Archiv für die Kategorie ‘Freizeit’

Eine Glacegeschichte (8)

Thomas Wyss am Samstag den 19. August 2017

Eigentlich hatten wir vorgehabt, heute in dieser Zürcher Glacekulturgeschichte das wichtige Kapitel «Die obszönen 80er-Jahre» aufzuschlagen. Und en détail darüber zu berichten, wie damals, durchaus passend zum klinisch gesüssten Synthie-Pop-Sound, eine Flut an artifiziellen, exklusiv im Labor kreierten Versuchungen über uns hereinbrach. Weshalb wir fortan nicht mehr herzhaft in Bireweggli oder Prussiens bissen, sondern stundenlang an «Schleckmüscheli» herummachten. Oder, der Gipfel der juvenilen Perversion, sogenannte Plattfüsse ableckten das war ein Eiscremestängel in Fussform, der aussah, als hätte er grad die Masern.

Ja, das war der Plan. Doch weil wir als städtische Gebrauchsanleiter selbstverständlich nicht nur der Chronik, sondern auch der Aktualität verpflichtet sind, müssen wir umdisponieren. Es ist nämlich am Dienstagabend etwas passiert, das zwar auf den ersten Blick mutig und offen wirkte, unserer Meinung nach jedoch fahrlässig unklug war warum, dürfte, nein müsste man bei der gleich folgenden Lektüre unschwer erkennen –, weshalb wir von einer Nachahmung in dieser oder jener Form dringend abraten möchten.

Es geht um SRF-Sportmoderator Dani Kern. Der anlässlich des Champions-League-Qualifikationsmatchs zwischen den Berner Young Boys und ZSKA Moskau ab Minute 90.17 bis Minute 90.33 – sprich in handgestoppten 16 Sekunden –, wortwörtlich rief (im Video ab Minute 5.08): «Oh. Nein! Neeeiiin! Neeeeeiiiiiiiin! Nein! Neeeeiinn! Ich werd verrückt. Ich werd veerrüückt. Ich werd verrückt. Iiich werd veerrüückt!»

Uns Zuschauer machte das natürlich betroffen, manch einer dachte womöglich gar: «Armer Kerli! Und das jetzt, da er endlich mal ein richtig wichtiges Spiel begleiten darf… ach, ach, der Herrgott, äxgüsi, ist manchmal einfach ein Lump!» (Wobei trotz Empathie betont sei, dass das Livegeständnis wegen Kerns «Mostindien»-Dialekt, den er – unbeabsichtigt, das waren die Gefühle! – in Quietschferkelfrequenzen hochtrieb, in den Ohren eher wehtat.)

Dennoch blieb da eine Skepsis, was Qualität und Wahrheitsgehalt dieser Selbstanalyse anbelangte. Vor allem darum, weil Kern das, was er von seinem Jobprofil her eigentlich können sollte – also einigermassen fehlerlos, packend und unparteiisch ein Fussballspiel einschätzen und kommentieren –, in der Regel nicht restlos souverän kann… weshalb es unwahrscheinlich ist, dass ihm in einer Disziplin wie der Psychiatrie, in der er, anders als im Fussball, nicht mal Grundkenntnisse besitzt, eine Diagnose von solcher Tragweite gelingen kann. (Gleichwohl ist es sicher nicht verkehrt, wenn die vom Fernsehen Kerns in Abertausende Deutschschweizer Stuben hineinposaunte Behauptung fachmedizinisch abklären – umso mehr, als der Auslöser dafür ein läppisches Eigentor war.)

Klar, nicht jeder hat, wie Dani Kern, im Augenblick, in dem er meint, das Unsagbare sagen zu müssen, ein bedeutendes Mikrofon vor sich stehen. Doch das ist im Social-Media-Zeitalter auch gar nicht nötig: Es reicht ein vorlaut formulierter Tweet, ein unbedarfter Facebook-Post, und man hängt auf Wochen, wenn nicht auf Monate hinaus belämmert in den Seilen. Und davor möchten diesen Zeilen warnen; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eine Glacegeschichte (7)

Thomas Wyss am Samstag den 12. August 2017

Zuerst, dachte ich, entledige ich mich der Jacke (damit man mein cooles Che-Guevara-Shirt sehen kann), recke martialisch die Faust in die Luft, rufe «Sin perdón!» und steche ihm mit einem Rambo-Messer beide Pneus auf. Während es dann elend röchelnd die Luft verliert, zerschlitze ich den Sattel, malträtiere mit dem mitgebrachten Vorschlaghammer Pedalen, Rahmen und Speichen bis zur Stufe «irreparabel», und schliesslich übergiesse ich das, was von diesem scheusslichen O-Bike noch übrig ist, mit Benzin und zünde es an.

Dazu entrolle ich trotz der Hitze möglichst feierlich mein im Hausbesetzerstyle gestaltetes Transparent, auf dem steht: «Singapore! If I spit a spearmint chewing gum on your ground, I get penalized as I if were an outlaw… and now you think you can spit – figuratively speaking – a giant yellow-grayblack O-Bike chewing gum on my town without getting punished? Forget it!» (Auf Deutsch: «Singpur! Wenn ich bei dir einen Spearmintkaugummi auf den Boden spucke, werde ich gebüsst, als ob ich ein Gesetzloser wäre… und jetzt meinst du, du könntest – bildlich gesprochen – einen gigantischen gelbgrauschwarzen O-Bike-Kaugummi auf meine Stadt spucken, ohne bestraft zu werden? Vergiss es!») Dieses Transpi halte ich minutenlang grimmig dreinblickend in die mich filmenden Smartphones der deppert bis schockiert dreinblickenden Touristen – und all das am helllichten Tag, mitten in Zürich!

