Archiv für die Kategorie ‘Gastro’

Mas Ricardos letzte Party

Alex Flach am Montag den 21. August 2017
Rici legt in den 90ern auf.

Diese Frisur war tatsächlich mal in.

Die Afterhours im Oxa, die Feten im Rümlanger Grodoonia, das Partylabel Tarot und der Club Sensor – das sind allesamt 90er-Meilensteine des Zürcher Nachtlebens, die zwei Köpfen entsprungen sind. Der eine gehört Ramesh Pednekar, der sich längst aus dem Nachtleben zurückgezogen hat, der andere Ricardo Abenojar Giralte, besser bekannt unter seinem DJ-Pseudonym Mas Ricardo.

Im Gegensatz zu Pednekar ist er heute noch da und sein Name prangt immer wieder mal von einem Party-Line Up. In diesen Tagen wird er 50 Jahre alt und am kommenden Freitag organisiert er im Supermarket seine allerletzte Party. Auflegen wird er zwar weiterhin, aber als Veranstalter wird «Rici» seine persönliche Zürcher Partygeschichte abschliessen: Es ist das Ende einer Ära.

Angefangen hat alles 1991, als er zusammen mit seinem damaligen WG-Kumpel Ramesh seine erste Party organisierte. Es folgten die ersten Tarot-Partys in der Magic Factory, der Alten Börse und auch im Kaufleuten, das damals noch kein Club, sondern eine Eventlocation war. Zur Afterhour, die erste ihrer Art in der Schweiz, wurde Tarot erst 1993 und in seinem finalen Zuhause, dem Oxa.

Mas Ricardo erinnert sich: «Zu Beginn hatten wir nicht gross Zulauf. Damals stand noch der legendäre Helikopter im Oxa, den auch DJ Hell geliebt hat. Es war alles recht familiär: DJs wie Westbam und Sven Väth sind nach ihren Zürcher Sets am Vorabend zu uns nach Oerlikon feiern gekommen. Damals gingen die Partys ja nur bis 4 Uhr morgens, wir haben dann ab 5 übernommen».

Der grosse Durchbruch für Tarot kam etwas später, als das Oxa umgebaut und der Helikopter entsorgt wurde. Ab dann standen die Clubber am Sonntagmorgen in Scharen (sie reisten aus Deutschland, Frankreich und Österreich an) an der Oxa-Kordel und Mas Ricardo war plötzlich einer der wichtigsten Macher in der Pionierzeit des Zürcher Nachtlebens – ein König dem man hofiert.

1994 organisierte er mit Partnern seine erste Afterafterhour im Grodoonia, Partys die jeweils dann startete, wenn die Afterhours im Oxa am Sonntagnachmittag endeten. Kurz danach gründete er zusammen mit Bruno Schiavone, Thomas Noser und Ramesh Pednekar den Sensor, ein Club in Oerlikon für mehr als tausend Gäste in einem Gebäude, das 1999 abgerissen wurde.

Bereits 1996 war  mit den Partys im Grodoonia Schluss und das Oxa hat er dann 2002 verlassen. Mit Folgeprojekten wie dem Partylabel Flinke Finger vermochte Mas Ricardo nicht an seine alten Erfolge anzuknüpfen, zu eng war sein Name mit seinen Marken verbunden die nun unter «Nostalgie» abgelegt waren – neue Partylabels und Clubs hatten ihren Platz eingenommen.

Sollte er deshalb mal verbittert gewesen sein, so hat man ihm das ausserhalb des Kreises seiner Engsten nie angemerkt. Selbst wenn er das Heute mit dem Früher vergleicht schwingt bei ihm keine Wehmut mit: «Klar ist heute die Euphorie der Anfangszeit weg, die nährte sich ja aus einem Pioniergeist, den es heute nicht mehr braucht. Aber ‘professioneller’ bedeutet keineswegs auch ‘schlechter’. Die Jungen haben heute am Nachtleben bestimmt genauso viel Freude wie wir damals.»

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

 

Die Barbaren kommen!

Réda El Arbi am Dienstag den 8. August 2017
Unausprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins umland!

Unaussprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins Umland!

Es gibt in der Menschheitsgeschichte viele Beispiele, in denen eine friedliche Bevölkerung von unzivilisierten Massen überrannt wurde: Die Türken vor Wien, die mongolischen Horden, die Kreuzritter in Jerusalem – und eben die Spasszombies, die jedes Jahr im August über Zürich herfallen. Man kann keinen Widerstand leisten, die Überzahl ist unbezwingbar. Aber man kann fliehen, wenn man sich früh genug vorbereitet. Hier ein paar sichere Horte, an denen Sie diesen Samstag verbingen können:

Die andere Zürcher Stadt

Nur 16 Minuten vor den Toren der Stadt gibts ein Städtchen, das eine eigene, blühende Kulturszene aufweist. Wer Musik mag, die wirklich noch von Menschen an Instrumenten gespielt wird, wird sich an den Musikfestwochen Winterthur wohlfühlen. Je nach Wetter verbringt man den Nachmittag in einem der kleinen Cafes mit dem Lesen eines guten Buchs oder planscht mit den Kids in der Töss, um sich am Abend dann von verschiedenen Konzerten unterhalten zu lassen.

