike:

«  1. oBike sammelt und speichert die Informationen, die Sie in der oBike App eingegeben haben, oder die Informationen, die Sie uns in anderen Quellen zur Verfügung gestellt haben. Wir werden auch Ihre persönlichen oder gruppenbezogenen Informationen von kooperierenden Unternehmen, Geschäftspartnern und anderen unabhängigen Drittquellen sammeln. »

Das Unternehmen verfügt also bereits über Bewegungsprofile von 10 000 Schweizern. Die Daten können an Dritte weitergegeben werden, also zum Beispiel an die Muttergesellschaft in Singapur. Diese Dritten dürfen dann mit den Daten machen, was immer sie wollen. Die Schweizer Gesetzgebung greift da nicht mehr.

Datenhandel steht aber nicht im Handelsregistereintrag der oBike Schweiz AG.

Nachdem wir den Sklavenbetrieb UberPOP losgeworden sind, haben wir einen neuen Player, der die der Realität hinterherhinkende Gesetzgebung ausnutzt. Die Stadt hätte es in der Hand, da den Riegel zu schieben. Die Regulierungen, die für Marroni-Stände und andere Geschäfte auf öffentlichem Grund so hart sind, sollten auch auf den Datenkraken oBike angewandt werden.

Wir persönlich haben es in der Hand, unsere Daten nicht diesem Unternehmen in den Rachen zu werfen. Und uns zu weigern, deren Gewinn auf Kosten der Allgemeinheit zu finanzieren.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 11. August 2017

«Wer Geld hat, wird bewundert.»

Der Zürcher Glücksforscher Bruno S. Frey sagt, dass es mehr brauche als viel Geld, um zufrieden zu werden. Viel besser wäre es, wenn man aufhören würde, sich ständig zu vergleichen. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Der Stadt sollte kein
finanzieller Schaden entstehen.»

Zwei Monate lang hätten die 20 Sonnenschirme im heissen Sommer Schatten spenden sollen. Nach fünf Tagen wurden sie bereits wieder abmontiert, weil sie dem Wind nicht standhielten. Stadtrat Filippo Leutenegger versichert, dass die Herstellerfirma die Schirme wieder zurücknehme. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich nähere mich dem Gaga-Zustand.»

Max Richter hat in Zürich sein achtstündiges Werk «Sleep» aufgeführt – TA-Redaktor Thomas Wyss und 120 andere Menschen durften zur Musik schlafen – was gar nicht so einfach war. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Das Nachtleben ist für
viele Frauen nicht attraktiv.»

Hinter dem Tresen sind Frauen im Ausgang omnipräsent. In den Führungspositionen dafür sehr selten und das in einer Branche, die als jung und innovativ gilt. Weshalb ist das so? Die Unternehmerin Vania Kukleta kennt die Gründe. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Gegen die Konkurrenz aus China
sind wir chancenlos.»

Schweizer Hersteller waren dem Staatsbetrieb für die Fassade bei der Zürcher Europaallee zu teuer. Wäre das auch anders gegangen? Fassadenbauer Roman Aepli findet, es herrsche ein völlig ungleicher Wettbewerb in der Branche. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Kommen weitere Anbieter, werden wir
die Situation neu beurteilen.»

Während andere Städte hart gegen sie vorgehen, duldet Zürich die Velos von O-Bike. Das Unternehmen expandiert nun. Und die Velos sind überall in der Stadt zu sehen. Derzeit gebe es noch keine grossen Beschwerden, sagt Mike Sgier vom Tiefbaudepartement. (Foto: Keystone/Ennio Leanza) Zum Artikel

 

«Manche dieser Typen sind gewohnt,
immer alles zu bekommen.»

Diese Woche wurde das Urteil gegen den Küsnachter gefällt, der im Rausch getötet hat (zwölfeinhalb Jahre Gefängnis). In Internaten und Luxuskliniken weiss man, warum manche Zöglinge des Geldadels auf die schiefe Bahn geraten. Und setzt man ihnen Grenzen, dann flippen sie aus, sagt ein Internatspädagoge. (Foto: Franziska Scheidegger) Zum Artikel

 

«Die Langstrasse hat sich
leider zur Partymeile entwickelt.»

Sie sind allgemein zufrieden, die Menschen in den Kreisen 4 und 5. Wäre da nicht die Sorge, dass die Langstrasse etwas verlieren könnte. Tagsüber werde man an der Langstrasse oft angebettelt, sagt André Bleiker, der seit 27 Jahren im Kreis 4 wohnt.  (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Vor allem Frauen und Kinder winken mir zu.»

Was ist denn das? Ein Hochrad, eine Brücke und ein überraschter Mann. Die Geschichte hinter einem 50-jährigen Foto oder wie Hans Keller 1965 mitten durch Zürich fuhr. (Foto: Pfändler, ATP, RDB) Zum Artikel

 

«Die grössten Flops Zürichs.»

Die Stadtregierung meint es ja gut und greift doch ab und zu doch völlig daneben – wie FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger (siehe auch weiter oben) mit den filigranen Sonnenschirmen. Hier sind sie, die sieben peinlichsten Flops der Stadt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich strebe nach Perfektion im Einfachen.»

Aubergine mit Fenchelpollen oder Rüebli mit Himbeeren: Margaretha Jüngling, die einstige Privatköchin von Rockmusiker Neil Young, will mit viel Gemüse und viel Fantasie das Zürcher Publikum begeistern. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

USRIII für Dummies

Réda El Arbi am Montag den 23. Januar 2017
Bei einer Ablehnung der USR III landen wir alle arbeitslos in Suppenküchen. Ich schwör!