Dann dachte ich, dass es echt ziemlich krank wäre, so was zu tun. Umso mehr, als ich ja in letzter Zeit richtiggehend stolz war, endlich meine innere Mitte gefunden und diese auch in ansprechend gesunder Balance gehalten zu haben. Weiter dachte ich, dass ein Velo ja wahrscheinlich auch so was wie einen Astralleib oder zumindest eine Integrität besitzt, die zu verletzen unter einem ethisch-moralischen Gesichtspunkt betrachtet einer schweren Sünde gleichkommen würde.

Ein nächster, sehr bitterer Gedanke: Wie bünzlig meine Haltung doch war – bloss weil das eine oder andere O-Bike seit einer Woche meinen angestammten Veloparkplatz vor der Tamedia besetzte, wäre ich bereit gewesen, einen kleinen Velo-Jihad loszutreten? Pervers peinlich! Aber noch weit schlimmer: Mit dieser Attitüde lag mein Ich, das sich auf der Leinwand des Lebens immer gern in der Rolle des eigenwilligen Modern Hippie gesehen hat, plötzlich voll auf der aktuellen Mainstream-Züri-Linie… mich schauderte kurz, aber gründlich, wohl im Wissen, dass man so was nicht einfach mit gut duschen wieder wegbringt.

Ja, all das dachte ich. Und plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich heute doch mit dieser Glacekulturgeschichte hatte weitermachen wollen (deshalb auch der Titel), und dass es glaub Teil 3 gewesen war, in dem ich Variationstipps des legendären Aeschlimann-Eiskaffees versprochen hatte. Les voilàs.

Tipp 1: Statt dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace nehme man zwei Kugeln Kaffeeund eineinhalb Kugeln Schoggiglace, alles andere bleibt gleich – die Creme wird etwas süsser, farblich entsteht ein hübscher Zebraeffekt.

Tipp 2: Man gibt 4 cl Zuger Kirsch in die fertige Glacecreme und rührt nochmals kräftig um. Auf süssere Art kann der «Ouuii, ich han es Schwippsli»-Zustand kaum erreicht werden.

Die Barbaren kommen!

Réda El Arbi am Dienstag den 8. August 2017
Unausprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins umland!

Unaussprechliches bringen die Horden nach Zürich. Fliehen Sie ins Umland!

Es gibt in der Menschheitsgeschichte viele Beispiele, in denen eine friedliche Bevölkerung von unzivilisierten Massen überrannt wurde: Die Türken vor Wien, die mongolischen Horden, die Kreuzritter in Jerusalem – und eben die Spasszombies, die jedes Jahr im August über Zürich herfallen. Man kann keinen Widerstand leisten, die Überzahl ist unbezwingbar. Aber man kann fliehen, wenn man sich früh genug vorbereitet. Hier ein paar sichere Horte, an denen Sie diesen Samstag verbingen können:

Die andere Zürcher Stadt

Nur 16 Minuten vor den Toren der Stadt gibts ein Städtchen, das eine eigene, blühende Kulturszene aufweist. Wer Musik mag, die wirklich noch von Menschen an Instrumenten gespielt wird, wird sich an den Musikfestwochen Winterthur wohlfühlen. Je nach Wetter verbringt man den Nachmittag in einem der kleinen Cafes mit dem Lesen eines guten Buchs oder planscht mit den Kids in der Töss, um sich am Abend dann von verschiedenen Konzerten unterhalten zu lassen.

Nordwärts!

Wer dem Niederdorf nachtrauert und wissen will, wie eine lebendige Altstadt aussieht, sollte sich ans Stars in Town in Schaffhausen begeben. Neben verschiedenen Konzerten gibt ein Streetfood-Festival und ein riesiges Nebenprogramm.  Nachmittags kann man sich in Neuhausen am Rheinfall von der Gischt besprühen lassen. Schliesslich war man seit der Schulreise nicht mehr da.

In die Boote!

Wenn wir schon im Norden sind, ist eine kleine Gummibootfahrt auf dem Rhein von Stein am Rhein bis Diessenhofen zu empfehlen. Dazu gibts jede Menge Kultur und Unterhaltung: eine Burg, Wandmalereien aus dem Mittelalter, Pfahlbau-Überreste – und als grossen Joker: Die Minieisenbahn, mit denen man die Kids unterhalten kann. Abends isst man dann Fisch und schaut dem Strassenprogramm des Theaterfestivals nordArt zu.

Zum Feind überlaufen

Für einmal kann man die alte Fehde zwischen Zürich und Basel vergessen und bei den Bäppis um Asyl bitten. Die sind gar nicht so schlimm. Und dieses Wochenende lohnt es sich, Basel einmal zu besuchen: Man kann noch den letzten Tag des Basel Openair miterleben und sich davon überzeugen, dass fremde Kulturen (ja, sogar Basler!) durchaus auch ihren Charme haben.