Nordwärts!

Wer dem Niederdorf nachtrauert und wissen will, wie eine lebendige Altstadt aussieht, sollte sich ans Stars in Town in Schaffhausen begeben. Neben verschiedenen Konzerten gibt ein Streetfood-Festival und ein riesiges Nebenprogramm.  Nachmittags kann man sich in Neuhausen am Rheinfall von der Gischt besprühen lassen. Schliesslich war man seit der Schulreise nicht mehr da.

In die Boote!

Wenn wir schon im Norden sind, ist eine kleine Gummibootfahrt auf dem Rhein von Stein am Rhein bis Diessenhofen zu empfehlen. Dazu gibts jede Menge Kultur und Unterhaltung: eine Burg, Wandmalereien aus dem Mittelalter, Pfahlbau-Überreste – und als grossen Joker: Die Minieisenbahn, mit denen man die Kids unterhalten kann. Abends isst man dann Fisch und schaut dem Strassenprogramm des Theaterfestivals nordArt zu.

Zum Feind überlaufen

Für einmal kann man die alte Fehde zwischen Zürich und Basel vergessen und bei den Bäppis um Asyl bitten. Die sind gar nicht so schlimm. Und dieses Wochenende lohnt es sich, Basel einmal zu besuchen: Man kann noch den letzten Tag des Basel Openair miterleben und sich davon überzeugen, dass fremde Kulturen (ja, sogar Basler!) durchaus auch ihren Charme haben.

Gemütlich nehmen

Wer dem Stress der Grossstadt entfliehen will, kann sich nach Bern absetzen. Neben Aareschwimmen und Kaffee in der Altstadt findet man in Bern unter jedem Pflasterstein eine Band. Was in Zürich die Clubs sind, ist in Bern Live-Musik. Von Klassik bis Blues und Rock – in Bern gibts am nächsten Samstag alles.

Ab in die Agglo

Verbringen Sie einen ruhigen, friedlichen Nachmittag am Greifensee und lassen Sie den Abend im Openair Kino in Uster ausklingen. Wir garantieren, dass die Gegend sicher ist, da sich alle ansässigen Barbaren schon früh morgens mit der SBahn in Richtung Stadt aufgemacht haben.

Also, fliehen Sie! Retten Sie sich und ihre Lieben!

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 4. August 2017

«In der Seeanlage werden immer
wieder neue Bäume gesetzt.»

Trotz Kritik von allen Seiten hält das Tiefbauamt der Stadt Zürich am Veloweg Utoquai fest. Doch dort am See hat es kaum Platz. Hecke und Bäume müssten weg. Stadtingenieur Vilmar Krähenbühl hat mit dem Eingriff weniger Mühe als die Kritiker des Projekts. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Rosmarin ziehe ich auf meinem Balkon.»

Hans Kunz stellt das Trendgetränk Gin zusammen mit seiner Frau vollständig zu Hause her – in seiner Wohnung in Feldmeilen. Meist ist geheim, was die Hersteller alles beigeben. Kunz verrät nur eine Zutat seines Gins und auch, wo her er sie her hat: Rosmarin. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Wir waren gezwungen, zu handeln.»

Die Benutzung der einst kostenlosen Garderoben der Zürcher Sportanlagen Waid und Fluntern ist nur noch gegen eine Depotgebühr von 100 Franken möglich. Schuld ist der Vandalismus. Zuletzt waren die Zustände unhaltbar, wie Hermann Schumacher vom Zürcher Sportamt sagt. (Foto: Tamedia) Zum Artikel

 

«Das Andere darf anders sein. Das heisst nicht,
dass auch ich anders sein muss.»

Jodler, Alphorn, Trachten – am 1. August lockt die Stadt Zürich mit Folklore. Sogar das Sechseläuten ist zeitgemässer. Die Festansprache hielt SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ein Racket muss man
von Herzen zertrümmern.»

Stan Wawrinka gibt Tipps zum Umgang mit dem Tennisschläger, seinem Lieb- und Hassinstrument. Und Tagi-Redaktor Martin Sturzenegger wagte den Selbstversuch gegen den Champion – virtuell und per Bildschirm. (Foto: Doris Fanconi ) Zum Artikel

 

«Ich bin traumlos, das ist nicht einfach.»

Benjamin Lüthi führte als ­Fussballer ein Leben im Übermut. Dann kam dem 28-jährigen Wahlzürcher sein Kindheitstraum abhanden. Und er hörte auf. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Ich werde wieder fliegen, auf jeden Fall.»