Bei einer Ablehnung der USR III landen wir alle arbeitslos in Suppenküchen. Ich schwör!

Der Finanzdirektor des Kantons Zürich findet die USR III super. Die Stadtregierung ist nicht so begeistert. Zitat: «Die erwarteten Einnahmeausfälle von rund 300 Millionen Franken werden vom Kanton nur bedingt kompensiert. Um die Defizite zu decken, ist mit einer Steuererhöhung für Private zu rechnen».

Ich bin ja kein Fachmann für Steuern. Ich schaffs gerade mal, meine eigene Steuererklärung auszufüllen. Und trotzdem sitz ich jetzt vor meinen Abstimmungsunterlagen und soll über die USR III entscheiden. Da Steuerrecht nicht meine Stärke ist, hab ich mich mal mit den Argumenten aus der Befürworter-Kampagne auseinandergesetzt. Mit Kommunikation kenn ich mich schliesslich aus.

Zuerst mal wollte ich wissen, warum wir überhaupt eine Unternehmenssteuerreform brauchen. Hm, offenbar sind die EU, die OECD und die G20-Staaten ungehalten über die Steuervorteile, die ausländische Unternehmen in der Schweiz geniessen. Auf deren Druck hin wurde die USR III entworfen. Die wollen kein Geld von uns, die wollen, dass diese Unternehmen mehr Geld an die Schweiz bezahlen.

Augenblick, EU, OECD und G20? Irgendwie hab ich den SVP-Entrüstungssturm über fremde Richter verpasst.

Aber zurück: Die USR III sollte diese Unternehmen stärker besteuern, ohne den Standortvorteil der Schweiz zu schwächen. Das wäre doch eigentlich ein Nullsummenspiel, bei dem am Ende keine Steuerausfälle nötig wären? Aber weiter.

Als Hauptargument führen die Befürworter an, dass diese Unternehmen abwandern, wenn wir die USR III nicht annehmen. Moooooment. Die Unternehmen wollen also unbedingt MEHR Steuern bezahlen, sonst wandern sie ab?

Nein, natürlich nicht.

Zwar behaupten die Fans der USRIII, dass 24 000 Unternehmen in der Schweiz stärker besteuert werden. Das stimmt auf den ersten Blick, stellt sich aber beim zweiten Blick als eigentliche Lüge heraus: Wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass zusätzlich zur Besteuerung noch einige, extra auf diese Unternehmen zugeschnittene Hintertürchen geöffnet wurden.

«Patentbox» und «zinsbereinigte Gewinnsteuer» heissen diese Instrumente. Sie sind kompliziert, aber am Ende zählt die Wirkung: Die internationalen Grossunternehmen haben nach der USR III effektiv mehr Gewinne auf dem Konto und zahlen noch weniger an den Staat. Nicht exakt das, was die Weltgemeinschaft fordert. Aber natürlich können wir hoffen, dass die OECD und restlichen Wirtschaftsnationen sehr dumm sind, nichts merken und auf Sanktionen verzichten. Ansonsten müssen wir vor 2021 die USR IV in Angriff nehmen.

Aber schauen wir uns mal die Wirkung für uns Schweizer an: Grossunternehmen zahlen weniger Steuern. In der Stadt Zürich 300 Millionen Franken. Das heisst, die Unternehmen haben nach Steuern 300 Millionen Franken mehr Gewinn.

Nun, wer bezahlt diesen Gewinn? Richtig. Sie. Und ich. Mit unserer Einkommenssteuer. Während die Unternehmen die Gewinne aus Dividenden zu 60 Prozent versteuern, müssen wir unsere Arbeit zu 100 Prozent versteuern und dazu noch eine Steuererhöhung in Kauf nehmen. In Dübendorf würde die Steuererhöhung rund 13 Prozent ausmachen, wie die Gemeinde angibt. Es trifft alle Gemeinden, ausser ein paar Steueroasen, die vielleicht, aber nur vielleicht, neue Unternehmen anziehen können.

Ehrlich, ich hab nichts dagegen, mehr Steuern für unsere Infrastruktur zu bezahlen. Echt nicht. Komisch finde ich es aber, wenn meine Steuern mehr oder weniger direkt auf den Konten von Unternehmen landen. Sie nicht?

Gehen wir zurück zur drohenden Abwanderung:  Die Abwanderungsdrohung ist das Burka-Plakat der Wirtschaftsabstimmungen. Es wird ein Bild der Schweiz gemalt, in der wir alle arbeitslos in Lumpen vor Suppenküchen stehen und Vorbeigehende um einen Job anbetteln.

Hm. Google, als eines der grössten und innovativsten Unternehmen der Welt, hat gerade neue Arbeitsplätze in Zürich geschaffen. Die sind nicht wegen der Steuern hier. Viele andere Grossunternehmen auch nicht. Die Holdings, deren einziger Zweck es ist, andere Firmen zu besitzen, beschäftigen oft nur einen Anwalt, der den Briefkasten leert. Und die Post. Und genau diese Holdings erwirtschaften Gewinne hauptsächlich aus Dividenden und Kapitalgewinnen. Ah ja, Kapitalgewinne werden gar nicht besteuert, Dividenden mit der USRIII dann um einges weniger.

Also, wenn Sie die Gemeinden und den Kanton schwächen wollen, wenn Sie der Stadt Zürich mit ihrem Einkommen die 300 Millionen bezahlen wollen, die die Unternehmen dann mehr auf ihren Konten haben, dann stimmen Sie JA.

