150 Franken Finderlohn

Beni Frenkel will von der Israelitischen Religionsgesellschaft zur Israelitischen Cultusgemeinde wechseln. Dabei stösst er auf Probleme.

Irgendwo hier muss der jüdische Ehevertrag verlorengegangen sein. Bild: Doris Fanconi.

Ich stehe vor einem grossen Problem. Vielleicht können Sie mir ja helfen. Ich will von der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich zur Israelitischen Cultusgemeinde Zürich wechseln. Im Prinzip ist das keine grosse Sache. Eine FCZ-Saisonkarte in eine GC-Saisonkarte umzutauschen, stelle ich mir komplizierter vor.

Ich habe das Anmeldeformular zur Hand genommen und wusste auf alles eine Antwort: mein Name, mein Geburtstag, mein Zivilstand. Nur die Fragen nach meinem jüdischen Ehevertrag konnte ich nicht beantworten. Ich habe den Zettel nämlich verloren.

Und ohne Ehevertrag nimmt mich keine jüdische Gemeinde an. Bei dem Vertrag handelt es sich um einen Text in aramäischer Sprache, den niemand lesen oder verstehen kann. Aber ohne ihn ist man aufgeschmissen.

Ich weiss nicht, was in diesem Vertrag steht. Wahrscheinlich, dass ich meine Frau nicht über Gebühren verhauen darf. Der Rabbi hat mir damals unmittelbar vor der Hochzeit befohlen: «Da, unterschreib!» Der Geistliche kam aus Russland und beherrschte nur Zweiwortsätze: «Ring geben!», «Wein trinken!», «Wodka trinken!», «Geld geben!»

Später habe ich den Ehevertrag im Giftschrank verwahrt, wo schon das Dienstbüchlein, der Impfausweis, Jodtabletten und Dosenravioli ungeduldig auf ihren Ernstfall warten.

Ich zermarterte mir das Gehirn: Wo zum Teufel liegt der Ehevertrag? Plötzlich kam die Erinnerung zurück, und ich jubelte: Ich hatte den Vertrag kürzlich in der Hand gehalten, als ich den Keller ausmistete. Damals habe ich ihn vermutlich auf das Trottoir gelegt, zu den anderen Gratissachen.

Vielleicht hat ein sympathischer Leser ihn dort entdeckt und mitgenommen. Nun, Sie würden mir eine grosse Freude bereiten, wenn Sie mir das Dokument zurückbringen. Wie viel Finderlohn ist für einen jüdischen Ehevertrag angemessen? 100 Franken?

Mein Ehevertrag sieht sehr schön aus. Mit Blümchen und Vögelchen. Ich glaube mich zu erinnern, dass man sogar ein Schäfchen entdeckt, das vor Freude in die Luft springt. Vielleicht hängt mein Ehevertrag in irgendeinem Zürcher Schlafzimmer. Diese Vorstellung beruhigt mich ein bisschen. Denn das bedeutet, dass er noch irgendwo ist.

Also, ehrbarer und liebevoller Finder – 150 Franken, bar auf die Hand.