Ex-SVP-Regierungsrätin Rita Fuhrer (hier mit ihrem Mann auf einem Archivbild) erzählt, wie sie die Bruchlandung mit einem Kleinflugzeug in Maur zum Glück überstanden hat. (Foto: Giorgia Müller) Zum Artikel

 

«Ein Bier muss erfrischend sein.»

Der Winterthurer Philip Bucher hat im Nu mit dem Chopfab-Bier den Schweizer Biermarkt erobert – in rasantem Tempo. Der Geschäftsführer der Brauerei Doppelleu erklärt seinen rasanten Aufstieg – und weshalb ihm Zapfhähne nicht so wichtig sind. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Der Lärm am Himmel war gewaltig.»

Nur noch ein Scherbenhaufen: Ein Hagelzug hat am Abend des 1. August die Gewächshäuser von Hans Fritz in Brütten stark zertrümmert. Ein späterer Sturm hat auch im Rafzerfeld und Weinland grossen Schaden angerichtet. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Wir haben das Wursten in den Genen.»

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei: Der Metzger Felix Bär über das Leben im Familienbetrieb und Erfolgsrezepte. Er muss es wissen, schliesslich stellt er am Rennweg den berühmtesten Fleischkäse Zürichs her. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Alle Angestellten waren da, alle weinten.»

Kurz vor Weihnachten 2016 ist der Sternen in Sternenberg komplett niedergebrannt. Die Besitzerin Marianne Brühwiler wirtet bereits wieder und plant, das Restaurant neu aufzubauen. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Der Platz ist wunderbar, aber bei Sonne
kann man hier nicht sitzen.»

Weil es zu wenig Schatten auf dem Platz hat, stellt die Stadt 20 Sonnenschirme auf – und es könnten mehr folgen. FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger liess es sich nicht nehmen, den ersten Schirm persönlich zu öffnen. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Eine Glacegeschichte (5)

Thomas Wyss am Samstag den 29. Juli 2017

Wir würden ja gern gemütlich beginnen, wie es sich für einen Sommerferienmorgen gehört. Einen Schluck kalten Kaffee nehmen (ganz früher sagte man, das sei Schnee von gestern, später behaupteten Forscher, das steigere die Attraktivität, und heute heisst das Zeugs «Cold Brew» und gilt als Trendgetränk – ob sich die Welt allenfalls doch eher rückwärts entwickelt?). Dazu würden wir zum Stück «La Mirada» («Umoja Remix») von Nicola Cruz durch die Wohnung tänzeln und daran denken, dass in den letzten zwei Tagen gleich drei wichtige Menschen Geburtstag hatten («Happy Hippie Birthday Stöffeler, Leuli und Oeschgi!»), dann unter die Dusche schwofen und dort, dem erfrischenden Nass ausgeliefert … tja, leider nein: Wir haben eine Traktandenliste abzuarbeiten. Sie umfasst zwar bloss zwei Punkte, ist aber dennoch ziemlich gewichtig. Los gehts.

1. Wie wir letzte Woche schrieben, bedauerte Leser Rothenhäusler, dass die einzige Eiscreme, die er liebe – die Cassata siciliana – in Zürich nirgendwo erhältlich sei. Wir konnten das kaum glauben – und wir hatten recht! Leser Schikowski teilte netterweise mit, dass eine feine Cassata im Ristorante Tramblu im Kreis 6 auf der Dessertkarte stehe. Grazie per l’informazione!

2. Es gibt Erzählungen, die sind herzerwärmend. Und es gibt solche, die sind noch ein wenig mehr als das; im aktuellen Kontext würde das Adjektiv (oder ists ein Adverb? Ich kann die Dinger einfach nie auseinanderhalten) «glaceschmelzend» gut passen.

Eine solche Erzählung hat uns Frau Spieler geschickt. Im Brief stand, sie sei in Wollishofen aufgewachsen, weshalb das in Teil 3 dieser Glacegeschichte publizierte Rezept des Eiskaffees, der im Aeschlimann serviert wurde (also in der Wollishofer Beiz meiner Grosseltern), bei ihr eine schlummernde Erinnerung wachgeküsst habe.

Frau Spieler, damals acht oder neun Jahre jung, sass an einem heissen Sommertag im Garten des Aeschlimann und löffelte im Beisein ihrer Mutter besagten Eiskaffee aus einem eisgekühlten Silberbecher. Wegen der Sonne entschied die Mutter, den Platz zu wechseln, und stand auf. Frau Spieler tat es ihr gleich, griff nach den beiden Eisbechern, klemmte einen unter den Arm und dann… hier der O-Ton des Briefs: «Das war wohl keine so gute Idee gewesen – lief doch der Inhalt des Eiskaffees über mein schönstes Sommerkleid und tropfte auf meine weissen Söckchen und in die Sandalen. Das Kleid war rosa Organza und mit Blümchen bestickt – dazumal was ganz Spezielles.» Dem dürfen wir beipflichten; dem Brief war nämlich ein herziges Foto aus dem Familienalbum beigefügt, das Klein Frau Spieler im adretten Gewand zeigt.