Ansonsten schicken Sie dieses Gesetz zurück in den National- und Ständerat.

Die dreiste Wasser-Masche von Zürcher Beizern

Simon Eppenberger am Donnerstag den 30. Juni 2016
Ein Mann fuellt sich das neue Souvenir von Zuerich, die Wasserflasche ZH2O, an einem Brunnen auf in Zuerich am Dienstag, 4. April 2006. Mit der Wasserflasche ZH2O will Zuerich Werbung für das hochwertige Trinkwasser machen, an welchem sich Heimische und Reisende an staedtischen Wasserhahnen sowie den 1200 sprudelnden Brunnen gleichermassen laben. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Aus Wasser mach Geld: Ein Liter H2O aus dem Hahn kostet in Zürich 0,2 Rappen, in der Beiz auch mal knapp zehn Franken. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Dies ist eine Story, wie man sie wohl nur in Zürich erlebt. Ein neues Restaurant geht auf und positioniert sich mit “ökologischer Verantwortung, heimischen Produkten und einfacher Zubereitung” irgendwo zwischen chic und hip. Das hat seinen Preis, aber dieser ist “der Qualität angemessen”, wie sich die Geschäftsführung zur Eröffnung zitieren lässt.

Für den Gast bedeutet das folgendes: Bestellt man zu Fisch und Weisswein zusätzlich Hahnenburger (heimisches Produkt), dann wird man kommentarlos aus einer Mehrweg-Flasche mit Bügelverschluss bedient (einfach und ökologisch). Zum Espresso ist die Flasche leer, man bestellt nochmals Hahnenwasser – und staunt dann bei der Rechnung nicht schlecht: “Wasser ohne, 19 Franken”. Auch wenn das Wasser einwandfreie Qualität hat, diesen Preis halten wir nicht für angemessen – und das Ganze deshalb für einen Irrtum.

Auf den Hinweis, man habe explizit Hahnenwasser und nicht Mineralwasser bestellt, erklärt einem die Bedienung, dass das Hahnenwasser sei. Für fast zehn Franken den Liter? Ja, man wolle auch was für den Service. (Die Rechnung belief sich auf deutlich über 100 Franken für zwei Personen). Wir machen so grosse Augen, dass sie hastig erklärt, dass dies so üblich sei am See, das würden auch andere Beizer so machen. Und “Wasser mit” in Beizen sei ja auch nur Sprudel aus dem Sodaclub.  

Nett, diese Ehrlichkeit. Zürcher Gastronomen ziehen ihre Gäste also gleich reihenweise über den Tisch und verwandeln Züri-Wasser in flüssiges Geld. Es sprudelt in Karaffen oder fliesst aus hippen Bügelflaschen. Und weil es alle machen, sollen wir das akzeptieren? Das Wasserwerk liefert 1000 Liter für 1 Franken 85 in jede Küche. Macht nicht mal 0,2 Rappen pro Liter. Und da war ja auch noch die Diskussion über die Preise für Zürcher Hahnenwasser.

Sie sorgte bereits vor sechs Jahren für Schlagzeilen. Damals enervierten sich viele Restaurantbesucher, wenn sie vier, fünf Franken für einen Liter berappen mussten. Wir haben einen Aufwand und bieten Service!, riefen die Wirte. Die Gäste arrangierten sich damit. Und Beizer, welche sich Ärger ersparen wollen, haben zwei simple Lösungen etabliert: Sie servieren Wasser gratis oder der Gast holt es sich selber. Dem Rest bleibt, die Preise zu kommunizieren.

Ob dem Konzept, für Hahnenwasser klammheimlich beinahe zehn Franken für einen Liter zu verlangen und das am Ende als “Wasser ohne” zu deklarieren, darüber kann man als Gast nur staunen. Übrigens kostet der halbe Liter 6 Franken 50.

Es ist interessant zu sehen, ob sich diese Masche am Ende auszahlt. Statt chic und hip am See kehren wir lieber einmal mehr in unserem Stammlokal ein. Dort ist das Wasser genauso frisch. Und das erst noch zu einem angemessenen Preis: Einem Lächeln und der Weinempfehlung des Tages. Darauf gehen wir gerne ein. Flaschenweise.

Rindermarkt: «Nur für Gastro-Mafia»

Réda El Arbi am Montag den 28. März 2016

Rindermarkt

Alle Anwohner atmen auf, weil der US-Kaffee-Klon «Starbucks» endlich das schöne Lokal im Niederdorf aufgibt. Aber der neue Mieter wird sich wohl kaum vom alten unterscheiden.

10 000 Franken müssen die neuen Mieter des kleines Lokales am Rindermarkt monatlich hinblättern, 120 000 Franken garantierte Miete im Jahr. So will es die Liegenschaftenverwaltung der Stadt. Für den Betrieb des Cafés wird das nicht ganz so einfach. Der neue Pächter muss bei 5 Franken pro Tasse nur schon 100 Kaffees am Tag für die Miete verkaufen, ohne Nebenkosten oder Lohn.

Kein Familienbetrieb, kein unabhängiger Newcomer, kein kleines Kollektiv kann sich das leisten. Nur ein Unternehmen mit langem Atem und genügend Reserven für die schwierigen ersten zwei Jahre kann das stemmen. Und die Preise werden so hoch  sein, dass es nur eine gewisse Klientel anziehen wird. Es wird ein weiteres Lokal sein, in dem sich weder alte Menschen, noch Lehrlinge (ausser Mami oder Papi zahlt) oder andersweitig nicht besonders Gutbetuchte einen Kafi leisten können. Es werden Kinderwagen in SUV-Grösse mit Neueanschaffungpreis eines Einfamilienhauses herumstehen.

