Bei den Vegi-Chippendales

Der Karnivore trötzelt, er will nicht ins Beetnut. Dieses Lokal nehme schon auf der Website den Mund zu voll. Von Veganern sei da die Rede, von Flexitariern, Pescetariern, von Lovers of Food, nur nicht von Normalos wie ihm. Der Vegetarier entgegnet, auch er fühle sich in den meisten Restaurants nicht mitgemeint. Trotzdem veranstalte er nicht jedes Mal so ein Theater. Darum: Los gehts an die Europaallee!

Drinnen glauben sich die zwei kurz am falschen Ort. Hinter dem Tresen verrenken sich fünf junge Männer, die meisten auffallend muskulös. Ihnen gegenüber stehen Frauen mit hungrigen Augen. Eine Chippendales-Show? Nein, die Frauen warten darauf, dass sich ihre «Bowls» füllen, Schalen mit verschiedensten Zutaten, die «Buddha Style» oder «Delighted by Gandhi» heissen. Lächerlich findet der Karnivore diese Namen, handle es sich doch lediglich um bessere Salatteller. Das Handverlesen der Zutaten dauert, die Schlange wartender Mittagsgäste wird länger und länger. Selbst der Vegi verliert die Geduld. Die ziemlich laute Musik, irgendwas Housiges, beginnt ihn zu ärgern, Fast Food für die Ohren sei das. Die wirre Einrichtung – eine Mischung aus Gärtnerei, Centre Pompidou und griechischer Taverne – trägt nicht zur Beruhigung bei.

Nach einem anglifizierten Namensaufruf («Biiit!») folgt die Erlösung. Die Bowls. Toll schmecken sie. Am «Warm Poké» (22 Franken), unter anderem mit Reis, Algen, Rotkohl, Kefen, stört den Vegi einzig, dass sie nicht grösser ist. Der Karnivore lobt die Sauce und die Frische seines Salats «vegan niçoise» (18 Franken). Auch das «fake tuna mousse» schmecke hervorragend, trotz des Namens, der so anbiedernd auf Fleisch mache.

Doch selbst die raffinierteste Bowl würde es nicht schaffen, das Beetnut in einen gemütlichen Ort zu verwandeln. Das beste Lokal, schwadroniert der enttäuschte Vegi, wäre eines, das so freundlich und alltäglich daherkommt wie das Café Uetli am Goldbrunnenplatz; das aber keine Fleischvögel und Hackbraten servieren würde (wie es das Uetli heute tut), sondern frische Gemüsegerichte. Die Beetnut-Küche, aufgetischt in einer Quartierbeiz, wo auch Seniorinnen und Bauarbeiter einkehren. «Das wärs.» Der Karnivore grinst: Ein Widerspruch in sich sei ein solches Restaurant. Oder wie man an der Europaallee sage: «Keep dreaming!»

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