Danach passierte das, was anno dazumal bei solchen Vorfällen halt einfach gang und gäbe war: Es gab schlimm Schimpfis vom Mami – vor allen Leuten –, und zu Hause gabs viel Trost vom Grossmami, die, wie im Brief zu lesen war, das Kleid wieder tadellos sauber brachte.

Molto bene. Und nächsten Samstag, in Teil 6, kommen wir nebst weiterer Glacekulturgeschichte dann auch noch auf das kollektive Zürcher Versagen an der 5. Wurstsalat-WM vom vergangenen Samstag (bereits geläufig als «Die Schande von Frick») zu sprechen.

«Randständige» ohne Lobby

Réda El Arbi am Montag den 10. Juli 2017
Ob sich die SBB «Ich muss leider draussen bleiben»-Schilder überlegt?

Ob sich die SBB «Ich muss leider draussen bleiben»-Schilder überlegt?

«Der Dreck muss weg, unser Profit leidet darunter» – in Worten der SBB kommt die Aussage natürlich etwas zahmer. Sie wollen die «Randständigen wegweisen», um ihre Bahnhofsgastronomie aufzuwerten, wie sie vor ein paar Tagen angekündigt haben.

Sie wollen die Plätze vor den Bahnhöfen von Personen freimachen, die nicht dem geleckten Bild ihres Gentrifizierungswahns entsprechen, um da dann noch mehr Restaurants und Konsumtempel einrichten. Genau das, was die Städte dringend benötigen. Und erlaubt ist natürlich, was die SBB als «normal» definiert.

«Aus den Augen mit diesem minderwertigen Pack. Die schwächen die Konsumlaune unserer Kundschaft», ist die menschenverachtende Haltung hinter dieser Absicht.

Wir sind uns ja gewohnt, dass der eine oder andere kantonale Sicherheitsdirektor die Bewegungsfreiheit von Menschen ohne zugrundeliegende Straftat einschränkt. Aber meist schieben die Verantwortlichen da noch Sicherheitsbedenken vor. Die SBB will nun aber klar Menschen vertreiben, die bereits am Rande stehen, um ihren Umsatz zu steigern. Profit über alles.

Sie können das offenbar auf dem Weg der Hausordnung. Hm, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, waren Bahnhöfe und Bahnhofplätze noch öffentlicher Raum. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, standen die verfassungsmässigen Rechte wie Bewegungsfreiheit und Versammlungsfreiheit noch über einer Hausordnung.

«Die Hausordnung wurde von einem Richter abgenommen», informierte mich ein Bekannter bei der SBB. Natürlich. Und weil Randständige» keine Anwälte und keine Lobby haben, hat sich das auch niemals jemand genauer angesehen. Wussten Sie, dass man sich im Hauptbahnhof nicht auf dem Boden setzen darf? Es gibt noch vieles, dass in diesen Hausregeln festgelegt wurde, was einem die Haare zu Berge stehen lässt. Aber mehr dazu ein andermal.

Dann wär da noch die Frage, was «Randständige» eigentlich sind. Das ist nämlich keine gesetzlich definierte Grösse. In ihrem Statement spricht die SBB von «alkoholisierten Personen».

Ou Shiite! Die Street Parade muss abgesagt werden! Keine Sonderzüge! Die Street Parade-Penner sind nicht nur besoffen, die sind so randständig, die können sich nicht mal anständige Kleider leisten!

Fussball-Sonderzüge? Special-Reiseangebote an Spiele? Fertig. Gruppen von Alkoholisierten, die dabei auch noch laut grölen, geht gar nicht. Randständig! Asozial!

Zürich kann eigentlich den Bahnhof jeden Abend nach 19.00 Uhr schliessen, wenn Alkoholkonsum eine Wegweisung rechtfertigt. Am Wochenende schon ab 16 Uhr.

Natürlich nicht. Diese «alkoholisierten Personen» konsumieren genug, um sich das Recht für den Aufenthalt erkauft zu haben.

Man sagt mir ja eine Buddha-Natur nach, gelassen, friedlich, verständnisvoll und ausgeglichen. Diesmal aber bin ich wirklich sauer. Ich meine wirklich, wirklich sauer. Nicht nur, dass ich weiss, wie es ist, wenn man am Ende ist und der einzige soziale Kontakt, den man aushält, der Austausch mit anderen «Randständigen» am Bahnhof ist. Ich denke auch, dass man bei asozialem Verhalten irgendwo einen Strich ziehen muss. Und damit meine ich nicht die Randständigen.

Die SBB gehören uns. Und wollen wir das? Was sind wir denn für eine Gesellschaft, die den Anblick von zehn oder zwölf schrägen Typen nicht mehr erträgt? Der Grad an Zivilisation einer Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Nicht daran, wie viel geile Hipsterspunten ein Bahnhof vorzuweisen hat. Nicht daran, wie ungestört man möglichst 24 Stunden lang konsumieren kann.

