Born to be free

Zum Glück gibt es in dieser Stadt noch Menschen, die leben, wie sie wollen.

Mit dem Traktor an den Frauenstreik. Bild: Urs Jaudas

Vor ein paar Tagen kam ich aus der Migros, und während ich die Einkaufssäcke aufs Velo lud, steuerte eine zierliche Frau im Lederkombi auf einem schweren Töff durch den Feierabendverkehr. Sie schien zwischen 40 und 50, der Adler einer Gang prangte auf ihrem Rücken. Sie hatte etwas Unbeirrtes, Strenges. War sie ein rebellisches Wesen? Born to be wild? Oder gehörte sie zu einer uniformierten Subkultur? Ich bin froh, dass es in dieser Stadt Menschen gibt, die leben, wie sie Lust haben. Born to be free.

Froh war ich schon das ganze Wochenende, fast stolz auf unsere Stadt. Die Kinder sahen in der Schule einen Film über Frauen im viktorianischen England, selbst eine Nachbarin, Informatikerin bei einer Grossbank, war zweimal, am Frauenstreik und an der Pride, auf die Strasse gegangen.

Noch in den rebellischen 68er-Jahren war die Stadt anders. Ich bin mit einer Frauenstreiklerin ins Gespräch gekommen, die damals die Matura gemacht hatte. Die Gymnasien waren nach Geschlechtern getrennt; Zürichberg und Goldküste gingen in die Hohe Promenade, während die Mädchenklassen in Wiedikon volksnaher zusammengesetzt waren, sie kamen aus Altstetten, aus Dietikon und Horgen, neben den Akademikerfamilien auch der aufstrebende Mittelstand – mehr als die Hälfte der Schülerinnen schaffte es in ihren Familien als Erste bis zur Matura, erzählte die Frau.

Dann sei der Aufbruch ins Stocken geraten, bloss ein paar der jungen Frauen machten Karriere. Einige liessen sich abschrecken von der Einschätzung ihrer Lehrer, Naturwissenschaften seien nichts für Frauen. Andere haben studiert, aber für den Ehepartner zurückgesteckt, halfen in der Praxis oder im Geschäft, sie heirateten jung, unter dem Druck der Gesetze, die das ungebundene Zusammenleben verboten. Einige sind Lehrerinnen geworden, eine Architektin konnte sich unter Männern kaum entfalten. Eine halbwegs verlorene Generation, wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten die Jahre der Hochkonjunktur boten. Genutzt haben sie die jungen Männer, die sogar mit dem KV oder einer Berufslehre nach ganz oben gekommen sind.

Jetzt blicken die Frauen dieser Generation mit leisem Neid auf ihre Töchter. Die DNA von Zürich ist wahrscheinlich noch konservativ, aber eine Stadt ist wie ein Schüttelbecher, die Reaktionen laufen schnell und dynamisch. Born to be wild, born to be free.

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