Ein Engel brachte Tofu in die grosse Stadt

Wie dieses alternative Soja-Ding den Weg nach Zürich gefunden hat.

Existiert immer noch: Die Tofurei Engel. Bild: Instagram/engeltofu

Er hatte schulterlange Haare, sah aus wie Winnetou und war der Bruder meines Freundes. Als er mir erzählte, er werde künftig in einer Tofurei arbeiten, hatte ich keine Ahnung, was das sein soll. «Weisst Du, dieses Soja-Ding», erklärte er. Auch das sagte mir nichts. Ihm auch nicht viel. Wichtig war einfach: Dieses Soja-Ding war in der alternativen Szene total angesagt und ausserhalb völlig unbekannt.

Der Engel war eine Kollektivbeiz, die Tofurei eine Genossenschaft mit restlos allen Grundsätzen, die in der alternativen Szene dazu gehörten. In den 1982 aufgesetzten Statuten stand etwa: «Es soll jegliche Ausbeutung menschlicher, ökonomischer und ökologischer Art vermieden werden.»  Die Genossenschaftstofurei Engel war die erste Tofuproduktionsstätte der Schweiz. Und diese gummigen Mödeli, die der Bruder meines Freundes nach Hause brachte, waren, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig.

Das erstaunlichste aber war eigentlich der Ort, wo diese erste Tofumanufaktur des Landes in Betrieb ging: nicht etwa in der Stadt Zürich, sondern in der Agglo, genauer in  in einem absolut bäuerlich geprägten Umfeld, im Säuliamt. Einst trieben die Bauern aus dem Säuliamt ihre Schweine und anderes Vieh über den Albis auf die Marktplätze der grossen Stadt und wenn der Heiri ein Chalb verkauft hatte, goss er sich einer zu viel hinter die Binde, bevor er in sein verschlafenes Tal zurück kehrte.

Nun lieferten die langhaarigen Alternativen aus dem Engel ihren Tofu in die Stadt und liessen, so stelle ich es mir wenigstens vor, einen dicken Joint kreisen, wenn sie gute Geschäfte machten.All das ging mir durch den Kopf, als ich kürzlich auf dem Mutschellen unterwegs war und ein Schild mit der Aufschrift Tofurei erblickte. Und war da nicht auch diese neckische Engelfigur im Logo? Sie war dort: Die Tofurei Engel gibt es tatsächlich noch. Sie hat seit 2017 ihren Standort in Widen und geschäftet erfolgreich. Kein Wunder: Dieses Soja-Ding ist mittlerweile schon fast zum Grundnahrungsmittel aufgestiegen. Ein Wunder aber: Die Tofurei Engel ist ihren hehren Grundsätzen durch all die Jahre treu geblieben. Die langen Haare des Bruders meines Freundes sind aber mittlerweile kurz. Und er ist mein Schwager.

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