Wie gesagt, die SBB gehören uns. Und vielleicht fühlt sich der eine oder andere Bundesparlamentarier ja so unangenehm berührt, dass er eine Anfrage an den Bundesrat stellt.

Ich bleib auf jedenfall dran. Ja, sorry SBB, offenbar haben die Randständigen doch noch sowas wie eine Lobby gefunden. Und wenn ich noch saufen würde, würde ich das jetzt aus Protest nur noch in Bahnhöfen machen. Und den Sprit von draussen mitbringen.

Eine Glacegeschichte (2)

Thomas Wyss am Samstag den 8. Juli 2017

Es passierte im Sommer 1969, in dem ja auch sonst einiges passierte (zum Beispiel die erste Mondlandung oder «Woodstock» oder die Geburt von Stéphane Chapuisat). Es passierte da, wo alles viel kleiner ist, als es in Realität ist – was bei gewissen Besuchern (zum Beispiel bei pathologischen Fans des Filmemachers David Lynch) eine Art Psychose auslöst –, nämlich im Swissminiatur in Melide.

Intermezzo: Es dürfte bereits jetzt erste Leser geben, die schnaubend stöhnen: «Ach nein, nicht wieder diese Dreikäsehoch-Episode, die hat er uns doch bestimmt schon fünfmal erzählt.» Ich erwidere: «Quatsch, heute inklusive, ist es das dritte Mal. Und wie ein oft zubereitetes Gericht, das man stetig verfeinert, liest sich diese Shortstory mit jedem Mal eindrücklicher.» Intermezzo Ende.

Es passierte bei einem dieser Miniaturhäuser – welches es war, weiss ich natürlich nicht mehr, ich war da zweieinhalb Jahre alt. Vor diesem Haus gab es einen Miniaturweiher, der so dreckig war (damals war der Wasserstaubsauger noch ein Zukunftstraum), dass er aussah wie Beton. Da mir dieses Miniaturhaus offenbar gefiel, wollte ich es mir aus der Nähe ansehen, rannte über den Betonboden, der in Tat und Wahrheit eben aus Wasser bestand, und ging unter (nicht so richtig lebensbedrohlich unter, dafür war der Teich schlicht nicht tief genug), war pitschnass – und quietschte wie die panische Sau im Anblick des Schlachtermessers.

Meine damals noch jungen und unerfahrenen Eltern mussten handeln, und sie handelten den Umständen entsprechend stupend: Sie kauften mir nämlich eine Glace! (Es sei glaub ein Schoggi-Cornet gewesen, vermeldeten sie auf Anfrage.) Was mich so sehr glücklich machte, dass ich mich umgehend beruhigte und das schweinische Gequietsche einstellte. (Bevor nun ein Shitstorm aufzieht: Sie kauften mir etwas später auch trockene Kleider, was darum nötig war, weil sie die Koffer bereits per Zug zurück nach Zürich verfrachtet hatten).

Jedenfalls: Es war ein Schlüsselerlebnis. Und in der Folge entwickelte ich eine solch heisse Liebe zu dieser frostigen Süssigkeit, dass ich inzwischen (wie letzten Samstag angetönt) in der Lage bin, ziemlich souverän über die hiesige Glacekultur zu referieren. Die eben nicht, wie viele Dumpfbacken meinen, erst durch die Eröffnung der Gelateria di Berna vor ein paar Wochen ihren Anfang nahm, sondern tief in die 70-Jahre zurückreichte. Damals gabs in Wollishofen das Aeschlimann…

Intermezzo 2: Zweifellos gesellen sich zu den vorherigen Schnaubern nun noch Dutzende Plagööris, und im vielstimmigen Kanon wird reklamiert: «Und jetzt auch noch zum zehnten Mal die Beiz seiner Grosseltern selig! Alles was recht ist, aber genug ist genug!» Diesmal erwidere ich: «Es ist höchstens das fünfte oder sechste Mal, und nicht einmal 20 Nennungen wären zu viel, denn diese Beiz, die übrigens damals ein Tea-Room und später ein Restaurant war, ist so reich an Geschichte(n), dass man damit ein dammi gutes Buch füllen könnte!» Intermezzo 2 Ende.

Und im Aeschlimann wurde der köstlichste Eiskaffee der ganzen Stadt serviert! Das behaupten ausnahmslos alle, die ihn je probiert haben. Sein Rezept und viel mehr Zürcher Glacekultur gibts nächsten Samstag in Teil 3.

Hartes Pflaster

Alex Flach am Montag den 3. Juli 2017
Begeisterung alleine reicht nicht, um einen Club zu führen.

Begeisterung alleine reicht nicht, um einen Club zu führen.