Gemütlich nehmen

Wer dem Stress der Grossstadt entfliehen will, kann sich nach Bern absetzen. Neben Aareschwimmen und Kaffee in der Altstadt findet man in Bern unter jedem Pflasterstein eine Band. Was in Zürich die Clubs sind, ist in Bern Live-Musik. Von Klassik bis Blues und Rock – in Bern gibts am nächsten Samstag alles.

Ab in die Agglo

Verbringen Sie einen ruhigen, friedlichen Nachmittag am Greifensee und lassen Sie den Abend im Openair Kino in Uster ausklingen. Wir garantieren, dass die Gegend sicher ist, da sich alle ansässigen Barbaren schon früh morgens mit der SBahn in Richtung Stadt aufgemacht haben.

Also, fliehen Sie! Retten Sie sich und ihre Lieben!

Klaus macht Mobile

Alex Flach am Montag den 7. August 2017
Dieses Jahr ist der Zürcher Club Klaus mit einem Love Mobile an der Parade vertreten.

Dieses Jahr ist der Zürcher Club Klaus mit einem Love Mobile an der Parade vertreten.

Am kommenden Samstag findet die 26. Street Parade statt. Neben dem musikalischen und vom Street Parade-Booker Robin Brühlmann verantworteten Kurswechsel auf den Bühnen an der Strecke, einer Abkehr vom EDM hin zu House und Techno, hat im Vorfeld vor allem das Love Mobile des Klaus-Clubs für Aufsehen gesorgt. Dass ein angesagtes Szene-Lokal wie das Klaus ein eigenes LoMo stellt, ist seit vielen Jahren keine Selbstverständlichkeit mehr: Seit der Jahrtausendwende haben sich die Zürcher Clubszene und die Street Parade auseinandergelebt, sich immer weiter voneinander entfernt.

Als der Klaus-Mitinhaber Alain Mehmann seine erste Street Parade besucht hat, war er noch weit davon entfernt einer der Macher des Zürcher Nachtlebens zu sein. «Während der dritten Parade war ich per Zufall auf Einkaufstour in der Stadt. Da habe ich sie und die elektronische Musik erstmals wahrgenommen. Das war die Initialzündung für mich.»

Mehmann wurde später Redaktor beim ehemaligen Szene-Magazin Forecast. Noch später hat er mit Partnern den Heaven-Club im Niederdörfli eröffnet, das Partylabel Behave (Friedas Büxe) lanciert und schlussendlich hat er seine Unterschrift unter die Gründungsurkunde des Klaus gesetzt, einen der aktuell liebsten Clubs aller sich mit der Aura des Wissens um die wahre Subkultur umgebenden Nachtzürcher.

Mehmann: «Vor circa einem Jahr und nach unserer Street Parade-Afterparty habe, ich halb im Jux, halb im Ernst gesagt: ‚Lasst uns nächstes Jahr auch ein Love Mobile an den Start bringen!‘. Die Reaktionen meiner Partner und Gäste waren so positiv, dass wir an der Sache drangeblieben sind. Definitiv zugesagt haben wir aber erst, als wir das Angebot erhalten haben, den Wagen zusammen mit dem BPM Festival zu organisieren.»

Auch andere Zürcher Clubmacher haben sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten überlegt einen Wagen zu stellen. Dass nun ausgerechnet das Klaus diese Überlegungen Tatsache hat werden lassen, ist auch für das Street Parade-Komitee ein Glücksfall: Nicht viele Zürcher Clubs hätten besser zum Winkelried für künftige Teilnahmen anderer Szenelokale getaugt als der Langstrasse-Memberclub. Mehmann: «Wir haben die Startnummer 13, ein Motto haben wir nicht. Der Wagen wird aber bunt, schrill und schräg sein wie unser Club. Die Deko und die Outfits gehen in Richtung ‚Alice im Wunderland und Mad Max machen zusammen einen Zirkus am Strand mit Grossmutters Möbeln‘. Wie du dir ja vorstellen kannst, machen wir nicht an der Street Parade mit, weil wir mehr Werbung bräuchten. Es ist wirklich aus Freude an der Sache und weil wir finden, dass die Street Parade für die Stadt und das Nachtleben nicht nur eine wichtige Rolle gespielt hat sondern immer noch spielt. Und schlussendlich: es ist ein Riesenspass!»

Alle die noch auf Klaus-Wagen zu den Sets der DJs Carlo Lio, Nathan Barato (beides langjährige DJs am BPM Festival), Playlove, Pazkal, Nici Faerber, Aaron Khaleian und Raphael Raban raven möchten muss Mehmann enttäuschen: «Wir sind leider längst ausgebucht.»

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Street-Parade: Mega-Raves sind tot

Alex Flach am Montag den 24. Juli 2017
Die Party nach der Party ist tot.

Die Party nach der Party ist tot.

Am 12. August zuckeln wieder die Lovemobiles ums Zürcher Seebecken. Derweil der Umzug selbst auch nach mehr als zwei Jahrzehnten die Massen mobilisieren kann, scheint die Ära der grossen Raves am Abend nach dem Techno-Konvoi endgültig vorbei zu sein. Konnte man früher gar in der Halle des Hauptbahnhofs weitertanzen, sucht man in diesem Jahr vergebens nach Party-Giganten.