Man trifft sich dort, nicht weil man im Quartier wohnt, sondern weil man nach dem Shoppen noch schnell mit der Freundin käffele will, bevor man sein Auto aus dem Parkhaus holt und in die Provinz verschwindet. Doppelverdienende Mittelstands-Hipster um die Dreissig werden wohl auch da sein, sofern die Einrichtung so schäbig ist, dass man sich in einem berliner Szenecafé wähnen kann. Am Samstag werden sich vielleicht die Hen-Night-Babes da verabreden, bevor sie die Anwohner mit Kostümen und Trinkspielen belästigen.

Und wer wird wohl den Vertrag kriegen? Es werden wahrscheinlich die üblichen Verdächtigen aus der Hipster-Gastromafia sein, die bei der Stadt so schon immer wieder zum Zuge kommen: Péclar (Kiosk, Pumpstation und viele weitere), Tamo von der Gasometer (Primitivo am Letten und viele weitere), das Umfeld der Miteinander GmbH (Frau Gerolds Garten, neues Projekt am Helvetiaplatz und viele, viele, viele mehr …). (Hier zur Liste mit dem Gastroklüngel). Es könnte aber auch sein, dass Rolf Hiltl sich darum bemüht, sofern er genug christliche Mitarbeiter für seine Kaderstellen findet (an der Kasse dürfen auch Ungläubige und Atheisten arbeiten).

Sollten diese sich nicht dafür interessieren, wird eine andere grosse oder internationale Gastrotruppe sich des Lokals bemächtigen. «Freier Markt», werden meine neoliberalen Freunde schreien. «Bestes Angebot», werden sie mit grossen Augen vor sich hin rezitieren.

Aber, nein. Wenn schon Firmen ganze Quartiere besitzen und nach Belieben gestalten, ohne dass die Bewohner der Stadt in irgendeiner Weise mitreden können, ist doch von einer rotgrün-regierten Stadt zu erwarten, dass sie sich der Gentrifizierung widersetzt. Werte, für die sich die Parteien und deren Exponenten noch vor ein paar Jahren lautstark eingesetzt hatten, finden keinen Eingang in die effektive Verwaltung der Stadt. Es ist übrigens nirgends ersichtlich, wie die Entscheidungen für neue Mieter in städtischen Liegenschaften getroffen werden. Natürlich sind Leute, die bereits Verträge haben und so Sicherheiten bieten (siehe oben), bevorzugt. Vermietet wird natürlich wie bei einer privaten Immobilienfirma. Und natürlich haben da Freunde, die man schon lange kennt, einfach die besseren Karten.

In Zürich ist es offenbar so, dass die Regierungsverantwortung für die Bankenstadt die ursprünglichen Überzeugungen der Roten und Grünen so weit kompromittiert, dass sie nicht mehr von denen der FDP zu unterscheiden sind.

Was den Bewohnern des Quartiers und der Stadt bleibt? Wegziehen. Orte suchen, die dem Leben der Anwohner eher gerecht werden. Sich vertreiben lassen, wie es immer schon das Schicksal der Ureinwohner war, wenn wirtschaftliche Imperialisten Interesse bekunden.

Sportriese Puma jagt kleine Hunde

Réda El Arbi am Montag den 8. Februar 2016
Markenanwälte leben von kleinen Opfern.

Markenanwälte leben von kleinen Opfern.

Die Zürcher Anwaltskanzlei E. Blum & Co (est. 1878) jagt für das multinationale Sportunternehmen «Puma» die kleine Schweizer Firma Urwyler&Hostettler GmbH. Das Kleinstunternehmen soll das Logo des Sportriesen kopiert haben, wie die Markenanwälte behaupten. Die Markenrechte von «Puma» seien damit verletzt worden. Die angegriffene Marke «Made in Ermatingen» stellt Holzbrettchen her. Michael Urwyler ist der Chef, Reana Hostettler entwirft, Vater Andy unterstützt im Verkauf.

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Sack zu, Fifa weg.

Réda El Arbi am Donnerstag den 3. Dezember 2015
Nein, das ist nicht Sepp Blatter, das ist der Fifa-Schutzheilige Al Capone.

Nein, das ist nicht Sepp Blatter, das ist der Fifa-Schutzheilige Al Capone.

Bei den Fifa-Verhaftungen sieht man wieder mal, wie unkoordiniert die Behörden vorgehen. Es hätte sich vom Aufwand her gelohnt, bei der letzten Fifa-Versammlung einfach eine Mauer um den Haupstitz zu machen und es als Gefängnis zu beschriften. Natürlich nachdem man die Mitarbeiter rausgelassen hätte, die weniger als 100 000 Franken im Jahr verdienen. Also die Empfangsdame, der Hauswart und die Typen, die die Post im Haus verteilen. Jetzt muss das Personal des Baur au Lac jedes Mal die Teppiche reinigen, nachdem die Polizisten für eine Razzia reingetrampelt sind.

Natürlich sind noch viele Fifa-Offizielle, Consiglieri und Lieutenants auf der Welt verteilt, die es zu fassen gilt. Aber auch das wäre keine Problem, wenn man richtig aufräumen will. Es würde reichen, einen Eimer voll Bargeld auf ein Fussballfeld zu stellen und nach zehn Minuten ein Netz darüber zu werfen.