In Zürichs Nachtleben sorgen derzeit diverse Clubs mit Schlagseite und drohenden Schliessungen für Gerede. Sorgen um die hiesige Clublandschaft muss sich deswegen aber keiner machen: Die Stimmen, die von einer Anpassung des Angebotes an die Nachfrage sprechen, verdienen grössere Aufmerksamkeit als jene, die bereits wieder das mottenzerfressene Leintuch des Clubsterben-Gespenstes durch die Gassen geistern sehen.

Dass die Zeiten für Clubbetreiber rauer geworden sind stimmt zwar, aber das hat nur wenig mit dem Nachlassen eines zwar wankelmütigen, sich aber dennoch stets auf hohem Niveau bewegenden Ausgehbedürfnisses urbaner Schweizer zu tun. Das Geld ist da, der damit verbundene Stress ebenfalls und somit auch der erfüllbare Wunsch nach Verdrängung der Alltagssorgen. Und der entlädt sich seit jeher in Wein, Tanz und Gesang.

Nach der Liberalisierung des Zürcher Gastgewerbegesetzes 1998 kam eine Zeit der Experimente und des Erkundens. Plötzlich durfte jeder eine Bar oder einen Club eröffnen und das Risiko dabei zu scheitern war geringer als heute: Die Nachfrage überstieg das Angebot bei weitem und beinahe alle Mitbewerber um die besten Nightlife-Plätze waren ebenfalls Autodidakten, die sich während des Sammelns von Erfahrung bisweilen im Dickicht verirrten und sich dabei auch mal eine giftige Beere in den Mund steckten. Viele von ihnen agierten zuvor in der Freiheit der Illegalität und mussten sich nun plötzlich mit Widrigkeiten wie Sozialabgaben und Bewilligungen herumschlagen.

Von Chaplins «Gold Rush» zu «Modern Times»: Wer heute als Nightlife-Neuling einen Club eröffnet, trifft in seinem wirtschaftlichen Umfeld nicht auf Laien mit denen er sein Leid teilen und damit halbieren könnte, sondern auf Profis mit teilweise 15 Jahren und mehr Berufserfahrung. Und die denken in der Regel nicht im Traum daran dieses Know How mit Newbies zu teilen und sich so ernstzunehmende Mitbewerber zu schaffen.

Einige von ihnen sind an mehreren Clubs beteiligt und die schauen sich jede Option auf eine Neueröffnung erst genau an und lassen sie beim kleinsten Zweifel an ihrer Wirtschaftlichkeit fallen. Ganz anders Neueinsteiger, welche die erste sich bietende Möglichkeit ohne zu zögern ergreifen, die auch grösste Bedenken bezüglich Lage, Konkurrenzsituation oder Raummiete beiseiteschieben, bloss weil sie sich schon immer einen eigenen Club gewünscht haben. Sie eröffnen dann das Lokal ihrer Clubber-Träume und keines das ein Marktbedürfnis deckt: „So schwierig kann das nicht sein: Ich gehe seit Jahren aus und konnte das Ganze auf diese Weise zur Genüge studieren“ – als ob jeder Vielflieger zum Piloten taugen würde …

Und siehe da: Die meisten der Clubs, die nun ins Schlingern geraten sind, wurden von Leuten eröffnet, die vor deren Eröffnung keine Erfahrung mit Führung oder Strategie eines Betriebes der Nachtgastronomie vorweisen konnten und wenn, dann haben sie diese nicht im speziellen und nach eigenen Gesetzen funktionierenden Zürcher Nachtleben gesammelt. Sie sind wie Cockerspaniel unter Wölfen.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Der Glanz alter Tage

Alex Flach am Montag den 12. Juni 2017
Stolze Flügel an der Zürcher Pride 2017.

Stolze Flügel an der Zürcher Pride 2017.

Gestern Sonntag ging bei strahlendem Wetter die Pride-Woche zu Ende. Höhepunkt war der Umzug am Samstag, an dem 19‘000 Menschen für gleiche Rechte für alle und insbesondere für lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Flüchtlinge einstanden – Rekord.

Tradition hat auch das Pride-Festival auf dem Kasernenareal, das am Wochenende die Besucher ebenfalls in stattlicher Zahl zu mobilisieren vermochte und wem Massenaufläufe zuwider sind, der konnte auf die alternative «Eyduso? The queer thing Festival» auf dem Kochareal zurückgreifen. Auch wenn der Zuspruch und das Interesse der Zürcher Bevölkerung im Vergleich zu jener in anderen Städten wie beispielsweise Berlin nach wie vor in Grenzen hält, so dürfen die Veranstalter die diesjährige Pride doch getrost als Erfolg verbuchen.