Selbst Arnold «Technopapst» Meyer, seit den frühen Tagen der Street Parade Zeremonienmeister von riesigen Afterpartys wie der Energy im Hallenstadion oder der Electric City auf dem Maag Areal, wird an der diesjährigen Parade nur Zaungast sein: «Raves in der Grössenordnung wie ich sie jeweils veranstaltet habe, rentieren nicht mehr, seit das Street Parade-Komitee ein so grosses Gratisangebot auf die Beine stellt. Auch das Berner Label Abflug Berlin von Lorenz Misteli hat sich verabschiedet, da die Party im Volkshaus letztes Jahr ebenfalls defizitär war. Ich mache 2017 zwar noch eine Electric City, aber erst zu Silvester in der Bea Expo Bern mit Ben Klock als Headliner. Die Energy führen wir bereits seit 2014 nicht mehr durch.»

Damit dürften die Afterparty im Kaufleuten mit Jamie Jones an den Decks und die Lethargy in der Roten Fabrik, unter anderem mit Bonaparte, Convextion, Roman Flügel und Matrixxman, die grössten Sausen nach der Street Parade sein. Was die Lethargy anbelangt, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie, war sie in ihren Anfangstagen doch eine augenzwinkernde Alternative zu Meyers übergrossen Energy – nun ist also sie selbst die grösste.

Die vermeintlichen Nutzniesser dieser Entwicklung sind die Zürcher Clubs, die an diesem Tag nun nicht mehr mit Grossveranstaltungen in Stadien und Industriehallen konkurrieren. Jedoch bedeutet das nicht, dass all die berühmten Djs die an der Strecke auf den Lovemobiles und den Bühnen auflegen, danach in den Clubs zugange sind: Die meisten dieser Grössen sitzen am Abend bereits wieder im Flieger, der sie zu ihrem nächsten Set bringt.

Das liegt auch daran, dass viele Zürcher Clubs auch am 12. August nicht von ihrem gewohnten Programm abweichen und zwar mit der Begründung, dass sie ihre Stammgäste nicht verprellen möchten, indem sie ihre hehren Hallen mit Hundertschaften zugereister Eintages-Raver füllen.

Sprich: Es dürfte im Anschluss an die diesjährige Street Parade viel weniger Platz für eine etwa gleichbleibende Zahl Techno- und House-Jünger geben. Leidtragende sind nicht nur die Securities der Clubs, die an diesem Abend viel Zeit in Diskussionen mit verschmähten Einlasswilligen verbringen dürften. Auch die die Street Parade-Touristen aus anderen Kantonen, aus Deutschland oder Italien, die nicht über ein Zürcher Netzwerk verfügen, dürften dabei in die Röhre gucken. Ihnen sei an dieser Stelle dringend empfohlen, sich bereits vor ihrem Ausflug nach Zürich die passende Afterparty auszusuchen und – sofern einer angeboten wird – den entsprechenden Vorverkauf zu nutzen. Ansonsten kann es gut sein, dass die Street Parade bereits endet, wenn das letzte Lovemobile den Motor abstellt.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Eine Glacegeschichte (4)

Thomas Wyss am Samstag den 22. Juli 2017

Ein zeitgeistiger Zeitungsredaktor würde jetzt stöhnen: «Ach Leute, bitte, so geht das nicht, so kommen wir mit dieser Sache nie ins Ziel… es gibt doch wirklich noch andere und vor allem wichtigere Themen… wieder und wieder auf dieser Sache rumzureiten – Pardon: an dieser Sache rumzuschlecken –, ich weiss nicht, das ist doch nicht nötig, das wird echt langsam öde.»

Ein Vertreter der guten alten Schule würde dagegen erst mal betont höflich sagen: «Merci villvillmal!» Danach würde er aus schierer Freude am Leben eine (natürlich rein imaginäre; die echte könnte er sich gar nicht leisten, zudem sei Rauchen ja glaub ungesund) Habano anzünden – notabene aus dem Anbaugebiet Vuelta Abajo – und diese Scheinzigarre würde er genauso genüsslich paffen, wie der grosse FCZ-Präsident Edi Nägeli selig nach den sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen seine realen Triumph-Stumpen paffte (ich bin übrigens ziemlich sicher, dass er das morgige Derby, Fliege, Hornbrille und Hut inklusive, von der himmlischen Ehrentribüne aus mitverfolgen wird). Und wenn der fette Glimmstängel beendet wäre – also wohl ungefähr jetzt –, würde er für alle Leserinnen und Leser, die bislang nur dezent amüsiert die Stirn runzelten, endlich Klarheit in dieses textliche Dunkel bringen… ja, und genau das will ich alter Schüler nun tun.

