Immerhin ein halber Schweizer

Nur wer im Wald einen Cervelat bräteln kann, gehört wirklich dazu in der Schweiz.

Das kriegen nicht alle so hin: ein Cervelat, fachgerecht zerlegt und aufgespiesst. Foto: Martin Ruetschi, Keystone

Sobald die Sonne lacht, nehme ich ­ein Taschenmesser in die Hand und gehe in den Entlisbergwald. So wie vor­gestern. Ich riss junge Bäume aus der Erde und schnitt ihre Äste ab. Die stellte ich dann zu einem Tipi-Gerüst auf.

Eine Ausgabe der aktuellen NZZ war natürlich auch dabei. Ich zerknüllte die Doppelseiten zu Papierknäuel, die ich dann unter die Hölzer verstaute. Mit einem bengalischen Streichholz setze ich alles in Brand.

Einfach ein Feuer machen ist natürlich langweilig. Darum warf ich Plastik­besteck ins Feuer. Ich liebe das: Wenn sich die Zinken krümmen und sich im Feuer schliesslich auflösen, kommen mir immer Kampfszenen aus ­«Terminator» in den Sinn.

Neben mir stand der Sohn. Er guckte mir begeistert zu. Ich glaube, er ist sehr stolz auf mich. Ich genoss seinen Blick und sagte ernst: «Ich brauchte fünf lange Jahre, bis ich die Feuerkunst beherrschte.»

Das ist eine Lüge. Ich lernte es an einem Nachmittag. Ich war damals Lehrer und führte eine Klasse durch den Wald. An einer Feuerstelle setzten wir uns hin. Die Kinder packten ihre Cervelats aus und erwarteten von ihrem Lehrer ein schönes Lagerfeuer. Zeitgleich stiess eine grosse Wandergruppe lustiger Pensionäre auf uns zu. Die Männer rochen nach Rotwein, die Frauen nach Weisswein.

Da es nur eine Feuerstelle gab, guckten mir etwa 100 Kinder und Pensionäre zu, wie mir die Stöcklipyramide immer wieder zusammenfiel. Eigentlich hätte ich gerne Gott und alles andere verflucht. Das Problem: Bei den Schülern handelte es sich um Kinder einer religiösen Knabenschule.

Die männlichen Pensionäre guckten amüsiert zu. Irgendwann setze sich einer zu mir hin und gab Instruktionen. Am Ende hingen 100 Cervelats über dem Feuer. 20 davon koscher, die anderen mit Schweinefleisch. Die unkoscheren platzten schön auf und sahen aus wie Alain Bersets Glatze im Hochsommer.

Die koscheren Cervelats hingen ­schlaff über das Feuer und wurden schwarz. Später lernte ich: Eine echte Schweizer Cervelat ist mit Schweinedarm überzogen. Das macht den Unterschied. Immerhin kann ich jetzt ein Feuer machen. Das macht mich zu einem halben Schweizer. Mehr wird es wohl nicht.

18 Kommentare zu «Immerhin ein halber Schweizer»

  • Dani sagt:

    Sehr geil geschrieben, danke Beni! Halt uns weiter den Spiegel vor und provoziere politisch unkorrekt wie eh und je!

  • L. Poppa sagt:

    Cervelat brötle ist nicht schweizerisch, höchstens deutsch-schweizerisch. Grüsse aus dem Tessin

  • fufi sagt:

    Tja, irgendwie besser nur ein halber Schweizer als nur ein halber Bundesrat?

  • Victor Brunner sagt:

    Einmal mehr, Beni Frenkel darf seine Unfähigkeit und Unwissenheit schildern. Servelat bräteln liegt in der DNA der SchweizerInnen. 1 Doppelseite einer Zeitung, kleines trockenes Holz, Zweige, darüber etwas dickeres Holz und so weiter, dazu 1 Zündholz. 1 etwas grünerer Zweig, findet man an gefällten Bäumen, die Wurst und los gehts. 30 Minuten warten bis sich eine schöne Glut gebildet hat, die Wurst anritzen und ca 25 cm über der Glut langsam drehen. Plastic haben nur Bescheuerte gebraucht. Am Schluss Feuerstelle aufräumen, über das Feuer pissen und fertig! Nachzulesen im Bundesarchiv!

  • Kurt Waldvogel sagt:

    Irrtum!
    Eine echte Cervelat steckt im Brasilianischen Rinderdarm.

  • Christian Fisch sagt:

    Falsch gelernt. Der Darm ist nicht vom Schwein, sondern vom brasilianischen Zeburind.

  • M. Cesna sagt:

    Wahrscheinlich brennt der „Blick“ besser.
    Dann kann man noch was vom Flachmann darüber schütten.

  • Markus Stüdeli sagt:

    Bitte – die Haut des Cervelats besteht aus argentinischem Rinderdarm, nicht Schweinedarm! – Amüsant zu lesen, aber nicht alles richtig getroffen – einem halben Schweizer sei’s verziehen!

