Slavas Zopf

Integration ist, wenn es an einem Zürcher Brunch serbischen Zopf gibt.

Junge Zöpfe in einer Schweizer Grossbäckerei. Foto: Christian Beutler/Keystone

An einem Brunch über Pfingsten ass ich von einem selbst gemachten Zopf, er war einen Hauch luftiger und süsser als die üblichen selbstgemachten. «Ein Rezept vom Balkan», sagte unser Gastgeber. «Von diesem Starkoch?», fragte ich, «wie heisst er, war mal Koch des Jahres, Nenad?»

«Nein, von Slava», sagte der Zopfbäcker, «sie ist eine Bloggerin.» Er habe sie auf Facebook entdeckt, «Slava Kochen und Backen leicht gemacht» heisst ihre Seite; schöne Grafik, luftig und süss wie Slavas Zopf. Über ihr Leben erfährt man wenig, ausser dass Slava in den frühen 60er-Jahren in Serbien geboren und in Deutschland aufgewachsen ist. Heute arbeitet sie in einer Parfümerieoase, hat einen guten Mann und erwachsene Kinder.

Der Zopf war gut, aber andere Zöpfe sind es auch. Trotzdem ging mir Slava nicht aus dem Kopf. Ich scrollte mich durch ihre Rezepte, Köstlichkeiten aus der ganzen Welt, aber mit einer Verankerung im serbischen Raum, Spiessli und Backwaren aus der Donau-Monarchie. Slavas Rezepte sind aber keine Folklore, sie kocht bloss etwas anders, ihr Geschmack ist in einem serbischen Haushalt geformt worden, und jetzt erzählt sie uns, wie sie es macht, sie kommuniziert mit uns allen, über die Kanäle, die ihr offenstehen.

Slavas Blog ist ein Zeichen, dass die Menschen vom Balkan in unserer Gesellschaft angekommen sind. Lang waren sie geduldet, die Ex-Jugoslawen, argwöhnisch beobachtet. Respekt zollte man ihnen, wenn sie Ärztinnen waren oder Wissenschaftler oder Fussballer oder Künstlerinnen, dann galten sie als integriert.

Und wenn diese Menschen aus alten Zeiten erzählten, von Tito, vom Balkankrieg, von Milosevic, von ihrer Flucht, vom Frauenbild in ihrer Kultur, dann waren das die ernsten Themen, die man von ihnen hören wollte. Slava hingegen redet über Alltäglichkeiten, über Rezepte, übers Kochen, und genau das ist paradoxerweise das Überraschende. Slava ist wie die jungen Frauen aus der Agglomeration, die jedes Wochenende bei H&M an der Bahnhofstrasse einkaufen.

Und obwohl Slava in Serbien auf die Welt gekommen ist, erinnert sie mich an die beiden Fussballer mit Wurzeln in Kosovo, die an der Weltmeisterschaft mit dem Zeichen des Doppeladlers ihre Tore für die Schweiz gefeiert haben. Sie waren da, überschwänglich, voll und ganz. Nicht nur als geduldete Fussballer, sondern als Menschen, mit allem, was zu ihnen gehört. Angekommen, integriert. Ein Jahr ist das her.

1 Kommentar zu «Slavas Zopf»

  • Weinmann Ursula sagt:

    Schöner Text! Doch – der Unterschied ist durchaus spürbar: Östlich des Arlbergs ist der Hefeteig süßer und weniger streng als die Züpfe-Version – und neben der Integration erinnern die letzten Sätze daran, dass einzelne junge Serben und Kosovaren über die Brücke in Mitrovica in die südliche oder nördliche Richtung gehen. (Wie in dieser Zeitung kürzlich zu lesen)

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