Fakt nämlich ist: Obwohl diese Beiträge zur Zürcher Glacekultur offenkundig geprägt sind durch eine ( je nach Sichtweise bedenkliche oder erstaunliche) Brisanzarmut, haben sie Post bewirkt. Emotionale Post sogar, auf die ich selbstverständlich eingehen will. Was wiederum weitreichende Folgen hat. Die erste: Das für heute angekündigte Programm wird – wie bereits die Programme der letzten Wochen – kurzfristig über den Haufen geschmissen. Die zweite: Die Serie, ursprünglich als Zweiteiler angedacht, wird lang und länger. Die dritte: Die Begeisterungsstürme, die diese Spontanverlängerung auslöst, sind (charmant formuliert) nicht überall gleich hemmungslos. Die vierte: Statt zu kuschen, rufe ich «Watsky!» (das ist vergleichbar mit Trumps «covfefe», bloss konkreter) und versuche nun, die längste Glacekultur-Serie in der langen Geschichte dieser Stadt zu bewerkstelligen. YEAH! (Okay, yeah! genügt auch).

So, genug aufgeklärt, reden wir über die zuvor erwähnte Post. Die zuerst in Form eines Mails von Herrn Rothenhäusler eintrudelte. Er schrieb, er liebe «nur die weisse Glace vom altmodischen Cassata (die mit den kandierten Früchten)», doch keine einzige Gelateria weit und breit habe Cassata im Angebot («nicht mal die mit 100 Sorten»), er verstehe das nicht. Echt wahr? Ist dieser italienische Klassiker, der im Original «Cassata alla siciliana» heisst, in Zürich nicht mehr erhältlich? Wer anderes weiss, bitte melden!

Ja, und dann kam der Brief von Frau Spieler. Das kindliche Eiskaffee-Erlebnis, das sie darin schildert, ist derart herzig und köstlich, dass es sünd und schad wäre, damit die wenigen hier verbleibenden Zeilen zu füllen; wir machen das lieber ausführlich in Teil 5 am nächsten Samstag – und rufen jetzt stattdessen nochmals alle Zürcher Wurstsalat-Könner dazu auf, unsere Farben heute Abend an der Wusa-WM in Frick AG würdig zu vertreten!

Partypatrioten vs Hudigäggeler

Alex Flach am Montag den 17. Juli 2017
Kann man den 1. August auch ohne kitschiges Brauchtum feiern?

Kann man den 1. August auch ohne kitschiges Brauchtum feiern?

In zwei Wochen feiert die Schweiz Geburtstag. Ein ziemlich in die Jahre gekommenes Guetzli ist sie mit ihren 726 Jahren mittlerweile. Viel anzuhaben scheint ihr die Zeit aber nicht zu können, genau so wenig wie der Helvetia: Auf dem Einfränkler sieht die mit Schild und Lanze bewehrte Dame immer noch frisch und wehrhaft aus wie eh und je: Würde sie die soldatischen Accessoires zuhause lassen, sie hätte keine Probleme an den Selekteuren der Zürcher Clubs vorbeizukommen.

Dennoch tut sich das städtische Nachtleben traditionellerweise schwer damit, den 1. August zu feiern. Auf eine politische Botschaft wird verzichtet und auch auf alles, das den Verdacht der Volkstümelei erwecken könnte. Eigentlich ist der zusätzliche freie Tag nur eine Gelegenheit das Wochenende um eine Partynacht zu erweitern: Im Club Bellevue heisst die Party am 31. Juli Martin Buttrich (ein Verweis auf den Headliner, der da spielt), im Exil ist der unverwüstliche Nik Bärtsch zugange, Friedas Büxe bleibt geschlossen, im Mascotte findet eine reguläre Cool Monday statt und im Hive ein Bisschen Schweizfeiern unter dem Namen Nationale Feierei.

Wer sich den nationalstolzgeschwellten Bauch trotzdem mit einem ordentlichen Stück Geburtstagskuchen in Rot und Weiss füllen möchte, der kann sich an Extellent halten. Seit 2006 stellen die Macher des Partylabels alljährlich am Vorabend des 1. August eine Nationalfeier für Clubber auf die Beine. Dieses Jahr abermals mit einem Strassenfest beim und einer Feier im Plaza, samt Konzerten und DJ-Sets. Dabei wird nicht an Folklore gespart, auch nicht bei den Plakaten, die derzeit in den Trams hängen: Fahnenschwinger, Trachten und Alpenromantik.

Auch das offizielle Zürcher Bundesfeierkomitee, das in diesem Jahr eng mit Extellent kooperiert, spart nicht an Reminiszenzen an die Schweiz von Heidi und Knecht Ueli: Nebst der Rede von Stadtpräsidentin Corine Mauch ist das «Fest mit volkstümlichen Darbietungen» beim Pavillon in der Stadthausanlage und mit der Moderatorin Monika Fasnacht das Highlight, inklusive des Alphorntrios Bärgfridä, der Fahnenschwinger Kerns, der Jodlergruppe Schlierätal und des Ländlertrios Echo vom Hittlidach.

An dieser Stelle ein paar rhetorische Fragen: Was zum Alpöhi haben die Stadtzürcherin und der Stadtzürcher mit dem Programm der offiziellen Zürcher Bundesfeier 2017 am Sennenhut? Wann hört man hier unter dem Jahr mal einen Jodler oder sieht einen Trachtenträger eine Fahne schwingen? Warum wird an der offiziellen 1. August-Feier in der Stadt Zürich die Schweiz der Land- und nicht der Stadtbevölkerung gewürdigt (wobei auch etlichen auf dem Land wohnenden Schweizern bei so viel Haudrauf-Folklore etwas kötzlig werden dürfte)? Und: Gibt es wirklich nichts kulturell Passendes wofür man die Schweiz hochleben lassen könnte, etwas das nichts mit volksdümmlichem Judihui zu tun hat?

