Wie die «Tribute von Panem» von Klingnau

Beni Frenkel lernte früh, wenn er sich gut versteckt, wird er nicht verprügelt. Doch dann kam diese Wahl!

Katniss Everdeen hätte sich gut durchgeschlagen: Die Pausen im St. Johann spielten sich wie «Die Tribute von Panem ab». (Bild: Keystone/AP/Lionsgate)

Letzten Donnerstag habe ich das Kinderheim St. Johann von Klingnau AG erwähnt. Meine Eltern haben mich dort vor über 30 Jahren hingeschickt, weil sie nicht mehr weiterwussten mit mir. Ich war damals zwar erst acht Jahre alt, bin aber schon aus zwei Primarschulen rausgeworfen worden.

Ich musste fortan jeden Morgen auf den Schulbus warten, der die verhaltensgestörten Kinder aus dem Kanton Aargau aufgabelte und sie nach Klingnau fuhr.

Wenn ich im Kino Gefangenentransporte sehe, kommen mir manchmal Erinnerungen an die Fahrten von damals hoch. Im Bus sassen hinter mir zwei Zehnjährige, die auf der Strecke Baden–Fislisbach–Obersiggenthal– Brugg–Klingnau Nazilieder sangen. Der Busfahrer vorne sang manchmal mit. Ein anderer Junge ratterte die damals gängigen Fluch- und Schimpfwörter nach dem Alphabet runter.

Ich ziehe ungern Vergleiche mit Filmen. Aber die «Tribute von Panem» geben eine gute Vorstellung, wie sich die Pausen im St. Johann abspielten. Etwa 200 verhaltensgestörte Kinder schlugen sich täglich die Köpfe ein. Ich war damals in der 2. Klasse und wusste instinktiv: Wenn ich mich gut verstecke, werde ich nicht verprügelt.

Manchmal streckte der Rektor seinen dicken Kopf aus dem Lehrerzimmer heraus. Dann rannte ein Junge vor das Schulgebäude, hob die Hand zum Hitlergruss und schrie: «Heil Hitler!»

An ein schönes Erlebnis kann ich mich gut erinnern. Der Rektor versammelte alle Schüler in der grossen Turnhalle. Er forderte die Klassen auf, den Klügsten aus ihrer Mitte zu wählen. Vorne stand der Rektor. Die Klassenklügsten mussten sich vor ihm im Halbkreis versammeln. Der seltsame Rektor forderte die Klügsten von St. Johann nun auf, den Superklügsten aus ihrer Mitte zu ernennen. Welchen erzieherischen Sinn diese Übung machte, verschwieg er. In den 80er-Jahren war die praktische Pädagogik noch nicht ausgereift.

Nun, ich wurde zum Klügsten gewählt! Einerseits eine schöne Auszeichnung, andererseits muss man den Titel etwas relativieren: Ich wurde zum Klügsten von 200 Deppen gewählt. Immerhin: Ab diesem Moment verwandelten sich für mich die Schulpausen in einen Spiessrutenlauf.

Nach einem halben Jahr konnte ich aus dem St. Johann desertieren.

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