Eskalation vor den Sommerferien

Letzte Vorstellung, 30 Grad in der Stadt - und einer kämpft gegen die Tränen.

Hauptprobe zu «Mary Poppins» oder Schulfest? Hauptprobe, finden die Eltern. (Foto: Jay Maidment/Disney via AP)

 

Jedes Jahr die Eskalation vor den Sommerferien: Schulfeste, Fussball­essen, Auftritt mit der Musikschule. Meine Tochter musste sich entscheiden, ob sie ans Schulfest geht oder zur Hauptprobe von «Mary Poppins», wo sie eine kleine Rolle spielte. «Mary Poppins», sagten wir, gegen ihren Widerstand. «Wegen ein paar Sätzen», jammerte sie. Genau, wegen ein paar Sätzen. Ohne das Triangel kann das Orchester auch nicht spielen.

Es gab drei Vorstellungen, die letzte am Sonntag, 30 Grad in der Stadt, die Quartiere waren ausgestorben. Doch im Kirchgemeindehaus herrschte ein Gedränge wie vor einem Rockkonzert, Leute ohne Karten hofften auf Einlass. Im Saal fächelten sich die Menschen Luft zu, es wurde still. Der Dirigent hob den Stock, und der Kaminfeger hüpfte über die Bühne, der Vorhang ging hoch, Blick frei auf die Wohnung des Bankbeamten Banks, über 100 Kinder singen, tanzen, spielen in liebevoll genähten Kostümen, alle möglichen Abteilungen der Musikschule haben sich zusammengetan, kindergerecht und einfallsreich. Ich merke, dass ich gegen die Tränen kämpfe.

Woher kommt die Rührung? Sind es die Erinnerungen an eigene Auftritte? Oder ist es das Gefühl der Endlichkeit? Eine Kinderaufführung ist wie ein Ankommen in der Gesellschaft, es werden weitere folgen, bis die Kinderträume ausgeträumt sind. Oder ist es die Rührung über das grandiose Wirken der Musikschule? Eine Frau steht auf, mit Tattoos an den Armen, winkt selbstvergessen, als ihre Enkelin herumhüpft. Frenetischer Applaus.

Wie viel Arbeit, wie viel Talent steckt in einem solchen Auftritt! Dabei sind die Musikschulen keine Selbstverständlichkeit. 2012 haben wir über den Verfassungsartikel zur Musikerziehung abgestimmt, 73 Prozent waren dafür. «Die musikalische Bildung ist für Kinder und Jugendliche genauso wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen», sagte der Bundesrat.

Seither wartet der Kanton Zürich auf ein neues Musikschulgesetz. SVP, FDP und GLP weigern sich, die Musikschulen anständig zu unterstützen. Die Subventionen im Kanton Zürich gehören zu den niedrigsten in der Schweiz, aber die FDP wehrt sich gegen die Bevorzugung von staatlichen Schulen, sie hat ein unbelehrbares Misstrauen gegen staatliche Einrichtungen – oder wie sagt doch der alte Bankdirektor im Stück: Solange Englands Banken bestehen, besteht England.

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