Nichts geht verloren

Da sind auf einmal die E-Mails weg und man fühlt sich gleich wie in einem Film von Martin Scorsese.

Zu Besuch in der Schule: «Was habt ihr noch gelernt?», fragte ich meine Tochter. (Bild: Fabienne Andreoli)

Gestern war Besuchstag, und ich besuchte die Fünftklässler im IT-Unterricht. Es war nicht anders als vor etwa 25 Jahren beim Computerkurs im «Tages-Anzeiger». Wir drückten am Gerät herum, stellten dumme Fragen und lachten. Für die Kinder war es wie eine moderne Art, nochmals lesen und schreiben zu lernen. Auf jeden Fall konnte ich noch mithalten.

Vor Ende der Stunde musste ich gehen. Im Büro konnte ich plötzlich die Mails nicht mehr aufrufen. Ich kam nicht mehr in meinen verdammten Account rein! Und wenn ich es versuchte, erschien jedes Mal die unheimliche Mitteilung, dass mein Konto soeben gelöscht worden sei. Nach langem, ungläubigem Zögern telefonierte ich der Helpline. «Wir kennen das Problem», sagte der IT Mann. «Wir arbeiten daran.»

«Haben Sie eine Ahnung, wie lange es dauert?», fragte ich und versuchte, meine Unruhe zu überspielen. «Wir arbeiten daran», sagte der Mann geduldig. Man hatte ihn wahrscheinlich gelehrt, mit hysterischen Benutzern umzugehen, die befürchten, soeben ihre 5200 Mails verloren zu haben. Ich spürte, wie aufgelöst ich war, eine Sicherung nach der anderen ging in mir durch, tak, tak, tak, eine Kettenreaktion, wie in Martin Scorseses Remake von «Cape Fear», wenn die Fensterläden zugehen, tak, tak, tak, bevor Robert De Niro das Hausboot überfällt und das Leben nie mehr so sein wird, wie es einmal war. «Wir arbeiten daran», sagte der IT-Mann.

Ich ging zum Fenster. Guten Appetit, hatte der Mann noch gesagt, dabei war an Essen nicht mehr zu denken. Jetzt war er da, der Super-GAU. Alles weg, die amtlichen Mails, die Adressen, der Austausch mit Freunden. Wie kann man so blöd sein, dass man diese Abhängigkeit eingeht? Es gibt nur eines: aussteigen. Nur noch telefonieren, Briefe schicken. Früher gings auch. Und die Kinder bräuchten keinen IT-Unterricht, sie könnten turnen oder singen. Ein Fingerzeig des Schicksals. Mach dich frei. So sprach ich zu mir, aber insgeheim starrte ich auf den Bildschirm und hoffe auf gute Nachricht aus der IT-Zentrale. Ich konnte an nichts anderes denken, das Leben hatte seine Bedeutung verloren.

Eine halbe Stunde später funktionierte alles wieder. «Was habt ihr noch gelernt?», fragte ich meine Tochter, als sie nach Hause kam. «Er hat uns gezeigt, wie man speichert», erzählte sie. «Irgendwo wird alles aufbewahrt. Im Internet geht nichts verloren.»

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