Es ist schon erstaunlich, dass der grösste Zürcher Kriminalfall des neuen Jahrtausends nicht unter der Führung Zürcher Behörden, oder wenigstens der Schweizer Behörden, über die Bühne geht. Es ist so, dass immer zuerst die US-Behörden zuschlagen, worauf die Bundesanwaltschaft meint «Ah, lueg au da! Jesses Gott. Korruption! Aber nei au!» und auch noch ein paar Fragen stellt.

Natürlich ist das nicht der Vetterliwirtschaft geschuldet, sondern  einfach der Tatsache, dass in Zürich Verbrecher, die mehr als eine Million verschieben, als wichtige Wirtschaftsfaktoren gelten. So fallen sie einfach aus dem Fokus der Strafverfolgungsbehörden. Also Leute wie Fifa-Offizielle, Vertraute von Diktatoren, Bankiers von Unterdrückungsregimen und generell Verbrecher mit einflussreichen Freunden.

Und bei der Fifa war ja kein Anfangsverdacht da. Niemals. Nie! Die WM in Katar durchzuführen war so überaus logisch, dass niemand auf die Idee hätte kommen können, dass es da vielleicht nicht mit rechten Dingen zuging. Auch wenn man die bereits bekannten Korruptionsfälle berücksichtigte. Ehrlich! Aber da offenbar JEDER Offizielle der Fifa plus ihre Cousinen und Grossmütter irgendwie mit im Korruptionssumpf steckten, überrascht es dann doch ein wenig, dass niemals niemand nichts davon gehört hat.

Nun haben wir aber noch ein anderes kleines Problem: Die Fifa baut gerade für Millionen eine Museum in der Stadt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass das Museum in der Zeit nach der Eröffnung gleich auf viele Besucher hoffen kann. Aber das wird sicher in den nächsten 20 Jahren mit dem Fifa-Tourismus kommen. Chicago hat ja schliesslich auch ein Al Capone-Museum.

«Kult»-Chef Rainer Kuhn will an den ESC

Réda El Arbi am Mittwoch den 18. November 2015
Wir Zürcher wussten schon immer, dass Rainer Kuhn der bessere Stephan Eicher ist.

Wir Zürcher wussten schon immer, dass Rainer Kuhn der bessere Stephan Eicher ist.

Das Zürcher Urgestein und Alt-Szeni Rainer Kuhn will es nochmals wissen: Ist er in Zürich schon weltberühmt, will er nun auch noch seine fünfzehn Minuten Ruhm ausserhalb der ZVV-Reichweite. Er nimmt mit seiner Band «The Beglinger» an den Eurovision Songcontest-Vorausscheidungen in der Schweiz teil.

Für die jüngeren unter unseren Lesern: Rainer war in den 90ern Herausgeber der satirischen Magazins «Kult», für das damals Grössen wie Thomas Meyer, Comedians wie Midi Godet und andere schrieben. (Geschichte: Die Neunziger waren die Zeit vor der Jahrtausendwende, als das Internet noch mit Dampf betrieben wurde). Vor ein paar Jahren gabs eine Wiederauflage von «Kult» als Gratiszeitung, die jetzt ein paar Mal pro Jahr erscheint. Oder auch nicht. Zudem ist Rainer seit 1984 an jeder VIP-Party der Stadt zu Gast, hat und hatte eigene Partylabels und eben: weltberühmt.

Also, der Berufsjugendliche und Szeni Kuhn überrascht, weil er sich offenbar entschieden hat, doch noch älter zu werden: Er reiht sich mit seiner Band in die Liste der legendären Acts wie der Heils-Armee-Band und dem aktuellen Favoriten für die Schweizer Teilnahme, einem Alphorntrio, ein und will offensichtlich endlich ein altersgerechtes Publikum erreichen. Es ist auch schwer, in einer Zeit, in der echte Jugendliche bereits Internetkonzerne leiten, noch herausstechen zu können.

Ob das gelingt? Der Song heisst «I am the moon» und ist eigentlich gar nicht schlecht. Er erinnert mich an die 90er, eine Mischung aus depressiven Gitarrenklängen und Jammerstimme, wie sie damals von den «Playboys» mit Thomas Ott bis hin zu Stephan Eicher für ihre Songs bevorzugt wurden. (Wir Zürcher wussten schon immer, dass Kuhn mit seiner Mähne und seinem Bärtchen eigentlich der bessere Stephan Eicher war. Nicht so ein Weichei).

Ich mag den Song, aber ich bin ja auch ein Veteran aus dieser Zeit, in der Weltschmerz und Depression Attitüde waren. Man sieht vor dem inneren Auge  förmlich ein Rudel verkokster Mitfünziger auf ihren 100000-Franken-Harleys melancholisch in den Sonnenuntergang hinter dem Zürisee reiten.

Der Text handelt von Beständigkeit. Solide wie der Mond und die Sterne will Rainer Kuhn auf uns herunterscheinen. Was er ja auch schon seit 50 Jahren macht. Im Subkontext könnte man auch etwas über das Vergehen der Zeit herauslesen, aber ich bezweifle die Absicht dahinter. Das Video ist dann wieder voll modern. Also voll retro. Also nicht ganz modern. Der Hipsterfilter versucht in solcher Penetranz ein Super8-Filmchen zu imitieren, dass wir uns auf Instagram 2011 wähnen. Aber egal, am ESC zeigen sie ja nicht das Video.

