Über das Wagnis, eine Auster zu essen

Macht die erste Auster süchtig? Sehnsüchtig auf jeden Fall.

Wie isst man die? Ein bisschen Zitrone, schlucken, unbedingt kauen. (Symbolbild: TA)

«Hakuna matata», alles in Ordnung, lasst euch Zeit! Sagt der Kellner im Vom Fischer & syner Fru – und wir sind froh drum. Denn die Auster auf dem Tisch, auf der mit rotem Filzstift gekrakelt «reserviert» steht, erinnert schlagartig daran, worauf wir uns heute einlassen: zum ersten Mal im Leben eine Auster schlürfen.

Dankbar sind wir auch für das knusprige Brot und das Ginger Ale des Zürcher Produzenten Gents. Das monotone Kauen und der Ingwer wirken beruhigend; verschaffen Zeit. Die geschäftige Atmosphäre in der Markthalle beim Viadukt sowie die Lampen – Fische aus Metallgitter, mit Holzschnitzeln bestückt – lenken zusätzlich ab.

Doch dann ist es so weit: zwei Tellerchen und darauf die Delikatesse (5 Fr. pro Stück) – irgendwas zwischen Faszination und Ekel. «Wie isst man die?», fragen wir, beschämt und darüber nachdenkend, ob das Meerestier zu den Basics der Gastrokultur gehört. «Ein bisschen Zitrone, schlucken und unbedingt kauen», sagt der Kellner ermutigend.

Jetzt keine Zeit verlieren. Los gehts! Ein Teil des Austernsafts rinnt über die Pullover der Laien. Das, was von der Auster aus dem Wattenmeer im Mund ankommt, ist glibberig. Es erinnert an Momente, in denen man als kleines Kind im Meer badete und Salzwasser schluckte: nahe am Brechreiz – und doch perfekt.

Der Nachgeschmack hält lange an und stimuliert sogar das Gespräch. Bilder von Ferien in der Bretagne jagen durch den Kopf, werden durch die darauf folgende Fischsuppe (4 Fr. als Menübeilage) noch verstärkt. Als Kontrast zur Auster ist sie dezent «fischelig» und angereichert mit leckerem Gemüse.

Die Heilbutt-Tostadas (19 Fr.), bei unserem Besuch das Menü, sind farblich eine Wucht: golden frittierter Heilbutt, violettes Rotkraut, Süsskartoffelpüree und allerlei Grün, serviert auf schwarzen Tacos. Ein Gericht, das sich die Austernanfänger niemals selbst kochen könnten. Und genau dafür kommt man ja ins Restaurant.

«Die erste Auster macht süchtig, oder?», fragt der Kellner zum Abschied. Das wissen wir noch nicht. Sehnsüchtig aber auf jeden Fall: nach dem weiten Meer.

Tim Wirth

Vom Fischer & syner Fru Limmatstrasse 231, 8005 Zürich Telefon 044 212 52 52, Mo–Sa 9–20 Uhr

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