Der Triumph der GLP ist mir nicht ganz geheuer

Die Grünliberalen seien nett zur Umwelt, aber hart zu den sozial schwächeren. Stimmt das, Herr Forster?

Nicola Forster, Co-Präsident GLP Zürich, in seinem Wohnquartier Kreis 4. Bild: Dominique Meienberg

An der Maturafeier meiner Tochter vor vier Jahren hielt ein schlaksiger junger Mann die offizielle Rede. «Gebt nicht auf», beschwor er die Jugendlichen, die nun ins Leben geschickt wurden, «glaubt daran, dass ihr es schafft.» Er war vorgestellt worden als Gründer eines Thinktanks für Aussenpolitik mit dem Namen Foraus, und letzte Woche, nach dem Ausbruch des politischen Schweizer Frühlings, entdeckte ich wieder sein Gesicht in der Zeitung, das dunkle Kraushaar, den dünnen Schnauz. Er heisst Nicola Forster, mittlerweile ist er Co-Präsident der grünliberalen Kantonalpartei, ein Mann der Stunde. Der Triumph der GLP bei den jüngsten Wahlen ist mir nicht ganz geheuer. Sie seien ja nett zur Umwelt, habe ich gelesen, aber hart zu den sozial Benachteiligten.

Ich schrieb Nicola Forster, und wir trafen uns draussen vor der Rio Bar bei der Gessnerallee. Forster ist geboren für Basketball, aber sein Gang ist etwas schüchtern. Er trug ein weisses Hemd und eine dunkle Fliege, sie sei zusammen mit dem Afro zu seinem Markenzeichen geworden, sagt er. Forster wohnt mit der Freundin an der Langstrasse, ist aufgewachsen im Kreis 6, und seit der Maturarede hat sich sein Thinktank mit der Operation Libero im Kampf gegen die Durchsetzungsinitiative einen Namen gemacht. Er ist 34 Jahre alt, aber im Gespräch wirkt er alterslos, die Stimme eines Zürich, das den Anschluss sucht an die Welt, global, vernetzt, aufgeklärt, nachhaltig, modern, cool.

Erst mal ist er etwas rot im Gesicht geworden, als ich ihn mit dem sozialen Gewissen seiner Partei konfrontierte. «Ich bin für Umverteilung», konterte er, «wenn sie Bedürftigen helfen kann, wieder hochzukommen. Aber bedarfsgerecht und nicht mit der Giesskanne.» Von da an waren wir uns meistens einig, Velowege, 2000-Watt-Gesellschaft, dass auch Hauseigentümer sich beteiligen müssten, um Wohnen in Zürich bezahlbar zu machen. Ich war fasziniert von der Leichtigkeit, mit der er Ideen hinwarf, die den Horizont erweitern, die verpasste Chance der U-Bahn, die pädagogische Qualität von Kinderkrippen.

Zuletzt fragte ich, welche Städte für Zürich anregend sein könnten. «Montreal, Berlin, Istanbul», sagte er. «Architektur und Kulturangebot in Montreal sind grossartig. Von Istanbul könnten wir Lebensfreude lernen. Und Berlin verändert sich fortwährend. Während Zürich sich auf Lorbeeren ausruht. Man könnte mit unserem Wohlstand mutiger sein und mehr anfangen.»

6 Kommentare zu «Der Triumph der GLP ist mir nicht ganz geheuer»

  • Sozi sagt:

    Lebensfreude in Istanbul? Von dem habe ich bei meinem letzten Besuch nicht viel bemerkt. Montreal ist jetzt aber nicht gerade berühmt für seine Architektur und welche Grossstadt wie Berlin verändert sich nicht andauernd? Die GLP ist übrigens in sozialen Fragen neoliberal konservativ. Für mich nicht wählbar, dann schon lieber gleich grün!

  • blume sagt:

    GPLer sind wölfe im schafspelz nicht wählbare bürgerliche
    das was eigentlich auch FDP-gössi als wahltrick wollte
    grün und nicht günlich wählen

  • Benjamin sagt:

    …das asoziale bleibt im Kern erhalten… wird ja verteidigt… davon gab es in den letzten 30-40 Jahren mehr als genug verordnet… von den Volksparteien denen die Wähler davon laufen. Die GL sind wohl nicht mehr als eine Option der Verzweiflung…

    Die Volksparteien haben das Volk belogen und betrogen. Aktuell und wahrhaftig zu lesen in Telepolis. Davon sind auch in der Schweiz die meisten Menschen betroffen.

    Von wegen helfen um wieder hoch zu kommen… und danach, wenn es nicht klappt mit diesen Neoliberalen Vorstellungen des Menschen? Noch mehr Zwang und Repression? So wie in den letzten 30 Jahren am lebenden Objekt angewendet?

    Ja gesagt zu weiteren Steuersenkungen für die Reichen und bei den Armen fordern bis zum geht nicht mehr. Absolut daneben…

  • Andreas Weibel sagt:

    Bei der glp scheint vielen jede kritische Distanz verloren zu gehen. Man könnte z.B. fragen: Warum ist die glp für höhrere Krankenkassen-Franchisen? Warum für das Rentenalter 67? Warum will sie in der Romandie eine Allianz mit der SVP eingehen? Wie will sie die Klimakatastrophe ohne radikale Eingriffe in den Markt verhindern?

    Sobald man nicht mehr bloss die Rhetorik anschaut, sondern das poltitische Tagesgeschäft, ist die glp eine Partei von reichen, jungen, gesunden, urbanen Menschen, welche ihre einen Interessen vertritt, und das mit ziemlich viel sozialer Härte. Die glp sollte ehrlich sein: Ja, die ist für Umverteilung – allerdings von unten nach oben.

  • marsel sagt:

    Das nenne ich mal eine echt kritische Auseinanderstzung mit den Widersprüchen in der GLP…

  • Martin Braun sagt:

    Wenn ich Umweltparteien wähle, dann Grün niemals Grünliberal weil sonst kann ich gleich SVP wählen. Rechtsliberal mit einem Hellgrünen Mäntelchen nein danke.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.