Ein ganz Grosser geht

Bruno Ganz stirbt und an der Trauerfeier im Fraumünster hats noch Platz. Typisch Provinz.

Mehr Zürich geht kaum: Trauerfeier für Bruno Ganz im Fraumünster. Foto: Walter Bieri, Keystone.

Es werden viele Menschen da sein, dachte ich unterwegs zur Trauerfeier für Bruno Ganz am letzten Mittwoch. Die Glocken werden läuten, die Menschen werden Spalier stehen – wenn ich im Fraumünster keinen Platz finde, warte ich draussen. Ich bin kein Verwandter, kein enger Freund, bloss einer, der ihn bewundert hat.

Doch dann fand ich einen guten Platz in der Kirche, ganz auf der Seite, wo die Sonne durch die hohen Fenster schien und die Trauergemeinde in ein unwirkliches Licht tauchte, wie auf einem alten Gemälde. Ab und zu erkannte ich jemanden, der mit Bruno Ganz gearbeitet hat, Fredi M. Murer, Ivo Kummer vom Bundesamt für Kultur, Corine Mauch, grosse Schauspieler und Schauspielerinnen, angereist aus Deutschland aus Österreich, und trotzdem fehlte etwas, trotz der berührenden Worte von Botho Strauss und Wim Wenders.

Vielleicht bin ich naiv, aber wenn ein Mensch wie Bruno Ganz stirbt, müsste die Volksseele Gefühle zeigen. Es sei auch niemand aus der Landesregierung da gewesen, habe ich gehört, aber gut, das war offenbar nicht anders, als man 1991 im St. Peter von Max Frisch Abschied nahm. Und Bruno Ganz hätte wahrscheinlich nicht unbedingt Wert gelegt auf Präsenz aus dem Bundeshaus. Wir sind ja froh, wenn die Kultur von der Politik in Ruhe gelassen wird, aber trotzdem, ich war enttäuscht über so viel Provinzialität.

Als der französische Sänger Serge Gainsbourg starb, hatte ich zufällig in Paris zu tun, in Saint-Germain-des-Prés waren die Strassen für den Verkehr gesperrt, Blumen lagen auf dem Trottoir vor seiner Wohnung. Ganz war kein Star wie Gainsbourg, aber für unsere Stadt war er ein ganz Grosser. Heinrich Gretler und Emil Hegetschweiler waren die letzten Schauspieler, die das Zürcherische so wahrhaft verkörperten wie er. Die gelassene, manchmal barsche, unnahbare Art, unter der sich das Lausbübische versteckt. So wie man es in Seebach mit auf den Weg bekommt, wo Ganz aufgewachsen ist.

Am Samstagnachmittag hatte mein älterer Sohn einen Trainingsmatch auf dem Sportplatz Eichrain, ausgerechnet in Seebach, einem Quartier mit Wohnblöcken nahe der Autobahn. Auf dem Heimweg assen wir einen Döner. Die junge Kellnerin machte Spässe mit dem älteren Typ, der das Fleisch schnitt, ich glaube, er war Türke, «hey, du bist ein Turbo», sagte sie mit ihrem Balkanakzent. «Normal», sagte er, mit Understatement. Bruno Ganz lebt.

7 Kommentare zu «Ein ganz Grosser geht»

  • Winkler Erika sagt:

    Der künstler Bruno Ganz bedeutet mir sehr viel und seine Arbeit hat mich immer tief berührt. Er gab nur das allerbeste von sich und beschenkte uns reichlich. Nur aus grund des respekts wäre ich nie zu seiner beerdigung gegangen. Mein dasein hätte ihm und niemandem etwas bedeutet und es wäre gewesen, wie an ein fest teil zu nehmen, ohne eingeladen zu sein. Ich denke es sind die richtigen menschen dort gewesen und er hätte sich nichts mehr gewünscht. Ich habe mich im stillen bei ihm bedankt und abschied genommen. Liebe gedanken begleiten ihn wo er immer sein mag.

  • diva sagt:

    Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts. Das ist mit Bruno Ganz nicht anders. cathatina valente, vico torriani, lilo pulver, selbst paola und kurt felix waren in dem von den schweizern so verhassten „grossen kanton“ berühmter und beliebter.
    ich selber muss gestehen, dass ich erst mit dem film „Julias Veschwinden“, auf ihn aufmerksam wurde, weil er da so einen wunderbaren charismatischen mann verkörperte. ich war echt erstaunt, als ich da erfuhr, dass er ein schweizer sei… das CH-TV zeigte am samstag einen alten CH-Film ohne einen hinweis auf Bruno Ganz in den Programmanzeigen… vermutlich nahm das kleingeistige CH-TV ihm es übel, dass er seine Karriere im Ausland machte. Was hätte er tun sollen, so begabt wie er war?

  • Lilo sagt:

    Vielleicht haben viele Menschen, die ihn bewunderten gedacht, man sollte den Freunden, der Prominenz den Vorrang lassen. Man hätte sich als kleiner Voyeur gefühlt. Wir sind nun mal kein Volk von Massenaufläufen, besonders nicht, wenn es um Diskretion geht. Bei uns kann sich Prominenz noch frei bewegen, ohne angesprochen oder gar belästigt zu werden. Ich habe schon viele Prominente aus Politik und Film etc. auf der Strasse, in Restaurants gesehen, die nur heimlich gemustert wurden.
    Ich glaube, es hatte eher mit Rücksicht und Anstand zu tun. Ein grosses Gedränge vor der Kirche, rappelvolles Grossmünster, neugierig nach Stars Ausschau halten, ist nicht jedermanns Ding. Jedoch enttäuscht hat mich das Fehlen wichtiger Leute, es waren gar nicht so viele erschienen.

  • Urs Derendinger sagt:

    Also so ein schlechtes Zeichen finde ich das jetzt auch wieder nicht. Besser ist es, wenn die Leute sich seine Filme angeschaut haben! Das Umgekehrte hab ich auch schon erlebt: Ein riesiges TamTam um eine Person, von der niemand weiss, was sie überhaupt geleistet hat. Es soll ja auch berühmte Maler gegeben haben, die man erst nach ihrem Tod als gut erkannt hat. Das war bei Bruno Ganz zum Glück nicht so.

  • Alex Bucher sagt:

    Sehr geehrter Herr Gimes

    Als Victor Hugo gestorben ist, waren eine Million Menschen, oder noch mehr an der Trauerfeier dabei, Frankreich hat eine Volkseele für die Kultur, die Schweiz nicht, höchstens für den Sport….

    Vives amitiés

  • Reto Meyer sagt:

    Da bin ich etwas anderer Meinung als Herr Gimes.
    Bruno Ganz war wahrlich ein grosser Schauspieler und Zürcher – da gibts nicht den geringsten Zweifel der mir auch sehr gefiel.
    Doch eine Trauerfeier ist auch etwas für die Leute die WIRKLICH mit ihm gelebt und etwas zu tun hatten. Familie, Freunde, Arbeitskollegen und nähere Bekannte.
    So wie ich Ganz einschätzte, hätte er gar keine irgenwelche nachträglichen Heuchler gemocht. Das keine grossen Politiker da war ist auch gut, die tauchen sowieso nur dann auf wenns Medienpräsenz gibt. Mauch war ja für Zürich da – das reicht.
    Wenn man gerade letzthin das verlogene Politiker TamTam um Johnny Holliday in Frankreich sah – er würde sich im Grab umdrehen…

  • Bogdan Preda sagt:

    Gute Beobachtung und gute Analyse, Herr Gimes!

Kommentar

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