Ich denke, ich streck an dem Tag die Füsse in den Zürisee und lass Monika Fasnacht Fasnacht sein. Und freue mich darüber, dass Techno jetzt Zürcher UNESCO-Kulturerbe ist.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Der Lüstling 2. Teil

Réda El Arbi am Samstag den 15. Juli 2017
Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

«Männer sind Schweine», musste ich mir nach dem letzten Post über den Badi-Besuch als Mann vorhalten lassen. Männer würden glotzen, sabbern und sich unangemessen benehmen, wenn sie Frauen in Bikinis sähen. Ich ging daraufhin tief in mich und erinnerte mich, wie der erste Badi-Besuch der Saison war, als ich noch nicht verheiratet und noch stärker hormongesteuert war. Hier ein Gedächtnisprotokoll:

Cool die Arme schlenkern. COOL schlenkern, nicht schwingen wie ein Gorilla! Dann bemerkt niemand, dass die Beine noch viel weisser sind. Ich hätte trainieren sollen. In diesen weiten Shorts sehen meine Beine aus wie Storchenstelzen. Himmel! NICHT auf die eigenen Beine starren. Cool schlendern, den Blick selbstsicher auf den Horizont gerichtet.

Hm, wo setz ich mich hin? Shit, ich hätte nicht das Snoopy-Badetuch mitnehmen sollen. Daniela meinte, es sei «süss». Um Himmels willen! Wie konnte ich nur? Ich will nicht «süss» rüberkommen. Männlich, ja. Stark. Suverän (oder wie das heisst).

Da ist noch Platz. Und da drüben sitzen drei Frauen in meinem Alter. Ha! Beute! Chrchrchr. Nah genug, um zu flirten, und weit genug weg, dass sie mein Badetuch nicht wirklich sehen können. So.

T-Shirt ausziehen. Ou, keine hat geschaut. Hm. Ich kann ja noch etwas posen, so als würde ich nachdenken. Ernst in die Weite blicken, als hätte ich gerade schwere, wichtige Gedanken.

Buch auspacken. Kafka. Da können alle gleich sehen, dass ich auf innere Werte stehe. Intellekt ist sexy! Hm, die sitzen zu weit weg, um den Buchtitel lesen zu können. Ich hätte Sartre mitnehmen sollen. Da erkennt man den Umschlag schon aus 50 Metern.

Erst mal Kaffee und Aschenbecher holen. Der Weg zum Kiosk ist ein Laufsteg und ich bin der Grösste. Hm, die beiden Typen da links sind grösser. Und stärker gebräunt. Und haben mehr Muskeln. Sch****, die sehen einfach besser aus und wirken entspannter. Keine Chance. Ahhh. Sie küssen sich. Gut. Keine Konkurrenz.

Nehm ich jetzt einen leckeren Latte oder wirkt das zu feminin? Seufz. Dann halt einen doppelten Espresso, schwarz, ohne Zucker. Wäk. Aber DAS ist männlich. Glaub ich.

Ui, da hat sich jemand in meine Nähe gesetzt. Eine Frau. Eine FRAU! Jesses Gott. Wie setz ich mich elegant hin mit heissem Kafi und dem Aschenbecher in den Händen? Tief durchatmen. TIEF durchatmen.

Hm, die ist hübsch. Sehr hübsch sogar. Nicht hinstarren. Sonst denkt sie, du hättest es nötig oder seist so ein Lüstling. Aber sie ist hübsch. Süsse Nackenlinie mit diesen kleinen, gekringelten Löckchen hinter dem Ohr. Sie schaut! Nicht auf ihren Hals starren! Nain! Auch nicht auf ihre Brüste. In den Himmel, in den Himmel!

Ich war glaubs kurz bewusstlos. Sie hat mir in die Augen geschaut und gelächelt. Und der elektrische Schlag, den das in meinem Gehirn ausgelöst hat, liess mein Gesicht sicher so geistreich wirken wie nach einem Gehirnaneurisma. Aber sie ist immer noch da. Immerhin. Und sie lächelt in meine Richtung.

Sie flirtet mit mir. Oh Gott, was mach ich jetzt? OhGottOhGottOhGott! Zigarette. Sofort. Jetzt zurücklächeln. Sie schaut nicht weg! Sie räkelt sich.

Hallo Erektion. Wo warst du vor drei Wochen, als ich dich da nach dieser Party so dringend benötigt hätte? Jetzt will dich niemand hier. Ehrlich. Geh weg. Schnellstens auf den Bauch legen. Zum Glück hab ich mich gegen die engen Speedo entschieden.

Sie steht auf und kommt in meiner Richtung. Ich muss meine Panik niederringen. Tief atmen.

«Hast du Feuer?»

Sie steht da, als Schattenriss gegen den hellen Himmel. Ich kann ihr kaum ins Gesicht sehen, da ich mich aus blutverteilungstechnischen Gründen nicht auf den Rücken legen kann.

«Klar. Schön, dass du rauchst …»

Himmel, gehts noch? ‘Schön, dass du rauchst’? Hab ich nichts Debileres gefunden?

«Was?»