Wie gesagt, ich mag den Song. Und, weil der Rainer ein Zürcher ist, und weil ich ihn kenne, hat er meine Stimme in der Vorauswahl für den ESC bekommen. Denn schliesslich wird der Rainer damit für alle Zürcher Altszenis ein bisschen weltberühmt, stellvertretend sozusagen. Die Abstimmung ist fertig, die zehn Besten werden nächste Woche bekanntgegeben.

«Ich mag den weiblichen Körper» – plaudern mit Fiona

Réda El Arbi am Mittwoch den 26. August 2015
Fiona ist ihr eigenes Model für ihre Pinup-Karten.

Fiona ist ihr eigenes Model für ihre Pinup-Karten.

Diese Woche treffen wir Fiona Knecht, Designerin, Handwerkerin und vielleicht etwas Innenarchitektin, auf ein bisschen Geplauder. Sie führt den allerersten CD-Laden der Stadt und stellt gerade ihre neue Produktereihe aus Möbeln mit Pinup-Mustern eigenhändig her. Wir genehmigen uns einen Eiskafi im Z am Park. Fiona zieht bei ihrer Ankunft alle männlichen Blicke auf sich, mit ihren roten Haaren und ihrem figurbetonten Kleid erinnert sie an eine ihrer Pinup-Figuren aus den 40ern. Sie scheint sich der Aufmerksamkeit nicht bewusst zu sein.

Das letzte Mal als wir uns trafen, hattest du gerade vier oder fünf verschiedene Jobs, darunter eine Assistenz an der Hochschule der Künste, eine Festanstellung beim «Jenseits» und deinen CD-Laden, den du von deinem Vater «geerbt» hast (Fionas Vater eröffnete in den 80ern den ersten Musikladen, der nur CDs verkaufte). Ist es jetzt ruhiger in deinem Leben?

Ja, ich musste etwas runterfahren. Der CD-Laden ist etwas, das man nicht so einfach nebenbei machen kann. Also hab ich meine Jobs gekündigt und mich voll auf den Laden und ein paar Freelance-Jobs konzentriert. Mit meinen neuen Ideen versuche ich, mit einem erweiterten Angebot meinen geliebten CD-Laden ins Zeitalter der Streamingportale zu retten.

Du fandest offenbar Zeit, neue Produkte zu designen und damit wieder etwas ganz Neues auf die Beine zu stellen …

Ja, als ich im Frühling in den USA war, hat es mich einfach angefallen. Die ersten Ferien nach vier Jahren und dann fand ich mich plötzlich in einer Umgebung wieder, die meine Kreativität befruchtet hat. Man darf das ja heute gar nicht mehr sagen, aber was mir an den USA gefiel, waren genau die Sachen, die die meisten Leute nerven: Der Lärm, die Lichter, die Werbung, die schreienden Farben. Die USA hat eine unheimlich inspirierende Design-Geschichte. Und plötzlich erinnerte ich mich wieder an meine Begeisterung für Elvgren und seine Werbe-Pinups aus den 40-, 50-, und 60ern. Ich war schon als Jugendliche ein Fan, hab das aber wohl während meiner Designausbildung vergessen. Hier in Europa ist in diesem Bereich alles eher karg, funktional, schlicht.

Die Bedruckung kann man sich selbst zusammenstellen.

Die Bedruckung kann man sich selbst zusammenstellen.

Und das brachte dich auf die Idee …

Als ich zurück war, hab ich zuerst versucht, ein grosses Pinup zu malen. Da stand ich dann frustriert vor meinem Bild und musste mir eingestehen, dass ich mehr Designerin als Malerin bin. Und Design bedeutet, dass man Dinge macht, die einen praktischen Nutzen haben, Sachen für den Gebrauch. Also entwarf ich eine Serie kleiner Pinups  und daraus entstand dann die Idee für die Spielkarten und für «customized» Möbel. Ich stelle die Möbel selbst her und der Kunde kann sich die Bedruckung auswählen. Die Pinup-Karten waren zu Beginn eher ein Gag, aber nachdem ich sie auf meinem Facebook-Profil gezeigt hab, kam eine wirklich grosse Nachfrage. Nun hab ich ein Crowdfunding-Projekt daraus gemacht und es macht unheimlich Spass. (Hier Crowdfunding unterstützen)

In einer Zeit, in der kaum eine Duschmittelwerbung ohne nackte Haut auskommt und Sex und Porno überall erhältlich sind, wirken die Pinups der Vergangenheit ja eher zurückhaltend …

Mehr nackte Haut bedeutet nicht unbedingt mehr Erotik. Ausserdem mag ich die kurvigen, sehr weiblichen Formen der Pinups. Klar entsprechen auch die Pinup-Bilder nicht der Realität, aber sie strahlen mehr Wärme aus und es haftet ihnen eine Körperlichkeit, eine Weiblichkeit an, die mir mehr entspricht.

Wer sind deine Models? Oder machst du das alles aus dem Kopf?

Auf den Karten bin fast alles ich. Also, ich posiere, verrenke mich und versuche, den Fernauslöser meiner Kamera irgendwo zu verstecken. Natürlich hab ich die Figuren dann stilisiert, Gesichter und Figur angepasst, aber die Posen sind von mir. Ausserdem ist es ungeheuer anstrengend, so locker sexy posieren. Harte Arbeit.

Hast du keine Angst vor dem Vorwurf des Sexismus?

Nicht wirklich. Pinups sind ja auch immer ironisch konnotiert, was die Erotik eher spielerisch erscheinen lässt. Wenn der Feminismus sich daran stören würde, haben wir wohl keine echten Probleme mehr.

