Planlos

Grossstadt ist dort, wo man an einem Sonntagabend um elf Uhr ein warmes Gericht bekommt.

Stummel der Zürcher Sihlhochstrasse. Was wäre, wenn man sie bis zum Platzspitz gebaut hätte? Foto: Ennio Leanza, Keystone

Manchmal fahre ich über die Sihlhochstrasse stadteinwärts, und wenn sie sich plötzlich zum Sihlhölzli senkt, bei der Kurve, über die der Flixbus hinausgeschossen ist, frage ich mich, was wäre, wenn das Volk in den 70er-Jahren Ja gesagt hätte, Ja zur Autobahn über das ganze Bett der Sihl bis zum Bahnhof, dann weiter über die Perrondächer, bis hinein ins Milchbucktunnel? Wie würde Zürich aussehen? Wie wären wir?

Anders gesagt, manchmal frage ich mich, ob sich eine Stadt planen lässt. Oder stolpern wir einfach durch die Gegend? Wohin gehen wir überhaupt? Hat Zürich eine eigene Zukunft? Oder orientieren wir uns an Vorbildern? Und wer ist der Motor?

Vor ein paar Wochen war ich in Paris. Die Metro verbindet die ganze Stadt in hohem Tempo, von Porte zu Porte, sie kommt alle paar Minuten, wenn nicht gerade die gelben Westen die Stadt lahmlegen. Hoher Rhythmus, der Körper saust mit, man ist immer in Bewegung. Gegen Abend dünnt der Fahrplan etwas aus, aber kein Vergleich zu Zürich, selbst Sonntags nachts um halb elf, an der Place des Fêtes, zweitletzte Station, bevor die Stadt aufhört. Wir fuhren zurück in die Innenstadt, dort wollten wir essen gehen, bis elf Uhr warme Küche, hatte man uns zugesichert. Als wir ankamen, schäbiger Chic im 3. Bezirk, war alles leergegessen. «Désolée», sagte eine Frau, «nicht mal Brot habe ich.»

«Versuchts mal hier», sagte sie und schrieb eine Adresse auf einen Zettel. Die Gehsteige leerten sich, Autos preschten über die Pflastersteine der Boulevards, wir bogen in eine Seitenstrasse, von irgendwo schlug es elf. Hier muss es sein. Wir schauten durch die beschlagene Scheibe, ein kleines Lokal, die Leute sassen eng an kleinen Tischen, zwischen denen sich ein grosser Mann bewegte, er hatte ein Küchentuch über die Schulter geschlagen, schien Koch und Kellner zu sein. Wir traten ein und schauten ihn an, auf unseren Gesichtern war zu lesen, dass wir aufgegeben hatten. Der Mann zeigte auf den einzigen leeren Tisch, «bin gleich bei euch».

Wir assen und tranken, es war ausgezeichnet, keine Frage, aber das beste war, dass du an einem Sonntag nachts um elf bei einem wahren Gastgeber einkehren kannst, in einem Lokal voller Leben, kein Pop up, kein Schickimicki, keine Voranmeldung. Leute aus dem Quartier, japanische Geniesser, eine Runde von Weinliebhabern mit ihren Frauen. Das möchte ich mal in Zürich erleben. Ob man das planen kann? Ich weiss es nicht.

 

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