«Öh, ich dachte nur, dass kaum jemand mehr raucht. Man unterstellt Rauchern immer gleich Todessehnsucht. Haha. Nein, ich bin nicht suizidal, nur weil ich eine Zigarette rauche. Haha. Du bist sicher auch nicht suizidal. Haha. Nicht dass ich sagen wollte, du würdest irgendwie suizidal wirken. Haha.»

«Äh. Danke. Tschüss.»

Wär ich im Ehrenkodex der Samurai erzogen, ich würde mich jetzt ohne ein Zögern ins Schwert stürzen. Wenigstens ist die Erektion weg, da meine Schamesröte alles Blut im Gesicht benötigt.

Sie sitzt wieder an ihrem Platz, meidet meinen Blick und räkelt sich auch nicht mehr. Ich muss jetzt stark sein. Ich darf jetzt nicht weinen. Meine Flirt-Künste sind erbärmlich. Ich bin erbärmlich.

Hätte ich die richtigen Worte gefunden, würden wir jetzt beisammensitzen und locker plaudern. Ich würde mit meinem Wissen brillieren. Sie würde mich bewundern. Ich würde sie zum Lachen bringen. Und vielleicht würde sie mich irgendwann küssen. Und dann wären wir glücklich. Und wir würden irgendwann heiraten. Und wir hätten ein kleines Häuschen und Freunde. Viele Freunde.

So bleibt mir nur, die spärlichen Reste meiner Selbstachtung und mein Snoopy-Tuch zu packen, auf dem Weg nach Hause am Kiosk noch ein Heft mit Sylvia Saint zu kaufen und daheim die Rolläden zu schliessen, um mich dann meiner Depression hinzugeben.

Ja, liebe Leser. So war das damals. So fühlt es sich an, als Single-Mann allein in die Badi zu gehen.

«Randständige» ohne Lobby

Réda El Arbi am Montag den 10. Juli 2017
Ob sich die SBB «Ich muss leider draussen bleiben»-Schilder überlegt?

Ob sich die SBB «Ich muss leider draussen bleiben»-Schilder überlegt?

«Der Dreck muss weg, unser Profit leidet darunter» – in Worten der SBB kommt die Aussage natürlich etwas zahmer. Sie wollen die «Randständigen wegweisen», um ihre Bahnhofsgastronomie aufzuwerten, wie sie vor ein paar Tagen angekündigt haben.

Sie wollen die Plätze vor den Bahnhöfen von Personen freimachen, die nicht dem geleckten Bild ihres Gentrifizierungswahns entsprechen, um da dann noch mehr Restaurants und Konsumtempel einrichten. Genau das, was die Städte dringend benötigen. Und erlaubt ist natürlich, was die SBB als «normal» definiert.

«Aus den Augen mit diesem minderwertigen Pack. Die schwächen die Konsumlaune unserer Kundschaft», ist die menschenverachtende Haltung hinter dieser Absicht.

Wir sind uns ja gewohnt, dass der eine oder andere kantonale Sicherheitsdirektor die Bewegungsfreiheit von Menschen ohne zugrundeliegende Straftat einschränkt. Aber meist schieben die Verantwortlichen da noch Sicherheitsbedenken vor. Die SBB will nun aber klar Menschen vertreiben, die bereits am Rande stehen, um ihren Umsatz zu steigern. Profit über alles.

Sie können das offenbar auf dem Weg der Hausordnung. Hm, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, waren Bahnhöfe und Bahnhofplätze noch öffentlicher Raum. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, standen die verfassungsmässigen Rechte wie Bewegungsfreiheit und Versammlungsfreiheit noch über einer Hausordnung.

«Die Hausordnung wurde von einem Richter abgenommen», informierte mich ein Bekannter bei der SBB. Natürlich. Und weil Randständige» keine Anwälte und keine Lobby haben, hat sich das auch niemals jemand genauer angesehen. Wussten Sie, dass man sich im Hauptbahnhof nicht auf dem Boden setzen darf? Es gibt noch vieles, dass in diesen Hausregeln festgelegt wurde, was einem die Haare zu Berge stehen lässt. Aber mehr dazu ein andermal.

Dann wär da noch die Frage, was «Randständige» eigentlich sind. Das ist nämlich keine gesetzlich definierte Grösse. In ihrem Statement spricht die SBB von «alkoholisierten Personen».

Ou Shiite! Die Street Parade muss abgesagt werden! Keine Sonderzüge! Die Street Parade-Penner sind nicht nur besoffen, die sind so randständig, die können sich nicht mal anständige Kleider leisten!

Fussball-Sonderzüge? Special-Reiseangebote an Spiele? Fertig. Gruppen von Alkoholisierten, die dabei auch noch laut grölen, geht gar nicht. Randständig! Asozial!

Zürich kann eigentlich den Bahnhof jeden Abend nach 19.00 Uhr schliessen, wenn Alkoholkonsum eine Wegweisung rechtfertigt. Am Wochenende schon ab 16 Uhr.

Natürlich nicht. Diese «alkoholisierten Personen» konsumieren genug, um sich das Recht für den Aufenthalt erkauft zu haben.