Ein Herz ist ein Herz.

Ein Herz ist ein Herz.

Wie passen deine neuen Designstücke zu deiner Arbeit für das katholische Begegnungszenter «Jenseits» und deinen Einrichtung der Kapelle/Besinnungsraums des Sanatoriums Kilchberg?

Das ist kein Problem. Ich mache noch immer Freelance-Aufträge für die Leute vom «Jenseits», letztens eine Interpretation des Themas «Adam & Eva». Da hab ich mich schon gefragt, ob ich nicht zuviel nackte Haut zeigen würde. Der Verantwortliche reagierte gelassen: «Das sind Adam und Eva. Die waren damals ganz nackt, also kein Problem. Provokativ wäre, wenn du zwei nackte Männer zeigen würdest.»

Wie gehts dir privat?

Ganz gut wieder. Ich hatte letztes Jahr etwas gesundheitliche Probleme, was wohl daran lag, dass ich zuviel gearbeitet hab. Da muss ich aufpassen. Ich hab die Tendenz zum Workoholic. Ich stehe morgens auf und kanns kaum erwarten, mit dem Arbeiten zu beginnen. Da muss ich etwas darauf achten, dass ich mich nicht ruiniere. Im Flow zu sein ist ein herrliches Gefühl, aber der Körper braucht zwischendurch auch mal Ruhe, das weiss ich jetzt.

Die übliche Frage in diesem Gefäss: Wie siehts mit der Liebe aus, Flirten? Freund?

Ich bin seit eineinhalb Jahren in einer Beziehung, wir ziehen jetzt gerade zusammen. Übers Flirten kann ich nicht viel sagen, ich gehe kaum aus, und lebe irgendwie in meiner Welt. Im Alltag werde ich selten wirklich angesprochen oder vielleicht merke ich es einfach nicht, wenn jemand mit mir flirtet. (Wir werden unterbrochen, weil der Typ vom Nachbarstisch ein paar Komplimente loswerden will). In meiner Singlezeit wollte ich dem Flirten in Zürich mal auf die Spur kommen, hab dann aber gleich meinen jetzigen Freund getroffen. So kann ichs wirklich nicht einschätzen.

Sagts und stiefelt elegant davon. In einer Hand die Kiste mit der Elektrosäge für die Möbel.

(Hier zur ganzen Serie «Plaudern mit …»)

Pin-Up Poker from Fiona K. on Vimeo.

Klauen in Zürich

Réda El Arbi am Montag den 20. Juli 2015
So hat sich meine Zukunft für einen Augenblick angefühlt.

So hat sich meine Zukunft für einen Augenblick angefühlt.

Gestern las ich den Tagi-Artikel «Der Dieb in dir», in dem es unter anderem um Ladendiebstahl geht. Das weckte Erinnerungen in mir. Ich war in diesem Bereich in meiner Jugend kein unbeschriebenes Blatt. Wenn die Polizeiakten nicht nach 10 Jahren oder so gelöscht würden, könnte man wohl meine Jugendsünden als aufmüpfiger Teenager noch belegen. Damals, mit 15 oder 16, hatte meine kriminelle Ader und mein Drang nach Adrenalin mich dazu verführt, Sachen in Supermärkten zu klauen. Das waren keineswegs Kavaliersdelikte, sondern ganz einfach Diebstahl. Dass ich es in erster Linie für den Nervenkitzel tat, macht aus heutiger Sicht moralisch keinen Unterschied. Dass ich dabei erwischt wurde und eine Strafe kassierte, war wohl einfach nur gerecht.

Und wie sieht es heute aus? Ich dachte, ich stelle mich dem Selbstversuch. Das ganze Projekt war etwas heikel, weil ich nicht die Ladendetektive oder den Manager informieren wollte. Das wäre dann ja so, als ob ich mit Sicherheitsnetz arbeiten würde. Nein, ich wollte mich dem Risiko aussetzen, erwischt zu werden, wie jeder andere Ladendieb.

Der Anfang

Zu Beginn war alles ganz leicht, ich entschied mich für einen hochfrequentierten Detailhändler in Orange (ihr könnt raten, welcher der zwei es war, je nachdem, ob ihr Coop- oder Migros-Kinder seid). Ich kleidete mich dem Wetter entsprechend unauffällig, Feldshorts mit vielen Taschen, ein enges T-Shirt und locker ein offenes weites Hemd darüber. Natürlich durfte auch meine Tasche mit sichtbar heraushängendem Badetuch nicht fehlen. Ich sah aus, als ob ich auf dem Weg ans Wasser wär. Es war später Nachmittag, und wenn man über meine grau gesprenkelten Haare und meine Fältchen hinweg sah, würde ich als fauler Student in den Semesterferien durchgehen. Oder als Dozent.

Als ich lockeren Schrittes durch den Eingangsbereich schlenderte, flutete mich bereits Adrenalin. Ich wollte etwas Grosses stehlen. Ein Gummiboot, ein Fass Bier, einen Sonnenschirm für den Garten. Ich stellte mir vor, wie ich mit meinem Diebesgut beim Management vorsprach und all die Ladendetektive alt aussehen liess. Ja, so kann sich Adrenalin auf einen Mittvierziger auswirken. Grössenwahn und Superhelden- bzw. Superschurkenfantasien.