Für viele Pride-Besucher sind jedoch weder der Umzug noch die offiziellen und inoffiziellen Festivals die eigentlichen Highlights sondern die begleitenden Partys. Mit der Kiki-Party in Friedas Büxe, der Ride im Lexy, der Super-Blutt im Kauz und vielen weiteren Feten konnte sich auch diese Seite der diesjährigen Pride sehen lassen. Diese Partys haben aber auch offengelegt, wie sich die Rolle der Queers im Zürcher Nachtleben im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre verändert hat, denn sie waren häufig kaum von den üblichen Clubnächten zu unterscheiden.

Das war früher einmal anders: Clubs wie das Labyrinth, das Aera und diverse queere Partylabels waren in den 90er- und den Nullerjahren die Motoren und unablässig sprudelnde Inspirationsquellen der Szene, der kreative Pool aus dem sich sämtliche Club- und Partymacher die Ideen fischten. Die grossen Schwulenclubs sind längst aus dem Stadtbild verschwunden: Kleine Lokale wie der Heaven Club im Niederdorf oder die Heldenbar am Sihlquai haben ihren Platz eingenommen und queere Events von Partylabels wie Kiki oder Behave sind (von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen) bezüglich Look und Line Up deckungsgleich mit ihren heterosexuellen Pendants.

Einige verorten den Grund für den Rückzug der Schwulen aus der Führungsrolle des Nachtlebens beim Aufkommen von Dating-Plattformen, andere sind der Ansicht, dass es im Clubbing nichts Neues mehr auszuprobieren gibt, dass alles schon einmal gemacht wurde.

Der DJ, Veranstalter und ehemalige Mitbetreiber der Clubs Pfingstweide und Café Gold Patrick Juen vermag dieser Entwicklung aber auch Positives abzugewinnen: «Die Zeiten, als die Queers das Nachtleben dominierten und sich dort ihre eigenen Nischen schafften, sind vorbei, denn wofür viele gekämpft haben, ist heute zumindest teilweise Realität: Nämlich eine offene Clubbing-Kultur in der jeder und jede sich selber sein kann». Dennoch kommt auch bei ihm bei der Erinnerung an die glorreichen Sturm- und Drangjahre des Zürcher Nachtlebens etwas Wehmut auf: «Das Pride-Wochenende eröffnet die Chance sich wieder einmal so richtig auszuleben und damit auch die alten Zeiten hochleben zu lassen».

Glaubt man dem Feedback der Clubschaffenden, so hat die Pride 2017 auch dieses Ziel erreicht. 

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

«Wääk, Sommer!»

Alex Flach am Montag den 29. Mai 2017
Wozu Club, wenn man draussen tanzen kann?

Wozu Club, wenn man draussen tanzen kann? Zumindest bis um 22 Uhr der Stecker gezogen wird.

Der Sommer ist nach Zürich zurückgekehrt und alle freuen sich. Alle ausser jenen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Betrieb eines Fonduestüblis oder eines Clubs bestreiten.

Derweil sich die professionellen Zürcher Käseschmelzer immerhin auf die Witterungsunabhängigkeit der kulinarischen Neugier ausländischer Touristen verlassen können, mussten die Zürcher Nachtmacher erstmals in diesem Jahr Bekanntschaft mit der meteorologisch motivierten Sommer-Fahnenflucht ihres Stammpublikums machen: Petrus, hierzulande meist ein zuverlässiger Verhinderer von wochenendlichen Outdoor-Aktivitäten, war den Zürcher Club-Cäsaren der mit Grillzange meuchelnde Brutus auf der Senatstreppe.

Die städtischen Clubberinnen und Clubber hat es wenig gekümmert, denn mit Partys am Oberen Letten, auf dem Üetliberg, der Allmend oder in einem direkt an der Limmat gelegenen Lokal, standen ihnen genügend Frischluft-Alternativen zu Verfügung um sich die so dringend benötigte Dosis Beats und Bass zu verabreichen.

Jedoch scheinen sich die Veranstalter dieser (tagsüber stattfindenden) Feste bisweilen gegenseitig das Wasser abgegraben und potenzielle Gäste abgezwackt zu haben: Die eine oder andere Party scheint die Erwartungen in ernüchternder Manier unterboten zu haben. Aber die Macher nur mässig besuchter Draussenfeste waren an diesem Wochenende nicht die am ärgsten Gebeutelten, sondern die Chefs von Clubs ohne akzeptablen Aussenbereich, wie ihn beispielsweise das Hive oder der Supermarket ihr Eigen nennen.

Wenn auch die beiden genannten Lokale ihre Gäste nicht in gewohnter Anzahl zu mobilisieren vermochten, im Vergleich zu den reinen Indoor-Clubs waren sie klar im Vorteil: Dort gerieten selbst einige «todsichere» Nummern, Partys bei denen die Konstellation aus Club, Veranstalter und Line Up üblicherweise Garant für eine rappelvolle Tanzfläche ist, zu melancholischen Einsamkeiten mit eremitärem Anstrich.