Man sagt mir ja eine Buddha-Natur nach, gelassen, friedlich, verständnisvoll und ausgeglichen. Diesmal aber bin ich wirklich sauer. Ich meine wirklich, wirklich sauer. Nicht nur, dass ich weiss, wie es ist, wenn man am Ende ist und der einzige soziale Kontakt, den man aushält, der Austausch mit anderen «Randständigen» am Bahnhof ist. Ich denke auch, dass man bei asozialem Verhalten irgendwo einen Strich ziehen muss. Und damit meine ich nicht die Randständigen.

Die SBB gehören uns. Und wollen wir das? Was sind wir denn für eine Gesellschaft, die den Anblick von zehn oder zwölf schrägen Typen nicht mehr erträgt? Der Grad an Zivilisation einer Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Nicht daran, wie viel geile Hipsterspunten ein Bahnhof vorzuweisen hat. Nicht daran, wie ungestört man möglichst 24 Stunden lang konsumieren kann.

Wie gesagt, die SBB gehören uns. Und vielleicht fühlt sich der eine oder andere Bundesparlamentarier ja so unangenehm berührt, dass er eine Anfrage an den Bundesrat stellt.

Ich bleib auf jedenfall dran. Ja, sorry SBB, offenbar haben die Randständigen doch noch sowas wie eine Lobby gefunden. Und wenn ich noch saufen würde, würde ich das jetzt aus Protest nur noch in Bahnhöfen machen. Und den Sprit von draussen mitbringen.

Eine Glacegeschichte (2)

Thomas Wyss am Samstag den 8. Juli 2017

Es passierte im Sommer 1969, in dem ja auch sonst einiges passierte (zum Beispiel die erste Mondlandung oder «Woodstock» oder die Geburt von Stéphane Chapuisat). Es passierte da, wo alles viel kleiner ist, als es in Realität ist – was bei gewissen Besuchern (zum Beispiel bei pathologischen Fans des Filmemachers David Lynch) eine Art Psychose auslöst –, nämlich im Swissminiatur in Melide.

Intermezzo: Es dürfte bereits jetzt erste Leser geben, die schnaubend stöhnen: «Ach nein, nicht wieder diese Dreikäsehoch-Episode, die hat er uns doch bestimmt schon fünfmal erzählt.» Ich erwidere: «Quatsch, heute inklusive, ist es das dritte Mal. Und wie ein oft zubereitetes Gericht, das man stetig verfeinert, liest sich diese Shortstory mit jedem Mal eindrücklicher.» Intermezzo Ende.

Es passierte bei einem dieser Miniaturhäuser – welches es war, weiss ich natürlich nicht mehr, ich war da zweieinhalb Jahre alt. Vor diesem Haus gab es einen Miniaturweiher, der so dreckig war (damals war der Wasserstaubsauger noch ein Zukunftstraum), dass er aussah wie Beton. Da mir dieses Miniaturhaus offenbar gefiel, wollte ich es mir aus der Nähe ansehen, rannte über den Betonboden, der in Tat und Wahrheit eben aus Wasser bestand, und ging unter (nicht so richtig lebensbedrohlich unter, dafür war der Teich schlicht nicht tief genug), war pitschnass – und quietschte wie die panische Sau im Anblick des Schlachtermessers.

Meine damals noch jungen und unerfahrenen Eltern mussten handeln, und sie handelten den Umständen entsprechend stupend: Sie kauften mir nämlich eine Glace! (Es sei glaub ein Schoggi-Cornet gewesen, vermeldeten sie auf Anfrage.) Was mich so sehr glücklich machte, dass ich mich umgehend beruhigte und das schweinische Gequietsche einstellte. (Bevor nun ein Shitstorm aufzieht: Sie kauften mir etwas später auch trockene Kleider, was darum nötig war, weil sie die Koffer bereits per Zug zurück nach Zürich verfrachtet hatten).

Jedenfalls: Es war ein Schlüsselerlebnis. Und in der Folge entwickelte ich eine solch heisse Liebe zu dieser frostigen Süssigkeit, dass ich inzwischen (wie letzten Samstag angetönt) in der Lage bin, ziemlich souverän über die hiesige Glacekultur zu referieren. Die eben nicht, wie viele Dumpfbacken meinen, erst durch die Eröffnung der Gelateria di Berna vor ein paar Wochen ihren Anfang nahm, sondern tief in die 70-Jahre zurückreichte. Damals gabs in Wollishofen das Aeschlimann…

Intermezzo 2: Zweifellos gesellen sich zu den vorherigen Schnaubern nun noch Dutzende Plagööris, und im vielstimmigen Kanon wird reklamiert: «Und jetzt auch noch zum zehnten Mal die Beiz seiner Grosseltern selig! Alles was recht ist, aber genug ist genug!» Diesmal erwidere ich: «Es ist höchstens das fünfte oder sechste Mal, und nicht einmal 20 Nennungen wären zu viel, denn diese Beiz, die übrigens damals ein Tea-Room und später ein Restaurant war, ist so reich an Geschichte(n), dass man damit ein dammi gutes Buch füllen könnte!» Intermezzo 2 Ende.

Und im Aeschlimann wurde der köstlichste Eiskaffee der ganzen Stadt serviert! Das behaupten ausnahmslos alle, die ihn je probiert haben. Sein Rezept und viel mehr Zürcher Glacekultur gibts nächsten Samstag in Teil 3.