  • Jeremy B. sagt:

    Herr Frenkel, wegen Leuten wie Ihnen wird brätle im Wald früher oder später verboten werden! Denn wenn jeder junge Bäume ausreisst, Plastik verbrennt und mutmasslich (das unterstelle ich Ihnen aus lauter Bosheit) seinen Abfall liegen oder verbrennt lässt wird brätle als Volkssport bald untragbar! Deshalb eine Bitte: machen Sie sich ruhig lustig, aber gehen Sie bitte NIE wieder in den Wald eine Cervilat brätlen!

  • Manuel Rebsamen sagt:

    Peinlicher Artikel. Junge Bäume im Wald ausreissen und Plastikbesteck ins Feuer werfen. Das ist nicht nur ökologisch verwerflich, sondern sogar ein Übertretungsstraftatbestand. Das Ganze dann vor dem Sohn.

    Ich hoffe nur, ich habe hier die ironische Pointe übersehen (wenn war sie zu gut versteckt)! Artikel besser löschen und den Kolumnisten auswechseln!

  • Alfred Frei sagt:

    Ist ironisch gemeint, hab ich schon verstanden. Trotzdem stört es mich, wenn dieses ausschliessende Schweizer-Bild als gegeben hingenommen wird. Was gehört denn alles noch dazu, damit mann ein ‚richtiger‘ Schweizer ist ? Muss man Käse essen, melken können, Edelweisshemden tragen, schwingen und jodeln ? Können wir doch fast alle nicht. Irgendwo gehören wir ja doch alle irgend einer Minderheit an. Macht nicht gerade das das Schweizersein aus ? Verschiedene Sprachen, verschiedene Religionen, verschiedene Traditionen und trotzdem gehören wir dazu. Auch wenn gewisse Kreise gerne eine Mehrkastengesellschaft aus Ausländern, Papierlischweizer und Eidgenossen etablieren möchten.

  • Robert Baetscher sagt:

    Dank Beni Frenkel für deine mich stets fröhlich stimmenden Beiträge. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Frage: Riechen die koscheren Cervelats wenigstens über dem Feuer ebenso gut wie diejenigen vom Coop oder Metzger Bär? Das nächste Mal, wenn ich mit meinen, des hohen Alters (77) wegen, immer seltener werdenden Freunde am Waldrand zum „Bräteln“ hocken werde, werde ich Dich ebenso einladen. Schmecken Dir auch Kalbsbratwürste? Trinkst Du neben einer Scheibe gutem Brot auch ein ….. oder zwei Gläser Rioja? Herzlichst Robert.

  • Rolf Weber sagt:

    Einer, der bei Cervelats von „Schweinedarm“ spricht, ist nicht mal 1/4-Schweizer!

  • Christian mueller sagt:

    Wer sagt es ihm? Cervalats kommen in Därmen des Zeburindes und werden aus Südamerika importiert. Sie bestehen aus Schweine- und Rindfleisch…

  • Johannes sagt:

    Korrektur:
    Wer die grosse Cervelat-Krise 2008 mitverfolgte, der lernte, dass diese traditionelle helvetische Wurst nur mit brasilianischen Zebu-Rinder-Därmen hergestellt werden kann.
    Fast kam es wegen dem ungerechten Importverbot zum Bruch mit der EU…
    Alternativrn wurden dann doch gefunden, der von Traditionalisten heraufbeschworene Schaden hielt sich in Grenzen, die schweizer Wirtschaft wurde gerettet und die Demokratie lebt weiterhin!
    Aus was die Cervelat nun wirklich gemacht wird, wollte danach dann doch niemand mehr so genau wissen (oder sagen).

  • Johannes sagt:

    Wer die grosse Cervelat-Krise 2008 mitverfolgte, der weiss, dass diese traditionelle helvetische Wurst nur mit brasilianischen Zebu-Rinder-Därmen hergestellt werden kann.
    Fast kam es wegen dem ungerechten Importverbot zum Bruch mit der EU…
    Der von Traditionalisten heraufbeschworene Schaden hielt sich dann doch in Grenzen, die Schweizer Wirtschaft wurde gerettet und die Demokratie lebt weiterhin! Aus was die Cervelat nun wirklich gemacht wird, wollte danach dann doch niemand mehr so genau wissen (oder sagen).

  • Luchsinger Thomas sagt:

    Benni Frenkels trockenen Humor mag ich besonders gut! Alltagsgeschichten, wo er sich selber „aufs Korn nimmt“. 🙂 🙂 Und seinen „Hintergrund“ dazu! Hat er nicht früher im Tagi-Magi geschrieben? Mehr davon, die (Nachrichten-) Welt ist manchmal grau genug. Mit freundlichen Grüßen lu

  • Peter Huber sagt:

    Dann gäbe es auf dem Land ja kaum Schweizer. Als Bauernsohn rätsle ich bis heute, wer eigentlich all diese gummigen Innereien-Würste isst, legen wir doch auf dem Land beim Fleisch mehr Wert auf Geschmack und Tradition. Eine Blut- oder Leberwurst ist mir allesamt lieber als eine Cervelat, eine regionale Wurstspezialität sowieso.

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