Drinnen wars dann nicht mehr so einfach. Ich schlich erst mal zwischen den Regalen herum und stellte fest, dass man kaum zehn Sekunden alleine zwischen den Angeboten stehen konnte. Dauernd andere Leute. Also, der Sonnenschirm oder das Gummiboot fiel weg. Bei den Getränken schaute ich mich nach den Kameras um. Und da waren sie. Überall. Orwells 1984 war ein Klacks dagegen. Wo die nur all die Filme speicherten? Oder waren das nur Attrappen? Lieber kein Risiko eingehen. Also, neue Strategie. Ich versuchte mich in den toten Winkel der Kameras zu begeben und da etwas einzupacken. Inzwischen war vom Adrenalinrausch nur noch das Herzklopfen übrig. Nein, stimmt nicht ganz, eine gewisse adrenalinstimulierte Paranoia schien sich in meinem Hinterkopf zu etablieren. Der Typ da drüben war zum Beispiel viel zu warm angezogen für einen Tag wie heute, das musste ein Ladendetektiv sein. Schon wie der da rum schlich. Oder die Dame mit der blauen Bluse. Viel zu locker für ihr Alter und sie schaute sich sicher schon zwei Minuten die Auswahl an Wein an. Ha, nicht mit mir.

Die Mitte

Auf einmal erschien mir das Risiko, erwischt zu werden, unproportional gross für die Beute, die ich würde machen können. Aber ich tat es ja für den Ruhm, um dem Marktmanager triumphierend das Raubgut zu präsentieren. Trotzdem. Es war nicht die mögliche Strafe, die mich stocken liess, sondern die soziale Ächtung. Die Vorstellung, von zwei Ladendetektiven freundlich zur Seite gebeten und dann für alle sichtbar durch den Laden in ein dämmriges Hinterzimmer geführt zu werden, erschien mir plötzlich die grösste aller Strafen. Ich riss mich zusammen, biss auf die Zähne und bewegte mich weg vom vermeintlichen Feind, zwischen zwei andere Regale. Ich griff ohne zu überlegen in ein Angebot und liess den erbeuteten Gegenstand in meiner Hand verschwinden. Die Hand war jetzt verschwitzt, nicht von der Hitze, sondern vom Gefühl, jeder im Laden habe meine Absicht erkannt. Ich fühlte mich ertappt, bevor ich ertappt war. Es war irgendwie wie das Gefühl, plötzlich nackt auf einer Bühne zu stehen. Nur etwas unangenehmer.

Der letzte Schritt, nämlich den Gegenstand aus meiner Hand in meine Tasche verschwinden zu lassen, war beinahe nicht zu bewältigen. Alle schauten. Ich schlich weiter wie ein geprügelter Hund zwischen den Gestellen hin und her. Dann fasste ich mir ein Herz, nahm mit der anderen Hand ein Getränk aus dem Kühlregal und machte mich auf in Richtung Kasse.

Das Ende (Hier spannende Pause)

Natürlich war die Schlange nicht überlang, wie sonst immer – und ich kam schon nach drei Kunden dran, die nur wenige Artikel zu bezahlen hatten. Vielleicht hätte ich nicht an der Express-Kasse anstehen sollen. Aber zu spät. Auf dem Laufband lag nun eine Limonade, die ich nie trinke. Und, nach kurzem Zögern, ein kleiner, silbrig-verschwitzter Lipgloss. Ich staunte mein vermeintliches Diebesgut irritiert an. Die Dame an der Kasse zog meinen Einkauf ohne mit der Wimper zu zucken durch den Scanner. Ich bezahlte 19 Franken.

Man könnte meinen, mein Abenteuer sei hier zu Ende. Aber weit gefehlt! Ich hatte das Gefühl, ich sei so lange im Laden herumgelungert, dass mich die Ladendetektive einfach schon aus purem Verdacht kontrollieren würden. Und sicher würden sie am Ausgang zuschlagen. Ich schielte vorsichtig zur Tür, konnte aber niemanden ausmachen. Oder besser: Jeder und jede konnte ein ziviles Damoklesschwert sein. Die waren doch geschult, wie jeder andere auszusehen. Diese perfiden … Ich ging zum Kiosk im Innenbereich. Kaufte Zigaretten. Schaute mir die Zeitungen an, deren Headlines ich schon online gelesen hatte. Nach einer gefühlten Stunde war ich noch immer auf freiem Fuss. Ich wagte den kurzen Weg, demonstrativ gemächlich, durch die Ausgangstür. Nichts geschah. Ich schaute auf mein Handy. Mein ganzes Abenteuer hatte 11 Minuten gedauert. Die Zeit dehnt sich wohl unter Adrenalin. Die Paranoia hielt noch an, bis ich mehrere hundert Meter zwischen mich und den Laden gebracht hatte.

Fazit:
Ich verfüge noch über genug kriminelle Energie, um mir einen Diebstahl vorzustellen und zu planen. Aber um ihn durchzuführen fehlen mir einfach die Nerven. Und es ist nicht die Angst vor Strafe, sondern das Bewusstsein, dass man so etwas nicht macht. Dass man nicht vor allen Leuten dabei erwischt werden will. Nicht bei Ladendiebstahl. Mein Unrechtsbewusstsein und mein soziales Verantwortungsgefühl scheinen in den letzten 20 Jahren gewachsen zu sein.

Natürlich wäre ein Bankeinbruch was ganz anderes. Den würde ich mit Links durchziehen. Und danach in die Bank marschieren, dem Manager meine Beute vor die Füsse werfen und die Sicherheitsleute mit teuflischem Lachen mit ihrer Unfähigkeit konfrontieren. Ja, genau so wär das.