Setzt die Stafette ab!

Beni Frenkel musste mit seinem Sohn an den Zürihegel – und das an einem Schabbat. Es war zum Heulen.

Die jährliche Veranstaltung im Utogrund: «De schnällscht Zürihegel». Bild: Reto Oeschger/2017

Ich habe einen Sohn, der ist a wie anständig, b wie brav, c wie clever. Nur s wie sportlich ist er nicht. Aber das ist okay. Sein Vater war und wird es nie. Unsportliche Kinder haben einen grossen Vorteil. Man muss sie nicht zum Training fahren. Man muss sie am Sonntagmorgen nicht zum Match begleiten, und man spart viel Geld bei Trikots und Sportgeräten.

Es gibt allerdings eine Ausnahme, und die heisst «De schnällscht Zürihegel». Diese Veranstaltung findet jedes Jahr im Utogrund statt. Mein Sohn ist in einer anscheinend sportlichen Klasse. Leider qualifizieren sie sich jedes Mal für die Stafette.

Ich habe mir schon häufig überlegt, bei den Quartierausscheidungen einem Jungen seiner Klasse ein Bein zu stellen. Der Grund ist aber nicht nur, dass ich Kinder nicht mag, sondern weil ich meinen Sohn zum Zürihegel begleiten muss. Und der fällt immer auf Schabbat. Nie auf Sonntag.

Das hat Folgen: Als gläubige Juden müssen wir den ganzen Weg von Wollishofen bis zum Utogrund hin und zurücklaufen. Ich weiss: Die Stadtzürcher SVP will den Zürihegel aus Rücksicht auf die muslimischen und jüdischen Kinder auf den Mittwochnachmittag verlegen. Aber am Mittwochnachmittag geht mein Sohn ins Werken.

Es ist zum Heulen. Ich verstehe auch nicht, warum es beim Zürihegel überhaupt eine Stafette gibt. Das ist doch überflüssig. Wichtig ist nur, wer der Schnellste oder die Schnellste im Einzellauf ist. An den Gesichtern vieler Eltern sehe ich jedes Jahr enttäuschte Züge. Und erst recht bei den Kindern. Wer den Stab aus Versehen fallen lässt, ist für den Rest seines Lebens gezeichnet. Das bestätigen mir sicher sehr viele Kinderpsychiater.

Leider bin ich nicht sehr mächtig. Niemand hört auf mich, nicht einmal unsere Katze. Wäre ich die Stadtpräsidentin, würde ich die Stafettenläufe am Zürihegel ersatzlos streichen und zudem ein allgemeines Handyverbot für den Utogrund aussprechen. Am meisten nerven nämlich immer noch Handy-Eltern. Herr, schicke sie ohne Akku in die Hölle! Letztes Jahr habe ich so eine Mutter gesehen. Ihr Sohn hat eine Medaille gewonnen. Unter uns: Diese Trostmedaille kriegen alle Stafettenläufer, auch die Gruppe, die viermal den Stab fallen liess. Egal. Der Sohn wurde von Mama abgelichtet, als hätte er gerade Usain Bolt geschlagen. Die Klasse meines Jungen klassierte sich als … keine Ahnung.

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