Von Lahore nach Zürich

Ein Besuch im Museum Rietberg führt unseren Autor zur Aussage: Die Sprache der Künstler ist eine Weltsprache.

Parks können nicht gross und verwunschen genug sein, findet der Autor. Bild: Museum Rietberg

Seit Wochen hängt ein Plakat in der Stadt. Es zeigt junge Frauen in langen weissen Gewändern, mit starrem Blick aus schmalen Gesichtern, in einem schönen, alten Zimmer. Sie sehen alle gleich aus, eine Schar geklonter Wesen mit dunklem Haar. «Zeitgenössische Miniaturmalerei aus Pakistan», eine Ausstellung im Rietberg-Museum. Vor ein paar Tagen bin ich hingegangen, durch den wie immer zauberhaften Park – städtische Parks sind eine grossartige Erfindung: Privatsphäre in aller Öffentlichkeit, Heimlichkeit und Neugier; Parks können nicht gross und verwunschen genug sein.

Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Museum Rietberg und dem National College of Arts in Lahore. Kunststudenten aus Pakistan haben sich von jahrhundertealten indischen Miniaturmalereien aus der Sammlung des Zürcher Museums inspirieren lassen, in den dunkel getäferten Räumen der Villa Rieter summt der Hightech-Luftbefeuchter, an der Kasse erhält man eine Lupe, um die filigranen Werke in den Schaukästen heranholen zu können, fantastisch kunstvolle Bilder von Schlachten, von Gurus, von Liebenden, daneben die Interpretationen der jungen Künstler, Comicstrips, Graffiti, inspiriert von allen möglichen Stilen, mal Dalí, mal Christo.

Ich erinnerte mich an die langen Nachmittage, die ich als Schüler in der Villa Rieter verbrachte, wir zeichneten Masken aus Afrika ab oder Buddhafiguren, die Schaukästen waren voll. Der Zeichnungslehrer versuchte, unser Interesse zu wecken, unseren Blick zu öffnen für die Kunst der sogenannten Dritten Welt. «Ars una», sagte er, «es gibt nur eine Kunst, spielt keine Rolle, woher. Die Sprache der Künstler ist eine Weltsprache.» Aber wenn er weg war, spielten wir Verstecken zwischen den Buddhafiguren und zeigten uns grinsend die steifen Schwänze der exotischen Statuen. Später, nach der Matur, gingen einige von uns nach Indien, auf dem Landweg über Kabul, sie kamen zurück mit Drogen oder erleuchtet oder für immer weggetreten, sie hatten zu viel gesehen.

Was die Jungen aus Pakistan in ihren Bildern erzählen, kann man nur vermuten, aber es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sie da sind, in Lahore an der Arbeit. Das Bild der weiss gewandeten Frauen auf dem Plakat gefiel mir am besten. Es ist von Esha Sohail, ich habe sie gegoogelt, man findet sie, wie die anderen Künstler auf Instagram und Twitter: Künstler haben nur eine Sprache. Ars una.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.