Nun ist es aber nicht so, dass sich die Clubchefs wegen des wetterbedingten Umsatzeinbruchs an diesem Wochenende in Selbstmitleid suhlen und der Verzweiflung ergeben: Im Unterschied zu der auch durch Unerfahrenheit geprägten Aufbruchzeit elektronischer Clubs in den 90er Jahren, verfügen professionell agierende Nachtleben-Treibende heute über genügend monetäre Mittel und Know How um die Baisse der heissen Sommermonate unbeschadet zu überstehen.

Das Ausbleiben der Gäste während der heissen Wochenenden zwischen Mai und September ist einkalkuliert und einige Lokale, wie beispielsweise die Friedas Büxe in der zweiten Junihälfte, schliessen gar für ein paar Wochen im Wissen, dass sie mit 30 Grad Aussentemperatur nicht konkurrieren können. Jedoch gibt es auch den einen oder anderen Club der wider Erwarten noch nicht im Zürcher Nachtleben angekommen ist, dessen Betreiberschaft noch auf kein genügendes finanzielles Polster zurückgreifen kann und der sich deshalb leider kaum in den Herbst retten können wird: Der Sommer 2017 wird mit grosser Wahrscheinlichkeit einigen Spreu vom Weizen trennen.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Bohemian Disneyland

Réda El Arbi am Dienstag den 23. Mai 2017
Shabby Chic-Kulisse für einen urbanen Lifestyle.

Shabby Chic-Kulisse für einen urbanen Lifestyle.

Ein Junkie schlurft langsam an der frisch renovierten Ladenfront des urban-stylischen Migrolino an der Langstrasse vorbei. Er heisst wohl Gerard und ist einer der wenigen, die im Quartier noch sichtbar sind. Man wird den Verdacht nicht los, er werde geduldet, um die zwielichtige Atmosphäre der Langstrasse zu konservieren.

Genau wie die Prostituierte, die im Schaufensterspiegelbild ihren viel zu kurzen Rock gelangweilt nach unten zupft. Ihre Kolleginnen wurden ja schon in die Fickboxen in Altstetten deportiert. Herdenhaltung unter kontrollierten Bedingungen, nicht so glamourös wie ein verruchtes Rotlichtmillieu mitten in der Stadt.

Aber ganz will man bei der Langstrassen-Aufwertung dann doch nicht auf die abgefuckte Bright-Light-Big-City-Deko verzichten. Schliesslich ist «Langstrasse» eine Marke, die ihrem Ruf gerecht werden muss. Sonst geht die «Street Credibility» verloren und man kann den Wohnraum weder teuer an die Mittelstandshipster (Irgendwas mit Medien! Kunst! Projekte! Berlin!) verscherbeln, noch jedes Wochenende eine Horde von zwanzigtausend Spasszombies durch das sorgfältig inszenierte Nightlifewunderland schleusen.

Es gibt noch ein, zwei schmuddelige Bars, in denen am frühen Abend einsame, ältere Männer aus der Agglo die Gesellschaft verlebter Animierdamen mit Alkohol zu einer romantischen Begegnung verklären. Auch in den Seitengassen findet man noch das, was die Stadt «problematische Liegenschaften» nennt. Wie Schimmel kleben hier noch die Reste der versifften, verhurten Langstrasse vergangener Tage in den Fugen, bis der Dampfreiniger der Gentrifizierung mit hochgeheizten Mietpreisen auch ihnen den Garaus macht.

Mir fällt es schwer, mit nostalgischer Sozialromantik auf die Ecken rund um die Langstrasse zu blicken. Ich torkelte hier in den 90ern selbst im Heroinnebel auf der Suche nach meinem Dealer durch die Strassen. Ich bin froh, dass diese Zeit vorüber ist.  Auf der anderen Seite schmerzt es mich, wenn ich sehe, wie ein Quartier langsam seine Identität verliert.

Es ist nicht so offensichtlich, da die Veränderung sorgfältig mit künstlicher Atmosphäre überschminkt wird, weil coole Kollektive ihre Lokalitäten mit «authentischem» Shabby Chic überdecken –  wie eine alternde Hure, die sich längst vergangene Jugend ins Gesicht malt. Und das Publikum liebt es. Man setzt sich vor der Pappkulisse einer vergangenen, verruchten Realität in Szene, mit Rennvelo, bedeutungsvollem Tattoo, Dutt und weltoffener Attitüde, zwischen Statisten wie Gerard und der Hure. Bohemian Disneyland. Man reibt sich an einer Vergangenheit, die eigentlich nicht cool, sondern eher hart und ziemlich traurig war.

Noch ist die Langstrasse nicht tot. Aber sie ist schon von der Vergänglichkeit gezeichnet. Und die Hipster, die jetzt den langjährigen Anwohnern sagen, sie sollen halt woanders hinziehen, wenn sie den Lärm und Dreck des Nachtlebens nicht aushalten, werden von Leuten vertrieben, die ihnen sagen werden: Dann zieh doch woanders hin, wenn du dir die Miete nicht leisten kannst.