Nochmals sorry

Hitze und Fussball. Das ist eine schwierige Kombination, sowohl im Pub wie auf dem Feld.

Junioren-Spiel in der Schweiz: Die Väter am Spielfeldrand geben mindestens so viel Einsatz. Foto: Alessandro della Valle/Keystone

Wir waren nicht die Einzigen, die den Final der Champions League im Pub erleben wollten, an der Tramschleife in Wollishofen, unzählige Bildschirme, Fish & Chips, Fans aus beiden Lagern. Drei viertel Stunden vor Anpfiff war das Lokal überfüllt, ich erkannte einen englischen Freund in der Menge, der mit seinem Sohn zur Seite rückte. Wir quetschten uns in die Ecke, während das Personal heroisch kämpfte, von jetzt an war jeder weitere Besucher ein Feind, der den Blick auf den Bildschirm verdeckte.

Der englische Freund blieb gelassen, während in mir die Wut hochkochte, über die unsensiblen Menschen, die kurz vor Matchbeginn in ein Pub einmarschieren und sich vor dem Fernseher aufpflanzen. Aber irgendwie gings, und ich kam mir lächerlich vor, wie ich mein Recht auf freie Sicht verteidigte, dabei war ich nur ein paar Minuten früher gekommen. Es war heiss im Lokal, aber man spürte nichts «von Nerven, die blank lagen», wie es viele Journalisten sagen würden.

Warum werden wir Journalisten angezogen von solch abgedroschenen Wendungen? Woher der Drang zum Volksmund? Um Dazugehörigkeit zu zeigen? Was weiss man von den Leuten in Leutschenbach und Albisrieden?

Kürzlich war ich tatsächlich in Albisrieden, wo ich aufgewachsen bin, mein Sohn spielte Fussball gegen die Einheimischen. 30 Grad, ein faires Spiel, bloss ab und zu ein Reklamieren, «Was isch das gsi? Alte!», rief ein Jugendlicher zum Schiedsrichter.

In der zweiten Halbzeit ein robustes Stossen, aber nichts Gemeines, «S nächscht Mal schmiersch em eini!», rief ein Vater seinem Sohn zu, der am Boden lag. Ich nahm den Mann ins Visier. Trainerhosen, Bart, ein paar Tattoos. «Guete Tipp, Alte», sagte ich. Er schaute mich an, etwas Melancholisches lag in seinem Blick. «Sorry», er habe gehört, wie der Trainer des Gegners den Zweikampf angestachelt habe. «Vielleicht hast du falsch gehört», sagte mein Kollege zu ihm. Vielleicht. Man wird es nie wissen.

Aber das Entscheidende war: Ich fühlte mich mies. Ich hatte mich im Recht gefühlt, weil ich glaubte, den Mann ertappt zu haben, weil er sich verhielt wie die Väter, von denen man in der Zeitung liest, die den gegnerischen Trainer verprügeln. Das war sie, die Realität des Volkes, sie geschah neben mir. Und ich glaubte, provozieren zu müssen. Während ich nachdachte, kam der Mann zu mir und gab mir die Hand, nochmals sorry. Ja, die Hitze, sie hat ihre eigene Moral.

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